Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2018/2019

Von der Herangehensweise des Teams her und angesichts des neuen Trainers Rangnick mit seinen Prioritäten bei der Teamführung dürfte es keine Übergangsspielzeit werden, sondern eine, in der man maximale Erfolge (also einen Champions-League-Platz) mitnehmen will. Wie weit RB Leipzig mit dem Spiel gegen den Ball kommt und wo dann die Sollbruchstellen sind, wird man sehen. Aber Platz 4 ist auch damit eine absolut realistische Zielvorstellung, auch wenn die Frage bleibt, wie schwer man sich mit der Underdog-gegen-den-Ball-Taktik gegen wirkliche Underdogs, die den Ball nicht haben wollen, tut. Wenn man an die zweite Liga zurückdenkt, dann gab es da einige harzige Spiele. (RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2018/2019)

31 Pflichtspiele hat RB Leipzig in der Saison 2018/2019 allein bis zur Winterpause bestritten. Nach dem lockeren Aufgalopp mit ein paar Europa-League-Quali-Spielen ging es ab Ende August dann Schlag auf Schlag. Mit gefühlt noch mehr englischen Wochen als in der Hinrunde der Vorsaison. Ein echter Ritt von Göteborg bis München mit allerlei Highlights, aber auch weniger guten Erinnerungen.

Am Ende steht RB in der Bundesliga bei 31 Punkten. Das sind drei mehr als in der Vorsaison nach der Hinrunde und ein gutes bis sehr gutes Ergebnis, das voll im Rahmen der Zielvorgaben liegt. Man bewegt sich ungefähr auf dem sportlichen Level, auf das man wirtschaftlich inzwischen gehört. Und das im dritten Jahr nach dem Aufstieg in Folge. Keine schlechte Bilanz.

Interessanter als die 31 Punkte sind allerdings die 31:17 Tore. Das Torverhältnis gilt gemeinhin als etwas aussagekräftiger in Bezug auf die Qualitäten eines Teams. Letzte Saison standen da 27:25 Tore nach 17 Spielen. +14 statt +2. Das macht relativ gut deutlich, dass RB die aktuelle Hinrunde über 17 Spiele gesehen wesentlich dominanter bestritt als die letzte unter Hasenhüttl.

Das spiegelt sich auch darin wieder, dass man sich wieder mehr Chancen erspielt und weniger zulässt.Rund 0,8 eigene Chancen weniger pro Spiel war es in der Hinrunde 2017/2018 unter Hasenhüttl. Rund 0,8 Chancen pro Spiel ließ man damals mehr zu.

Auf die Bundesliga bezogen gingen die Pläne von Ralf Rangnick voll auf. Er wollte am Spiel gegen den Ball, an der Mentalität und an den Standards arbeiten. Rangnick hat eine Mannschaft hinbekommen, deren Stärke wieder das Spiel gegen den Ball ist, die in ihren Hierarchien nach anfänglichen Problemen sehr gefestigt wirkt und die mit nur einem Standardgegentor (defensiv) zu einem der besten Teams der Liga geworden ist.

Man könnte in dieser Übergangssaison, die ja keine Übergangssaison sein soll, sehr zufrieden mit allem sein, zumal RB im DFB-Pokal überwintert und im Achtelfinale den VfL Wolfsburg empfängt. Wenn da nicht das Ausscheiden aus der Europa League gewesen wäre, das im Endeffekt nicht passieren darf. Wie schon in der Vorsaison das Weiterkommen in der Champions League hat man die K.o.-Phase in der Europa League nicht verpasst, weil die Gegner so stark waren, sondern weil man es selbst weggeschenkt hat. Vor allem natürlich beim 1:1 gegen das (zumindest in deren aktueller Form) bestenfalls zweitklassige Rosenborg Trondheim. Ein Ergebnis, das so ein bisschen das I-Tüpfelchen auf eine Europa-League-Spielzeit war, die mit zwei Niederlagen gegen Salzburg sowieso gebraucht wirkte und in der RB mehrere Chancen, das Weiterkommen zu sichern, verpasste.

Die Spiele

Ende Juli ging es schon mit der Europa-League-Quali los. Es war keine fußballerische Offenbarung, aber es war ein sehr professionell angegangenes Unterfangen mit ein paar guten Ideen in den Heimspielen gegen Häcken und Craiova im Spiel mit dem Ball. Eine dreirundige Reise durch Schweden, Rumänien und die Ukraine, die mit dem verdienten Einzug in die Gruppenphase endete, auch wenn es aufgrund des späten Siegtreffers von Emil Forsberg gegen Luhansk eine sehr enge Geschichte war.

Parallel zur letzten Europa-League-Quali-Runde stand die erste Runde im DFB-Pokal an. Die in einem ähnlichen Modus wie die Europa-League-Quali professionell aber ohne Glanz absolviert wurde. Aus dem Ballbesitz heraus gab es wenig Ideen, sodass man sich lange schwer tat bei Viktoria Köln. Aber über 90 Minuten setzte sich RB Leipzig völlig verdient mit 3:1 durch.

Es folgte ein durchwachsener Bundesligastart mit guten 20 Minuten in Dortmund und einer zu hohen 1:4-Niederlage, dem 1:1 gegen Düsseldorf mit den unzähligen Flanken aus dem Halbfeld, die nicht nur gegen Fortuna ein völlig untaugliches Mittel sind (45 Flanken schlug RB in dieser Partie insgesamt, in allen anderen 16 Spielen waren es im Schnitt nur rund 17 gewesen!) und dem 3:2 gegen Hannover, als Leipzig im eigenen Stadion mit 33% Ballbesitz die ganz extreme Underdog-Taktik auspackte.

Bei RB Leipzig gab es in der Hinrunde 2018/2018 mehr zu bejubeln als zu betrauern. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

Es war keine schlechte Startphase, aber auch keine richtig gute, vor allem weil die Defensive zu löchrig war. Einer der Knackpunkte der Hinrunde war dann das 2:3 gegen Salzburg mit einer taktisch, individuell und spielerisch unterirdischen ersten Halbzeit und dem Knalleffekt mit zwei Suspendierungen (gegen Augustin, Mukiele) nach der Partie. Das hätte als disziplinarische Maßnahme durchaus schiefgehen können, wenn die beiden bestraften Spieler eine zentralere Rolle im Team gespielt hätten und die Mannschaft gespalten worden wäre. Ging es aber nicht, vielmehr schlüpften die alteingesessenen Spieler nun wieder in Leaderrollen. Sieben der elf meisteingesetzten Spieler in der Hinrunde Bundesliga waren bereits zu Zweitligazeiten im Verein. Gerade ein Yussuf Poulsen rutschte noch mal viel stärker in eine Leaderrolle als zuvor.

Das so über ein disziplinarisches Zeichen in seinen Hierarchien gestärkte Team wurde in den folgenden Wochen vor allem zu einem Defensivmonster. Nur noch 15 Gegentore kassierte man in 20 Pflichtspielen nach zuvor 16 Gegentoren in 11 Pflichtspielen. Mit solider Arbeit erkämpfte man sich ein 1:1 in Frankfurt, feierte ein sicheres 2:0 gegen Stuttgart, holte drei wichtige Punkte beim 2:1 in Hoffenheim, gewann locker mit 3:1 in Trondheim und schoss schließlich überforderte Nürnberger mit 6:0 ab.

Nach vielen Toren in vielen Richtungen folgten in der Bundesliga die beiden 0:0-Spiele gegen Augsburg und Schalke. Beide Spiele mit ähnlicher Anlage. Augsburg und Schalke mit jeglicher Verweigerung, sich Situationen auszusetzen, in denen man hätte in Balleroberungen von RB Leipzig laufen können. Das Spiel in Augsburg dabei das wesentlich zweikampfintensivere. Das Spiel gegen Schalke das wesentlich unansehnlichere. Da schloss auch das DFB-Pokalspiel gegen Hoffenheim mit ein, das eine mit langweilig noch freundlich beschriebene erste Halbzeit live im bundesweiten TV zu bieten hatte, bevor RB nach der Pause von Fehlern der TSG profitierte und 2:0 gewann. Zwischendurch hatte Leipzig auch noch gegen Glasgow gewonnen.

Es folgten zwei mehr als überzeugende 3:0-Siege in Berlin und gegen Leverkusen, die Leipzig in der Bundesliga endgültig in der Bundesliga auf den richtigen Weg brachten. Dazwischen lag aber auch die unnötige 1:2-Niederlage in Glasgow, die der Auftakt für eine Auswärts-Negativserie war und RB in der Europa League in eine ungünstigere Ausganssituation brauchte.

In der Restzeit der Hinrunde war es dann ein klares Auswärts pfui, zu Hause hui. Niederlagen in Wolfsburg, Salzburg, Freiburg und München ohne überhaupt ein einziges Tor geschossen zu haben. Sobald man in Rückstand geriet, lief bei RB Leipzig nichts mehr, weil man im Spiel mit dem Ball (so wie schon in den Spielen gegen Augsburg oder Schalke, als das nötig gewesen wäre) kaum Lösungen hatte. Zu Hause sah das gegen Mönchengladbach, Mainz und Bremen größtenteils schon sehr viel besser aus. Über das 1:1 gegen Trondheim, dem negativen Höhepunkt der Hinrunde, legt man besser den Mantel des Schweigens.

Taktisches

Ralph Hasenhüttl war über große Teile seiner Amtszeit bei RB Leipzig im 4-2-2-2 unterwegs. Nur selten stellte er mal auf eine Dreierkette in der Abwehr oder auf ein 4-3-3 um. Unter Ralf Rangnick ist die Mannschaft in Bezug auf Formationen sehr viel flexibler geworden. Vor allem das 4-3-3 aka 4-1-2-1-2 hat dabei an Wichtigkeit gewonnen (das System, das aus Salzburg kommt und in der Bundesliga an Verbreitung gewonnen hat). Aber auch die Fünferkette wurde in das Repertoire aufgenommen (als 5-3-2 mit drei Sechsern, aber vor allem auch als 5-1-2-2 aka 3-3-2-2), zu dem auch weiterhin das 4-2-2-2 gehörte.

Die Formation ist das eine, die taktische Ausrichtung das andere. Da definierte sich RB Leipzig wesentlich über das Spiel gegen den Ball. Das heißt, es ging um Anlaufverhalten, sowohl was die Anzahl der Spieler in welcher Linie, als auch die Höhe des Anlaufens angeht. In diesem Bereich war RB Leipzig auch relativ flexibel. Öfters gesehen, dass man noch im Verlauf der ersten Halbzeit Formationen umstellte, um im Zugriff auf den Ball präsenter sein zu können. Vorzeigebeispiel das Heimspiel gegen Glasgow, als man durch die Umstellung auf ein 4-1-2-1-2 den Sechserraum der Gäste zustellte und damit das Spiel auf die eigene Seite zog.

RB rannte aber in dieser Hinrunde nicht nur wild an, wie man es vielleicht angesichts der Erfahrungen in der zweiten Liga hätte erwarten können. Tatsächlich verhielt sich die Rangnick-Elf meist taktisch cleverer, presste situativ und bot kaum Räume in der Tiefe, wenn man mal hoch anlief. In machen Spielen versuchte man auch in einem 5-3-2 sehr tief und passiv zu verteidigen, was freilich wie gegen Bremen auch nicht zwangsläufig das passendste Mittel war, aber die taktische Flexibilität gut verdeutlicht. Generell ging es beim etwas tieferen Anlaufverhalten auch darum, Räume für das Spiel in die Tiefe haben, wenn man denn den Ball erobert.

Das Spiel mit dem Ball fiel bei der Fokussierung auf die Abläufe im Spiel gegen den Ball ein wenig unter den Tisch. Das merkte man vor allem dann, wenn man es wie in Spielen wie in Freiburg oder Wolfsburg oder gegen Schalke und in Augsburg mal wirklich gebraucht hätte, weil der Gegner Balleroberungen und Umschalten durch die eigene Spielweise quasi unmöglich gemacht hatte.

Ralf Rangnick legte viel Wert auf Abläufe im Spiel gegen den Ball. | GEPA Pictures - Mathias Mandl
GEPA Pictures – Mathias Mandl

Erstaunlicherweise funktionierte es in Heimspielen (wie gegen Mönchengladbach oder Leverkusen) gerade in der Anfangsphase auch ganz gut, den Ball gegen eine formierte Abwehr zu bewegen. Gerade über die linke Seite konnte man mit vollständiger Mannschaft und mit Halstenberg, Kampl, Werner und unterstützend auch Demme immer wieder ganz gute Überladungen herstellen und einen Werner tief freispielen, sodass daraus gute Gelegenheiten und auch Tore entstanden.

Wenn man aber erstmal in Führung lag, zog man sich meist wieder auf das Spiel gegen den Ball zurück. Das machte die meisten Partien etwas wild und unruhig, weil es darauf hinauslief, dass RB schnell Umschaltsituationen ausspielen wollte und dann entsprechend der Ball schnell weg war und der Gegner wieder am Zug war. Ballbesitz als Mittel, Spiele zu dominieren, zu beruhigen und zu kontrollieren, hatte RB Leipzig nur höchst selten und für nur kurze Phasen im Programm.

Da könnte man sich Dinge in der Verwaltung von Führungen auch in Sachen läuferischem Aufwand wesentlich einfacher machen, wenn man über die Qualität verfügen würde, den Gegner laufen zu lassen. Aber wie schon unter Hasenhüttl fehlt diese Qualität. Aufgrund der guten Defensive führt das im Gegensatz zum Vorjahr aber nicht dazu, dass man Führungen in großem Ausmaß noch verspielt. Nur gegen Dortmund gab man in der Bundesliga eine Führung noch aus der Hand. Ganz am Anfang der Saison im ersten Bundesligaspiel.

Interessanterweise ist auch der Fokus auf Dribblings ein wenig verlorengegangen. Mit fast elf erfolgreichen Dribblings war RB Leipzig letzte Saison in der Bundesliga noch mit Abstand das dominante Eins-gegen-Eins-Team. Diese Saison liegt man mit acht erfolgreichen Dribblings mit großem Abstand auf die Spitzenteams nur noch auf Platz 6. Das ist auch eine direkte Folge dessen, dass man in Sachen Ballbesitz von fast 54 auf knapp unter 50% gerutscht ist. Das Setzen auf Umschalten erforderte mehr direktes Spiel in die Tiefe als das Auflösen von Offensivsituationen durch Dribblings, die Hasenhüttl letzte Saison vermehrt in das Ballbesitzspiel integriert hatte. Mit der deutlicheren Fokussierung auf das Spiel gegen den Ball ist auch verbunden, dass Leipzig nur noch das Team mit der fünftschwächsten Passquote aller Bundesligisten ist (Nagelsmanns Hoffenheim hier übrigens auf Platz 4 und mit sehr guter Passquote..).

Problematisches und Unproblematisches

Die Saison war eigentlich nicht als Übergangssaison ausgerufen. Sportlich ist sie das auch nicht, da ist RBL mit Platz 4 nach 17 Spielen voll im Soll und von der ganzen Herangehensweise her steht schon der Name Rangnick dafür, dass es kein Übergangsgefühl gibt.

Spielerisch ist es schon eher eine Art Übergangssaison, denn die deutliche Fokussierung auf die Abläufe im Spiel gegen den Ball und die permanente Betonung vor Spielen, dass dies der zentrale Aspekt ist, steht durchaus im deutlichen Widerspruch zu dem wofür ein Nagelsmann steht und wo ein Hasenhüttl hinwollte. Letztlich wäre Nagelsmann in seiner pragmatischen Mischung aus Ballbesitz und Balleroberung die logische Weiterentwicklung von Hasenhüttls Ideen gewesen. Mit Rangnick macht man nun einen Zwischenschritt, der in Sachen mannschaftstaktischer Entwicklung nicht der zwingend logische ist, der aber am besten das Gefühl eines Übergangsjahrs in sportlicher Hinsicht zerstreuen kann.

Dabei kann Rangnick darauf vertrauen, dass er den Kernkader hinter sich hat. Alle Spieler dieser Mannschaft hat er selbst geholt, mit den zentralen Teilen hat er auch in der zweiten Liga schon gearbeitet. Es gibt in großen und wichtigen Teilen der Hierarchie eine unheimliche Loyalität gegenüber dem Übungsleiter, die für das Erreichen von Zielen und auch für das Einnorden möglicher Abweichler im Team sehr wichtig ist. Gerade weil der Kader eher schmal aufgestellt ist und man es sich nicht leisten kann, dass viele Spieler ausschwenken oder mit Formkrisen zu kämpfen haben.

So richtig viele Spieler deutlich unter Niveau gibt es entsprechend auch nicht. Augustin ist in den letzten Wochen komplett untergetaucht. Saracchi und Cunha brauchen auch eher noch einen Entwicklunggsschritt, sind aber dafür sehr bemüht und lassen sich nicht hängen. Ansonsten funktioniert die Mannschaft bis runter zur Feldspielerposition 18 eigentlich sehr gut.

Obwohl es natürlich eher Feldspielerposition 17 ist, denn Emil Forsberg ist jetzt schon etwas arg lange raus und spielt entsprechend kaum eine Rolle. Das ist umso bitterer, da im Sommer schon Naby Keita und Ademola Lookman den Verein verlassen haben und der Verein gerade in den Verbindungen in die Offensive enorm an Qualität verloren hat (was ein Stückweit auch für die Rückbesinnung auf den Umschaltfokus spricht). Dass Bruma bisher (in der Bundesliga) eine eher durchwachsene Saison spielt, ist da auch keine gute Nachricht.

Yussuf Poulsen wurde in der Hinrunde 2018(2019 ein bisschen zum Sinnbild und Gesicht bei RB Leipzig. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

Wichtig für den Umschaltfokus dann auch, dass man möglichst nicht in Rückstand gerät. Man ist neben Frankfurt das einzige Team aus der Gruppe der ersten Acht, das noch keinen Rückstand in einen Sieg drehen konnte. Immerhin zweimal konnte man immerhin noch einen Punkt holen. Das war allerdings schon in der frühen Phase der Saison (gegen Düsseldorf und in Frankfurt).

Führungen konnte man dagegen erst einmal nicht ins Ziel bringen, zum Auftakt in Dortmund, als RB nach frühem 1:0 noch 1:4 verlor. Gerade in Heimspielen versucht man durch frühe Treffer, den Gegner in die schlechtere Ausgangsposition zu bringen und ihn in den Ballbesitz zu zwingen. Schon sieben Tore konnte RB in der Anfangsviertelstunde erzielen, so viele wie kein anderes Bundesligateam. Da hat man wie schon in Sachen Spielphilosophie wieder an der ersten Bundesligasaison angeknüpft.

Verbunden ist das auch mit einem höheren Laufaufwand als noch in der Vorsaison. Sowohl in der Gesamtstrecke als auch in den höheren Geschwindigkeitsbereichen wird wieder deutlich mehr Aufwand betrieben, auch wenn man weiterhin im Bundesligavergleich bis auf den Sprintbereich ein eher unterdurchschnittliches Team ist. Generell wird die Bundesliga von Jahr zu Jahr noch physischer, sodass dieser Anstieg in den Laufleistungen quasi zwingend notwendig war, um erfolgreich zu sein.

Noch höhere körperliche Belastungen machen auch die Rotation noch unausweichlicher, als sie das letzte Saison schon war. Damals spielte Hasenhüttl vor allem in der Champions League mit der besten Elf, um in der Bundesliga mehr zu rotieren. Ralf Rangnick hat es diese Saison genau andersherum gemacht. Spieler wie Yvon Mvogo und Matheus Cunha waren klare Europa-League-Spieler. Zwölfmal startete bspw. der Brasilianer in EL und EL-Quali. In der Bundesliga stand er in elf Einsätzen nur zweimal in der Startelf.

Mit dieser Rotation geriet Ralf Rangnick auch ein wenig in die Kritik. Gerade nach der 0:1-Niederlage in Salzburg, die mit einem ‚Bundesliga ist eh wichtiger‘ abgetan wurde. Letztlich bleibt es nachvollziehbar, dass Rangnick der Breite des Kaders mit der Europa League Spielpraxis gegeben hat. Und wenn man das Spiel gegen Trondheim zum Schluss gewinnt (was man egal mit welchem Team zwingend hätte schaffen müssen), hat er damit auch alles richtig gemacht. Da das Spiel nicht gewonnen wurde und weil man rhetorisch nach dem Salzburg-Spiel ordentlich danebengriff, bleibt halt der Eindruck einer arg laxen Herangehensweise an den Wettbewerb. Was wiederum Spielern wie Cunha nicht gerecht wird, die in der EL zum Einsatz kamen und sich dort mit viel Engagment gut entwickeln konnten.

Problematisch da schon eher, dass man auf den Positionen von Kevin Kampl und Diego Demme so wenig (adäqute) Alternativen hatte (was man dann eben in Europa zu spüren bekam). Keiner bei RB hat mehr Spielzeit abgerissen als die beiden Mittelfeldakteure. Kein Bundesligaspieler hat mehr Kilometer abgerissen als Diego Demme. Mit Tyler Adams kommt da nun eine Alternative in den Verein, allerdings zu einem Zeitpunkt, zu dem aufgrund wegfallender Europa League der Bedarf für Alternativen gar nicht mehr so groß ist. Generell wird die wegfallende Europa League für einige Spieler in Sachen Einsatzzeit zum Problem werden.

Interessant in dem Zusammenhang auch, dass von den Neuzugängen Cunha, Saracchi und Mukiele keiner zur den zwölf meisteingesetzten Feldspielern der Saison gehörte (sowohl in der Bundesliga als auch in allen Pflichtspielen). Die drei Akteure verfügen über viel Qualität und Potenzial, tun sich aber noch schwer, sich in das System einzufinden (Cunha, Saracchi) oder sich in das Mannschaftsgefüge einzupassen. (Mukiele). Leichter wir das in den kommenden maximal 21 Spielen bis zum Saisonende auch nicht werden, in die Mannschaft zu kommen.

Sonst so

In Sachen Zuschauern hat sich der Trend der Vorsaison fortgesetzt. Erneut 2.000 Zuschauer hat RB in der Bundesliga im Schnitt pro Heimspiel verloren. Im Vergleich zur ersten Saison sind es über 4.000 Zuschauer im Schnitt, die pro Partie weniger ins Stadion strömen. Das macht dann über die Saison durchaus mal einen siebenstelligen Betrag, den man eigentlich nicht so gern wegschenkt. Dazu kamen schlecht besuchte Spiele in der Europa League und im DFB-Pokal.

Dass man vereinsseits diesbezüglich immer auf Publikumsstruktur (Familien), Anstoßzeiten oder Free-TV-Übertragungen verweist, ist natürlich nicht völlig falsch. Aber auch nicht wirklich richtig, denn in den Zahlen zeigt sich eben auch, dass die Fanbasis des Vereins in den letzten zwei Jahren nicht wirklich gewachsen und eine gewisse Sättigung zu spüren ist.

Oliver Mintzlaff verweist richtigerweise aber auch immer wieder darauf, dass es in Leipzig und vor allem auch im weiteren Umland ein großes Potenzial an Zuschauern gibt (Umfragen zur Beliebtheit in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zeigen das ganz gut), aber man dieses Potenzial nicht abschöpfen kann (interessant auch in dem Zusammenhang, dass bei keinem Verein der Bundesliga der Anteil der Fans so gering ist, die sich im Merchandising Dinge zulegen).

Letztlich ist halt ein wenig die Frage, ob es ein Hoffenheim-Phänomen ist oder ein genereller Bundesligatrend, der sich da widerspiegelt. Hoffenheim hatte auch nach dem Bundesligaaufstieg fast nur ausverkaufte Spiele, um anschließend im Zuschauerschnitt sukzessive zu sinken und sich erst in jüngerer Vergangenheit wieder zu konsolidieren. Möglich, dass es auch in Leipzig eine solche Kurve gibt. Möglich aber auch, dass sich in Leipzig der generelle Trend der Bundesliga zu weniger Live-Zuschauern abbildet und der Konsolidierungseffekt nicht eintrifft. Wohin es geht, werden die nächsten Jahre zeigen.

"Unser Sport ist bunt - Kein Schritt zurück" - Einer der Punkte, an dem die Differenzen in der Fankultur bei RB sichtbar wurden.

Die geringere Zahl an Heimspielen in der Rückrunde könnte zudem kurzfristig auch zu einem Ansteigen des Schnitts führen. Zumal mit Dortmund und Bayern noch echte Zugpferde kommen, um die herum RB Dauerkarten für je vier Heimspiele verkauft hat. Die dürften aufgrund der Zufpferde gut genutzt worden sein, aber auch eine höhere No-Show-Rate bei Spielen wie gegen Augsburg mit sich bringen. Wird zumindest dem kaufmännischen Teil des Vereins aber egal sein, da die Tickets ja verkauft wurden.

Fankulturtechnisch läuft es weiter auf eine Zuspitzung hinaus. Der Versuch von RB Leipzig, eine Pyroaktion bei einem Spiel der zweiten RB-Frauen beim Roten Stern mit harter Hand zu sanktionieren, während man bei Fangruppen, die Gewalt als Konfliktlösungsstrategie ansehen, (auch aus juristischen Gründen) nicht so (verbal)radikal vorgeht oder diese mit ihrem Gesicht und ihrer Fankleidung sogar auf Sponsorenplakaten im Stadion hängen dürfen, war zuletzt ein weiterer Baustein in der Entwicklung.

Generell läuft es weiter auf eine Normalisierung der Fankultur bei RB Leipzig mit all den dazugehörigen Effekten hinaus. Inklusive Polarisierungen innerhalb der Fanlandschaft, die noch mal deutlicher werden, weil der Anteil derer, die man mit diesem seltsamen Begriff der ‚aktiven Fanszene‘ versehen könnte, kleiner ist als bei anderen Klubs.

Fraglich auch, inwiefern die bestehenden Vermittlungsebenen zwischen Verein und Fans für die Zukunft vernünftig aufgestellt sind. Das Fanprojekt ist da mit seiner professionellen Besetzung sicher noch am besten dabei. Beim Fanverband, der aufgrund von Austritten und internen Strukturen immer auch ein wenig ein Legitimations- und Organisationsproblem hat oder bei der RB-Fanbetreuung, die nicht erst seit der Pyro-Geschichte mit erheblichen Problemen in den Abläufen zu kämpfen hat, sieht das schon anders aus.

Fazit – Viel richtig gemacht

RB Leipzig hat in einer Saison, die viel Potenzial zum Scheitern hatte, in der Hinrunde sportlich viel richtig gemacht. Trotz zerstückelter Vorbereitung und vieler spät und/oder nicht fit zum Team stoßenden Spieler hat man sich in die Europa-League-Gruppenphase gekämpft, hat im DFB-Pokal zwei Runden gewonnen und steht in der Bundesliga auf Platz 4, den man auch nach 34 Spielen mindestens belegen will.

Abgesehen vom peinlichen Aus in der Europa League hat RB bisher das Beste aus dieser Saison gemacht. Mit einem etwas breiteren, aber in der Spitze nicht mehr so starken Kader wie in der Vorsaison hat man sich auf Kernthemen beschränkt und diese sehr gut umgesetzt. Das Anlaufen und Umschalten funktioniert weitgehend sehr gut. Bei Standards ist man von einem anfälligen Team zu einem sehr guten Defensivteam geworden, während es offensiv durchaus zwei, drei Tore mehr hätten sein können. Und in Sachen Mentalität ist ein Yussuf Poulsen vielleicht das Gesicht der Hinrunde, das für eine Mannschaft steht, die sich vor allem über die Arbeit und hier insbesondere die Arbeit gegen den Ball definiert.

Sportlich hat RB Leipzig eine gute Ausgangsposition für die Rückrunde, vor der sich aber die Frage stellt, wie weit man mit dem Umschaltfokus kommt. In der Hinrunde haben Teams wie Freiburg, Augsburg oder Schalke gezeigt, dass man RB den Zahn durchaus gut ziehen kann, wenn man ihnen keine Möglichkeiten zum Umschalten gibt. Durchaus möglich, dass das in der Rückrunde wieder mehr Teams versuchen werden als noch in der Hinrunde, in der erstaunlich viel Mannschaften ihr Glück darin versuchten, gegen RB mitzuspielen. Dass Ralf Rangnick darauf mit verbesserten Ballbesitzstrukturen reagieren wird, ist eher nicht zu erwarten. Gerade bei Führungen wären bessere Ballbesitzstrukturen aber durchaus wünschenswert.

Insgesamt war die Hinrunde eine durchaus sehr positive, die mit dem emotionalen Highlight des späten Siegtreffers gegen Bremen im letzten Spiel vor Weihnachten noch mal einen würdigen Schlusspunkt bekam. Insgesamt steht RB Leipzig aber auch nicht wesentlich besser da als in der Vorsaison, als RB ein paar mehr Punkte holte, als es den Chancen und Spielen nach normal gewesen wäre. Das könnte auch darauf hindeuten, dass die 31 Punkte und Platz 4 in dieser Saison von mehr sportlicher Qualität hinterlegt sind als in der Hinrunde der Vorsaison und eine Verschlechterung in der Rückrunde eher nicht zu erwarten ist.

Dabei könnte auch eine Rolle spielen, dass RB nun erstmals seit eineinhalb Jahren (abseits vom DFB-Pokal) keine englische Wochen mehr spielt und sich entsprechend Woche für Woche auf die Partien vorbereiten und diese mit viel mehr Frische und Aufwand angehen kann. Entsprechend kann es nach dem Ausscheiden aus der Europa League auch kein anderes Ziel als mindestens Rang 4 geben. Der Meistertitel ist mit diesem Team und der Fokussierung auf das Spiel gegen den Ball, auch wenn der eine oder andere davon schon öffentlich träumte, mehr als utopisch. Sich einen der beiden verbleibenden Champions-League-Plätze hinter Dortmund und den Bayern zu krallen, muss aber Anspruch bei RB Leipzig sein. Der einzige positive Aspekt des Europa-League-Ausscheidens ist, dass die Wahrscheinlichkeit, das Ziel nach 34 Spielen zu erreichen, nicht geringer geworden ist.

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Bisherige Bilanzen:

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