Scholz raus!

Nach der Trennung von Domenico Tedesco wurde verschiedenerorts unter anderem wieder mal über die Ungeduld im Profifußball geredet. Erfolgreiche Trainer würden viel zu schnell Ergebniskrisen geopfert. Das sei ein Zeichen dafür, wie schlimm alles ist in der Fußballwelt. Und so weiter im kulturpessimistischen, aber ja auch nicht komplett falschen Argumentationsstil.

Fakt ist allerdings, dass die Dauer einer Amtszeit nichts darüber aussagt, ob die Trennung von einem Trainer die in der Sache richtige oder falsche Entscheidung war. Oder anders gesagt, nur weil man jemanden auf einem Stuhl festbindet, wird daraus nicht zwingend ein Christian Streich. Auch der SC Freiburg hat sich vor Streich schon mal nach sehr kurzer Zeit von einem Coach getrennt. Und Union ist nach Neuhaus ebenso durch eine wilde Trainerphase gegangen, bevor man in der buchstäblichen Fischer-Stabilität landete.

Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob RB Leipzig nach der Heim-Niederlage gegen Donezk mit Tedesco in einer ähnlichen Krisensituation war, in der sich Freiburg oder Union in jenen Phasen mit Trainer befanden, die nun tatsächlich keinerlei sportliche Erfolge aufweisen konnten. Da wird dann gern aufgezählt, dass Tedescos Team ja die beste Rückrunde aller Bundesligisten gespielt habe, das Halbfinale der Europa League erreichte und Pokalsieger wurde.

Nun, das stimmt von den reinen Fakten her, aber die Art und Weise war ab spätestens Mitte der Rückrunde in kaum einer Hinsicht einem Topteam entsprechend. In der Europa League verspielte man durch schwache Auftritte gegen die Rangers eher das Finale als dass das Halbfinale als Erfolg blieb.

In der Bundesliga täuschte ein alles überragender Nkunku über viele schwache Auftritte hinweg. Fast zwölf Treffer schoss man in der Rückrunde mehr als man laut xGoals von Understat Torchancen hatte. Dadurch holte man schließlich fünf Punkte mehr als man mit einem Stürmer in Normalform geholt hätte.

Und nun ja, der DFB-Pokaltitel war ein großer, auch emotionaler Erfolg und es war ein für immer unvergesslicher Abend. Wenn man ganz analytisch herangeht, bleibt aber auch hier der Punkt, dass es die Auslosungen sehr gut mit RB meinten. Der erste Bundesligagegner war im Halbfinale Union Berlin und den durfte man zu Hause bespielen. Und hatte in der Partie einiges Glück gegen einen mindestens gleichwertigen Gegner, einen Elfer zu kriegen, den man auch nicht immer kriegen würde und eine spätes Tor reinzukegeln, das eher reingewollt als reingespielt war. Womit auch schon das beste über die letzte Phase der Rückrunde gesagt ist. Dass man ein Team hatte, das mit unheimlich viel Spirit aufgetreten ist und damit am Ende mit dem Pokaltitel (in einem Finale, in dem auch Spirit die entscheidende Qualität war und nicht die spielerische Klasse) die deutlich sichtbaren Probleme überstrich.

Domenico Tedesco in glücklichen Tagen bei RB Leipzig | Foto: Dirk Hofmeister

Nun, lange Rede kurzer Sinn, es macht für die Geschichte schon einen großen Unterschied, ob dein Framing das vom supererfolgreichen Trainer ist, der nun nur wegen einer schlechten Startphase von ungeduldigen Vereinsgeiern faktisch entlassen wurde oder ob du in deiner Geschichte die Widersprüchlichkeit der Amtszeit Tedescos zumindest berücksichtigst. Dann kommst du in letzter Konsequenz dann vielleicht auch zu einem differenzierten Urteil über die Trennung.

Letztlich ist die Frage, wann eine Trennung von einem Trainer sinnvoll und wann weniger sinnvoll ist, eine, die sich nicht an der Länge der Amtszeit entscheidet, sondern die man nur analytisch beantworten kann. Fünf sieglose Spiele am Stück taugen per se wenig als Analyse in einer Sportart, die zu rund 50 Prozent von Zufallsfaktoren abhängt (wie Chris Anderson und David Sally in “Die Wahrheit liegt auf dem Platz” bestimmten) (außer vielleicht bei den Bayern, die mit ihrer Klasse den Zufallsfaktor deutlich minimieren können).

Für diese Analyse braucht es verschiedenste Ebenen. Was wollen wir für eine Spielidee verfolgen? Ist der Trainer und ist der Kader dafür gut aufgestellt? Sprich, kann dieser Trainer mit diesem Kader mit der beabsichtigten Idee auch zum Erfolg kommen? Sprechen die Daten dafür, dass der Misserfolg eher aus Pech resultiert oder for real ist (genauso gilt das natürlich auch für Erfolg)? Und nicht zuletzt braucht es internes Wissen zum Zustand der Mannschaft, der Probleme dort und mit dem Trainer. Und einiges mehr an harten und weichen Fakten.

Sprich, die Frage, ob ein Trainer auch weiter der Richtige für deinen Klub ist, sollte sich anhand diverser analytischer Kriterien zumindest mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bestimmen lassen. Dass die Entlassung von Tedesco bei RB das Ergebnis eines analytischen Prozesse war, darf man allerdings mit gutem Gewissen bezweifeln. Oliver Mintzlaff himself gab zum Besten, dass man ja schon am Ende der letzten Saison nicht mehr so ganz von Tedesco und dessen zu wenig dynamischer Spielweise überzeugt gewesen sei. Was es sehr erstaunlich macht, dass man trotzdem mit ihm über eine mögliche Vertragsverhandlung reden wollte. Zudem wiederholte man mantrahaft, dass man sehr gut aufgestellt sei und die beste Rückrunde aller Bundesligisten und die beste Saison der Vereinsgeschichte gespielt habe, was nun wirklich nicht gerade danach klang, dass man am Trainer zweifelte oder mit diesem in eine ehrliche Analyse der Vorsaison gegangen wäre.

Wenn du nach fünf Bundesligaspieltagen an dem Punkt stehst, deinen Trainer zu entlassen, dann musst du in deiner Analyse im Sommer was falsch gemacht haben. Denn wenn du im Sommer das 100prozentige Vertrauen hattest, dass Tedesco für diesen Kader mit seinen Ideen der Richtige ist, dann kann diese Überzeugung von ein paar schwachen Spielen nicht torpediert werden. Und wenn du wie Mintzlaff am Tag des Donezk-Spiels zu deinem Trainer gehst und diesem sagst, dass er auch im nächsten Bundesliga-Spiel noch Trainer ist, wenn denn die Ergebnisse nun auch mal kommen, dann zeigst du eigentlich nur mehr als deutlich, dass deine Entscheidungsebene keine analytische, sondern eine emotional-ergebnisgetriebene ist. Und die mag als Fan ok sein, als Chef eines Fußballklubs ist erratisches Agieren eher suboptimal.

Man darf sich das ja nur mal als Gedankenspiel vor Augen halten, was passiert, wenn Gulacsi gegen völlig chancenlose Ukrainer in der Champions League nicht den Monsterbock zum 0:1 baut (die einzige Chance der Gäste bis zum 1:2). Dann ist es gut möglich, dass RB das Spiel gewinnt. Und dann sitzt Tedesco gegen Dortmund weiter auf der Bank und nicht Rose. Das ist ehrlich gesagt in Sachen Entscheidungsfindung ziemlich katastrophal. Wie gesagt, wenn deine Analyse des Gesamtpakets ergibt, dass du vom Trainer überzeugt bist, dann zieh es mit ihm auch gegen Widerstände durch und arbeite an den Baustellen, die dem Erfolg im Weg stehen. Wenn die Analyse das nicht tut, dann solltest du dich sofort, also dann auch bereits im Sommer trennen.

Denn in eine Saison mit einem gefühlten Dutzend englischen Wochen am Stück mit einem Trainer zu gehen, von dem du nicht komplett überzeugt bist, ist ein sinnloses Selbstmordkommando. Wie Mintzlaff auf die Frage danach, warum er glaubt, dass es jetzt mit Rose im Gegensatz zu seinen zwei Vorgängern punktetechnisch auch auf längere Dauer als drei, vier Monate besser wird, antwortete, dass man ja nun wieder einen Coach habe, bei dem man von vornherein schon von der Spielidee überzeugt sei, lässt einen schon fast ratlos zurück. Weil es ja auch bedeutet, dass man bei den beiden Vorgängern eben nicht vollkommen überzeugt war, dass diese mit ihren Spielideen zum Verein oder zum Kader passen. Die habe man, zugespitzt zusammengefasst, auch deswegen genommen, weil nichts anderes auf dem Markt war. Herzlichen Glückwunsch, damit kannst du jede Analyseabteilung im Klub einfach schließen.

Dass man binnen eines reichlichen Jahres von Alle-jagen-den-Ball-(auch wenn keiner Bock hat)-Marsch zu zu Tedescos neun Mann am eigenen Strafraum und dann schicken wir Nkunku steil zu Tedescos zehn Spieler spielen im U gegen den gegnerischen Abwehrblock zu Roses (im ersten Spiel) high-Energy-Gezappel kommt, ist die logische Folge dieser Analyse. Dass man sich gegenseitig erst erzählt, dass die Mannschaft, die zu großen Teilen unter Rangnick mit Viererkette und Arbeit gegen den Ball Zweiter wurde, keine Viererkette kann und kein Spiel gegen den Ball, sondern mit dem Ball will und so die Entlassung von Jesse Marsch begründete und man sich nun gegenseitig erzählt, dass sie Tedescos Spiel mit dem Ball nicht wollte und sich im Pressing-Gezappel und Anlaufen viel wohler fühlt, ist eine lustige Stilblüte. Auch diese natürlich völlig ergebnis- und nicht analysegetrieben.

Es kommt zu dem ganzen Kram ja auch dazu, dass man eigentlich schon den ganzen Sommer spürte, dass das Vertrauen in Tedesco nicht überbordend ist. Während Tedesco in der Sommerpause der Meinung war, dass man an Lösungen im Spiel mit dem Ball arbeiten müsse (und daran offenbar auch zu arbeiten versuchte), blieb man vereinsseitig in Bezug auf die Kaderplanung bei der Analyse, dass es an Dynamik und Tiefgang in der Mannschaft fehlt. So holte man dann vor allem Spieler, die in das Prinzip einer aktiv gegen den Ball verteidigenden Mannschaft passen, aber nicht wirklich zu dem, was Tedesco wollte, dass seine Mannschaft spielt. Da fragt man sich schon ab und an mal, ob im Verein bei der Saisonplanung auch mal länger miteinander gesprochen wurde. Dann wäre mal vielleicht schon viel früher drauf gekommen, dass man an einer Konstellation baut, die nicht so recht zusammenpasst.

Nicht zuletzt passt zum Thema offenbar fehlendes Vertrauen, dass Tedesco in Sachen Stand der Dinge beim neuen Sportdirektor/ Geschäftsführer Sport nie so recht informiert zu sein schien. Wohingegen Rose schon allein aufgrund seines persönlichen Kontakts zum Topkandidaten Eberl da ganz anders involviert ist.

Domenico Tedesco wirkte mit zunehmender Amtszeit bei RB Leipzig ratlos | Foto: Dirk Hofmeister

Das Problem an der ganzen Situation ist am Ende bei RB nicht der Trainer. Marsch und Tedesco waren letztlich nur arme Schweine, die man in kurzen Amtszeiten in suboptimalen Settings (weil Settings, die es dem Trainer nicht so einfach wie möglich machten, sondern eher zusätzliche Hürden aufbauten) mit wenig Vertrauen verbrannt hat (klar hätte ein Nagelsmann sicher jeweils bessere Ergebnisse trotz mieser Situation geholt, aber ein Trainer arbeitet halt in jedem Fall nicht optimal, wenn das Setting nicht auch optimal ist). Und Basis dafür ist, zu diesem Urteil lässt sich von außen nur kommen, die miese Entscheidungsfindung auf oberster RB-Ebene. Das ging direkt nach dem Nagelsmann-Abgang los, als der faktische Chef im sportlichen Bereich Florian Scholz bei einer Fanveranstaltung verkündete, dass es ja nicht so schlimm sei, wenn der Trainer und mit ihm eine ganze Reihe aus dem Funktionsteam den Verein verlassen hätten (und es entsprechend ein unheimliches Ausbluten im Trainerbereich gab), weil so ein bisschen Veränderung täte ja auch gut und das mache den Klub nur stärker und besser.

Mintzlaff und Scholz vermitteln immer wieder den Eindruck, als würden sie denken, dass RB Leipzig in den letzten zehn Jahren (bzw. den Jahren, die sie davon jeweils mitgemacht haben) deswegen sportlich(!) so erfolgreich ist, weil es sie beide gibt. Und offenbar gibt es niemanden, der ihnen nahe steht, der sie mal beiseite nimmt und ihnen verklickert, dass das nun wirklich nicht der Fall ist. Dieser Verein war erfolgreich, weil er unter Rangnick eine klare Idee verfolgte, wozu Trainerauswahl und Spielerauswahl (und diverse andere Personalien) fast immer passten (und das sage ich als jemand, der beileibe nicht mit allem einverstanden war, was Rangnick in seiner Amtszeit so entschieden hat). Seit Rangnick weg ist, ist das an vielen Stellen sehr erratisch und es geht (gerade bei Transfers wie Silva, Raum, Werner oder Moriba) vor allem um das Statement nach außen und weniger um die nachhaltige Kaderplanung.

Für diese Statement-Transfers verschleudert man dann auch den Nachwuchs, den man vorher im als Carreer Center getarnten Verleih-Projekt von anderen Teams hat zu Marktwerten ausbilden lassen. Wenig ist übrig vom einstigen ‘jährlich ein bis zwei Spieler für den Profibereich ausbilden’ (zumindest wenig systematisches). Das Verleihen von Spielern folgt keinem Zweck wie in England (oder bei Per Nilsson), wo jeder Leihspieler permanent betreut wird und neben seinem Auftreten für den Leihklub auch immer Feedback vom Mutterklub kriegt und so auch weiß, wie er in die Planung eingebunden ist.

Bei RB Leipzig existiert da ein großes Nichts. Ein Tom Krauß wird so schon fast verschleudert, indem man ihn mit fester Kaufoption nach Schalke abschiebt. Ein Sidney Raebiger wird mit 17 (nachdem man ihn vor einem Jahr noch den Fans als Hoffnungsträger aus der Region präsentierte) für kurzfristiges Geld nach Fürth verschenkt, statt in langfristigen Bemühungen an seiner Entwicklung zu arbeiten und vor allem immer so mit ihm zu arbeiten, dass er das Gefühl hat, er ist bei RB an der absolut richtigen Stelle für seine Karriere.

Ja, blablubb, die Ansprüche von RB sind so hoch, dass es schwer ist für den eigenen Nachwuchs, sich zu den Profis hochzuspielen. Ist ja richtig, weiß ja auch jeder. Nicht zuletzt vermutlich die Jugendspieler selbst. Nur wenn du so gar kein Konzept hast, wie der Schritt aus dem Nachwuchs über meinetwegen Leihen in den Profikader gelingen kann (und wie die Spieler auf ihren Leihstationen trotzdem emotional und rational bei deinem Klub bleiben), dann wird es halt bitter. Jedes Jahr ein, zwei Kaderplätze freihalten für Leihspieler, die zurückkehren, wäre schon mal ein Anfang. Klar, du weißt nie, wie sich ein Spieler entwickelt und ob ein Tom Krauß irgendwann das Niveau für einen Stammplatz in einem Top4-Verein hat. Wenn du ihn aber siehst, wie er sich in die Aufgabe auf Schalke reinbeißt und in seinem ersten Bundesliga-Spiel selbst bei einem erkämpften Einwurf on fire ist, dann weißt du, dass dir ein solcher Spieler auf dem Kaderplatz 15, 16, 17 gerade auch als Spieler aus der Region eventuell sehr viel besser täte als der nächste 20-Millionen-Euro-Mann, für den du einfach nur eine Station im Profifußball bis. Dafür musst du aber vor allem auch in die Betreuung der Spieler investieren, ihnen immer das Gefühl geben, einer von uns zu sein, ihnen Wege aufzeigen, aber auch Entwicklungspotenziale.

Manchmal bleibt da auch das Gefühl, dass man sich selbst im Verein nicht über den Weg einig ist. Während Scholz und Vivell ein fröhliches ‘Rangnick ist tot’ postulieren und offenbar als Dortmund II für viel Geld Bundesligaspieler, die sich schon bewiesen haben ab 23, 24 Jahre einsammeln wollen, meinte Mintzlaff zuletzt, dass man doch auch weiterhin auf die Entwicklung von Spielern setzt. Vielleicht hat er dafür ja auch noch mal auf den Kontostand geschaut. Die aktuelle Transferphase dürfte gerade in Sachen Gehaltskosten ordentlich reingehauen haben und auch bei einigen anderen Spielern die Begehrlichkeit wecken, dass man in Leipzig doch vielleicht auch wie in Dortmund verdienen kann. Was bisher bei weitem nicht der Fall war und was auch künftig schwer wird, gegenzufinanzieren.

Letztlich wäre es auch ein zweifelhaftes Konzept, einfach nur ein anderes Dortmund sein zu wollen. Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, braucht es vermutlich etwas mehr an Kreativität, wir es sie in den Vorjahren immer wieder gab, wenn man Spieler entdeckte, die andere nicht auf dem Zettel hatten. Auch die Verbindungen vor allem nach Salzburg sind ja eigentlich ein Vorteil, solange die besten Spieler am Ende nicht von dort nach Dortmund gehen.

Der Witz ist, dass bei RB Leipzig – von weit außen betrachtet – ja eigentlich sehr viele sehr gute und sehr wichtige Puzzleteile in Form schlauer Menschen im administrativen Bereich, einem zwar nicht sehr ausgewogenen, aber trotzdem natürlich sehr hochwertigen Kader und einem spannenden Trainerteam vorhanden sind. Auch ein Mintzlaff macht im strategisch-nichtsportlichen Bereich des Vereins sicherlich viel richtig, was man von außen gar nicht so direkt sieht (bzw. schiebt er unheimlich viel an, was man auch als modern bezeichnen könnte; ob strategische Entscheidungen wie die Ticket-App nun gut sind oder nicht, liegt im Auge des Betrachters). Aber es fehlt so offensichtlich ein kompetenter Sportchef auf administrativer Augen- und Entscheidungshöhe mit Geschäftsführer Mintzlaff, einer der die sportliche Richtung im Klub vorgibt und dieser Richtung die Entscheidungen unterordnet. Einer der im Tagesgeschäft mit ruhiger, aber eben auch mit klarer Hand die Richtung vorgibt, ohne ein Sonnenkönig zu sein. Einer, der nah dran ist an der Mannschaft und internen Entwicklungen und gleichzeitig ein analytisches Umfeld aufbaut, auf dessen Basis sich Entscheidungen treffen lassen.

Klar, Mintzlaff meint, dass es im Klub im sportlichen Entscheidungsbereich kein Vakuum gibt, aber da liegt er falsch. Dass er seit über einem Jahr zuguckt, wie der sportliche Bereich von einem kaufmännischen Geschäftsführer Sport aka vorheriger Sportbild-Chefredakteur geleitet wird und immer mehr in die strategische Beliebigkeit rutscht, sollte ihm irgendwann auch auf die Füße fallen, wenn er diesen Zustand nicht schleunigst beendigt und von einem Bereich ein ganzes Stück wieder ablässt, in dem er selbst einfach nicht die 1A-Lösung ist. Sehr gern soll er durch die Welt fliegen, wenn irgendein Spielerberater wieder überzeugt werden muss, weil er einen guten Kontakt zu ihm hat. Alles andere soll aber jemand erledigen, der sich in diesem Bereich auskennt und auch über die nötigen Machtbefugnisse verfügt, Entscheidungen durchzusetzen.

Auf gut twitterisch würde das strukturell im Endeffekt „Scholz raus“ heißen (oder positiv formuliert “Eberl rein!”). Als Blogger habe ich mir mit solchen Zuspitzungen früher immer sehr schwer getan, aber da ich ja nun seit schon drei Jahren in Fußballsachen hauptamtlich twitternder Mecker-Opa bin, bleibt es halt bei Clickbait-„Scholz raus“. Und ob Mintzlaff mit weg soll, hängt vor allem daran, wie sehr er bereit ist, tatsächlich Veränderungen in den Strukturen, die auch seine Position ein Stück beschneiden, zuzulassen. Ja nun, ich weiß, dass das im Klub und um den Klub herum Einige als das Gemaule der immer Gleichen und Zerreden der großartigen Erfolgsarbeit von Mintzlaff und Scholz interpretieren werden. Aber gut, das Hochjubeln selbst von fragwürdigen strategischen Entscheidungen kann ja auch nicht jeder so gut wie der eine oder andere RB-Berichterstatter mit gutem Draht zum Trainer oder zur Entscheiderebene/ Kommunikationsabteilung. In diesem Sinne lesen wir uns hier nächstes Jahr zum traditionellen Jahresblogbeitrag wieder. Ob schlecht gelaunt oder gut gelaunt, liegt dabei nicht wirklich in meiner Hand.

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Florian Scholz, der kaufmännische Geschäftsführer Sport bei RB Leipzig | Foto: Dirk Hofmeister

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Randbemerkung 1: In diesem schlecht gelaunten Sinne mit @hassanscorner: “Hoffentlich verliert ihr alle”. Ruhe in Frieden.)

Randbemerkung 2:  Kommt bald zurück @collinaserben! Eine gute Blockliste hilft auch manchmal Wunder (ja, ich weiß, das ist nicht optimal, aber als öffentlicher Account mit der Reichweite fast schon unausweichlich). Und allen Twitter-Nutzern als Tipp: Wenn man mal wieder emotional wegen einer Schiedsrichter-Entscheidung ist, dann hilft es auch schon, wenn man die Erben nicht immer mitmentioned in seiner schlechten Laune. Nicht alles was euch (und mich) übellaunig macht, muss man anderen so direkt aufs Butterbrot schmieren.

Randbemerkung 3: Wer ist bei RB Leipzig eigentlich auf die Idee gekommen, dass nur zwei Testspiele in diesem Sommer eine gute Idee sind? Klar, die Mannschaft ist erst spät komplett wegen der Nationalspieler und so. Aber trotzdem braucht es mehr zum Einspielen als zwei mickriger Kicks. Gerade wenn du vom tiefen Verteidigen hin zum Aktiven Agieren mit Ball willst. Seltsame Sommerplanung. Und dass du es nicht mal hinkriegst zum Auftakt (mit Rumpftruppe und vielen Nachwuchsspielern) irgendein kleines Spielchen gegen einen lokalen Viert- bis Fünftligisten auszutragen, ist sowieso absurd.

Randbemerkung 4: Wenn es um die ‘Strategien’ im RB-Nachwuchs geht, wird vielleicht der eine oder die andere einwenden, dass es doch immerhin Hugo Novoa gibt. Das setzt der ganzen Geschichte aber ja eigentlich noch die Krone auf. Du schickst Leute weg bzw. verkaufst sie, die schon ein paar Schritte im Pofifußball gegangen und zumindest bereit für die erste Liga sind. Bringt halt ein paar Euro. Gut (oder eben nicht, aber egal jetzt hier). Und dann nimmst du die Offensivkraft Hugo Novoa, der im Männerfußball noch sehr wenig Erfahrung hat, setzt sie auf die Position des rechten Schienenspielers und findest, dass das jetzt eine gute Nachwuchsförderung ist. Sorry, Novoa ist ein Guter, aber auf der Position rechts außen vor einer Dreierkette oder gar in einer Viererkette ist er sichtbar überfordert (und war das in allen Test- und Pflichtspielen, in denen er auflaufen durfte, inklusive des Spiels gegen Ottensen). Das ist doch keine Nachwuchsförderung, wenn du es einem jungen Mann noch maximal schwer machst und ihm nicht (wie bei Sanoussy Ba, als der mal spielen durfte) einen Platz schaffst, auf der er mit seinen Basics und Stärken glänzen kann. Das ist Verbrennen eines Nachwuchsspielers aus Jux und Dollerei. Keine Ahnung, was das sollte, in eine Saison zu gehen und dann am ersten Spieltag festzustellen, dass der einzige Spieler, der rechts übrig bleibt, wenn Henrichs vom Trainer als Sechser gesehen wird, Novoa ist. Das ist in Sachen Kaderplanung einfach ganz übel und das richtet sich Nullkommanull gegen Novoa.

Randbemerkung 5: Man kann dieses ganze Thema von Planung und Strategie natürlich auch einfach vergessen, wenn man das ganze wie Real Madrid oder ähnliches Kaliber jedes Jahr mit Schecks im dreistelligen Millionenbereich ausgleicht. Dann setzt du halt dem Kader, jedes Mal wenn der nicht funktioniert, wieder einen neuen, teuren Trainer vor und holst irgendeinen Topspieler, der den Konkurrenzkampf anheizt und dann ist auch ok. Aber RB ist nicht Real und der finanzielle Rahmen dann doch im Vergleich etwas eingeschränkter. Entsprechend wäre es sinnvoll, wenn der Verein mal mit einem Trainer wächst und am Ende die Mannschaft mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, weil sie ein Stückweit zusammenwachsen konnte. So wie der DFB-Pokalerfolg ja auch auf einem Kern an Spielern beruht, die alle noch Ralf Rangnick geholt hatte und die teils schon seit der zweiten Liga in Leipzig sind. Um Erfolg zu haben mit einem Etat, der irgendwo bei der reichlichen Hälfte der Bayern liegen dürfte, brauchst du halt auch solche Faktoren und einen Kader und einen Trainer, die über zwei, drei Jahre zusammengewachsen sind.

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Fotos: Dirk Hofmeister

2 Gedanken zu „Scholz raus!“

  1. Was für ein Abriss. So etwas neben der Lohnknechtschaft zu schreiben, geht halt nur sehr selten. Großartig, Matthias.

    Diese ganze Geschichte hat sich ja doch ein ganzes Stück in Richtung Absurdistan entwickelt. Und das liegt im sportlichen Bereich eindeutig an der fehlenden Handschrift eines Sportdirektors.

    Hoffen wir mal das Beste, dass der Club nun die Kurve kriegt. Sonst dürfte er zur Lachnummer werden. Und das wäre Wasser auf die Scheiß-RB-Mühlen.

  2. Na da hat sich ja jemand seinen Frust von der Leber geschrieben ;-) !
    Vielen Dank für diesen sehr differenzierten Beitrag der meinen Gedanken in vielen Punkten entspricht!

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