Bilanz: RB Leipzig in der Saison 2017/218

Insgesamt ist es eben am Ende der Hinrunde ein Sowohl-als-auch-Gefühl. Es war vieles gut und die Konstanz mit der man zwischenzeitlich durch die Bundesliga zog, war durchaus beeindruckend. Aber es fehlten dann eben in allen Wettbewerben die entscheidenden, letzten Prozente und auch die entscheidenden Köpfe und herausragenden Spieler, sodass man mit weniger Erfolg als wohl eigentlich möglich war, leben muss. Kein Grund unzufrieden zu sein, aber so ein leichtes ‚was wäre gewesen, wenn‘ bleibt halt als Gefühl trotzdem. (Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2017/2018)

Fünf Monate später hat sich an dem Gefühl die Saison betreffend wenig geändert (auch wenn das finale Gefühl erst noch zu finden sein wird und davon abhängt, ob RB Leipzig direkt in die Gruppenphase der Europa League einzieht oder (wenn die Bayern im Pokalfinale gegen Frankfurt verlieren) doch noch in die Qualifikationsrunden muss). Denn auch in der Rückrunde war die Saison von RB Leipzig keine schlechte, aber eine, in der man es verpasste, die sich bietenden Chancen wahrzunehmen.

Vor allem in der Bundesliga verspielte man in der frühen Phase der Rückrunde die entscheidenden Punkte, die man für die Qualifikation für die Champions League gebraucht hätte. Nachdem man kurz vor der Winterpause schon gegen Mainz nach Führung nur einen Punkt holte, verspielte man auch gegen Köln, den HSV und in Freiburg Führungen und holte nur einen Punkt in diesen drei Spielen gegen Abstiegskandidaten bzw. spätere Absteiger. Drei, vier Punkte mehr in diesen Spielen und RB Leipzig hätte aus einer guten eine sehr gute Saison machen können.

Parallel spielte man auch noch in der Europa League und spielte sich bis ins Viertelfinale. Wo man gegen Marseille letztlich das recht deutlich schwächere Team war. Auch hier verspielten die RasenBallsportler aber mehrmals gute Ausgangspositionen. Sowohl das 1:0 aus dem Hinspiel, als auch den 2:3-Zwischenstand aus dem Rückspiel, mit dem man weitergekommen wäre, gab man wieder aus der Hand.

Lässt man mal die absurd gute Hinrunde 2016/2017 weg, dann holte RB Leipzig in der Rückrunde der Vorsaison 28 Punkte, in der Hinrunde dieser Saison erneut 28 Punkte und in der Rückrunde der aktuellen Spielzeit 25 Punkte. Der Trend ist relativ stabil bei leichter Abwärtsbewegung. 25 Punkte sind halt nur noch Mittelmaß und bedeuten Platz 8 in der Rückrunde. Über die letzten drei Halbserien hat RB Leipzig einen Punkteschnitt von 1,53 geholt. Das macht hochgerechnet auf 34 Spiele 52 Punkte. Das ist halt ungefähr Niveau Platz 6 bis 7. Und das jetzt schon längere Zeit sehr stabil und entsprechend typisch für ein Team auf Platz 6 mit sportlichen Ausreißern nach oben (gegen Bayern) oder nach unten (in Mainz).

32:24 Tore waren es bei RB-Spielen in der Rückrunde der letzten Saison, 27:25 Tore folgten in der letzten Hinrunde, 30:28 sind es nun gewesen. Gerade defensiv ist der Trend ein negativer. Was etwas erstaunlich ist, weil RB Leipzig zu Beginn der Rückrunde dieser Saison eigentlich bereits wieder zu alter Aufsteigerform zurückgefunden hatte. In den ersten fünf Pflichtspielen nach der Winterpause kassierte RB nur einen Treffer aus dem Spiel heraus. Bis zur ersten und letzten Länderspielpause der Rückrunde waren es in 14 Pflichtspielen nur 15 Gegentreffer, darunter fünf in vier Europa-League-Spielen. Ein Gegentorschnitt einer Spitzenmannschaft. Nur nicht immer mit Spitzenresultaten veredelt.

Doch danach folgte teilweise der defensive Komplettzusammenbruch, wenn man an Hoffenheim, Leverkusen oder Marseille denkt. 23 Gegentore in neun Pflichtspielen kassierte man. 7,5 Chancen ließ man pro Partie in sieben Auftritten in der Bundesliga zu. Mehr als doppelt so viele wie in der ganzen Saison 2016/2017 im Schnitt. Was in diesen Wochen so auf RB Leipzig an Aussetzern und mannschaftstaktischen Fehlern einprasselte, war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Und riss ein bisschen das ein, was man sich in den Wochen und Monaten zuvor aufgebaut hatte.

Am Ende steht dann Platz 6 und im Idealfall die direkte Qualifikation für die Europa League. Dazu war man im Viertelfinale eines europäischen Wettbewerbes. Von den finalen Fakten her eine Bilanz, die sich auf jeden Fall sehen lassen kann. Aber im Detail dann eben auch eine Bilanz, bei der der Fakt bleibt, dass die Chance auf mehr sehr groß war. Wie schon in der Hinrunde, als man wegen Schwächen beim Verteidigen von Standards aus der Champions League ausschied und man im DFB-Pokal rausging, weil sich Naby Keita einen uncleveren Platzverweis einfing.

Die Spiele

Die ersten Wochen nach der Winterpause sollten jene sein, in denen man sich aufgrund fehlender Spiele unter der Woche ein Polster für den Rest der Saison anfuttert. Mit zehn Punkten aus fünf Spielen gegen Schalke, in Freiburg, gegen den HSV, in Mönchengladbach und gegen Augsburg gelang das von der reinen Punktausbeute her auch. Gegen Schalke, Mönchengladbach und Augsburg spielte man funktionalen Ergebnisfußball mit guter Arbeit gegen den Ball. Wenn da nicht die beiden Spiele gegen Freiburg und gegen den HSV gewesen wären, dann hätte man extrem zufrieden sein können. Aber die zwei verspielten Führungen rissen relativ große Löcher in den Teppich der guten Laune.

Es folgten zwei englische Wochen mit den Europa-League-Spielen gegen Neapel, in denen man die leichte Rotation der Italiener im Hinspiel gnadenlos ausnutzte und den 3:1-Auswärtssieg dann im Heimspiel beim 0:2 trotz deutlicher Unterlegenheit über die Zeit rettete. Man neigte ja nach den Spielen dazu, das als Sieg gegen ein SSC-B-Team abzutun. Ein bisschen stimmt das auch, weil Neapel ungewöhnlich stark rotierte. Aber im Kern stand da trotzdem die erste 15 bis 16 auf dem Platz, sodass es auch kein Fallobst war, das Neapel präsentierte. Vielmehr ließ man sich im Hinspiel in der letzten halben Stunde vpn RB überraschen und konnte das dann trotz entsprechender Bemühungen im Rückspiel nicht mehr drehen.

Parallel zu diesem Erfolg in Europa setzte es in der Bundesliga zwei enttäuschende Niederlagen. Zuerst verlor RB zwischen den Europapokal-Spielen mit 1:2 in Frankfurt, was zu dieser Zeit als Niederlage durchging, die passieren kann, wenn der Gegner mehr an Intensität in die Waagschale werfen kann. Was auch noch mal durch die spezielle Montagsspiel-Atmosphäre und die Proteste auf Frankfurter Seite angeheizt wurde. Die Niederlage gegen Köln war dann aber nicht eingeplant. Besonders bitter daran, dass man Köln eine Halbzeit lang neapelesk an die Wand spielte, um dann die 1:0-Führung wegen fehlendem Ballbesitzspiel als Defensivtaktik noch zu verspielen.

Nach einer Woche ohne Donnerstagsspiel ging es dann in die nächsten zwei englischen Wochen. Gegen St. Petersburg war man im Achtelfinale der Europa League das deutlich bessere Team, musste aber erstaunlicherweise trotzdem bis zum Schlusspfiff des Rückspiels zittern, bis man nach 2:1 und 1:1 weiter war.

Parallel holte man in einem ansehnlichen Bundesligaspiel gegen Dortmund ein leistungsgerechtes 1:1. Auch das 0:0 in Stuttgart entsprach den Kräfteverhältnissen und war gegen das am Ende zweitbeste Rückrundenteam ein gutes Ergebnis, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt tabellarisch etwas zu wenig erschien. Das machte man dann mit einem unerwarteten 2:1 gegen Bayern wieder gut, als man den kommenden deutschen Meister mit gnadenlosem Pressing bis Mitte der zweiten Halbzeit überrannte und dann den Sieg über die Zeit brachte.

Letzte Länderspielpause und noch mal Kraft tanken, um die gute Ausgangsposition in den letzten Spielen zu veredeln. So die Idee. Das ging aber relativ gründlich schief. Gegen Marseille war man beim 1:0 und 2:5 insgesamt recht chancenlos. Zumal man im Hinspiel schon Glück hatte, ohne Gegentreffer aus dem Spiel zu gehen.

In der Bundesliga ließen sich die Dinge eigentlich gut an. Beim Hannover 96 spielte man eine Stunde lang wie ein Spitzenteam, aber schon dort deutete sich in der letzten halben Stunde der Defensivzusammenbruch der nächsten Spiele an. 3:2 gewann RB die Partie aber trotzdem noch.

Die folgende Partie gegen Leverkusen war im Kampf um einen Champions-League-Platz eine entscheidende. Warum man sich gegen laufstarke Bayer-Akteure auf ein Run-and-Gun-Spiel einließ, ist inmitten englischer Wochen immer noch schwer nachzuvollziehen. Das 1:4 gegen den direkten Konkurrenten tat mal so richtig weh.

In Bremen versuchte man anschließend nach dem Aus in Marseille eine Halbzeit lang das tiefe Verteidigen. Das war von der Idee her gut, funktionierte aber auch nur so leidlich. In der zweiten Halbzeit hatte man dann sogar noch die Siegchance, hätte aber auch noch verlieren können. Das 1:1 war wieder so ein Ergebnis, das für sich genommen ok ging, aber tabellarisch nur wenig hilfreich war.

Letzteres galt für das 2:5 gegen Hoffenheim und wieder gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um die Champions League umso mehr, als man lange gar nicht schlecht spielte, aber vor allem defensiv wenig entgegenzusetzen hatte und nach dem Forsberg-Platzverweis noch von Glück reden konnte, dass Hoffenheim nicht noch mehr Tore schoss. Der negative Höhepunkt kam aber erst eine Woche später in Mainz, als RB in Rückstand liegend mehr oder minder zusammenbrach und in einen Konter nach dem anderen lief und zum Schluss mit 0:3 verlor.

Am Ende gab es dann doch noch was zu jubeln für RB Leipzig. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

Entsprechend gut für das Saisongefühl, dass RB Leipzig die beiden letzten Spiele noch mal in überzeugender Manier gewann und so auch Platz 6 sicherte. Mit Wolfsburg und Hertha hatte man zwar nicht mehr die ganz großen Herausforderungen als Gegner, aber wie Augustin, Lookman und Werner die Lücken bei den Kontrahenten gnadenlos ausnutzten, war durchaus sehr sehenswert und ein wenig die Rückkehr zu altem RB-Fußball.

Taktisches

Letzte Saison war RB Leipzig das Team, das bis auf wenige Ausnahmen im 4-2-2-2 und mit klaren Strukturen auftrat, in denen jeder wusste, was er zu tun hat, den Gegnern den Zahn zog. Auch in der Hinrunde der aktuellen Saison war das meist noch so.

In der Rückrunde wurde bei RB Leipzig extrem viel probiert in Sachen Formationen, Besetzungen und taktische Umsetzung. Neben dem 4-2-2-2 probierte man die Dreierkette (als 3-4-3 oder als 5-3-2) oder ein 4-4-2 mit Raute oder ein 4-3-3. Dabei versuchte man es mit aggressivem Pressing über den ganzen Platz wie gegen die Bayern, mit tiefem Verteidigen wie gegen Bremen, mit gewohntem Mittelfeldpressing wie gegen Schalke, mit offensivem Ballbesitzfußball wie gegen Köln oder mit verwaltendem Ballbesitzfußball wie in Stuttgart.

Wenn man dann noch die belastungsbedingte Rotation dazu nimmt, dann war das ein buntes Wechselspiel von Formationen und Mannschaften und Herangehensweisen, die für sich genommen als Idee bei den meisten Spielen jeweils Sinn gemacht haben mag, aber eher das Gefühl vermittelte, dass dadurch noch mehr Unruhe und fehlender Rhythmus ins Spiel kommt. Erstaunlich vor allem, dass man das alles in den englischen Wochen versuchte, in denen es eigentlich nur wenig Zeit gab, unter der Woche auch mal Abläufe einzustudieren.

Grundsätzlich ist es für RB Leipzig in der Entwicklung sehr wichtig, spieltaktisch flexibler zu werden. Das hat man diese Saison an verschiedenen Stellen gesehen. Dass man in vielen Spielen über keine Ballbesitzstrukturen verfügte, um vor allem bei Vorsprung ein Spiel zu kontrollieren und über die Bühne zu bringen (siehe Köln) war auffällig.

Die Struktur, die vor allem entstand, wenn man Poulsen einwechselte, um einen Vorsprung zu sichern, bestand daraus, dass man hinten so lange quer spielte, bis der Ball bei Gulacsi landete, von wo aus er dann nach vorn geschlagen wurde. Das kann grundsätzlich eine gute Idee sein, aber dazu braucht man einerseits genaue lange Schläge des Keepers in klar definierte Zonen (was selten der Fall war) und man braucht ein Team, das gut darin ist, um zweite Bälle zu kämpfen (quasi die Zorniger-Taktik, die aber das aktuelle Team kaum noch beherrscht). So wie man es spielte, war Poulsen oft auf verlorenem Posten, der Ball schnell weg und man selbst defensiv schnell wieder unter Druck.

Auch vor dem Hintergrund der Doppelbelastung braucht RB Leipzig Strukturen jenseits von Mittelfeldpressing oder Anlaufen sehr weit vorn, um ein Spiel zu kontrollieren und sich selbst in körperlich anstrengenden Wochen nicht in eine schwächere Position zu bringen. Sprich, man braucht auch die Möglichkeiten, den Gegner laufen zu lassen statt sich selbst. Die Bayern-Taktik quasi. Zumindest ein Stückweit. Oder die Neapel-Taktik, die ja aus einem irrwitzig guten Mix aus Ballbesitz und Gegenpressing besteht.

Dabei ist die Königsdisziplin natürlich die, den Ballbesitz, der den Gegner laufen lässt, auch noch durch Offensivgefahr zu veredeln. Sehr oft in dieser Saison, das man bei Ballbesitz auf den gegnerischen Flügeln verendete und von dort keine Möglichkeiten mehr fand, gefährlich in den Strafraum zu kommen. Das lag zu Teilen daran, dass Außenverteidiger wie Bernardo oder Klostermann (im Gegensatz zu Teigl) am gegnerischen Strafraum zu wenig Dynamik, Genauigkeit und Mut mitbringen. Das lag aber auch daran, dass im Strafraum oft zu wenig Bewegung war. Das besserte sich in der Schlussphase der Saison ein wenig, ist aber weiter ausbaufähig.

Grundsätzlich wäre der wichtigere erste Schritt aber der, dass man Ballbesitz als eine Defenivstrategie beherrscht. Sprich, über Sicherheit am Ball und ein gutes Positionsspiel verfügt, um das Spiel in die gegnerische Hälfte zu verlagern. In der ersten Saisonhälfte basierte noch viel auf dieser Idee, durch gutes Positionsspiel und Absicherung Spieler in die Lage zu versetzten, durch Dribblings Situationen aufzulösen und Ballverluste mit sofortigem Gegenpressing aufzufangen. Gerade in der Schlussphase der Saison funktionierte aber mannschaftliches Gegenpressing teilweise überhaupt nicht mehr.

Die Frage bei all dem ist, wo der Verein hin will und wo Hasenhüttl (wenn er denn bleiben darf, wonach es grad nicht aussieht) hin will und ob das im Detail unterschiedliche Richtungen sind. Vor der Saison war für Hasenhüttl klar, dass man für den nächsten Schritt Arbeit in das Positionsspiel und den Ballbesitz stecken muss. Vor Beginn der Rückrunde wich er davon ein wenig ab, indem man wieder auf die Taktik setzte, den Ball abzugeben und dann über Balleroberungen zum Erfolg zu kommen. Gegen Schalke und Augsburg funktionierte das gut (so gut, dass sich Augsburger beschwerten, warum sie bei einem Team wie RB so oft den Ball haben), aber als dauerhafte Strategie funktioniert der pragmatische Ansatz dann eben auch nicht, wenn in englischen Wochen die genauen Abläufe eines gemeinschaftlich gegen den Ball arbeitenden Teams nicht mehr stimmen. Mal ganz davon abgesehen, dass sich nicht jedes Team darauf einlässt, den Ball auch zu übernehmen und dann durch eben jene Zonen zu spielen, die RB gern hat.

Heißt alles in allem, dass Ralph Hasenhüttl mit der ursprünglichen Idee der taktischen Flexibilität grundsätzlich auf dem richtigen Weg ist, dieses aber auch an den fehlenden Trainingsmöglichkeiten ewig langer englischer Wochen zerschellte. Klarere Strukturen und mehr Ruhe im Spiel mit dem Ball wäre trotzdem wünschenswert gewesen. Dass Gulacsi in manchen Spielen den Ball selbst dann in schlecht besetzte Zonen bolzte, wenn auf den Außenbahnen die Spieler winkten, um geordnet hinten raus zu spielen, war suboptimal.

Ralph Hasenhüttl probierte in der Rückrunde viel, hatte dabei aber nicht immer Erfolg. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

Wobei halt die Frage bleibt, was die Vereinsspitze will. Sowohl Mintzlaff als auch Rangnick waren immer mal mit der Aufforderung zu vernehmen, dass die RB-DNA wieder mehr sichtbar werden müsse. Doch dass die RB-DNA bei fast 50 Pflichtspielen im Jahr, einem vergleichsweise kleinen Kader und bei Gegner, die den Ball nicht wollen, dauerhaft darin bestehen kann, auf Umschaltspiel, Pressing und Intensität zu setzen, darf man getrost anzweifeln. Zumindest gab es in dieser Rückrunde einige Spiele, in denen das Gegenteil sichtbar wurde.

Problematisches und Unproblematisches

Doppelbelastung ist auch jenseits der spieltaktischen Fragen und Trainingsmöglichkeiten das (Un)Wort des Jahres geworden. Weil es in der Hinrunde viel zu lange in vorauseilendem Gehorsam als Defensivargument genutzt wurde. Ja, die Doppelbelastung ist ein Thema das schwierig zu bewältigen ist. Aber man will dauerhaft europäisch spielen. Also braucht man positive Lösungen für das Problem.

Problematisch an der Geschichte der Doppelbelastung auch, dass die Bundesliga in dieser Saison physischer geworden ist (zumindest wenn man den offiziellen Trackingdaten glauben darf). Sprich, die Liga läuft im Schnitt pro Spiel 2,5 Kilometer mehr als noch letzte Saison. Sodass der leichte Anstieg in den Laufleistungen bei RB trotzdem dazu führt, dass man von einem leicht überdurchschnittlichen Laufteam zu einem unterdurchschnittlichen wurde (abgesehen von Läufen im Sprinttempo). Auch das ist natürlich eine Herausforderung, in einer Liga zu bestehen, die sich über Arbeit gegen den Ball, Laufen und Intensität definiert, wenn man zugleich diverse englische Wochen am Stück abreißen muss.

In solch einer Situation dann gegen Laufmonster wie Leverkusen anzutreten, kann dann schon mal undankbar sein. Weswegen man wiederum andere spieltaktische Reaktionen (siehe oben) braucht. Oder eben noch mal auf der Ebene des Athletiktrainings und der Trainingssteuerung gucken muss, wie man anders und besser durch die Saison kommen könnte. Dass RB Leipzig in der Schlussphase der aktuellen Saison läuferisch den Daten nach komplett wegbrach und selten überhaupt noch an die 110 km herankam (Bundesligaschnitt liegt bei über 116 km) darf man durchaus als Indiz nehmen, dass den RasenBallsportlern auch körperlich am Ende die Puste ausging.

Dabei ist wahrscheinlich auch wenig hilfreich, dass RB Leipzig fast schon bayernesk mit einem sehr engen Kernteam spielt. Bestritt man die letzte Saison im Kern noch mit einer Rotation von 11, 12 Feldspielern, ist man diese Saison immerhin schon bei 16, 17 Feldspielern angekommen, die man relativ bunt durcheinander würfeln kann. Dahinter wird es dann aber schon eng. Bzw. fehlt auch die Möglichkeit, mal aus dem Nachwuchs Spieler einzubauen, um Belastungen zu verteilen und Verletzungen auszugleichen. Den Kader noch mal um ein, zwei Feldspieler in der Breite auszubauen, gehört sicher zu den Aufgaben in der Sommerpause (wenn man nächste Saison in der Gruppenphase der Europa League spielt). Wobei das dann auch an Ralph Hasenhüttl liegt, inwieweit er mit größeren Kadern arbeiten kann. In seinen ersten zwei Jahren bei RB Leipzig setzte er eben sehr stark auf seine Kernakteure und war beim Draußenhalten der anderen Akteure (Schmitz, Compper, Kaiser) relativ konsequent, außer es ging gar nicht mehr anders. Dass sich in der Vergangenheit immer wieder Spieler, die nicht zum Kernkader gehörten, über mangelnde Kommunikation beschwerten, ist dabei kein so richtig gutes Signal.

Interessant bei all dem vielleicht, dass RB Leipzig tendenziell überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielte, wenn man sich unter der Woche auf die Bundesliga vorbereiten konnte und kein Spiel in Europa oder eine anderweitige englische Woche hatte. Und auch interessant, dass RB Leipzig tendenziell in den frühen Saisonphasen der Hin- und Rückrunde besser abschnitt als in den späten Saisonphasen. Das alles verweist darauf, dass RB vor der Herauforderung steht, diesem Trend durch spieltaktische Weiterentwicklungen, Kaderanpassungen und vielleicht auch Änderungen bei der Trainingssteuerung entgegenzuwirken. Keine einfache Aufgabe.

Zumal nicht, wenn man den Auftritt in einem europäischen Wettbewerb ernstnehmen will. In dieser Saison war RB Leipzig das einzige deutsche Team neben den Bayern, das Champions League (und später Europa League) nicht zur Belastungssteurung nutzte, sondern dort praktisch immer in der bestmöglichen Formation spielte. Rotation war dann eher eine Sache für die Bundesliga, sodass man dann schon mal gegen die Bayern mit einer (übertrieben gesagt) B-Elf auflief.

Man kann sich natürlich fragen, ob der Fokus auf einen Wettbewrb wie die Europa League sinnig war, weil man dadurch wohl auch größere Erfolge in der Bundesliga verhinderte (thesenhaft könnte man festhalten, dass RB am Ende vor Hoffenheim gestanden hätte, wenn man wie die TSG ohne Europapokal durch die Rückrunde gegangen wäre). Für die Herangehensweise von Hasenhüttl spricht in jedem Fall, dass das für das Image des Vereins in Europa wichtig war, sich in der Runde der letzten Acht zu präsentieren. Dafür spricht auch, dass es bei RB darum gehen muss, eine Mentalität zu entwickeln, bei der englische Wochen in Permanenz bei gleichzeitiger Fähigkeit, auch am Sonntag wieder in Mainz konzentriert aufzutreten, zusammenfallen.

Sprich, diese erste Saison in Europa war von den Erfahrungswerten her für die Spieler (und für den ganzen Verein) sicherlich unbezahlbar. Wobei halt zu dieser Bayern-Mentalität, in möglichst drei Wettbewerben gleichzeitig auf hohem Niveau zu agieren, wiederum dazu kommt, dass man sich auch spieltaktisch darauf einstellen und eben in Mainz auch mal einen Arbeitssieg mitnehmen muss. So wie man es in der Hinrunde bspw. gegen Stuttgart mit verwaltendem Ballbesitz und defensiver Stabilität getan hat.

Gegen die Fokussierung auf einen Wettbewerb wie die Europa League spricht auf der anderen Seite, dass es für die wirtschaftliche Vereinsentwicklung wesentlich wichtiger gewesen wäre, erneut die Champions League zu erreichen als das Viertelfinale der Europa League. Der Klub braucht für die Herausforderungen, Stammspieler auch mal mit entsprechenden Gehaltserhöhungen halten zu können, steigende Einnahmen und regelmäßige Champions-League-Teilnahmen. Dass Ralf Rangnick in der Winterpause die Europa League als Wettbewerb abtat, in dem es nichts zu holen gibt und Ralph Hasenhüttl trotzdem drei Runden lang voll auf die Karte Europa League setzte, darf man durchaus bemerkenswert finden. Dass ein Oliver Mintzlaff nicht sehr glücklich darüber ist, dass ihm ein ordentlicher zweistelliger Millionenbetrag fehlt, wenn man in der Europa League statt in der Champions League spielt, darf man auch als gesichert annehmen.

Was das für die künftige Kaderplanung bedeutet, wird man sehen. Kurzfristig dürfte das dank Keita-Verkauf nicht das ganz große Problem sein. Auffällig vielleicht, dass die Transfers des letzten Sommers zwar die Qualität des Kaders in der Breite deutlich verbesserten, aber in der Spitze kaum Qualitätszuwachs zu verzeichnen war. Das war bei Konaté, Bruma, Augustin, Laimer und (mit Abstrichen) Kampl auch nicht zu erwarten, dass sie nun gleich die tragenden Rollen im Team übernehmen würden. Alle fünf haben aber in jeweils unterschiedlichem Ausmaß schon gezeigt, dass sie in tragende Rollen hineinwachsen können. Auch wenn man dafür beispielsweise bei Laimer erstmal eine Position finden musste, für die er eigentlich gar nicht vorgesehen war.

Letztlich haben die Neuzugänge genau das gemacht, was man sich von ihnen erhoffen konnte, nämlich Qualität in der Breite ins Team zu bringen. Das Problem war, dass gleichzeitig allerdings die tragenden Köpfe der Vorsaison diese Saison keine tragenden Köpfe mehr waren. Ein Emil Forsberg ist zwischen Verletzungen, fehlendem Rhythmus und Platzverweis ziemlich untergegangen. Timo Werner war große Teile der Rückrunde mit Hadern und fehlenden Räumen beschäftigt. Und Naby Keita spielte keine schlechte Runde, war aber auch nur selten der mannschaftstragende Dominator, der er eigentlich sein kann. Was sich bei ihm vor allem im totalen Zusammenbruch seiner Rolle als Balleroberer und in zu vielen Platzverweisen und Undiszipliniertheiten manifestierte.

Wenn man über die Saison drüberschaut, dann weiß man nicht so richtig, welchen Spieler man als die tragende Säule im Team sehen würde. Sabitzer war in der Hinrunde sehr gut, dann aber zu viel verletzt und mit Qualitätsverlusten beim Hin- und Herschieben zwischen den Positionen. Halstenberg spielte sehr konstant, riss sich aber das Kreuzband. Und ansonsten blieb sehr viel Inkonstanz und wechselten sehr gute und unterdurchschnittliche Leistungen munter durch. Wofür Jean-Kevin Augustin als Extremfall irgendwo zwischen Weltklassevorstellungen und ‚heute kein Bock‘ prototypisch steht.

Vielleicht wichtig in dem Zusammenhang, dass sich natürlich auch die ganzen Kaderstrukturen in dieser Saison deutlich verändert haben. Die große Stärke des totalen Teamzusammenhalts gibt es in der Form nicht mehr. Die Mannschaft ist kein zerstrittenes Häuflein, das überhaupt nicht. Aber die Tendenz geht doch auch mehr zu Egoshooting und auch zu (sprachbezogenen) Grüppchenbildungen, die gerade in schlechten Phasen zu einem zusätzlichen Problem werden können. Augustin und Bruma sind als Spieler, die in Leipzig den nächsten Schritt machen wollen, aber in ihrer Historie schon mal gehypet waren (Bruma als Talent ala Ronaldo, Augustin mit seinen sehr frühen Einsätzen bei PSG neben Ibrahimovic), sicherlich nicht diejenigen, die das Gerüst bei RB Leipzig bilden können, sondern diejenigen, die ein funktionierendes Gerüst durch individuelle Qualitäten bei gleichzeitiger Eingliederung in die spieltaktischen Abläufe veredeln können. Da eine gute Mannschaftsstruktur zu schaffen, in der das nicht zu Eitelkeiten führt, ist auch eine Aufgabe, die man auf Dauer zu lösen hat.

Damit verbunden ist auch, dass der Kader von RB Leipzig deutlich aus seiner Zweitligazeit herauswächst und dabei natürlich auch Themen wie Verträge und Geld eine immer stärkere Rolle spielen. Wenn man einen Kader hat, in dem viele Spieler ihre Verträge noch aus der zweiten Liga oder aus einer Zeit mit einer Gehaltsobergrenze von 3 Millionen mitgebracht haben und dann plötzlich dort die Augustins, Upamecanos und Co stehen und um die 4 Millionen Euro verdienen, dann macht das nicht nichts mit den Strukturen im Team. Das deuteten auch die Verhandlungen mit Marcel Sabitzer an, der (neben Fragen der Vereinsperspektive) relativ deutlich machte, dass er in der Summe, die im Vertrag steht, auch ausgedrückt wissen will, wie viel Wertschätzung man ihm entgegenbringt.

RB Leipzig ist in den letzten zwei, drei Jahren sehr schnell gewachsen, aber gehaltstechnisch von Dortmund noch Lichtjahre entfernt. Spieler, die jetzt neu verpflichtet werden, verlangen aber natürlich auch finanziell das, was sie sich von einem Verein erwarten, der regelmäßig europäisch spielt. Und das kann dann schon mal mehr sein als das, was die Etablierten, die den Erfolg gesichert haben, verdienen. Natürlich ist das ein Thema, wo finanzielle Hierarchien durcheinandergewirbelt werden. Wenn das dann auf dem Platz nicht mit entsprechenden sportlichen Hierarchien unterlegt wird, kann einem das auch schnell mal um die Ohren fliegen.

Eine Mannschaft, in der in dieser Saison die Befindlichkeiten größer wurden als noch in der Vorsaison. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

Um die Ohren geflogen ist RB Leipzig in der Rückrunde auch das Hasenhüttl-Rangnick-Thema. Ausgangspunkt war die öffentliche Umarmung von Rangnick letzten Dezember, als er auf einer PK neben Hasenhüttl sitzend anmerkte, dass er den Vertrag des Trainers sofort verlängern würde. Woraufhin Hasenhüttl sichtlich unwohl unter Zugzwang war und skurrilerweise den Vorstoß dadurch abwehrte, indem er erklärte, dass der Verein ja erstmal abwarten müsse, wie er nach der Winterpause vielleicht auch mal in einer schwierigen Phase agiert und das Vertragsverlängerungsthema aktuell keins ist. Der Trainer erklärt dem Sportdirektor, wie er in Sachen Trainerverlängerung vorzugehen hat, während der Sportdirektor vorher das Thema Trainerverlängerung schon auf ganz andere Weise angegangen war. Spannend.

Diese öffentliche Umarmung Rangnicks und die freundliche, aber bestimmte Zurückweisung von Hasenhüttl waren der Auftakt für fünf Monate seitdem, in dem die Geschichte zum Dauerthema wurde, bei dem die Beteiligten wie beim Auftakt oft nicht mit gemeinsamer Zunge redeten. Spätestens als Hasenhüttl sich öffentlich bereit für die Vertragsverlängerung zeigte und dann Rangnick das Tempo rausnahm, wurde es endgültig absurd. Dass man es bei dem Thema nicht geschafft hat, von Anfang mit gemeinsamer Zunge zu reden und entsprechend klar zu kommunizieren, müssen sich die Beteiligten vorwerfen lassen, weil es unnötig Unruhe in den Verein und auch in die Mannschaft brachte, bei der im Unterton schon zu hören war, dass sie das Thema beschäftigte. Klar, wenn man darauf auch permanent angesprochen wird.

Sonstso

Insgesamt, das zeigen auch die Themen um die Mannschaft, Grüppchenbildung und Verträge, ist RB Leipzig im zweiten Jahr Bundesliga auf dem Weg zu einem ganz normalen Bundesligisten. Bzw. auf dem Weg zu einem Verein, der die ganz normalen Probleme eines Bundesligisten hat, der zum obersten Drittel der Liga gehören will. Wobei dabei auch noch als Element dazu kommt, dass RB Leipzig erstmals sportlich nicht wächst, sondern irgendwo ankommt, wo es nicht mehr viel weiter nach oben geht.

Das man zu einem normalen Verein wird, trifft vielleicht auch auf die Fanentwicklungen bei einem in einer Großstadt beheimateten Verein zu. Die Zeit der Kuschelatmosphäre scheint erstmal vorbei zu sein. Die Verteilung auf zwei Insititutionen mit dem Fanverband und dem Fanprojekt schien ursprünglich eine gute Idee der Interessensvertretung für unterschiedliche Gruppen, scheint aber auch dazu zu führen, dass man nun stärker ‚die anderen‘ in den Fokus nehmen kann, wenn es Probleme gibt.

Anders gesagt hatte man in den letzten Wochen manchmal den Eindruck, dass die Rasenballisten auch noch Schuld an den Verhältnissen in Syrien haben könnten, so viel wie ihnen bei jeder Gelegenheit angelastet wurde. Gerade nach dem Montagsspiel gegen Leverkusen und dem missglückten Boykott und dem aggressiven Verhalten auf verschiedenen Seiten der Szenerie gerieten die Rasenballisten als eine Gruppe unter vielen, die zum Stimmungsboykott aufgerufen hatten, in den zentralen Fokus. Manchmal hat man das Gefühl, gerade in den Fokus von Leuten, die selbst im Block nicht mal unterscheiden könnten, wer nun den Rasenballisten zuzurechnen ist und wer nicht.

Fakt ist, dass in den letzten Wochen und Monaten ein paar Instrumente in den Fankanon von sagen wir ultraaffinen Gruppen aufgenommen wurden, die sehr an das Instrumentarium von Gruppen anderer Vereine erinnert, über das man sich einst im RB-Umfeld gern lustig machte, wenn es um Boykotte gegen Leipzig ging. Fakt ist auch, dass der Umgang damit zuletzt nicht sonderlich entspannt, geschweige denn tolerant war. Das gegenseitige Aushalten von Meinungen und Ansichten ist nicht sehr verbreitet. Lieber will man dann Köpfe rollen sehen oder ruft den Verein als Ordnungsmacht an, der Gruppen rauszuwerfen hat, wenn diese als Minderheit einen Stimmungsboykott ausrufen. Und auf der anderen Seite stehen dann auch gern mal nur scheinbar coole Jungs, die sich darüber lustig machen, wenn das ‚Eventpublikum‘ im Fanblock beim Versuch, den fehlenden organisierten Support selbst zu übernehmen, in einen Kanon verfällt.

Das alles ist eigentlich als Nabelschau nicht sonderlich interessant, aber es verweist darauf, dass in der Entwicklung der RB-Anhängerschaft sich eher klassische Animositäten entwickeln (bzw. verstärken und Grenzen deutlicher werden, denn da waren die Animositäten eigentlich schon immer, wenn man an Ereignisse wie 12:12 einst gegen Jena denkt). Zusätzlich wird nicht nur der Ton zwischeneinander, sondern auch nach außen aggressiver. Dass es nun schon den zweiten Vorfall gab, bei dem RB-Anhänger bei Auseinandersetzungen Flaschen auf dem Kopf des Gegenübers zerschmetterten, weist in diese Richtung (ohne diese Einzelfälle und ihre Entstehung pauschalisieren zu wollen). Auch das weiterhin existierende Bedrohungspotenzial von L.E. United als Selbstverteidigungsgruppe nach außen und als Ordnungskraft nach innen ist nicht zu unterschätzen. Zumal man zuletzt vor allem bei manch Auswärtsspiel doch ein Stück organisierter und als Gruppe sichtbarer auftrat als noch in der Vergangenheit. Wofür auch immer das perspektivisch sprechen mag.

Oft stimmte der Rahmen, den die RB-Fans bauten, zwischendurch krachte es aber auch mal ordentlich. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

Generell ist diese zweite Saison in der Bundesliga in Sachen Zuschauer den Zahlen nach eine der Konsolidierung. Die Zahl der ausverkauften Heimspiele ist deutlich zurückgegangen. Die Diskrepanz zwischen bestbesuchtem Spiel und schlechtestbesuchtem Spiel ist mit einer Differenz von über 10.000 sehr hoch (wobei die Differenz bei den realen Zahlen noch höher wäre als bei den offiziellen). Der Zuschauerschnitt ist um rund 2.000 Fans gefallen. Die Europa League wurde eher sehr zurückhaltend angenommen. Der erste Bundesliga-Hype ist vorbei. Und wenn dann im Winter drei Heimspiele in kurzer Zeit ausgetragen werden, dann kommt die Müdigkeit selbst bei dem einen oder anderen langjährigen Anhänger schon mal durch.

Auch das dürften relativ normale Effekte sein und den Weg zu einem normalen Bundesligaklub beschreiben. Dass RB Leipzig mal regelmäßig ein Stadion mit über 50.000 Plätzen füllen wird, ist derzeit nur schwer zu glauben. Zumindest wird es da noch ein paar Jahre brauchen, bis vielleicht die nächste Genereation an RB-Fans herangewachsen ist. Vielleicht ist es aber angesichts des generellen Trends eher abnehmender Zuschauerzahlen bei Bundesligaspielen (im Gegensatz zu TV-Zahlen) auch nicht realistisch, dass man überhaupt zu diesem Punkt kommt.

Fazit – verpasste Chancen

Wenn man die Saison als Ganzes nimmt, dann bleibt am Ende der Fakt, dass das Endresultat mit Platz 6 und Viertelfinale Europa Leageu zwar ein gutes ist, das im Rahmen dessen liegt, was man vor der Saison erwarten konnte (bzw. in Europa vielleicht sogar darüber hinaus ging), dass man aber in allen Wettbewerben auch Chancen auf mehr liegen ließ. Weswegen hinter der Saison an vielen Stellen neben dem Ja auch ein Aber steht.

Gerade in der spieltaktischen Entwicklung waren die letzten Monate eher eine kleine Enttäuschung. Strukturen und Abläufe, die nicht funktionierten oder bei Gegenwind in sich zusammenbrachen, waren an vielen Stellen sicherlich auch erklärbar. Aber vieles blieb (mit dem Höhepunkt in Mainz) doch unbefriedigend. Selbst wenn man die Tatsache nimmt, dass man wenig Zeit hatte sich auf die Spiele vorzubereiten.

Gerade die fehlende Fähigkeit, unter Druck auch mal verwaltenden Ballbesitz zu spielen und nicht in wildes Gebolze zu verfallen, war auffällig. Auch die fehlenden Abläufe im Offensivspiel waren in manchen Spielen wie dem in Wolfsburg beispielsweise bemerkenswert. Bei allen Relativierungen in Bezug auf die Herausforderungen der Saison in Bezug auf mentale oder auch physische Dinge bleibt diese fehlende, spieltaktische Entwicklung eben auch erstmal ein Trainerthema. Und entsprechend bliebe dann die Frage, wie man nächste Saison in Bezug auf die Entwicklung einer eigenen Spielidee weitermachen will. Mehr RB-DNA scheint da nicht zielführend zu sein. Zumindest nicht, wenn diese DNA immer noch auf Rückbesinnung auf Pressen und Umschalten beruht. Vielleicht sollte man sich diesbezüglich noch mal ein paar Zweitligaspiele aus der Aufstiegssaison anschauen, um die Probleme dessen zu erfassen. Und damals hatte man noch keine Doppelbelastung..

Es war eine Saison mit wenig Flow. Selbst Erfolge wie das Weiterkommen gegen Neapel fühlten sich (auch für die Beteiligten) nicht wie Erfolge an, weil man diesen im konkreten Fall mit einer 0:2-Niederlage in einem Rückspiel erkämpft hatte, in dem man komplett chancenlos war. Am Ende stand aber am letzten Spieltag in Berlin doch noch eine große Partygemeinschaft vor dem Gästeblock und feierte Platz 6 als erfolgreichen Schlusspunkt unter die Saison. Was nebenbei auch den Mythos widerlegte, dass die Europa League den Beteiligten (also Spielern, Trainer, Fans) nichts bedeutet, sondern nur die Champions League zählt.

Die zweite Saison in der Bundesliga war aufgrund der erstmaligen Doppelbelastung und den veränderten Herausforderungen durch taktisch anders agierende Konkurrenten für RB Leipzig keine einfache. Die Erfahrungen, die man sammeln konnte, können aber Richtung kommender Saison sehr wertvoll werden. Wenn man den Kader zusammenbehält und dort wieder klarere Hierarchien oder sportliche Köpfe heraustreten, könnte man im zweiten Jahr mit Doppelbelastung (hoffentlich auch im Herbst und nicht nur im Juli und August) und Kenntnis der damit verbundenen Herausforderungen durchaus auf neue sportliche Erfolge hoffen (also in der Bundesliga um die Top 4 mitspielen). Dafür wird man aber auch eine spieltaktische Weiterentwicklung und mehr Flexibilität brauchen.

Aktuell darf man gespannt sein, wie RB Leipzig diese Herausforderungen angeht. Eigentlich wäre nach dem Lernjahr Ralph Hasenhüttl genau derjenige, der nun beweisen müsste, dass er die vorhandenen Ideen bei der Entwicklung des Teams auch mithilfe des gesammelten Wissens umsetzen kann. Dass ihm RB dafür eventuell keine Zeit lässt, wäre nicht untypisch für einen Verein, der einst schon bei Zorniger die Reißleine zu einem Zeitpunkt zog, als völlig unklar war, ob der Trainer die richtigen Anpassungen nach den in der ersten Zweitligahinserie gemachten Erfahrungen vornehmen kann. Egal mit welchem Trainer, die Herausforderungen bei der Kaderzusammenstellung, bei der Kaderführung und bei der sportlichen Entwicklung des Teams werden nicht kleiner. Ganz einfach weil die Luft im vorderen Drittel der Bundesliga recht dünn und RB mit gehörigem Abstand hinter Bayern und Dortmund wirtschaftlich-strukturell ein relativ normaler Verein und dazu sehr jung besetzt ist. Dass sich RB Leipzig in diesem vorderen Drittel in seinen ersten zwei Jahren in der Bundesliga etabliert hat, darf man dabei mit dem lachenden Auge als mehr als positives Faktum aus einer Saison mitnehmen, in der man mit dem weinenden Auge aber auch wahrnehmen muss, was RB Leipzig  an guten Chancen liegengelassen hat, sich noch besser zu positionieren.

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Bisherige Bilanzen:

6 Gedanken zu „Bilanz: RB Leipzig in der Saison 2017/218“

  1. So ein toller Blog wieder, aber auf Grund der Ereignisse wird dieser wohl untergehen.
    Leider.
    Selbst mir, der ja gerne unter jenen kommentiert, fehlen ein wenig die Worte.
    Aber gut, Du hast es ja eh alles auf den Punkt gebracht.
    #neapelesk

    (Der Nachfolger von RH sollte auf jeden Fall diesen hier lesen, um zu wissen, mit womit er es am Cottaweg zu tun hat)

    1. Im Gegensatz zur Rasenfunk-Aufnahme hatte ich immerhin den Vorteil den Rückblick immerhin noch vor der Trennung von Hasenhüttl rausschmeißen zu können, von daher passt es schon..

    2. Max hatte es gestern schon angetwittert, das die Rasenfunkaufnahme mit RBL durch sei.
      Schön, das Du am Start bist. Freu mich drauf.

  2. Wie schnelllebig doch die Zeit ist! Nun wissen es nicht nur die am RaBa-Spitzengespräch Beteiligten, sondern das gesamte Fußballvolk im Land, das, mit dem durchgesickerten Ergebnis dieser „Geheimberatung“ während des eigentlichen Urlaubs damit natürlich wiedereinmal bestätigt wird, warum auch im kommenden dritten Jahr dieser Leipziger Verein auch weiterhin am meisten polarisiert! Der insgeheim in Fachkreisen längst auch als selbst ernannter „Professor“ und zeitweilig besonders gern in den PK`s den Reportern mitgeteilten Geschichten der Gebrüder Grimm, Sportdirektor RaRa, versicherte erst zuletzt bei der Verabschiedung von Dominik Kaiser am vergangenem Sonntag vor den laufenden Kameras des MDR zumindest vorab, dass sich natürlich an der vertraglich festgelegten Weiterbeschäftigung des Trainers bis in das nächste Jahr nichts ändert!

    Wie nun mittlerweile bestimmt jedermann weiß, wurde dem Trainer Hasenhüttl, als praktischen Befehlsempfänger der beiden extern eingesetzten Oberen, aber sofort sein Stuhl vor die Tür gesetzt! Die ersten Umfragen in den Medien bestätigen indes, dass diese eigenartige Maßnahme von den Fans mit großer Mehrheit auf Ablehnung und Unverständnis stößt! Immerhin hat der sympathische Bayer mit einem relativ kleinen Kader auskommen müssen, weil seine eigene Vereinsführung trotz aller günstigen Voraussetzungen die U 23-Mannschaft einfach abmeldete, die durch die bekannten Mehrfacheinsätze in der BuLi und in Europa auch aufgrund der vielen Verletzungsausfälle wichtig gewesen wäre.

    Obwohl RaHa seit seinem Amtsantritt im ersten Bundesligajahr neben der Vizemeisterschaft auch noch die CL und in dieser Saison ein guter 6. Platz und zusätzlich gerade noch die EL- Quali erreicht werden konnte, war es wohl für das Duo der Vereinsspitze scheinbar zu wenig. Oder hat vielleicht doch der weit entfernte „große Boss“ am Rad mitgedreht? Hat das zwischenzeitliche Schielen des Ex-Trainers nach München die Beiden vielleicht doch beleidigt, die mit dem Abbruch der Vertragsverhandlungen für eine vorzeitige Verlängerung zumindest klar andeuteten, dass die vorgespielte Freundschaft doch nicht so intensiv mehr ist? Wo blieben plötzlich die zuerst vorhandenen menschlichen Gefühle? Wäre eine Konzentration nur auf den Bundesligaalltag nicht besser gewesen, die bei einer evtl. angestrebten erneuten CL – Teilnahme bestimmt mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag erbracht hätte? Das wird die Vereinsführung vermutlich am meisten gewurmt haben, da RaRa aus finanziellen Mindergründen ohnehin nicht viel von der EL hielt? Hätte nicht in der letzten Transferperiode RaHa`s Forderungen nach mehr Spielern Rechnung getragen werden müssen, nachdem man bereits die „Keita-Millionen“ schon dafür einplanen konnte? Fragen über Fragen, die allerdings nun keine Rolle mehr spielen sollten! Der Fall zeigt erneut, dass die ständige Fluktuation in diesem Verein auch am Ende dieser Saison kaum unterbrochen und sich noch weiter fortsetzen wird.

    Auch Dir, lieber RBB, wäre zu wünschen, dass Du Deine akribische Arbeit für diesen Verein etwas runter fährst oder Dich zukünftig gar woanders etablierst, wo auch die Unterstützung jeglicher Art vielleicht etwas höher ausfallen könnte.

    Dem RaHa würde ich empfehlen, falls ihm kein Superangebot eines z.Z. trainerlosen anderen (Spitzen-) Vereins vorliegen sollte, dass er mit juristischer Hilfe eine zu erwartende (lukrative) Abfindung ablehnt, um den Vertrag bis 2019 dafür „aussitzen) zu können, so, wie es Torhüter T. Wiese vor Jahren bei Hoffenheim praktizierte und damit für helle Aufregung sorgte……

    Achtung!
    Das gerade von mir Geschriebene ist nach den übereinstimmenden letzten Meldungen der Medien inhaltlich schon wieder nicht mehr aktuell, bleibe aber dabei, damit meine Gedanken nachzuvollziehen sind.

    Plötzlich soll aber RaHa um die Auflösung gebeten haben! Das kann dann aber nur möglich gewesen sein, wenn der Ex-Trainer schon vor dem Gespräch genau wusste, wo er demnächst „andocken“ könnte, was im Klartext nichts anderes heißt, dass bereits ein unterschriftsreifer Vertrag in Dortmund, Frankfurt oder sonst irgendwo in der Schatulle irgend eines Vereinspräsidenten liegen muss. Egal, was noch alles im Verborgenem liegt, es haben leider alle Beteiligten verloren, was auch für viele andere daran Unbeteiligte noch zukünftig zu spüren sein wird! Wer sich im Nachhinein nämlich die verschiedenen Fernsehberichte nochmals anschaut, der wird spätestens dann auch die sich abwechselnden schauspielerischen Eigenschaften des Trios schnell erkannt haben. Das sind Belege dafür, dass es in der Realität nicht erst seit heute etwas mehr im RaBa – Getriebe knirschte als zuvor angenommen! So wird der sich von Leipzig zu verabschiedende „Reisende“ mit (noch) unbekanntem Ziel zumindest eine nette Abfindung im Gepäck haben….. Mit Sicherheit wird aber bei jedem Nennen des trotzdem nach wie vor umstrittenen Vereins stets der Name Ralph Hasenhüttl , der von den echten Fans nur noch „Hasi“ genannt wurde, eine „fiktive“ Rolle spielen!

    Sein glanz- und gefühlloser Abschied, nach einer bisher in Leipzig kaum erlebten Welle des Erfolges, hätte bestimmt ein wenig vornehmer ablaufen können……..

    Noch eine persönliche Anmerkung meinerseits:

    Wie die ausführliche Rückblende von RBB, stammt auch der erste Teil von mir aus der Zeit vor der offiziellen Trennungsbestätigung. Was danach aus meiner Sicht empfunden wurde, folgt im unteren Abschnitt!

  3. So, jetzt doch.
    Ich finde nach wie vor es Klasse, wie Du nach den letzten Tagen so eine Analyse hinzauberst. Sprich die staken Siege gegen Wob/BSC und dann das Hasenhüttl – Aus.

    Mein Glas ist halbvoll mit Tendenz zu Leer.
    Leider.
    Ich hatte das Glück mit @crank auf der Rückfahrt von Berlin die Saison durch zu gehen und wir fragten uns, wo RBL mal Spielglück hatte. Das war eben mMn BMG und H96 auswärts. 4 gewonnene Punkte. Und dann die Frage wo man die 7 Punkte die zur CL benötigt waren liegen gelassen haben. Und das waren einige wie die Führungen bei Köln, Freiburg, Mainz etc.

    Vom Bauchgefühl waren die Spiele nach CL allesamt punktuell in Ordnung. Nur hat Hasenhüttl trotz Belastungssteuerung es nicht geschafft bei den engen Spielen von aussen so zu Einfluss zu nehmen, das 3 Punkte auf der Habenseite stand.

    Im Oktober in der CL+DFB Pokal hat es super funktioniert, aber nach der Rückrunde eben weniger. Klar, da kommt auch Pech dazu, wenn Spieler wie Halstenberg, Forsberg, Sabitzer teilweise verletzt ausfallen und einer wie Keita bzw Werner nicht wie in der Saison zuvor der Unterschiedspieler ist.

    Und da kommt eben hinzu, das man bei einigen Spielern (Klostermann, Bernado, Orban, Poulsen etc) keinen Fortschritt sah bzw Staknation (Forsberg, Werner, Keita) , was natürlich brutal schwer ist nach so einer Vorsaison und soll aber jetzt nicht so negtiv rüberkommen. Aber da kommt das Trainerteam ins Spiel. Da hätte ich mehr erwartet das man da besseren Einfluss findet.

    Bin jetzt sehr gespannt, wer bei Dir nun der Spieler der Rückrunde wird.
    (Für mich ist es Konny Laimer, der in das kalte Wasser Rechtsverteidiger geworfen wurde und es überzeugend umsetzte)

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