The Unvollendet One

Mal ganz nüchtern runtergebrochen: vll auch ganz gut, dass Nagelsmann nicht mit einem Titel geht. Er hat sich für die Abkürzung Bayern entschieden, obwohl er in Leipzig noch nicht fertig war, dann soll er seine Titel halt auch in München holen und nicht hier Geschichte schreiben.

So hatte ich es direkt nach dem verlorenen Pokalfinale gegen Dortmund drüben bei Twitter geschrieben. Gar nicht mal im Frust oder weil mich die Anti-Nagelsmann-Gefühle übermannten, wie sie der eine oder die in der RB-Bubble in den letzten Wochen seit der Bekanntgabe des Wechsels nach München für mich manchmal etwas zu exzessiv auslebte. Sondern einfach weil es sich so anfühlte, als hätte  eine unvollendete Saison zu einem unvollendeten Trainer gefunden und wäre mit diesem eine gut passende Symbiose eingegangen.

Aus Nagelsmanns Sicht wäre so ein finaler Titel als runder Abschluss sicherlich hübsch gewesen, aber emotional hätte es sich falsch angefühlt, einen Trainer zu bejubeln, der die Abkürzung zu (im Normalfall) diversen (zumindest nationalen) Titeln nimmt, nachdem er vor zwei Jahren noch erklärt hatte, dass er nach Leipzig wechselt, weil er diesen Verein noch nachhaltig prägen kann und will. Nun, es wurde dann doch nur der kleine Stempel.

Was schade ist, denn eigentlich hatte Nagelsmann gerade in den vier Spielen gegen Bayern (bzw. zumindest in zwei Spielen davon) gezeigt, dass er keiner ist, der sich vor der scheinbaren sportlichen Übermacht des Serienmeisters auf den Rücken legt und die weiße Fahne hisst. Gerade in der abgelaufenen Spielzeit war RB Leipzig in beiden Spielen auf Sieg eingestellt und nicht nur auf das Prinzip Verteidigen und Hoffen. Das Hinspiel war lange ein grandioses Spektakel und ein hervorragendes RB-Spiel. Im Rückspiel schnürten die RasenBallsportler den Gegner nach Rückstand mit spielerischen(!) Mitteln phasenweise in einer Art in deren Hälfte ein, die die Münchener auch nicht jeden Tag erleben.

Dass aus den beiden Spielen statt mindestens zwei oder möglicher vier Punkte gerade mal ein Zähler raussprang, gibt den Verlauf der Saison sehr gut wieder. Es wäre so viel mehr möglich gewesen in dieser Pandemie-Spielzeit. Bis zur Niederlage im Bayern-Rückspiel, die die Meisterschaft faktisch vorentschied, war RB Leipzig in der Bundesliga sogar durchaus mit Abstand von der Spielanlage her das konstanteste und ausbalancierteste Team der Liga. Und selbst wenn man die letzte Saisonphase mitzählt, in der die Restverteidigung nicht mehr ganz so gut funktionierte, weil die letzten Prozent im kompakten Anlaufen und gemeinschaftlichen Verteidigen fehlten (prototypisch die sinnlose Niederlage in Köln oder das ausgekontert werden bei Union kurz vor Abpfiff, das es so vorher nie gegeben hätte), blieb RB in vielen statistischen Werten das beste Team der Liga.

Um etwas weiter auszuholen: ich hatte rund um das Pokalfinale mit einem Freund eine Debatte über die Attraktivität des RB-Fußballs. Sein Argument lief grob gesagt auf ‚langweiliges und brotloses Ballgeschiebe‘ im Gegensatz zum schnellen, vertikalen Fußball unter Rangnick und Hasenhüttl hinaus. Aus meiner Sicht (hielt ich dagegen) ist es die Aufgabe eines Trainers eine Mannschaft so zu trainieren und aufzustellen, dass sich dadurch, Attraktivität hin oder her (Nagelsmann würde seine Spielweise wohl selbst als attraktiv ansehen, aber das ist dann sicher auch subjektiv), die Wahrscheinlichkeit erhöht, Spiele zu gewinnen.

Wenn letzteres einen sehr guten Trainer auszeichnet, dann war Nagelsmann in der letzten Spielzeit ein sehr guter bis überragender Trainer. Denn was die grundlegenden Team-Strukturen auf dem Feld angeht, gab es keine bessere Mannschaft als RB Leipzig. Auskunft darüber geben unter anderem die Expected-Goals-Werte, die sagen wie viele Gegentore bzw Tore hätten fallen müssen, wenn man nur die Qualität der einzelnen Abschlusssituationen zusammenzählt. Wenn man dies zusammenrechnet und daraus eine fiktive Punktetabelle errechnet, weist Understat Leipzig als Meister aus. Demnach hätte man sechs bis sieben Punkte mehr einfahren müssen als man es tat und die Bayern zehn weniger und zack Meister.

Auch andere Statistiken sind durchaus beeindruckend. Es gab in der abgelaufenen Saison in der Bundesliga nur eine Mannschaft, nämlich RB Leipzig, die kein einziges Spiel hatte, in dem der Gegner mindestens zwei Großchancen (Chancen, bei denen man allein vor dem gegnerischen Torwart abschließt) mehr hatte. Es gab mit den Partien gegen Dortmund und in Mainz überhaupt nur zwei Spiele, in denen die Gegner mehr Großchancen (nämlich eine mehr) hatten als RB. Bayern hatte gleich drei Spiele, in denen der Gegner mindestens zwei Großchancen mehr hatte. RB hatte in 17 Spielen mindestens zwei Großchancen mehr als der Gegner, Bayern in ’nur‘ 16.

Soll nur zeigen, dass Nagelsmann es konstant über die ganze Saison in fast allen Spielen hinbekam, seine Mannschaft in Sachen Spielanlage so auf- und einzustellen, dass sie eine sehr gute Siegchance hatte bzw. so auf- und einzustellen, dass sie in der Summe gesehen bessere Siegchancen hatte als die Bayern in ihren Partien. Was ja schon mal ein guter Schritt ist, wenn man um die Meisterschaft mitspielen will.

Garant dafür war, dass Nagelsmann die Mannschaft vom vertikalen Fußball Rangnicks, bei dem Risikopässe bzw. Spielaufbau in der eigenen Hälfte unter Androhung von Strafe verboten war (und der wichtigste Pass oft von Gulacsi auf Poulsen ging), hin zu einem absoluten Ballbesitzteam umformte. Mit diesem Ballbesitz und guten Passquoten dominierte RB Leipzig sehr häufig den Gegner und bestimmte vor allem den Rhythmus von Spielen in einer Art, die man vorher vielleicht von Guardiola-Teams kannte. Sprich, tatsächlich wurde der Ball häufig sehr lange hin- und hergepasst, bis man den Gegner an dessen Strafraum festgenagelt hatte und sich in der Folge auch die dazugehörigen Chancen erspielte.

Mal von der Offensive abgesehen (von der gleich noch die Rede sein wird), führte das vor allem zu einer extrem starken Defensive. Weil man den Gegner weit vom eigenen Strafraum weghielt und weil man nach Ballverlusten sehr lange (also ungefähr bis zum Bayern-Heimspiel) extrem aufmerksam und schnell im Gegenpressing war. Es gab teilweise Auftritte, in denen der Gegner gar nicht zum Durchatmen kam, weil die Bälle nach Ballgewinnen sofort wieder weg waren. Und wenn mal einer durchkam, dann war es durchaus hilfreich mit einem wie Upamecano einen in der Innenverteidigung zu haben, der erheblich (mit Schwächen in der Endphase der Saison) dazu beitrug, dass RB Leipzig trotz hohem Verteidigen eine extrem gute Rest- aka Konterverteidigung hatte.

Entsprechend hat RB Leipzig in der Saison nur 39 Großchancen zugelassen. Im Schnitt gerade einmal reichlich einmal pro Spiel tauchte ein Spieler frei vor Gulacsi (oder Martinez) auf. Im Schnitt ließen die Bundesligisten 71 Großchancen zu, also fast das Doppelte der RB-Zahl. Das zweitbeste Team (Gladbach) kommt auf 58 zugelassene Großchancen. Wenn es nach expected Goals geht, dann hätte RB 29 (statt real 32) kassieren sollen, fast zehn weniger als die Bayern. Das sind auf dem Niveau an der Spitze einfach unfassbare Welten, die da zwischen RB und dem Rest liegen. Ja, der Eindruck mag durch ein paar fahrige und fehlerhafte Auftritte zum Schluss der Saison (und im Pokalfinale) getrübt sein, aber über die gesamte Saison hinweg war RB Leipzig einfach unfassbar gut organisiert. Nur die (natürlich) Guardiola-Bayern waren in den letzten Jahren in diesem Bereich noch einmal deutlich besser als RB Leipzig.

Auch offensiv lief es für RB Leipzig eigentlich 2020/2021 gar nicht so schlecht, wenn es um die pure  Spielanlage geht. 543 Torabschlüsse (Platz 2), davon 354 von innerhalb des Strafraums (Platz 3). Platz 2 nach Expected Goals, Platz 3 nach vom Kicker gezählten Chancen, Platz 3 nach herausgespielten Großchancen. Zusammen mit einer bärenstarken Defensive eigentlich genau das, was man für ein langes Titelrennen braucht.

Womit wir dann beim finalen Problem der Saison wären, den Qualitäten im Torabschluss. Nur mal im Vergleich mit den Bayern und nur für Treffer aus dem Spiel heraus. Noch nicht mal allzu groß der Unterschied bei der Chancenqualität. Hier hatte jeder Bayern-Schuss eine Trefferwahrscheinlichkeit von 14%, während diese bei RB bei 12% lag. Sprich bei gleich guter Chancenverwertung hätten die Bayern bei gleicher Schussanzahl von 400 acht Tore mehr schießen müssen als RB.

Tatsächlich hatte Bayern aber 452 Schüsse und RB Leipzig ’nur‘ 396 aus dem Spiel heraus. Das würde die Differenz in der Anzahl der erzielten Tore auf 13 anwachsen lassen, wenn die Abschlussqualität bei den Spielern beider Mannschaften identisch wäre. In der Realität machte Bayern aber unglaubliche 40 Tore mehr aus dem Spiel heraus als RB Leipzig. Der Meister erzielte dort also doppelt so viele Tore wie RB (80:40) oder jeden Spieltag mindestens eins mehr.

Oder anders gesagt, die einen hatten Effizienz (und Lewandowski), die anderen hatten ein hohes Maß an Ineffizienz (und ähem Sörloth), die auch daran lag, dass die Mittelfeld- und Außenbahnspieler, die durch die RB-Spielweise in besonderem Maße in Abschlusssituationen kamen (weswegen die RB-Probleme auch im Kern keine Stürmerprobleme sondern Abschlussprobleme generell aller Spieler waren) nicht in dem Maße zielgenau agierten, wie das ein guter bis sehr guter Bundesligastürmer tun würde. Dass ausgerechnet in der Saison der Superstürmer mit Lewandowski, Silva, Haaland, Kramaric und Weghorst mit ihren je mindestens 20 Toren der Vize-Meister nicht einen  einzigen Spieler hat, der überhaupt zweistellig trifft, zeigt schön (bzw. unschön), in welchem Bereich es RB fehlte.

Ja, die Idee, Werners Abgang auf mehreren Schultern zu verteilen, mag sinnig gewesen sein (dass sich die xG breit auf diverseste Spieler verteilen, zeigt ja auch, dass es in der Spielanlage nicht den einen Go-To-Guy gab). Sie hätte aber nur dann funktioniert, wenn die Mannschaft in der Breite treffsicher gewesen wäre. Tatsächlich ist Emil Forsberg der einzige, der signifikant häufiger traf, als angesichts seiner Torschüsse erwartbar gewesen wäre. Und signifikant heißt hier, dass er gerade mal ein Tor mehr erzielte als sein Expexted-Goals-Wert erwarten ließ. Ansonsten war das viel Durchschnittliches oder eigentlich sogar deutlich Unterdurchschnittliches.

Es ist dies auch die Stelle, an der der Nagelsmann-Abschied noch ein Stück unverständlicher wird. Denn faktisch hat seine Mannschaft in der letzten Spielzeit lange Zeit in vielen Facetten außerhalb des Torabschlusses meisterlich gespielt. Man war entsprechend eigentlich auf einem guten Weg, die Bayern (mit ein, zwei sinnigen Sturm- bzw. Offensivverstärkungen) im nächsten Jahr vielleicht wirklich mal richtig zu ärgern. Genau an diesem Punkt zu sagen ‚ach nö, ich gehe mal nach München‘ leuchtet mir immer noch nicht ein. Zumal Nagelsmanns Ego jetzt nicht so klein sein dürfte, dass er dachte, er würde in seinem Leben nie wieder ein Bayern-Angebot kriegen. Das nächste dieser Art wäre nur ein, zwei, vielleicht im Extremfall auch drei Jahre entfernt gewesen.

Interessant in dem Zusammenhang aber auch die Rolle von RB Leipzig in dem Spiel. Noch wenige Woche vor dem Wechsel hatte Mintzlaff die Langfristigkeit der Zusammenarbeit mit Nagelsmann und die fehlende Ausstiegsklausel betont. Nagelsmann seinerseits hatte immer bekannt, dass ein Wechsel wohin auch immer für ihn kein Thema ist, wenn Leipzig einem solchen nicht zustimmt. Und dann fällt RB binnen wenigen Tagen um, weil Bayern „leider“ die Ablöseforderung von ‚wir reden nicht drüben, hauen aber trotzdem überall 30 Millionen in die Runde‘ erfüllt? Kein Kampf um den Trainer, kein ‚wir greifen nächstes Jahr gemeinsam an‘? Weil Bayern sagen wir fünf oder zehn Millionen mehr gezahlt hat als eine für RB noch inakzeptable Summe?

Es bleiben bei diesem Wechsel viele Ungereimtheiten (unter anderem auch die, dass nur Mintzlaff im Zuge des Wechsels immer von Nagelsmanns „Lebenstraum“ Bayern sprach, während der Coach dieses Wort im Gegensatz zu vor ein paar Jahren komplett vermied und generell in vielerlei Hinsicht sehr nüchtern rüberkam). Fakt bleibt, dass RB Leipzig der Meinung war, dass man ohne Nagelsmann und mit 30 Millionen besser aufgestellt ist als mit Nagelsmann und ohne die 30 Millionen. Angesichts des zentralen Charakters eines Trainers, der (gerade zum Zeitpunkt des Wechsels) Zahlen der Spielzeit und des noch zwei Jahre laufenden Vertrags des Trainers eine sehr interessante Interpretation der Situation.

(Dass nebenbei noch Krösche mehr oder weniger ohne Abschiedsgruß den Verein verließ und ihm noch ein bei einem Sport1-Journo-Buddy offenbar recht gezielt durchgestochenes ‚du bist eh nicht unser Mastermind‘ hinterhergeworfen wurde (nein, kein Link) und nebenher noch diverse andere Personen aus dem sportlichen Verantwortungsbereich des Klubs bis hin zum alteingesessenen Videoanalysten Daniel Ackermann den Klub verlassen, ist auch bemerkenswert. Die Jahre in der Bundesliga haben in der sportlichen Führungsriege des Klubs mit Mintzlaff und Scholz nur zwei (wie Pech und Schwefel) überlebt, die eigentlich gar nicht (direkt) aus dem Fußball bzw. einem Fußballklub kommen. Man darf durchaus gespannt sein, inwieweit diese Fluktuation vor allem auch jenseits des Trainerpostens und der dortige Verlust von Kompetenz langfristig funktioniert.)

Es bleiben von der Nagelsmann-Zeit in Leipzig viele gute Sachen. Einmal Dritter, einmal Zweiter ist etwas besser als RB als wirtschaftlich mit Abstand Dritter in der Bundesliga dasteht. In der Champions League ist man zweimal in die Ko-Runde eingezogen und hatte das Halbfinale in der Vorsaison. Im DFB-Pokal reichte es immerhin einmal für das Finale. Das sind insgesamt absolut vorzeigbare Ergebnisse, die jedenfalls auch deutlich über dem liegen, was der Vergleich des finanziellen Aufwands mit den nationalen und internationalen Konkurrenten erwarten lassen würde. Aber es fehlt am Ende auch ein wenig der letzte Erfolg aka die Kirsche auf der Fußballtorte.

Dabei landet man natürlich auch sofort beim ‚Nagelsmann in großen Spielen‘-Thema, das immer gern genommen und in dem alles vermixt wird. Fakt ist, dass es gerade in Nagelsmanns erster RB-Saison immer wieder Spiele gab, in denen er von seinem gewünschten, aktiven und ballbesitzorientierten Spiel abwich und seinem Team eine tiefere Verteidigung verordnete. Und das geschah vor allem gegen Mannschaften, gegen die Nagelsmann seine Mannschaft als Underdog wähnte. Dumm war nur, dass Leipzig das tiefe, eher passive Verteidigen nie konnte (und schon Hoffenheim unter Nagelsmann damit große Probleme hatte). Eigentlich waren das immer Spiele, in denen RB so lange hinten drin stand, bis man endlich ein Gegentor kassiert hatte. Die erste Halbzeit gegen Bayern 2019 war so ein Spiel, aber auch das CL-Halbfinale gegen PSG.

Diese Idee, in großen (Ko.)-Spielen vom sonst präferierten Auftreten bzw. der grundsätzlichen Spielidee abzuweichen, hat Nagelsmann in seiner zweiten RB-Spielzeit weitgehend aufgegeben. Entsprechend stimmt die gern genommene Erzählung, dass Nagelsmann sich in solchen Spielen plötzlich neue Dinge ausdenkt nicht mehr so recht, weil er sich und den Stärken seines Teams deutlich mehr treu geblieben ist. Das stieß halt nur gegen extrem gute Pressing-Teams an die Grenzen. Sei es in Manchester, die in dem Spiel eine unfassbar gute Mischung aus hohem und tiefem Anlaufen spielten, sei es gegen Liverpool, die darin ja sowieso das vielleicht beste Team Europas sind sind oder sei es am Ende der Saison gegen Dortmund, die unter Terzic genau in diesem Bereich ihren Fokus hatten. In allen diesen Spielen war RB nicht die zwingend schlechtere Mannschaft, aber machte im Ballbesitz zu viele Fehler, um auf Topniveau erfolgreich zu sein (wodurch man dann eben doch die schlechtere Mannschaft war).

Man könnte daraus zweierlei schlussfolgern. Erstens, dass RB Leipzig zwar das Spielsystem einer Topmannschaft hatte, also ein Spielsystem wie es sonst in Deutschland nur die Bayern pflegen, aber nicht die qualitative Besetzung eines absoluten Topteams, um das Spielsystem auch gegen im Anlaufen überragende Mannschaften durchzuziehen. Man könnte aber auch schlussfolgern, dass das Nagelsmann-Team (was grundlegende Spielansätze angeht) nicht sehr variabel aufgestellt war. Klar konnte z.B. ein Angelino mal Außenstürmer und mal Außenverteidiger spielen, aber es gab bspw. keine Möglichkeit mal tiefer zu verteidigen und dem Gegner den Ball zu lassen oder etwa über den zweiten Ball zu spielen.

In diesen beiden Bereichen war RB Leipzig nicht gut aufgestellt, weswegen es meist völlig zu recht beim Fokus auf die Stärke der Dominanz über Ballbesitz blieb. In Mainz setzte Nagelsmann aus Angst vor einem miesen Fußballplatz völlig unnötigerweise auf zweite Bälle, worüber sich die in diesem Bereich hervorragenden Mainzer noch heute freuen dürften und einen schließlich (sogar verdienten) 3:2-Sieg mitnahmen. In Dortmund ließ Nagelsmann zuletzt in der Bundesliga zehn Minuten tief verteidigen und wollte von dort in die Tiefe umschalten, was völlig in die Hose ging. Nachdem der BVB die Leipziger eine Runde schwindlig gespielt hatte, gab RB die Idee auf und konnte die Partie so zumindest ausgeglichen gestalten.

Entsprechend auch absolut nachvollziehbar, dass Nagelsmann im Pokalfinale ein paar Tage später nicht noch mal auf diese Idee setzte, sondern wieder mehr den Ball und Dominanz wollte (was ihm schließlich unsinnigerweise als ‚vercoacht‘ ausgelegt wurde). Blöd nur, dass man ausgerechnet in diesem Spiel entscheidende Fehler machte, die man so in der Form gerade in der Bundesliga über lange Zeit im Ballbesitz und in der Restverteidigung nicht gemacht hatte.

Es bleibt aber (aus meiner Sicht) in diesem Spiel kein Fehler in der grundsätzlichen taktischen Herangehensweise. Schwieriger wog da schon die Personalauswahl. Jeder seiner Entscheidungen machte in der Theorie vielleicht Sinn. Nur in der Praxis haperte es. Wer Sörloth und Hwang am Ende der Mannschaft vor dem Spiel mit hängenden Köpfen hat die Rolltreppe ins Stadion herunterfahren sehen, der durfte sich schon früh fragen, wie sinnig das im wichtigsten Spiel der Saison sein mag, Spieler wie bspw. Forsberg, Poulsen oder Orban, die Verein und Mannschaft tragen in einem solchen Spiel draußen zu lassen. Ja, mag sein, dass Forsberg wie Nagelsmann meinte, sich gegen frische Dortmunder zu sehr hätte aufreiben müssen und er deswegen für später als frischer Wind auf der Bank saß, aber es war ein fucking Pokalfinale, da schmeißt du alles und jeden zu Beginn auf das Feld (zumal auch Leader wie Orban oder Poulsen, wenn die nicht gegenüber den Konkurrenten im Team sportlich abfallen) und dann kannst du nach 70 Minuten immer noch gucken, wie du eventuell auf welche Situation reagieren musst.

Was Nagelsmann im Verlaufe einer Saison zugute kommt, immer wieder zu überlegen, wie man sich auf Gegner einstellt und welche Spieler dazu passen (und dann plötzlich ein Spiel zu haben, in dem dir selbst Samardzic eine entscheidende Situation kreiert), fällt ihm (oder fiel ihm zumindest gegen Dortmund im Pokal) in großen Spielen eventuell etwas auf die Füße. Denn während es in einer Ligasaison um Konstanz und Balance und auch mal um Belastungssteuerung geht, kommen in einem Ko.-Spiel noch viel mehr der nicht-fußballerischen Faktoren (Emotion, Teamzusammenhalt und so) dazu.

Inwieweit die Sturmprobleme Nagelsmann zuzuschreiben sind, darüber ließe sich derweil trefflich streiten. St-Pauli-Coach Timo Schultz meinte kürzlich in einer hörenswerten Millernton-Serie, dass man den Torabschluss im Senioren-Bereich nicht mehr wirklich trainieren kann. Das fand ich zumindest eine erstaunliche Aussage. Die Engländer waren vor ein paar Jahren mit viel Erfolg mal ihre Probleme beim Elferschießen angegangen. Entsprechend sollte es auch beim normalen Torabschluss eigentlich möglich sein, dass man dort Routinen entwickelt, die zu größeren Erfolgen im Abschluss führen.

Für Nagelsmanns Teams gibt es hinsichtlich der Chancenverwertung unterschiedliche Befunde. In der ersten RB-Saison war sie dank Timo Werner (Chelsea-Fans lachen vielleicht über den Satz) durchaus ordentlich bis gut. In Hoffenheim war sie im letzten Nagelsmann-Jahr grauenhaft, aber in den beiden Jahren davor hervorragend. Müsste man jetzt noch gucken, inwieweit das mit den jeweiligen Spielweisen zusammenhängt (bei RB bspw. wurde 2019/2020 noch sehr viel schneller gespielt und gab es noch 45 Torabschlüsse nach schnellen Angriffen, in dieser Saison nur noch 21), aber das wäre für diese Stelle hier eine etwas zu große Aufgabe.

Nicht rosig ist auch Nagelsmanns Bilanz, was den Einbau von Neuzugängen angeht. Zumindest in der abgelaufenen Spielzeit. Szoboszlai mal wegen seiner Verletzung ausgenommen kann man die Riege Sörloth, Hwang, Kluivert, Henrichs und Samardzic in unterschiedlichen Nuancierungen und aus unterschiedlichen Gründen nicht wirklich als Verstärkungen ansehen. Umso erstaunlicher, dass mit einer Riege an wenig CL-reifen Neuzugängen RB Leipzig eine extrem lange Saison mit extrem vielen Spielen trotzdem so konstant und ausbalanciert abgerissen hat. Auch das spricht eher für Nagelsmann als gegen ihn. Die Frage wäre halt, wer in der sportlichen Leitung wie stark für die Auswahl der Neuzugänge verantwortlich war. Je nachdem, wie die Antwort auf die Frage ist, müsste man die Kaderzusammenstellung dann doch Nagelsmann anlasten oder nicht.

(Nebenbei bemerkt zum Stichwort Belastung: Interessant, dass gerade in der ersten Saisonhälfte immer Bayern (und manchmal auch Bayer) genannt wurden, wenn es um die krassen Belastungen nach der kurzen Sommerpause ging. Dabei war auch RB Leipzig diesbezüglich extrem beansprucht. Nach dem CL-Turnier im Sommer hat RB in dieser vom zeitlichen Umfang her kurzen Saison 48 Pflichtspiele spielen müssen. Das sind nur zwei weniger als die Bayern, wenn man bei denen den nationalen Supercup und den UEFA-Supercup mitzählt (Bayer kam bei 45 raus). Dazu hat man schon seit längerem im Normalfall nicht weniger Länderspielabstellungen als die Bayern. Sprich, was die Belastungssteuerung und Co angeht, muss RB diese Saison auch viel richtig gemacht haben. Oder anders gesagt: das war jetzt keine Saison in der du mal an die Bayern heranschnupperst, weil du nicht international spielst und entsprechend auf die Bundesliga fokussiert bist.)

Die Frage ist auch, warum Nagelsmann in fast schon Nibelungentreue an Sörloth festgehalten hat. Der hatte über die Saison gesehen vielleicht eine Handvoll gute Halbzeiten, aber dafür einen ganzen Rucksack voll Halbzeiten, in denen er wenig bis gar nicht funktionierte. Gutes Passspiel, guter Blick für den Mitspieler, dafür (entgegen des Mythos) ein ganz schwaches Kopfballspiel (außer er konnte mit vollem Anlauf in den Strafraum kreuzen). Dass der Norweger in der Bundesliga mehr auf dem Platz stand als Poulsen, obwohl der Däne im direkten Vergleich fast immer die besseren Leistungen auf den Platz brachte und dass er am Ende sogar im Pokalfinale den Vorzug bekam, erschloss sich mir irgendwann überhaupt nicht mehr. Klar, teurer Neuzugang und so, der braucht Spielpraxis, aber irgendwann im Saisonverlauf sollte sich dann auch mal das Leistungsprinzip durchsetzen.

(Interessant auch, dass Poulsen seine (und Nkunkus) Einwechslung im Pokalfinale im Kicker durchaus süffisant kommentierte (oder ich zumindest eine gewisse Süffisanz hineinhöre: „Es waren zwei Wechsel, die das Spiel an diesem Tag schon verändert haben. Leider hat es aber nicht mehr gereicht, um die Wende zu schaffen.“)

Will alles in allem sagen, dass Julian Nagelsmann von kleineren Schatten abgesehen bei RB Leipzig sehr gute Arbeit geleistet hat.

(Ganz nebenbei gibt es keine perfekten Trainer, jeder bringt seinen eigenen persönlichen und sportlichen Stil und seine eigenen persönlichen und sportlichen Macken mit, jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt in den jeweiligen Bereichen – anders würde man einen solchen Job im Fokus der Öffentlichkeit wohl auch nicht aushalten.)

(Noch weiter nebenbei hat Nagelsmann es auch nicht geschafft, den eigenen Anspruch einzulösen, nachhaltig eigene Nachwuchsspieler einzubauen, aber das ist angesichts von Pandemie aka einer nicht spielenden U19 und der neuen Vereinsphilosophie so viele Spieler wie möglich zu verleihen, auch sicherlich kein fairer Vorwurf, weil diese Saison einfach gar keine Nachwuchsspieler mehr da waren, die man hätte spielen lassen können.)

Es bleibt halt ein unbefriedigender Abschluss. Nicht weil ich persönlich emotional zutiefst enttäuscht bin (ach Gottchen, warum sollte man das auf dieser Ebene des professionellen Fußballs sein), sondern weil ich es schade finde, dass Nagelsmann in Leipzig aufgibt, bevor er vielleicht etwas erreicht, was er in der Form mit Klubs wie Bayern oder Real oder wer auch immer da schon bei ihm oder seinem Berater am Telefon war, nicht erreichen kann, weil es dort Normalität ist. Er hätte tatsächlich einen Klub prägen können und hatte dafür fußballerisch in der abgelaufenen Spielzeit schon einige Grundlagen gelegt.

Schade bleibt auch, dass man wegen der Pandemie und der leeren Stadien nicht vor Ort mit dabei sein konnte. Nicht weil das Trainer-Geschrei am TV so schlimm gewesen wäre, sondern weil einem die interessanten und wichtigen Facetten des Spiels am Fernseher meist entgehen, weil sie sich eben nicht zwingend im Umfeld der Führungskamera abspielen. Wer bewegt sich wann wohin und was bedeutet das für die Balance des Spiels, das erkennt man am TV nun mal nur sehr schwer oder erahnt es nur. Dass Nagelsmann nach zwei Jahren geht, von denen man nur ein reichliches halbes Jahr ins Stadion durfte (und es war im groben noch nicht das halbe Jahr mit ‚echtem‘ Nagelsmann-Fußball), ist mal richtig doof.

Dass ihm zum Abschied von Seiten eines nicht unerheblichen Teils der RB-Anhänger wenig Herzlichkeit entgegenschlägt, ist schon durchaus bitter für einen Trainer, der 2020/2021 lange auf dem Weg war, dem FC Bayern tatsächlich Paroli zu bieten. Ich persönlich habe nicht das Gefühl, Nagelsmann sackig Dreck hinterherwerfen zu müssen, aber zugegeben ist es auch nicht so, dass er mit seinem zu frühen Abgang bei mir den Stellenwert in der Riege der RB-Trainer kriegt, den Kollegen wie Hasenhüttl oder Zorniger oder auf seine Art sogar Rangnick vor ihm hatten. Was erstaunlich ist, weil mich sein Coaching, seine Spielidee und auch seine öffentlichen Auftritte eigentlich durchaus gekriegt hatten. Aber es ist halt wie es ist, Nagelsmann bleibt aufgrund seines vorzeitigen Abschieds bei RB Leipzig unvollendet und so bleibt auch die Erinnerung an ihn und sein Vermächtnis irgendwie halbgar und unrund. Sowas passiert. Ist aber trotzdem schade (und unnötig).

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(Der nächste in der Riege der RB-Trainer ist nun also Jesse Marsch. Fußballerisch geht es damit wohl wieder ein Stück zurück Richtung Rangnick. Das dürfte dazu führen, dass es für RB in Spielen gegen ‚kleine‘ Mannschaften, gegen die Nagelsmann mit seiner Ballbesitz-Dominanz ein sehr gut funktionierendes Mittel hatte, nun wieder etwas harziger wird. Auf der anderen Seite dürfte man die Underdog-Rolle gegen Mannschaften wie Bayern oder Dortmund wieder stärker und mit mehr Inbrunst ausfüllen.

Beurteile jeder selbst, ob er diese Perspektive gut oder schlecht findet. Fakt ist, dass die Begründung pro Nagelsmann vor zwei (bzw eigentlich ja vor drei) Jahren bei RB Leipzig die war, dass man den nächsten Schritt in der spielerischen Entwicklung weg vom Umschalten hin zu mehr Ballbesitzanteilen bzw zu einem Team, das mit Ballbesitz was anfangen kann (also hin zu einem Topteam), schaffen will. Jesse Marsch ist zumindest auf der Basis seiner bisherigen Tätigkeit geurteilt diesbezüglich nicht der nächste logische Schritt, sondern eher ein Schritt (auf jeden Fall zeitlich gesehen) zurück. Manche werden das auch als ein ‚back to the roots‘ begrüßen.

Marsch dürfte auch viel Emotionalität mitbringen und entsprechend auf dieser Ebene noch mal ein paar Prozente kitzeln, die Nagelsmann in der Form vielleicht nicht kitzeln konnte. Interessant wird dabei aber, wie Spielertypen wie Nkunku oder Olmo mit dem wohl stärkeren Umschaltfokus klarkommen. Für einen wie Kluivert oder auch Hwang (wenn sie denn bleiben bzw. fix kommen) könnten das sogar eher gute Nachrichten sein. Aber gut, die kommende Saison und ihre Perspekiven, das ist noch mal ein ganz eigenes Thema.)

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Noch ein paar RB-Saison- und Nagelsmann-Rückblicke

  • RB-Fans-Podcast – Folge 25 – Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
  • Rasenfunk – Royal 1 von 6 – Saison 20/21
  • RBlive – Sein Werk bleibt unvollendet – Die Bilanz nach zwei Jahren Nagelsmann
  • RB-Fans – Von Hungry4more zu Hungry4sale?

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Am Ende ist alles grau - Julian Nagelsmann verlässt RB Leipzig nicht wesentlich glücklicher als er gekommen ist
GEPA pictures/ PICTURE POINT/ Sven Sonntag/

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3 Gedanken zu „The Unvollendet One“

  1. „… und nebenher noch diverse andere Personen aus dem sportlichen Verantwortungsbereich des Klubs bis hin zum alteingesessenen Videoanalysten Daniel Ackermann den Klub verlassen, ist auch bemerkenswert“
    Naja, das ist aber nicht wie hier impliziert mit dem Abgang von Nagelsmann und Krösche passiert, sondern im Juni letzten Jahres.

  2. Könnte Nagelsmann auch gehen wollen, weil mit einem Marktüberblick klar wird, dass für weniger als 50 mio € in diesem Sommer halt kein Stürmer zu haben ist, der 20+ Tore verspricht und auch auf höchstem Parkett nicht ausrutscht?
    Die größte (bzw. einzige signifikante) Schwachstelle dürfte sich kaum heben lassen.

    Mich stört an Nagelsmanns Zeit in der Hauptsache nur eins:
    Dass gegen den BVB immer auf den Sack gab.
    (Mal ausgenommen das geschenkte 3:3 in der ersten Hinrunde)

    Mit dem Rest kann ich leben.

  3. Danke für diesen Blogbeitrag in rotebrauseblogger-Qualität. Sehr guter Rundumblick, der wieder mal einige Dinge in einen neuen Zusammenhang bringt.

    Tatsächlich ist das bemerkenswert, dass nur Mintzlaff diesmal vom „Lebenstraum“ sprach.

    Ob die nächste Bayern-Anfrage bei Nagelsmann so sicher in 2-3 Jahren gekommen wäre, würde ich aber nicht als sicher ansehen. Könnte ja auch sein, dass man beim FCB nach einer Absage beleidigt gewesen wäre.

    Und wahrscheinlich wusste Nagelsmann schon immer, dass er dem FCB nie eine offizielle Anfrage ablehnen würde – sicherlich war es die erste offizielle.

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