Mehr Balance durch Reduktion aufs Wesentliche

Bis hierhin jedenfalls war der Schritt zurück, den Rangnick nach der letzten Länderspielpause machte, indem er seinem Team ein tieferes Verteidigen und eine ballabgebende Spielweise auferlegte und indem er noch mal stärker auf jene Strukturen im Team setzte, die teilweise schon in der zweiten Liga entstanden sind, (nicht in fußballästhetischen Dimensionen, aber in Sachen Pragmatismus und Erfolgsorientierung) ein deutlicher Schritt nach vorn. Weil man damit wieder jene Stabilität in den Spielabläufen und jene Stabilität im Mannschaftsgefüge herstellte, die der Mannschaft offenbar gut tun und ihre Qualitäten zur Geltung bringen.  (Mit einem Schritt zurück einen Schritt nach vorn)

23 Pflichtspiele hat RB Leipzig in dieser Saison bereits absolviert. Nun steht die letzte Länderspielpause des Jahres an. Noch einmal Zeit, um durchzuschnaufen, nach drei Wochen, die in vielerlei Hinsicht sehr erfolgreich, aber schließlich doch nicht ganz perfekt waren.

Sieben Spiele hat RB Leipzig seit der letzten Länderspielpause absolviert. Sieben Spiele mit vier Siegen, zwei Unentschieden, einer Niederlage und 11:2 Toren. Insgesamt eine mehr als passable Bilanz, bei der vor allem die defensive Stabilität auffällt. Sechs der sieben Spiele beendete man ohne Gegentor, nachdem das vorher in 16 Spielen ’nur‘ viermal gelungen war (darunter zweimal in der Europa-League-Qualifikation gegen bei allem Respekt nicht gerade Topgegnern (Luhansk und Häcken)).

Es begann nach der Länderspielpause mit dem Spiel in Augsburg. Wo alle aufgrund der Resulate und Spielweisen zuvor ein Offensivspektakel erwarteten und ein Defensivspekakel kriegten. 0:0 hieß es am Ende als logische Konsequenz.

Es folgte ein 2:0 in der Europa League gegen Celtic Glasgow. Ein wichtiger Sieg, der gegen bis auf 20 Minuten zu Beginn biedere Schotten mehr als verdient war. Es reichte eine Umstellung im Anlaufverhalten in der ersten Reihe, um Celtic aus dem Spiel zu nehmen.

Zurück in der Liga war RB wieder bei einem Defensivmassaker. 0:0 gegen Schalke, in einem Spiel, in dem beide Teams bloß nicht in die Umschaltbewegung des Gegners laufen wollten und RB die Partie bei zwei Standards auch gut hätte verlieren können.

Im DFB-Pokal gegen Hoffenheim ging es praktisch so weiter mit zwei Teams, die sich in tiefen Formationen zu Tode belauerten. Bis dann die TSG doch zwei entscheidende Fehler machte, ins RB-Tempo lief und mit 0:2 aus dem Wettbewerb ausschied.

In Berlin fuhr RB Leipzig dann den traditionell hohen Sieg ein. Dank einer Partie, in der man die Herthaner mit hohem Pressing phasenweise zu überrennen schien, aber in der ersten Halbzeit auch ein wenig Glück hatte, dass die Gastgeber ihre guten Chancen nicht nutzten.

Die Chancen nicht genutzt zu haben, musste sich RB Leipzig dann bei der 1:2-Niederlage in Glasgow ankreiden lassen. Dazu verteidigte man zweimal schläfrig und brachte sich durch die Niederlage um eine sehr gute Ausgangsposition in der Europa League. Der Wermutstropfen der letzten drei englischen Wochen, der dann auch Auswirkungen hat auf die letzten Wochen bis zum Jahresende.

Zum Finale gab es dann am Sonntag wieder einen überzeugenden 3:0-Erfolg von RB Leipzig gegen individuell starke, aber mannschaftlich schwache Leverkusener, die mit über 60% Ballbesitz nach der Pause nach 0:1-Rückstand nichts anfangen konnten, sodass RB die Partie mit gutem Defensivverhalten sicher über die Bühne brachte.

Acht Punkte in der Liga in den letzten vier Spielen ist eine sehr gute Bilanz. Hoffenheim in dieser Zeit mit der perfekten Ausbeute von zwölf Punkten und schon wieder im oberen Tabellendrittel angekommen nach schwächerem Saisonstart. Auch Dortmund, Frankfurt und Gladbach holten mehr Punkte als Leipzig. RB startete allerdings mit 14 Punkten aus den ersten sieben Spielen bereits gut, sodass die acht Punkte nun umso mehr Wert sind. Man vergleiche das nur mit Bremen und Hertha, die auch mit 14 Punkten starteten, aber in den letzten vier Spielen nur noch drei bzw. zwei Punkte holten und entsprechend ein wenig abrutschten.

[Ge = Punkte gesamt 2018/2019; 1.Bl = Punkte zwischen dem 1. und 7. Spieltag der Bundesliga; 2.Bl = Punkte zwischen 8. und 11. Spieltag der Bundesliga]

 Ge1.Bl2.Bl
Dortmund271710
Gladbach23149
Leipzig22148
Frankfurt201010
München20137
Hoffenheim19712
Bremen17143
Hertha16142
Mainz1596
Augsburg1385
Freiburg1385
Wolfsburg1293
Leverkusen1174
Schalke1064
Nürnberg1082
Hannover954
Düsseldorf853
Stuttgart853

Dass RB Leipzig in der Bundesliga nun mittlerweile seit fünf Spielen ohne Gegentor ist und in den letzten acht Spielen nur einen Treffer aus dem Spiel heraus kassierte, ist der bemerkenswerte Schlüssel zur aktuellen Bilanz von 22 Punkten aus elf Spielen. Zwei Punkte pro Partie sind dieser magische Schnitt, der eine Mannschaft in die Champions League führt.

Defensiv ist RB tatsächlich erstaunlich stabil geworden. Nur vier Großchancen ließ man in den letzten vier Spielen zu, nachdem es in den Spielen zuvor noch 14 in sieben Partien waren. Der Kicker zählt 13 Chancen für die Gegner (knapp zwei pro Spiel) nach 35 in den sieben Spielen zuvor (fünf pro Spiel). Überhaupt nur 31 Schussversuche gab es in vier Spielen für die Kontrahenten, wovon nur sieben aufs Tor gingen (knapp acht Schüsse pro Spiel, von denen knapp zwei aufs Tor gingen). In den ersten sieben Spielen waren es im Schnitt noch reichlich zehn Schüsse, von denen rund 4,5 aufs Tor gingen.

Man hat weiter an dem gearbeitet, was man schon vor der Saison erwarten konnte, nämlich am Spiel gegen den Ball. Erstaunlich dabei entgegen der Erwartungen, dass das Anlaufen nicht so wild und ungestüm ist wie noch teilweise in der zweiten Liga unter Rangnick. Vielmehr versteht es RB sehr gut, mit unterschiedlichen Pressinghöhen und Anlaufformationen zu arbeiten, ohne dass die Mannschaftsteile auseinanderfallen. In Berlin verteidigte man bspw. vor allem im Gegenpressing extrem aggressiv und hoch. Gegen Hoffenheim oder Leverkusen spielte man dagegen beispielsweise sehr abwartend und tief.

Auch in den Formationen ist man da flexibel. In manchen Spielen lief man vorn zu zweit an, in manchen zu dritt. Manchmal wie beim Spiel gegen Celtic wechselt man da auch relativ schnell, wenn man merkt, dass die eigene Positionierung im Spiel gegen den Ball dem Gegner zu viele Räume gibt, die man ihnen besser beschneidet. Spielen kann RB dabei in einer Gesamtorganisation inzwischen in der Abwehr auch eine Dreier- aka Fünferkette sehr gut. Vor allem gegen Mannschaften, die über schnelle Umschaltspieler bzw. darauf ausgelegte Systeme verfügen, greift man darauf zurück, egal ob als 5-3-2/ 3-5-2 oder 3-4-3. Ansonsten spielt man meist ein 4-3-3 alias 4-1-2-1-2 mit einer Art Zehner, der im Spiel gegen den Ball den Sechserraum des Gegners zustellen soll. Das einst in der zweiten Liga eingeführte und von Ralph Hasenhüttl übernommene 4-2-2-2 kommt derweil kaum noch zum Einsatz.

Keine Frage, das was das Rangnick-Team da spielt ist defensiv sehr flexibel und wird gut umgesetzt und hat in der letzten Reihe auch genug Geschwindigkeit und Physis, um auch für die direkten Duelle gut gewappnet zu sein. Trotzdem ist es erstaunlich, dass RB Leipzig mit der Fokussierung auf die Höhe der Verteidigungslinien und auf unterschiedliche Formationen im Anlaufen und auf gutes Umschaltverhalten einen solch durchschlagenden Erfolg haben kann.

Augsburg, Schalke und Hoffenheim versuchten auf das auf Basics zurückgefahrene RB-Spiel dadurch zu reagieren, indem man sich verweigerte, durch RB-Balleroberungszonen zu spielen. Gerade bei einer Offensivmaschine wie Hoffenheim war das enttäuschend, dass sie nicht das Selbstbewusstsein hatten, ihr Spiel durchzudrücken. Auf der anderen Seite versteht man die Teams auch, wenn man Spiele wie gegen Hertha sieht, in denen RB den Gegner mit konsequentem Zustellen und Umschalten zerstört.

Wobei diese Fokussierung auf Umschalten halt auch dem RB-Offensivspiel nicht zwangsläufig gut tut. Denn in den letzten vier Bundesligaspielen holte man im Schnitt nur noch 5,5 Chancen pro Spiel heraus im Vergleich zu 7,7 in den sieben Spielen zuvor. Allerdings ist die Zahl an Großchancen (also Chancen, bei denen ein Spieler allein vor dem Torwart steht) mit drei pro Partie ungefähr gleich geblieben.

Sprich, die geforderte Balance bei RB Leipzig ist deutlich besser geworden. Das Spektakelpotenzial aus der frühen Phase der Saison wurde komplett abgestellt, dafür spielt man teilweise einen sehr nüchternen (was nicht leidenschaftslos heißt), erfolgsorientierten Fußball. Dafür waren gerade die Heimspiele gegen Hoffenheim und Leverkusen Paradebeispiele, als man offensivstarke Gegnern mit tiefem Verteidigen die Räume genommen und geduldig auf die eigenen Chancen (egal ob im Umschalten oder aus dem normalen Spiel heraus) gewartet hat.

Auf diese Art hat man insbesondere in Sachen Balance im Spiel deutliche Verbesserungen erzielt. Statt 3:2 Großchancen wie vor der letzten Länderspielpause hat man nun pro Spiel 3:1 Großchancen. Statt 7,7:5 Chancen stehen nun 5,5:2. Es sollte nicht nur Mathematikern einleuchten, dass die Chance auf Siege steigt, wenn sich das Verhältnis zwischen eigenen und gegnerischen Chancen verbessert (wobei nur vier Spiele seit der letzten Länderspielpause auch eine sehr kleine Stichprobe sind und sich rein statistisch gesehen auch Zufall darin verbergen könnte).

Mit der deutlichen Fokussierung im Spielansatz auf Verteidigen und Umschalten ist auch eine Veränderung in den Abläufen verbunden. Setzte Hasenhüttl zuletzt in der Offensive noch stark auf durch Positionsspiel gut abgesicherte Dribblings, sodass RB letzte Saison das dribbelstärkste Team der Liga war, ist dies im direkten Spiel in die Spitze aus der Balleroberung heraus unter Rangnick nicht mehr so häufig vorgesehen. Drei gewonnene Dribblings weniger pro Spiel sind es derzeit für RB Leipzig im Vergleich mit dem Vorjahr.

Die Zahl der Flanken hat bei RB zwar leicht zugenommen (was offenbar ein Bundesliga-Trend ist), aber im Vergleich zum Saisonbeginn haben sich die Daten auch wieder normalisiert.  Wahnsinnge 71 Flanken hatte RB in den ersten beiden Partien geschlagen, davon über 40 gegen Düsseldorf meist (sinnlos) aus dem Halbfeld. Seitdem hat man sich auf einen Saisonschnitt von 19 runtergefahren, was bedeutet dass es in den letzten neun Spielen nur rund 15 Flanken pro Partie waren (entspricht ungefähr dem Vorjahresniveau). Was ganz leicht über dem Schnitt von Borussia Dortmund am Ende der Tabelle in dieser Statistik liegt.

Im Rangnick-Spiel zählen Schnörkel und das Bespielen des Gegners nicht wirklich. Was zählt, ist kompaktes Arbeiten gegen den Ball und schnelles direktes Spiel in die Spitze. Also mannschaftstaktisch gutes Arbeiten gepaart mit Geschwindigkeit im vordersten Drittel. RB Leipzig ist dabei keine Mannschaft wie Dortmund, die sich am gegnerischen Strafraum mit Hochgeschwindigkeitspassspiel durchsetzen kann. Entsprechend braucht man die Umschaltsituationen und mal zwei, drei Meter Platz, um in gute Abschlusssituationen zu kommen.

Wobei generell in dieser Saison in der Bundesliga noch stärker als in der Vergangenheit zu gelten scheint, dass Geschwindigkeit das absolute Unterschiedskriterium ist. So wie es eben Dortmund oder Frankfurt oder auch Leipzig haben. Und wie es eben Bayern nicht (mehr) hat. Auf RB-Seite kommt dann eben noch dazu, dass man in der letzten Reihe mit Upamecano, Mukiele, Saracchi, Konaté oder Klostermann extrem viel Geschwindigkeit hat, mit der man sich in der Verteidigung der gegnerischen Geschwindigkeit leichter tut als andere.

Was halt beim Setzen auf Physis, Systemtreue und Geschwindigkeit im Umschalten ein wenig fehlt, ist die offensive Kreativität in den Spielen, wo man sie dann mal bräuchte, um den Unterschied zu machen. Eben in Spielen wie gegen Schalke und in Augsburg gegen Mannschaften, die nichts an Umschaltsituationen anbieten (oder diese durch kluge Fouls zerstören), weil sie die Stärken von RB kennen und mit ihren eigenen Qualitäten ausgeschaltet kriegen (zumindest so ausgeschaltet kriegen, dass sie defensiv nichts zulassen).

In solchen Momenten, in denen es darum geht, dass rund um den Strafraum mal ein letzter Pass gelingt oder eine Offensivaktion zielstrebig ausgespielt wird, merkt man dann schon den Ausfall eines Emil Forsbergs, der eben jene kreativen Momente zwischen Sturm und Sechs immer mal wieder einbringen kann. Kevin Kampl spielt auch offensiv eine hervorragende Saison, hat aber im Normalfall eine etwas tiefere Rolle. Bruma könnte die Forsberg-Rolle einnehmen, hat aber oft noch nicht die Effizienz, die es bräuchte. In Berlin und auch in Glasgow zeigte er zumindest, dass er in die richtige Richtung geht und auch mal den Weg zwischen zwei Defensivspielern hindurch sucht, wenn dort eine Lücke aufgeht. So wie beim 2:0 von Timo Werner in Berlin, als Bruma mit Zug zum Tor und sehr gutem Passspiel (über das er ja tatsächlich verfügt) agiert und das Tor perfekt vorbereitet.

Vielleicht ist es Jammern auf hohem Niveau (essenziell ist es eigentlich gar kein jammern, sondern eine schlichte Feststellung), wenn man bemerkt, dass in den Offensivabläufen gegen tief stehende oder aggressiv verteidigende Gegner manchmal ein wenig die zündenden Ideen fehlen. Denn auf der anderen Seite liegt der Fokus bei RB zwar auf dem Umschalten, aber gegen Leverkusen fallen letztlich alle drei Tore nach Einwürfen, also nach Situationen, in denen der Gegner in normaler Formation am Strafraum verteidigt.

Wenn man schon bei ruhenden Bällen ist, dann darf man auch feststellen, dass sich RB Leipzig vor allem defensiv bei Standards deutlich verbessert hat. Mit nur einem Gegentor ist man da derzeit eines der besten Teams der Liga. Mit dem Schnitt der Vorsaison wären es jetzt schon 4,5 Gegentore gewesen. Auf der anderen Seite hätte man dem Schnitt der Vorsaison folgend auch schon 4,2 Tore geschossen statt der drei, die es tatsächlich sind. Auch hier gilt, dass der Wechsel zu Rangnick mehr Balance zulasten des Spektakels gebracht hat. Weniger Tore insgesamt, dafür ein besseres Verhältnis für RB.

Wenn man die Salzburg-Niederlage ein wenig als Zäsur in dieser Saison nimmt, dann war der Schritt zurück zu Team, Mentalität und Spiel gegen den Ball etwas, was der Mannschaft und ihrem Erfolg sehr gut getan hat. Zumindest der Kernmannschaft mit ihren langjährigen, Rangnick-treuen Stützen von Gulacsi über Orban, Demme, Ilsanker oder Sabitzer bis hin zu Poulsen. Vor allem ein Poulsen taut in seiner Rolle in einer gegen den Ball arbeitenden und nicht auf Kombinationsspiel setzenden Mannschaft auf. Viele Zweikämpfe, immer wieder der ballsichernde Wandstürmer, dazu auch gut Möglichkeiten, sich im Strafraum zu positionieren und ein sicherer werdender Torabschluss. Der Däne hat nach dem Salzburg-Spiel abseits des Platzes eine Führungsrolle übernommen und füllt sie auch auf dem Feld aus.

Entgegen kommt RB Leipzig (das klingt etwas paradox) bisher auch, dass man einen relativ kleinen Kader hat. Bisher kommen alle 17 Feldspieler, die es ohne Forsberg sind, vergleichsweise regelmäßig zum Einsatz. Augustin und Bruma fallen da, zumindest im Vergleich zu dem, was sie sich erhoffen, gerade in wichtigen Spielen ein wenig ab. Aber insgesamt ist das Potenzial, unzufrieden mit der Situation zu sein, gering.

Wobei RB in Bezug auf den kleinen Kader auch Glück hat, dass man abgesehen von Forsberg bisher weitgehend ohne (schwerwiegende) Verletzungen durch die Saison kommt. Längere Ausfälle von drei, vier Spielern könnte der Kader sicherlich nicht verkraften.

Fraglich für die letzten Wochen bis zum Jahresende ist, wie die Mannschaft in Sachen körperlicher und geistiger Frische so drauf ist. Es folgen noch die Pflichtspiele 24 bis 31 seit Saisonbeginn. Dazu die Länderspiele für jene, die das betrifft (was ja nicht allzu wenige sind). Das ist ein ordentliches Programm, bei dem dann vielleicht auch mal in einzelnen Spielen die Luft raus ist. Letzte Saison ging es im Dezember los, dass RB Leipzig auf dem Zahnfleisch in die Winterpause kroch. Die Gefahr ist diese Saison nicht so ausgeprägt, weil dazu auf breiterem Niveau intensiver und ohne größeren Qualitätsverlust rotiert werden kann. Ganz auszuschließen ist es aber auch nicht, dass die sportlichen Ergebnisse schwächer werden.

Zumal die Aufgabenstellung bis Weihnachten durchaus herausfordernd ist. Durch die Niederlage in Glasgow hat sich RB in eine Situation gebracht, in der man eventuell zwei Siege aus zwei verbleibenden Spielen in der Europa League braucht, um in die K.o.-Runde zu kommen. Sprich, es warten in Europa zwei Endspiele statt zweier Spiele ohne Einfluss auf das Weiterkommen, die man sich bei einem Sieg in Glasgow organisiert hätte. Dadurch wird das Programm in den letzten Wochen noch mal besonders anspruchsvoll, weil es kaum Zeit zum durchpusten gibt. Denn es warten auch noch die Spiele gegen Mönchengladbach, Bremen und bei den Bayern neben unter anderem der Reise nach Freiburg.

Bis hierhin hat es Ralf Rangnick allerdings geschafft, die Vorhaben, die er zu Saisonbeginn formulierte, umzusetzen. Mehr Mentalität hat das Team durch klare Hierarchien und Strukturen. Dass sich der Bereich der Standards verbessert hat, beweisen die Zahlen. Und dass das Spiel gegen den Ball (also alles was mit Pressinglinien, Pressinghöhen und Verteidigungsformationen zu tun hat) besser geworden ist, darüber gibt es natürlich keine zwei Meinungen.

Bleibt halt die Frage, wie weit diese Reduktion auf das Wesentliche die Mannschaft tragen kann. In den letzten Wochen gab es durchaus immer wieder Phasen, in denen RB auch aus der Ballkontrolle heraus geduldig auf die Chance hinspielte, dann mal schnell in den Strafraum zu kommen. Vor allem aber hat man auch immer wieder mal gezeigt, dass man zur Verwaltung von Vorsprüngen die Kugel und den Gegner gut laufen lassen kann, etwas was vor allem in der letzten Rückrunde fehlte. Aber etwas mit dem Ball zu machen, ist trotzdem nicht der Hauptmodus des RB-Spiels. Braucht es bis jetzt auch nicht, weil man mit der Betonung besonderer Stärken im Umschaltspiel gut fährt. Bleibt halt die Frage, wie lange man damit auf einer Schnellfahrstrecke unterwegs ist und wann man mal wieder unsanft von einem roten Signal gestoppt wird.

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Yussuf Poulsen ist einer der Gewinner bei RB Leipzig in dieser Saison. | GEPA Pictures - Rober Petzsche
GEPA Pictures – Rober Petzsche

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2 Gedanken zu „Mehr Balance durch Reduktion aufs Wesentliche“

  1. Wieder mal eine ausgezeichnete Analyse!
    Mir ist gerade gar nicht bange, denn das Team ist offensichtlich bestens aufeinander eingespielt und auch fit – von einem Einbrechen in den letzten Spielminuten konnte nie die Rede sein. An Motivation scheint es auch nicht zu mangeln.
    Und dann darf man natürlich auch nicht die Erwartungen zu hoch schrauben. Bezogen auf die Kaderstärke ist ein Platz 3 schon sehr positiv zu sehen, alles darüber eine große Überraschung und erst unterhalb von Platz 5 oder 6 eine Enttäuschung (natürlich meine persönliche, völlig subjektive Meinung).

  2. Sehr starke Zusammenfassung!
    Aber wieder mal muss ich sagen, baue doch mal ein paar Fehler ein oder vergiss etwas, damit wir LeserInnen was dazu schreiben können ;-)

    Probiere es dennoch.
    Weil ich letztens in drüben bei TM schrieb, mir ist es suspekt, wie stark man in der 3er/5er-Kette ist. Sprich im Sommer hat dies Rangnick noch so abgetan: „Ja, wir haben das auf dem Schrim, aber haben wichtigers zu tun“
    Diese Aussage habe ich immer noch im Kopf und denke mir 2 Dinge:
    Erstens war das gegenüber der Außenwelt gelogen und man hat schon seit Sommer intensiv daran gearbeitet, ist ja auch völlig legitim und mit dieser „Lüge“ kann ich gut leben.
    Auch im Hinblick auf Nagelsmann ist dies ein kleines Zeichen, das man darauf hin arbeitet.
    Interessant ist die Tatsache, das bei einer 3er/5er-Kette immer Ilsanker mit den jungen Franzosen spielt und das richtig stark. (Falls Ilse im nächsten Sommer auf die Insel geht, wäre die Frage, wer den „Libero“ spielen kann)
    Beim der 4er-Kette wiederum ist Orban Stamm-IV und bekommt XY an seine Seite, was auch eine richtige Entscheidung ist.

    Was die Rotation angeht, ist Rangnick klar im Vorteil gegenüber Hasenhüttl.
    Angefangen bei den AV’s, da kam Klostermann aus der Kreuzband-Reha und Haltenberg hatte dann Kreuzbandriß, Ersatz waren da Bernado und Schmitz, wenn man das jetzt vergleicht mit Mikiele und Saracchi, dann liegen da Welten dazwischen. Und wie Du richtig sagst, kann RR bis Feldspieler 18 rotieren, ohne großen Qualitätsverlust, da hatte RH nur seine 14 Feldspieler.

    Was die Driblingsrate angeht, ist die Antwort relativ einfach:
    Keita, Bruma und Forsberg
    Einer ist weg, der andere kommt (noch) wenig zum Einsatz und der dritte mehr verletzt.
    Ich denke nähmlich schon, das RR dies gerne wieder mehr sehen würde, gerade gegen Gegner, die nicht mitspielen wollen und die FCA/S04-Variante bevorzugen.

    Was ein wenig zu kurz kommt ist der Motorraum. Sprich man hat das Glück, das Demme und Kampl alles mit mehr oder weniger 100% spielen konnte und sie sich nicht verletzten. Auch haben sie keine Länderspiele zu bestreiten und können jetzt regenerieren. (Gab es bei Kampl’s Rücktritt eigentlich einen Grund?)
    Denn mit Ilsanker und Laimer in der Mitte liefen die Spiele nicht optimal.

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