Ein bisschen mehr Vielfalt wagen. Oder: Keiner mag Ballbesitzfußball.

Ich hatte es ja im Rahmen der Europa-League-Duelle schon erwähnt, dass mich der SSC Neapel bzw. der Fußball, den Trainer Maurizio Sarri spielen lässt, durchaus sehr fasziniert. Gewöhnlicherweise sind meine Blicke in andere Ligen selten, von daher war der erste Reflex auf das Los eher der Gedanke an eine langweilige italienische Liga mit viel Defensivqualität. (Zugeben, dass Neapel irgendwas anders macht, hatte ich schon mal irgendwo gehört und waberte im Hinterkopf auch herum.)

Und dann schaut man sich das Team einmal an und dann ein zweites Mal und vielleicht noch ein drittes Mal und mit jedem Mal Hingucken wuchs das Staunen darüber, was der SSC macht . Bzw. darüber wie der Verein seine Gegner zu knacken versucht, denn naturgemäß funktioniert das auch in Neapel nicht jede Woche gleichermaßen.

Was der SSC Neapel macht, ist vielleicht das Anti-Prinzip von dem, was in der Bundesliga so als erfolgsversprechend gilt. Denn das Sarri-Team will den Ball und die Kontrolle über das Spiel und ist in der Lage von hinten und aus dem Ballbesitz heraus gefährlich zu werden, auch wenn man dabei das gegnerische Mittelfeld durchspielen muss.

60% Ballbesitz und 88% Passquote sind erstmal nur Zahlen. Dafür könnte man auch (sorry) wie Hertha an manchen Tagen spielen und sich den Ball permanent zwischen Innenverteidigung und Torwart hin- und herpassen. Genau das macht man aber nicht, denn bei Neapel-Spielen passiert im Vergleich mit allen anderen Vereinen der Serie A im eigenen Verteidigungsdrittel am wenigsten.

Ballbesitz ist in Neapel kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Mannschaft und den Ball mit sehr viel Präzision in die gegnerische Hälfte zu schieben. Immer wieder bildet man dafür vor allem auf den Außenpositionen mit Achter, Außenverteidiger und Sechser Passspiel-Dreiecke und wenn das nicht funktioniert, dann geht es irgendwo Richtung Mitte oder auf die andere Seite. Aber eigentlich geht es bei diesem Spielchen nur um eine Position, von der aus man direkt die beiden Außenstürmer Insigne oder Callejon einsetzen oder mit Achtern oder Außenverteidigern eingreifen kann oder viel wichtiger um eine Position, von der man den Ball flach zentral an den gegnerischen Strafraum bringen kann. Wenn der Ball dann erstmal dort ist, lässt ihn meist Mertens als zentraler Stürmer zu einem nachrückenden Achter klatschen, der ihn dann wiederum durchstecken oder selbst verwerten kann. Oder Mertens nimmt den direkten Ball und verlängert ihn nach außen auf Insigne oder Callejon oder spielt einen Doppelpass an der Strafraumkante.

Der Punkt dabei ist, dass der präzise Spielaufbau aus dem Ballbesitz heraus seine Veredelung im gegnerischen Drittel durch klare Abläufe am und im Strafraum hat. Es gibt wenig wichtigeres im modernen Fußball als gegen all die Teams, die vor allem am Strafraum gut verteidigen können, einen Weg zu finden, den Ball nicht nur ins gegnerische Drittel zu befördern, sondern dort auch was mit ihm anstellen zu können. Strafraumbesetzung ist dabei ein Thema. Das gleichzeitige Einlaufen mehrerer Spieler erschwert das Verteidigen schon mal deutlich, genau wie eine Aufteilung zwischen Spielern, die zwischen den Innenverteidigern agieren oder sich im Rückraum aufhalten (wenn man denn schon mal in die Position kommt, von außen zu flanken). Und dann braucht es mit dem Klatschen lassen aus zentraler Position oder dem direkten Weiterleiten von dort die entsprechenden Mechanismen und Laufwege, um auch immer wieder aus guten Feldpositionen in gute Abschlusspositionen zu kommen und nicht wie beispielsweise RB Leipzig in Wolfsburg vor der Winterpause 40mal mit dem Ball am Fuß am Strafraum stehend zu verhungern.

Es ist diese Mischung aus präzisem Passpiel im Mittelfeld (wenn man mal von diesen 30 Minuten im Europa-League-Hinspiel gegen Leipzig absieht) und Lösungen am Strafraum, die Vertikalität, Geschwindigkeit und Tiefgang beinhalten, die das Prinzip SSC Neapel so hervorragend machen. Manifestiert in einem Tor am Montag im Ligaspiel gegen Cagliari, als bei dem Treffer alle elf SSC-Spieler beteiligt waren. Mit Ruhe von hinten heraus und dann in den entscheidenden Zonen in der gegnerischen Hälfte schnell und tief und Tor. Auch die beiden Führungstreffer gegen Leipzig waren typische Neapel-Tore. Ball zentral an den Strafraum und von dort Klatschenlassen oder Weiterleiten auf die Halbaußen und Tor.

Das ist in der Spielidee (und wir reden ja auch nicht von einem Verein mit der Spielerqualität von Manchester City oder Juventus Turin) unglaublich gut und vor allem auch unglaublich gut anzusehen. Aber es ist offenbar auch etwas, wofür es ein bisschen Anlauf brauchte. Seit 2015 arbeitet Maurizio Sarri beim großen SSC Neapel, der zwischenzeitlich aber auch mal groß in der zweiten Liga verschwunden war und von dort erst 2008 wieder zurückkam. 2,16 Punkte im ersten Jahr. 2,26 Punkte im zweiten Jahr. Und nun 2,65 Punkte im dritten Jahr und die große Chance, italienischer Meister zu werden. Wenn da denn nicht Juve wäre, die das Tempo bisher noch mitgehen und trotz der zehn Ligasiege am Stück des SSC mit vier Punkten Rückstand und einem Spiel weniger noch ganz dicht dran sind. Ein bisschen erinnert die Situation an die erste Tuchel-Saison in Dortmund, als der BVB eine herausragende Saison spielte, aber am Ende nur Zweiter hinter den Bayern wurde. Dortmund holte damals allerdings ’nur‘ 78 Punkte. Neapel ist aktuell auf Kurs (auf die Bundesliga gerechnet) 90 Punkte. Den Punkterekord in der Bundesliga halten die Bayern mit 91 Punkten 2012/2013 unter Heynckes..

Interessant am Prinzip Neapel vielleicht vor allem die komplette Konstanz im Spielerkader über die bisherigen drei Sarri-Jahre. Neun der in dieser Saison elf meisteingesetzten Spieler gehörten schon in den vergangenen beiden Spielzeiten zu den elf meisteingesetzten Spielern. Und hätte sich Linksverteidiger Ghoulam nicht verletzt, dann wären es sogar zehn. Wenn man bedenkt, dass Sarri meist mit den elf gleichen Startspielern von Woche zu Woche durch die Liga geht, dann hat sich die Startformation über drei Jahre praktisch komplett nicht verändert. Nach dem ersten Sarri-Jahr hat man Higuain verloen und dafür dann Mertens eingebaut (der vorher meist Einwechsler war). Im zweiten Sarri-Jahr bekam Zielinski mehr Spielzeit als Allan. Nun ist es andersherum. Bis auf Linksverteidiger-Ersatz Mario Rui waren alle elf meisteingesetzten Spieler der aktuellen Spielzeit schon vor knapp drei Jahren Teil und vor allem auch essenzieller Teil des SSC Neapel.

Aber spannen wir den Bogen nach Deutschland. Da äußerte zuletzt Kevin Kampl im Podcast Zweierkette folgendes:

Niemand kann die Bayern kopieren. Wer versucht, ihren Spielstil zu imitieren, aber nicht die spielerische Qualität dazu hat, wird eiskalt bestraft. Bayern ist auf einem anderen Level, sie haben ganz andere Möglichkeiten. Wir sollten nicht versuchen, Bayern nachzumachen, sondern andere Möglichkeiten finden, um sie zu stoppen.

Vereinfachen wir die Dinge mal und sehen die Bayern in der Linie des SSC Neapel (was in vielerlei Hinsicht tatsächlich arg vereinfacht ist) als ein Team, das aus dem Ballbesitz heraus gegen Gegner Chancen herausspielen muss, deren Fokus auf der Defensive liegt. Und nehmen wir entsprechend mal an, dass das Zitat Kampls die Absage an eine Spielidee ist, die sich vornehmlich auf Ballbesitz und Spielkontrolle fokussiert.

Womit Kampl natürlich in der Bundesliga voll im Trend ist. Denn die Liga definiert sich aktuell in weiten Teilen als eine (Gegen-)Pressing- und Umschaltliga mit Fokus auf der Vermeidung von Fehlern in zentralen Positionen auf dem Feld. Wer die erste Halbzeit zwischen Freiburg und Leipzig zuletzt gesehen hat, der hat eine gute Idee, wie sowas dann im Extremfall aussieht.

Klar hat Jürgen Klopp mit seinem ‚Gegenpressing ist der beste Spielmacher‘-Grundprinzip einen erheblichen Anteil daran, dass die Bundesliga diesen Weg gegangen ist. RB Leipzig hat zuletzt im Aufstiegsjahr gezeigt, dass man mit Kompaktheit und Umschaltspiel direkt in die Champions League einziehen kann. Aber irgendwie ist es doch erstaunlich, dass jenseits der Bayern kaum jemand Ballbesitz als seine durchschlagende Spielidee begreift, sondern man es wenn dann als Übel begreift, das man vom Gegner zugeschoben bekommt.

In Leverkusen versuchte man es diese Saison gern auch mit spielerischen Mitteln, ist aber in vielerlei Hinsicht weiter ein Team dessen Pfand die Geschwindigkeit im Umkehrspiel ist. Dortmund hat sich erst komplett auf Pressing eingeschworen, bevor man zu Stöger wechselte und nun im Ballbesitz erst recht kaum noch funktionierende Lösungen hat. Hoffenheim hat das letzte Saison aus der Ballkontrolle heraus sehr gut gespielt, kämpft aber diese Saison neben anderem auch mit einer wesentlich geringeren Kaderqualität. Und dann war es das in Sachen Teams mit überdurchschnittlichem Ballbesitz abgesehen von RB auch schon.

In Leipzig hatte Ralph Hasenhüttl vor der Saison eigentlich das Ballbesitzspiel durchaus im Blick. Damals sprach er davon, dass man noch mal einen besonderen Fokus auf das Positionsspiel im Ballbesitz legen würde. Diese Idee der Weiterentwicklung stoppte dann aber vor der Winterpause mit ausbleibenden Resultaten (weil man den Ballbesitz nicht durch entsprechende Abläufe im Strafraum veredelt bekam). In der Rückrunde setzte man dann früh auf Pragmatik und setzte sich als Ziel, dass die Gegner wieder mehr den Ball kriegen, damit man ihn dann in passenden Zonen erobern kann. Das funktionierte gegen Schalke und Augsburg auch ganz gut.

Zuletzt gegen Köln versuchte man es allerdings dann wieder mit einer sehr dominanten, sehr spielstarken Formation, was nur eine Halbzeit funktionierte, bevor man mit der Spielstärke an einer aggressiveren Verteidigung der Kölner zerschellte. Ein wenig bleibt nicht nur angesichts der unterschiedlichen Spiele das Gefühl, dass es unterschiedliche Ideen zur spieltaktischen Weiterentwicklung bei RB Leipzig gibt. Rangnick gab vor der Winterpause den Auftrag aus, wieder zur RB-DNA zurückzukehren (was als Anlaufen, Rennen und Umschalten interpretiert wurde). Yussuf Poulsen erklärte nach dem Spiel gegen Köln, dass man mehr „arbeiten“ und nicht immer „kurz, kurz spielen“ müsse. Hasenüttl sah derweil nach dem Spiel offenbar eher das Problem, dass man in der zweiten Halbzeit eben nicht mehr vernünftig „kurz, kurz“ gespielt hatte und somit die fußballerischen Qualitäten dahingingen und vornehmlich gebolzt wurde, was den Verlust der Dominanz mit sich brachte.

Interessant in dem Zusammenhang vielleicht, dass Hasenhüttl nach dem Neapel-Spiel auf Nachfrage durchaus mit Begeisterung von den Spielelementen des SSC Neapel, also von Ballbesitz mit Präzision und Tiefgang sprach und dies als Teil künftiger Entwicklungen bei RB sah. Der Coach scheint also, das wäre auf einer Linie mit seinen Aussagen vor der Saison, schon weiter Bock auf Ballbesitz als Ergänzung zu Gegenpressing und Aggressivität (wie es ja auch in Neapel sehr gut gespielt wird) zu haben. Nur dass es im Tagesgeschäft offenbar schwer umzusetzen ist. Zumal mit einem Team, das komplett aus einer Gegenpressing-Idee kommt und nicht auf allen Positionen die größten fußballerischen Feingeister hat und das ja auch unter Rangnick nicht wegen seinem fußballerischen Zauber (mal abgesehen von individueller Qualität wie bei Forsberg) aus der zweiten in die erste Liga aufgestiegen ist.

Es ist und bleibt halt interessant, dass es in Deutschland keine wirkliche Sarri-Entsprechung in Form von Ballbesitz-Orientierung im Sinne von einem liebevollen Bekenntnis zum Ballbesitz gibt. Vielmehr scheint diesbezüglich eher die Angst vorzuherrschen, wie auch Kevin Kampl demonstriert, dass man mit so einem Fußball doch eh nur scheitern kann.

Wobei eben Neapel (sehen wir mal über 30 katastrophale Minuten gegen Leipzig hinweg) diese Saison sehr wohl beweist, dass ein Ballbesitzfokus auch mit einem Team, das nicht so gut besetzt ist wie es das beste Team der Liga sein mag, Erfolg feiern kann. Weil man über Jahre konstant mit einem Team arbeiten konnte und man sich der entsprechenden Idee verschrieben hat.

Auch darin könnte für die Bundesliga ein Problem bestehen. Denn diese Kontinuität kann keine Mannschaft der Liga garantieren. Bei gleich zehn Bundesligisten ist der Cheftrainer höchstens seit letztem Sommer, also noch nicht mal eine Saison im Amt. Mit Pal Dardai und Christian Streich sind lediglich zwei Trainer schon wesentlich länger als zwei Jahre im Amt. Bei Dardai sind es gerade drei, bei Streich sind es schon mehr als sechs. Streich ist es dann auch, der immer auch gern Fußball hat spielen lassen, aber diese Idee in der physischen zweiten Liga angesichts der Gegnerschaft zugunsten der Jagd nach dem zweiten Ball und dem Umschalten aufgegeben hat und in der ersten Liga davon kaum abgewichen ist.

Dabei ist Freiburg das Team, das zwar nicht das Problem mit der Trainerkonstanz hat, dafür aber umso mehr am Kader jedes Jahr aufs Neue zaubern muss. Ein gutes Jahr in Freiburg und die zwei, drei wichtigsten Positionen muss man wieder neu besetzen. In eine Situation wie der SSC Neapel, drei Jahre am Stück praktisch mit derselben Mannschaft zu spielen, wird man in Freiburg nie kommen. Entsprechend wäre es auch verwegen, wenn man ausgerechnet vom Streich-Team erwarten würde, dass sie ihre Gegner mit Ballstafetten überspielen und laufen lassen.

Wichtig vielleicht auch, dass es abseits der Bayern in der Liga keinen Verein gibt, der seine besten Spieler im Fall der Fälle nicht verkaufen müssen würde (weil er das Geld braucht oder der Spieler drauf drängt oder eine Ausstiegsklausel vorliegt), zumal wenn diese Liga immer mehr eine Ausbildungsliga wird, in der man Talente entwickeln will (die dann nach ihrer Entwicklung irgendwo anders spielen wollen). 28 Jahre ist die Startelf des SSC Neapel im Schnitt. Das hat neben mehr Ruhe am Ball durch Erfahrung auch den Vorteil, dass da viele Spieler darunter sind, die nicht den nächsten Schritt machen wollen, sondern bereits irgendwo angekommen sind, wo sie nicht mehr zwingend weg müssen.

Aber trotz allem bleibt es erstaunlich, dass es in Deutschland praktisch keinen Verein gibt, der sich klar dem Ballbesitz als gewollter Philosophie verschreibt. Es bleibt immer das Gefühl, dass hinter den Bayern nur noch Vereine sind, die etwas zu verlieren und nichts zu gewinnen haben. Und wenn sie etwas gewinnen können, dann geht es über Fokus auf Desktruktivität mit dichtem Verteidigen und Umschalten wesentlich schneller. Sprich, es ist eben einfacher Island zu werden als der FC Barcelona unter Guardiola.

Den Trainern kann man dabei nicht mal einen großen Vorwurf machen. Wie man an Hasenhüttl sieht, geht es halt an einem bestimmten Punkt (gerade bei einem Verein mit extrem ehrgeiziger sportlicher Leitung und Zwang zur wirtschaftlichen Entwicklung) um Pragmatik. So wie es für die meisten Trainer von Tedesco bis Hollerbach, die in die Bundesliga kommen, erstmal darum geht, ihr Team defensiv zu stabilisieren. Gute Spielaufbaustrukturen sind ein nice to have, aber wichtiger sind Kompaktheit und das Vermeiden des Laufens in die Fallen des Gegners.

Vielleicht gibt es ja auch mal wieder eine Trendwende. Es geht dabei ja auch gar nicht darum, dass 18 Teams gern Ballbesitz haben wollen sollen. Es ist eher die Frage, warum es in der Bundesliga relativ wenig Mut auf Vereinsseiten gibt, auch mal gegen den Trend einen Weg zu gehen, der Pressing- und Umschaltmuster als Ergänzung zu einem Kontrolle ausübenden Spiel mit dem Ball sieht und nicht andersherum. Dass es Trainer (wie einen Hasenhüttl) gibt, die darauf Bock hätten, ist ebenso unanzweifelbar wie die Tatsache, dass man diese Art von Qualitäten (siehe Bayern) braucht, wenn man auch dauerhaft ein Topteam sein will.

Die aktuelle Situation hinter den Bayern mit dem Schneckenrennen um die Europapokalplätze könnte es ja auch deswegen geben, weil alle Teams auf hohem Niveau um die Plätze kämpfen und sich in ihrer Ausgeglichenheit gegenseitig die Punkte abjagen. Aber es ist doch eher der Tatsache geschuldet, dass die Spielansätze der Vereine keine Dominanz und damit auch keine punktetechnische Konstanz ermöglichen.

Zwölf Punkte holte beispielsweise RB Leipzig aus den letzten zehn Spielen. Darunter die Partien gegen Mainz, Wolfsburg, Hertha, Freiburg, HSV und Köln. Sechs Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte, gegen die kein einziger Sieg heraussprang. Mit drei Punkten musste man sich in diesen Spielen begnügen. Aus den vier Spielen gegen die obere Tabellenhälfte holte man derweil drei Siege, zwei davon waren Siege durch klaren Umschaltfußball. Auch diese Bilanz könnte man sehr wohl als Problem von fehlender fußballerischer Klasse und Dominanz interpretieren. Wenn man nicht der Meinung ist, dass man auch gegen Köln oder Mainz den Ball abgeben und abwartend spielen sollte.

Klar, dass es in einer engen Liga wie der Bundesliga für Vereine schwer ist, mal eben auf eine Spielidee zu setzen, die mehr Risiko mit sich zu bringen scheint als Erfolgsaussichten. Zumal in einer Liga, aus der man am Ende absteigen und schnell mal in der Bedeutungslosigkeit verschwinden kann. Vielleicht guckt der eine oder andere unter Deutschlands Verantwortlichen aber doch mal nach Italien und sieht, dass man vielleicht auch perspektivisch mit etwas erfolgreich sein kann, was nicht unbedingt der Trend in der heimischen Liga ist. Schlecht für die Liga wäre ein bisschen mehr Vielfalt in keinem Fall.

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Im Netz des SSC Neapel verfingen sich die Spieler von RB Leipzig im Rückspiel 90 Minuten lang. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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6 Gedanken zu „Ein bisschen mehr Vielfalt wagen. Oder: Keiner mag Ballbesitzfußball.“

  1. Sehr guter Text! Auch ich war begeistert von Neapels Abläufen im letzten Drittel. Sehr schlaue Läufe und Positionierungen ohne Ball. Gerade Laimer wurd sehr oft herausgelockt und dann gings über diese offene Seite ab in den Straufraum.
    Die Frage ist für mich, ob R.Hasenhüttl (Ballbesitz mit entsprechendem Positionsspiel im letzten Drittel) nicht darf oder nicht kann. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Einsätze von Augustin, der generell eine gute Positionierung, ein sehr gute Ballverarbeitung und gute intuitive Lösungen für das Spiel im und am Strafraum hat (Er müsste doch auch eine sehr gute +/- Statistik haben?!). Mit ihm sieht das Spiel im Ballbesitz im letzten Drittel immer etwas besser für mich aus.
    Die mannschaftstaktischen Abläufe/Automatismen (vor allem raumschaffende oder lockende Läufe ohne Ball) fehlen aus meiner Sicht im letzten Drittel. Wenn man nicht mit Tempo ins letzte Drittel (durch Umschaltsituationen) kommt, ist das alles sehr statisch. Da geht eigentlich nur was durch die intuitiv gute Positionierung/Läufe von Sabitzer oder Augustin. Oder durch Forsbergs Direktablagen.
    Mal sehen, was die nächsten Wochen bringen.

  2. Hinspiel in Neapel sah ich im TV. Dort hat man in der 1. Halbzeit definitiv einen guten und allerdings nach vorn wenig ambitionierten Job gemacht – Stichwort Risiko minimieren. Gegen einen athletisch nicht übermächtigen und spielenden Gegner, genau das kann RB….

    Dann kamen in HZ 2 nach dem Gegentor mal 30-40 min „guter alter“ RB-Überfall-Fußball, auch mit freundlicher Mitwirkung von Neapel. Die schienen nach dem 1:0 irgendwie zu meinen, der Drops sei damit gelutscht. Nach m.E. für ein Auswärtsspiel gegen einen favorisierten und spielerisch starken Gegner eine legitime und völlig richtige Taktik.

    Habe danach sowohl Neapel als auch Köln im Stadion gesehen, für mich sind die beiden Spiele von der jeweiligen (Tabellen)konstellation und der daraus resultierenen Taktik (Matchplan) allerdings überhaupt nicht vergleichbar.

    RH hat für mich bzgl. dem Rückspiel gegen Neapel nicht so unrecht, wenn er meinte, das Weiterkommen zu sichern, war wichtiger als schöne Offensive mit dem Risiko früh Tore zu kassieren. Fokus lag demzufolge klar auf Defensive, vielleicht ein bissel zu sehr.
    Ja, das sah nicht so gut für den Zuschauer aus….und ja, ganz viel Ballbesitz Napoli und noch mal ja, es sah schon seitens Napoli spielerisch schon verdammt gut aus.
    Aber total an die Wand gespielt hat man RB eben damit auch nicht so wirklich zwingend.
    Bis doch noch das 2:0 fiel, zu unserem Glück war das schon sehr spät im Spiel.

    kleiner Reminder: unsere IV dabei waren Upamecano + Konate. Dazu Laimer (als AV noch in „Umschulung“) und Bernardo als „Senior“ dieser 4er-Kette. Auch Bernardo wäre ohne die Halstenberg-Verletzung eher kein Stammspieler.

    Köln war bzgl. Taktik der Verfall ins andere Extrem……mein erster Satz nach der Verlesung der Aufstellung war „Puh, mega-offensiv….“
    Und hier zeigt sich m.E. ein grundsätzliches Problem. In der 1. HZ hat man Köln voll dominiert, aber halt wieder mal nur 1 Tor aus 6-8 Chancen gemacht.
    Und in der 2. HZ kamen die Kölner mit Wut im Bauch und Ehrgeiz zurück.
    Gegenläufig bei RB schwanden auch etwas die Kräfte, z.B. Kampel wirkte immer müder. Obwohl er weiter rackerte und nach meinem Geschmack viel zu oft den Ball „nehmen musste“ …..Stichwort, offensive Lösungen finden.

    Man konnte m.E. auch relativ deutlich sehen, dass dieser eigentlich spielerisch starke, aber auch „neue“ Offensiv-Verbund defensiv eben nicht so eingespielt wirkt und unter dem Pressing-Druck des nun offensiveren Gegners zunehmend unterging.

    Versuch eines Fazit:
    RH steht m.E. vor einem Dilema: Ballbesitz-Fußball eintrainieren in Zeiten von immer noch vorhandener Doppelbelastung, aber wie? Wann (und teilweise mit wem?) diese neuen und anderen Automatismen dafür einstudieren, bis das „blind“ sitzt? Gleichzeitig aber die alten Pressing- und Umschalt-Tugenden beibehalten und damit auch Spiele gewinnen.

    Ergänzt wird das Ganze um Druck aus der Tabellensituation und dem Quasi-Zwang, den europäischen Startplatz wieder einfahren zu müssen. Da schafft ein ztw. „back to the roots“ wie gegen Augsburg, eben mal auch Punkte und Entlastung in der Tabelle.

    Weiteres Argument: Für Ballbesitz-Fußball muss man die spielstarken und auch bissel genialen Spieler dafür haben. Und die müssen auf so ein Offensivkonzept miteinander eingespielt sein. Wir sehen: Keita geht, es gibt immer mal wieder Unruhe um Forsberg und neu auch etwas um Sabitzer.
    Diese Leute hält man selbst mit deutlich höheren Gehältern nicht längerfristig, wenn man 2018/19 nicht international spielen kann. Und genau mit denen wäre das Ballbesitz-Spiel zu „erfinden“.

    Ja Sarri hat eine beeindruckende Manschaft, die echt toll spielt. Aber die Zeit, die er dafür brauchte, hat er gekriegt oder sich nehmen dürfen.
    Und genau das hat und hatte RH – zumindest in dieser Saison – nicht.

    Irgendwie ist das momentan ein Züchten einer spieltaktischen Woll-Milch-Sau unter beachtlichen Zeit- und Ergebnis-Druck.
    Vielleicht müssen wir alle auch einfach wieder mehr Geduld mit Trainer und Team haben und mit etwas weniger Erfolg für uns selber auch mal klar kommen?

  3. @MF: Ja, Augustin ist weiter der beste RB-Spieler in Sachen +/-. Und erstaunlicherweise ist er auch der RB-Offensivspieler, der die wenigsten Schüsse pro Tor braucht (wenn man mal Lookmann außer acht lässt, der noch zu wenig Spielzeit hat)..

    @Frank: Ja, ich weiß, man muss immer mal seine Ansprüche einnorden. Wenn ich mal wieder Stuttgart gegen Frankfurt geschaut habe, tue ich das auch. Ein bisschen Rangnick-Gen habe ich scheinbar in mir und sehe häufig zuerst die Fehler im Spiel und nicht nur das Gute. Im Artikel hier ging es auch gar nicht so sehr darum, RB anzukacken, sondern eher darum, dass ich mich gewundert habe, dass es nicht mehr Bundesligisten gibt, die Sarri-Fußball versuchen. Und RB sitzt scheinbar irgendwie gerade zwischen allen Stühlen. Ich glaube übrigens nicht, dass man zehn Messis braucht, um Sarri-Fußball zu spielen. Nur Zeit, um die Abläufe zu trainieren und die Idee. In Hoffenheim hat es letzte Saison mit einem guten, aber nicht überragenden Kader ja auch ganz gut funktioniert, Ballbesitz zu spielen.

  4. Was soll man dazu sagen?!
    Einfach wunderbar!
    Willkommen im #TeamNapoli

    Ach ja, hättest Du auch den Blog geschrieben, wenn Du nicht auf der PK diese Eingebung hattest und bei RH wegen Neapel nachgefragt hast? ;-)
    (Ich sehe immer noch das Leuchten in den Augen von RH!)

    1. Ja, der Blog wäre auch ohne Hasenhüttl entstanden. Hat sich nur angeboten, ihn das zu fragen, weil Sarris Spielweise eigentlich auch sehr gut zu Hasenhüttls 4-3-3 passt und es hat sich hier gut einbetten lassen.

  5. Ist bei „RaBa“ plötzlich etwas Sand im Getriebe?

    Nach den letzten Ergebnissen scheint diese bisher hochgelobte Leipziger Truppe sich gerade durch das Tal der Tränen durchzuquälen, wobei die nächsten Begegnungen auch kein Anlass sein dürften, unbedingt auf Besserung zu hoffen! Wenn man die Berichte der verschiedenen Medien verfolgt, werden die Beobachter im jeweiligen Stadion oder an den Fernsehgeräten garantiert immer schmunzeln, wenn nach den Spielen mit unterschiedlichen Ergebnissen die Trainer ihre Jungs nochmals, gebeugt und mit umschlungenen Armen, am Mittelkreis aufstellen lassen, um, wie z. B. in den Handballhallen nach nahezu jeder Spielunterbrechung (!), für die Zukunft zu dokumentieren, dass die Beteiligten weiterhin zum Kämpfen bereit sind……Um ehrlich zu sein, wäre es doch besser, die gerade erfolgten positiven oder negativen Geschehnisse intern und dafür gründlicher bei der nächsten Besprechung in den Tagungsräumen auszuwerten.

    Genauso empfinde ich es als fast kindisch, wenn „nach“ den Spielen und noch im Stadion vor den abwandernden Zuschauern die Reservespieler zeigen müssen, welche Sprintqualitäten diese haben, obwohl sie zuvor anderthalb Stunden, oftmals mit Decken umhüllt, unbeobachtet auf der Bank saßen! Selbst die aktiven „Hauptdarsteller“ werden häufig noch verpflichtet, nach dem Abpfiff praktisch in Zeitlupe „auszulaufen“. Wir waren früher immer froh, danach schnell in die Kabinen zu verschwinden, um sich danach unter den warmen Duschstrahlen mit der heimlich geklauten Seife oder vom gut riechenden „Boty Lotion“ des Nachbarkumpels wieder zu erholen……

    Wenn es allerdings bereits schon während des Trainings zu sprachlich begründeten Gruppenbildungen unter den Spielern kommt, fehlen entweder Dolmetscher oder mangelt es am allgemeinen Willen der „eingekauften“ Akteure, deutsch zu lernen! Hier fehlt einfach das Sprachengenie, Compper, das bestimmt gerade in dieser Zeit der Durststrecke noch gut in Leipzig zu gebrauchen wäre. Er wurde aber leider vor Ablauf des um zwei Jahre bis 2019 extra verlängerten Vertrages, vorzeitig in Leipzig nicht mehr gebraucht und wurde auf der Suche nach neuen Herausforderungen einfach „in die schottische Wüste“ verabschiedet!

    Das letzte Thema für mich sollte für heute das etwas wacklig werdende Denkmal vom bisher viel gelobten Trainer R. Hasenhüttl, sein. Der bis vor kurzem immer souverän wirkende Coach wird hoffentlich nicht auch in den gleichen Fußstapfen eines seiner Vorgänger landen, der mit interessanten Varianten aufwartete, aber bekanntlich auf unrühmliche Art und Weise wieder schon wieder im Februar 2015 entlassen wurde! Wenn allerdings gegenwärtig schon in den Medien verbreitet wird, dass ein damals vorerst zu leicht empfundener Trainerbewerber bei „RaBa“ den Mieter seiner am Leipziger Stadtrand gekauften Immobilie noch kein Zeichen wegen evtl. bald folgenden „Eigenbedarf“ setzte, sollte das schon zu denken geben……Hoffentlich haben die beiden im Hintergrund wirkenden eingesetzten Verwalter des Clubs noch ein wenig die notwendige Ausdauer und Übersicht, nicht auch in dieser Angelegenheit noch für Unruhe zu sorgen!

    „RBB“, es ist sehr interessant, dass Du von der Spielweise des FFC Neapel plötzlich so angetan bist und ihm einen relativ breiten Raum zur Verfügung stellst. Der kettenrauchende Trainer Sachi, der mit seinem Fünfer bzw. Sechser, den aufmerksamen Außenverteidigern sowie anderen Auffälligkeiten so viel Spielfreude entwickeln lässt, ist plötzlich die schlaue Person! Man muss sich nur wundern, warum die Italiener scheinbar keine besondere Lust auf internationale Begegnungen haben, sondern sich – im Gegensatz zu „RaBa“ – nur für die eigene Meisterschaft zerreißen wollen! Bekanntlich ist dieses fast unerreichte Ziel in Deutschland auf Jahre nicht möglich, da dafür bereits ein nicht zu stürzender Anwärter aus dem Süden mit einer etwas anders klingenden deutschen Aussprache längst eine Dauerkarte besitzt! Andererseits scheint dieser Club nicht nur vordergründig an An- und Verkauf seiner Jungs zu denken, um unbedingt hier oder da noch ein paar Scheine herauszuholen! Wie kaum woanders, bedanken sich deshalb die dortigen Akteure mit überaus ansprechenden Leistungen!

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