Archiv der Kategorie: Fußballwelt

Ein bisschen mehr Vielfalt wagen. Oder: Keiner mag Ballbesitzfußball.

Ich hatte es ja im Rahmen der Europa-League-Duelle schon erwähnt, dass mich der SSC Neapel bzw. der Fußball, den Trainer Maurizio Sarri spielen lässt, durchaus sehr fasziniert. Gewöhnlicherweise sind meine Blicke in andere Ligen selten, von daher war der erste Reflex auf das Los eher der Gedanke an eine langweilige italienische Liga mit viel Defensivqualität. (Zugeben, dass Neapel irgendwas anders macht, hatte ich schon mal irgendwo gehört und waberte im Hinterkopf auch herum.)

Und dann schaut man sich das Team einmal an und dann ein zweites Mal und vielleicht noch ein drittes Mal und mit jedem Mal Hingucken wuchs das Staunen darüber, was der SSC macht . Bzw. darüber wie der Verein seine Gegner zu knacken versucht, denn naturgemäß funktioniert das auch in Neapel nicht jede Woche gleichermaßen.

Was der SSC Neapel macht, ist vielleicht das Anti-Prinzip von dem, was in der Bundesliga so als erfolgsversprechend gilt. Denn das Sarri-Team will den Ball und die Kontrolle über das Spiel und ist in der Lage von hinten und aus dem Ballbesitz heraus gefährlich zu werden, auch wenn man dabei das gegnerische Mittelfeld durchspielen muss.

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Eventliga ohne Event

Eine Nachricht durfte gestern (auch wenn eigentlich alle Nachrichten hinsichtlich ihres Überraschungsgrads verblassen, wenn ein Abstiegskandidat sich tatsächlich Tayfun Korkut als Trainer holt) dann doch ein bisschen erstaunen. Sky vermeldete per Pressemitteilung, dass sie für den Samstagnachmittag einen neuen Quotenrekord aufstellten. 1,7 Millionen Zuschauer hätten sich demnach ab 15.30 Uhr im Pay-TV dem Fußball in Konferenz oder bei den Einzelspielen gewidmet. Und da sind wohl Sky Go und Kneipengeschichten noch gar nicht mit drin.

Wenn man mal davon absieht, dass es irgendwann in der letzten Saison eine Veränderung bei der Quotenmessung gab und die Einschaltquoten deswegen seitdem generell ein wenig gestiegen sind (bzw. vorher zu niedrig ausgewiesen wurden), bleibt das angesichts einer schwächelnden Liga doch erstaunlich, zumal die Quoten in dieser Saison generell (selbst wenn man den technisch bedingten Anstieg herausrechnet) ansteigend sind. Schließlich gibt es permanent Debatten über das Niveau des gebotenen Sports und ist man von der Zuschreibung der spannendsten Bundesliga seit Ewigkeiten im September schon lang bei der langweiligsten Bundesliga für ungefähr immer gelandet. ‚Wir werden alle sterben‘ ist meist der wahrnehmbare Ruf beim Blick auf die Tabelle. Und dann gucken trotzdem mal eben 1,7 Millionen Leute per Pay-TV zu. Purer Katastropentourismus?

Ja, unter den zehn Teams, die am Samstagnachmittag spielten, waren diesmal mit Bayern, Köln, Schalke, Dortmund oder dem HSV auch echte Quotenschwergewichte (fünf der sechs meistgesehenen Teams in dieser Saison), von daher relativiert sich der Sky-Rekord auch etwas. Allerdings bleibt die durchaus vorhandene Differenz zwischen allgemeinem Reden und Wehklagen über die Liga und dem weiter hohen oder hinsichtlich des Live-Erlebnisses sogar steigenden TV-Konsums.

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Reformwillen trifft Konservatismus

Die älteren unter den LeserInnen werden sich erinnern, dass die Regionalliga-Reform einst hier im Blog recht intensiv begleitet wurde. Ein Prozess, der in seinem Ablauf erstaunlich war. Vereine definieren ein Problem (’schlechte Durchlässigkeit von Regionalliga zur dritten Liga‘) und zwischen Landesverbänden, DFB und DFL wird in Hinterzimmern nicht etwa eine Lösung des Problems erarbeitet, sondern ein Kompromiss ausgeheckt, gegen den die wichtigsten Abstimmungsakteure des DFB-Bundestages nichts hatten und der im Kern das ursprüngliche Problem durch eine Verkomplizierung des Aufstiegs noch verstärkte.

Man könnte natürlich diskutieren, ob die Verschärfung der Problemlage tatsächlich stattfand, denn seit Einführung der fünf Regionalligen und der Relegation zur dritten Liga ist nur eines von zwölf Teams direkt wieder abgestiegen. Drei Teams schafften sogar den direkten Durchmarsch in die zweite Liga. Zumindest für jene Teams, die sich durch den Flaschenhals Regionalliga gequält haben, scheint der Abstand zur dritten Liga eher gering zu sein. Dass der Abstand zwischen dritter und vierter Liga größer werden würde, war ursprünglich auch eine der Annahmen nach Einführung der Relegationsspiele in der Regionalliga.

Egal wie, der Ablauf, mit dem die Regionalliga-Reform umgesetzt wurde, war einer, wie er unbefriedigender nicht hätte sein können. In einem intransparenten Verfahren eine Lösung erarbeitet und umgesetzt, wie sie den ursprünglichen Absichten derjenigen, die die Reformen anschoben und ein Problem formulierten, nicht stärker hätte widersprechen können.

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Startschuss

Neue Saison, neuer Wettbewerb. So die UEFA will, was Stand heute Vormittag ja offiziell noch nicht bekannt ist, wird RB Leipzig in dieser Saison an der Champions League teilnehmen. Die beginnt für RB erst am 12. oder 13. September oder wahlweise mit der Auslosung der Gruppenphase am 24. August.

Heute allerdings gibt es bereits den Startschuss in die Champions-League-Saison 2017/2018. Denn die ersten beiden Qualifikationsrunden werden ausgelost. Dabei nehmen an der ersten Runde Teams teil, die aus sehr kleinen Fußballnationen stammen. Die Meister von Wales, Nordirland, den Faröern, Malta, Andorra, Armenien, San Marino, Gibraltar, Estland und dem Kosovo duellieren sich hier. Die ersten fünf sind gesetzt und kriegen eines der fünf ungesetzten Teams zugelost.

Gespielt wird dann bereits nächste Woche, also am 27. und 28. Juni. Was auch Wahnsinn ist. Erstens, dass du mitten im Sommer mit Spielen im Europapokal starten sollst (zumindest, wenn du nicht in einer Liga nach Kalenderjahr spielst) und dass du als kleines Team binnen einer Woche einen Ausflug möglicherweise quer durch Europa organisieren musst.

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Geringe Restzweifel

Wenig beschäftigte die allgemeine Phantasie rund um den RasenBallsport (neben dem irrwitzigen Transfergerüchtekarussell) zuletzt mehr als die Lizenzierung der UEFA in Bezug auf die Teilnahme an europäischen Wettbewerben. Zwischenzeitlich griff man auf Experten zurück (wobei man sich bei manch einem auch fragen konnte, was ihn zum Experten qualifiziert), oft landet man auch bei meist bei freien Meinungstexten mit anonymen Quellenverweisen. Mein persönliches Lieblingsargument (bzw. Lieblingsindiz) für Verflechtungen zwischen Red Bull Salzburg und RB Leipzig ist immer noch die gemeinsam genutzte Fotodatenbank. Eine echte Legende. Einzutragen auf Seite 948 der UEFA-Lizenzierungsunterlagen unter ‚Welche Fotodatenbank nutzen sie und unter welcher Adresse stellen sie diese Journalisten zur Verfügung?‘

Abgesehen davon ist die Frage danach, ob RB Leipzig eine Lizenz für die Champions League erhält, durchaus keine triviale. Wenn man nicht gerade in Leipzig nachfragt, wo man gebetsmühlengleich keine Probleme mit irgendwas erwartet. Denn natürlich ist gerade die Verbindung über Red Bull nach Salzburg nicht wirklich wegzudiskutieren. Und das Interesse der UEFA, zwei Vereine, die nicht nur optisch auf den ersten Blick schwer voneinander zu unterscheiden sind, im Rahmen eines europäischen Wettbewerbs aufeinandertreffen zu sehen, sollte eigentlich eher gering sein. Selbst wenn die zugrunde liegenden Konstruktionen und Geldgeberüberschneidungen so oder so ähnlich auch schon anderswo praktiziert wurden.

Nun geht es aber wie so oft nicht wirklich um Interessenslagen, sondern vor allem um die Erfüllung von Lizenzbedingungen und Statuten und ähnlichem. Also all dem formalen Zeug, mit dem der Verband versucht, Dinge, die ihm wichtig sind (wie wirtschaftliche Nachhaltigkeit oder Wettbwerbsintegrität), so in Regeln festzugießen, dass man die Wettbewerbsteilnehmer in die gewünschte Richtung lenkt. Mit der entsprechenden Folge, dass manch Wettbewerbsteilehmer die Grenzen der Formalisierungen vor allem in Bezug auf die wirtschaftlichen Vorgaben auszureizen versucht.

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Shanghai, Shanghai, wir fahren (nicht) nach Shanghai

Die Anhänger von Bayern München beispielsweise sitzen heute nicht mehr nur in München oder in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Fans in China haben heute die gleichen Idole wie in Deutschland. (…) Was spricht dagegen, wenn künftig ein DFB-Pokalfinale statt in Berlin auch einmal in Shanghai ausgetragen würde? Ich befürworte das und sehe das als Chance. (Adidas-Chef Kasper Rorsted in der Süddeutschen Zeitung)

Für wen organisieren wir den Fußball? Wir spielen für diejenigen, die im Stadion sind. Das können wir auch im Fernsehen übertragen. Aber wir sollten unser Spiel nicht verbiegen. Über die Übertragung bekommen wir Konsumenten, aber keine Bindung. Die Bindung kommt über das Regionale. Wir dürfen den Kern nicht kaputt machen. Das macht uns beliebig. Davor fürchte ich mich. (Dirk Zingler, Präsident Union Berlin, zitiert nach textilvergehen.de)

‚Internationalisierungsstrategien‘ ist so etwas wie das neue Modewort. Man müsse sich öffnen und in die Welt hineingehen und neue Zuschauermärkte erschließen und bedienen. China scheint dabei das neue Hauptziel zu sein. Diverse Bundesligavereine, die dort ihre Fühler bezüglich Synergien und Kooperationen ausstrecken. Diverse chinesische Investoren, die den europäischen Fußball bereits für sich entdeckt haben. Und DFB und DFL, die schon eine Kooperationsvereinbarung mit dem chinesischen Verband unterzeichnet haben.

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Deutscher Meister wird nur der…

Klar, der eine oder andere (vor allem unter den Bayern-Spielern) sträubt sich noch, die Glückwünsche bereits anzunehmen. Aber faktisch sind die Dinge klar. Auch in dieser Saison wird der FC Bayern München Meister. Zum fünften Mal in Folge. Zum fünften Mal in Folge könnten es auch mindestens zehn Punkte Vorsprung auf Platz 2 werden. Zumindest fällt einem aktuell nicht viel ein, was dagegen sprechen sollte.

Schon sieben Mal hatte der FC Bayern München in diesem Jahrtausend mindestens zehn Punkte Vorsprung bei einer der elf Meisterschaften, die man in 17 Spielzeiten feierte. Noch nie gab es in der Bundesliga ein anderes Team als die Bayern, das mit mindestens zehn Punkten Vorsprung Meister wurde. Insgesamt neun von 25 Meisterschaften feierten die Münchener mit einem solch großen Vorsprung.

Auch in England und Italien feierten in diesem Jahrtausend gleich sechs von zehn Meistern einen Vorsprung von mindestens zehn Punkten. Allerdings waren es dort vier bzw. drei verschiedene Mannschaften, die diese Meisterschaften feierten. In keiner der anderen europäischen Topligen (Frankreich, Italien, Spanien, England) gibt es den Fall, dass über 53 Spielzeiten (solange also die Bundesliga existiert) nur eine einzige Mannschaft mal mit zehn Punkten oder mehr Meister geworden wäre.

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Salzburg-Leipziger Thesenhäppchen

Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Ein paar Thesen noch zu Salzburg und Leipzig entlanghangelnd an der aktuellen Debattenlage. Vieles davon gab es hier ím Blog schon immer mal wieder verstreut in diversen Texten.

  • Dass Red Bull Salzburg sich auf die Ausbildung junger Spieler spezialisieren will, ist nicht neu.

Wer es im Jahr 2016, so wie es Salzburgs Trainer Oscar Garcia getan hat, überraschend und neu findet, dass Red Bull Salzburg ein Ausbildungsverein ist, hat so einiges verpasst. Schon weit vor dem Eintritt von Ralf Rangnick hat Dietrich Mateschitz im Jahr 2010 erklärt, dass Salzburg zu einer Art Nachwuchsteam werden soll, das um Meisterschaft und internationale Plätze mitspielt, während in Leipzig in einer großen Liga ein stärkeres Team spielen soll. Ob man das nun doof oder gut findet, man sollte nicht so tun, als wäre das eine neue Vereinsphilosophie. Salzburg-Leipziger Thesenhäppchen weiterlesen

Leidenschaftslos

„Einsatz und Leidenschaft“ hätten, so analysierte Bela Rethy (nein, das wird kein spezielles Rethy-Bashing) nach dem Spiel zwischen Portugal und Island durch den Fernsehlautsprecher, gegen (sinngemäß) Qualität und individuelle Klasse einen Punkt geholt. Eine seltsame Reduktion der gespielten 90 Minuten, die vor allem dann immer gern genommen wird, wenn zuvor ein irgendwie ganz niedlicher Underdogson ein Ergebnis eingefahren hat, was man ihm nicht zutrauen wollte.

Seltsam deswegen, weil die Analyse nicht etwa darauf hinausläuft, dass ein Team, das im 4-4-2 und vor allem am eigenen Strafraum dicht und kompakt verteidigt hat, eine angemessene Taktik hatte, um dem das Spiel machenden Favoriten Probleme zu bereiten und man dazu noch eine Menge Glück mitbrachte, dass bei 20 Torschüssen weniger als der Kontrahent trotzdem noch ein Punkt raussprang. Seltsam auch, weil die Analyse nicht etwa beinhaltet, aufzuzeigen, an welcher Stelle der Favorit den Abwehrriegel vielleicht hätte besser, ruhiger und erfolgsversprechender bespielen können.

Nein, es muss irgendein mentales Defizit beim Favoriten vorgelegen haben. In Sachen Leidenschaft habe man Defizite gehabt. Ganz so, als würde sich Leidenschaft darin zeigen, dass man grätscht und die Defensivarbeit statt die Offensivbemühungen in den Mittelpunkt stellt. Nein, diesen merkwürdigen, das Bällchen bewegenden Portugiesen mit ihrem Ronaldo muss eine Sekundärtugend wie Einsatz gefehlt haben, nicht Glück oder taktische Klasse oder Mannschaftsorganisation oder individuelles Positionsspiel. Was fehlt sind entsprechend also offenbar Charaktereigenschaften und nicht etwa trainierbare Dinge.

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Interessenskonflikte

Die Erklärung, dass in England eine größere Pay-TV-Tradition herrscht und es dort deshalb sieben Millionen mehr verkaufte Decoder gibt, ist mir jedenfalls zu einfach. Warum sollte das so sein? Wir sind ja keine Bananenrepublik, sondern ein Land voller Fußball-Liebhaber. Wir müssen uns deshalb mal ganz konkret und intern darüber unterhalten, wie es sein kann, dass die Fernsehgelder in England um ein Vielfaches höher sind als bei uns. (Ralf Rangnick im Kicker vom 13.07.2015)

Der englische TV-Vertrag, der den Clubs auf der Insel ab der kommenden Saison noch mal wesentlich mehr Geld einbringt als zuletzt, schlug hierzlande vor ein paar Monaten ein wie eine kleine Bombe. Irgendwas über 9 Milliarden Euro kassiert die Premier League für 3 Jahre für die Vermarktung der Fernsehrechte in In- und Ausland und vergrößerte damit den Abstand zu den DFL-Einnahmen noch mal ordentlich. Reichlich 3 Milliarden pro Jahr vs. knapp 1 Milliarde pro Jahr lautet ungefähr die Dimension, die in Deutschland für allerlei Debatten über die Konkurrenzfähigkeit hiesiger Vereine auf dem Transfermarkt heraufbeschworen hat.

Ralf Rangnick, Leipziger Sportdirektor und Trainer nahm sich in den vergangenen Wochen auch immer wieder mal dem Thema an und sieht das Problem offenbar in fehlenden Pay-TV-Nutzern in Deutschland bzw. in nicht ausreichenden Einnahmen aus dem Pay-TV. Mit der einfachen Lösung, dass man in England eben eine andere Tradition beim Umgang mit Bezahlfernsehen habe, will er sich nicht zufrieden geben. Wenn man es pointiert zusammenfassen will, wünscht sich Rangnick, dass der hiesige Fernsehzuschauer den Wettbewerb mit den englischen TV-Abonnenten aufnehmen und auf diesem Wege einen Ausgleich schaffen soll. Quasi von der Couch aus den Wettbewerb von Wirtschaftsorganisationen wie schon im Arbeitsleben auch im Freizeitbereich zum eigenen Wettbewerb machen.

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