Von Zahlen zu Schuhen

In der Auseinandersetzung um die Abmeldung der U23 verwendete Ralf Rangnick in der Vergangenheit immer wieder mal das Argument, dass es diesen Zwischenschritt ja nicht brauche, weil die Topspieler schließlich schon in jungen Jahren in Profimannschaften spielen würden.

Zwischen 83 und 87% aller Spieler im Champions-League-Viertelfinale (die Zahlen variierten immer mal, bezogen sich ja aber auch vielleicht auf unterschiedliche Jahre) hätten mit 17 schon im Männerbereich gekickt (nachzulesen zum Beispiel hier).

Ist eine Zahl, die hier schon länger im Hintergrund im Blog herumliegt und darauf wartet, auf ihre Stichhaltigkeit bezüglich der daraus gewonnenen Argumentation geprüft zu werden.

Als Datenbasis wurde das Viertelfinale der Champions League der letzten Saison genommen. Jeweils die elf Startelfspieler der acht Heimteams wurden dabei herausgezogen. Bei diesen 88 Spielern wurde dann geguckt, was sie in ihrem letzten U19-Jahr (also die Spielzeit, in die man mit 18 Jahren hineingeht oder in der man im Laufe der Hinrunde 18 wird) so getrieben haben.

Lassen wir mal die acht Torhüter der Teams beiseite. Die Torwartposition ist noch mal eine Spezialposition, auf der es schwer ist, schon früh Einsätze bei einem (vielleicht sogar höherklassigen) Profiklub zu kriegen. Zu groß der Erfolgsdruck und zu wichtig wo etwas wie Erfahrung, um schon mit 18 für die ganz großen Vereine zu halten.

Die Zahl der Feldspieler, die in ihrem letzten U19-Jahr schon für eine Männermannschaft aufgelaufen sind, liegt dann tatsächlich laut dieser Rechnung bei 84%, also bei 67 von 80 Feldspielern. Diesbezüglich ist zumindest die These richtig, dass die Mehrzahl jener Spieler, die später mal auf höchstem Niveau kicken, bereits sehr früh im Männerbereich aktiv waren. Da man bei RB Leipzig ja auch hofft, Spieler auf das Niveau einer Champions-League-K.o.-Phase hin zu entwickeln, liegt es also nahe, anzunehmen, dass der Zug für Spieler, die sich erst später durchsetzen, eher abgefahren ist.

Der Teufel liegt dann aber wie immer ein wenig im Detail. Denn so hoch die Zahl 84% klingt, verstecken sich dahinter dann aber doch ganz viele individuelle Spieler- und Entwicklungsgeschichten. Von den 67 Feldspielern, die in ihrem letzten U19-Jahr schon im Männerbereich Erfahrung sammelten, spielten nur 24 in einer der fünf Topligen Spanien, England, Deutschland, Frankreich oder Italien. Elf Kicker waren zu dieser Zeit in Spanien, sieben in England, vier in Deutschland, einer in Frankreich und einer in Italien (was auch ein wenig die Anzahl der Klubs je Land im Champions-League-Viertelfinale der letzten Saison widerspiegelt).

Das heißt aber auch, dass immerhin 56 Akteure, die letzte Saison auf höchstem europäischen Toplevel mitkickten im letzten U19-Jahr entweder noch nicht im Männerbereich oder zumindest nicht in der höchsten Spielklasse einer der fünf europäischen Topnationen mitspielten.

Von diesen 56 Akteuren sind bei 13 keine Männeraktivitäten zu diesem Zeitpunkt verbrieft. Von den anderen 43 Spielern (über die Hälfte der Gesamtmenge) spielten immerhin 22 Spieler in der höchsten Spielklasse ihres Landes. Dabei sammelten neun Akteure ihre Erfahrungen in einer mehr oder minder gutklassigen europäischen Liga (Bosnien, Niederlande, Dänemark, Tschechien, Griechenland, Schweiz, Belgien, Kroatien). Der Rest kam vor allem aus Südamerika (11) oder Afrika (2). Da bleibt dann am Ende jeweils die Frage, wie hoch das Niveau dann schon war, wenn man in der ersten Liga Ghanas oder Uruguays gekickt hat.

Bleiben noch 21 Akteure übrig, die nicht in einer der höchsten Spielklassen des jeweiligen Landes spielten, sondern in ganz unterschiedlichen Spielklassen darunter. Vor allem geht es da um Einsätze in einer der unteren Spielklassen der Topnationen, wo man Spieler findet, die im letzten U19-Jahr bis runter zur vierten Liga spielten. Zum Beispiel ein Thomas Müller oder auch überwiegend ein Mats Hummels, die ausschließlich bzw. überwiegend Regionalliga-Kicker waren. Wenn man an einen Joshua Kimmich denkt, dann war der in diesem Alter ein zufriedener Drittligaspieler bei RB Leipzig. Genau der richtige Schritt für seine Entwicklung zu jener Zeit.

Serbien, Schottland, Brasilien, Argentinien. Auch dort spielten Fußballer im U19-Alter noch unterklassig, bevor sie sich auf hohes Champions-League-Niveau brachten. Ein Robert Lewandowski war zu dieser Zeit noch bei einem polnischen Drittligisten unterwegs.

Fakt ist beim Blick über die Daten, dass die Spieler, die später hohes Champions-League-Niveau haben, überwiegend schon früh im Männerbereich gespielt haben. Das spräche dafür, dass man Talenten den Sprung in die Bundesliga schon früh zumuten muss, wenn man wie RB Leipzig vor allem solche Talente auf diesem hohen Niveau will.

Allerdings kommen nur die wenigsten Spieler in diesem jungen Alter bei einem Verein in einer der Topligen bereits auf umfangreiche Spielzeit, das ist schon eher die absolute Ausnahme. Spieler wie Hummels oder Boateng durften deswegen in ihrer Zeit nebenher mit den U23-Teams ihrer Klubs in der Regionalliga spielen und Spielpraxis sammeln. Interessanterweise sind es vor allem auch Spieler bei englischen (nicht so richtig als Ausbildungsstätten verschrieenen) Vereinen wie Milner, Oxlade-Chamberlain, Sterling oder Ronaldo, die schon sehr jung sehr viele Einsätze in einer Topliga bekamen (also deutlich über 30 in Liga und Pokalwettbewerben). Das gibt es in anderen Topligen nur im Ausnahmefall.

Dass immerhin 34 Spieler auf heutigem Champions-League-Nvieau bis 18 entweder noch gar nicht im Männerbereich waren oder teils deutlich unterklassig spielten, verweist aber auch darauf, dass das Konzept eines Übergangs vom Nachwuchsbereich zu den Profis noch nicht obsolet ist. Das kann man dann verschieden umsetzen, indem man Spieler beispielsweise verleiht und muss es nicht zwangsläufig über eine U23 lösen, aber fast die Hälfte der Toptoptalente hat bis zum Ende der U19-Zeit den Sprung in die höchste Liga des jeweiligen Landes noch nicht geschafft. Was dann die 84% aller Spieler, die bis zum Ende der U19-Zeit schon Spiele im Männerbereich gemacht haben, deutlich relativiert.

Vielmehr bestätigen die Daten die Einschätzung, dass der frühe Schritt in den Männerbereich sehr wohl sehr sinnig ist, aber nicht zwangsweise sofort in den allerhöchsten Qualitätsbereich gehen muss. Es gibt auch genug Spieler, die sich erstmal über einen Dritt- oder Viertligaklub (und in Deutschland über eine U23) entwickelt haben. Wichtig ist vor allem erst mal, ein paar frühe Erfahrungen zu machen, wie man seinen Körper im Männerbereich einsetzt und wie man sich in entsprechenden Zweikämpfen wehrt (oder noch mal ein bisschen Masse in Form von Muskeln zulegt).

Beim FC Liefering macht man das ja in der zweiten österreichischen Liga (irgendwas vermutlich bei deutschem Drittliganiveau) relativ perfekt, sehr junge Spieler früh in den Männerfußball einzuführen und sie dort ihre ersten Erfahrungen sammeln zu lassen, die aufgrund des beschaulichen Vereinsumfeld auch relativ gefahrlos fehlerbehaftet sein können. Ein Dayot Upamecano spielte sogar schon im Alter eines jüngeren U19-Jahrgangs beim FC Liefering im Männerbereich und hatte so eine perfekte Entwicklung, die ihm in einem Nachwuchsteam mit Gleichaltrigen entgangen wäre. Der FC Liefering hat es aufgrund der österreichischen Regularien relativ leicht, Spieler zu entwickeln, die dann relativ spontan als Kooperationsspieler auch in Salzburg in der Bundesliga auflaufen dürfen.

Ein U23-Team in Deutschland hätte ähnliche Möglichkeiten der Verknüpfung und des perfekten Förderungsweges. Wenn man es denn als U20-Team denken würde. Die Daten aus der letztjährigen Champions League verweisen darauf, dass das Hoffen darauf, dass dann schon mal das Supertalent dabei ist, das bereits im U19-Alter zu überdurchschnittlicher Spielzeit bei einem deutschen Champions-League-Aspiranten befähigt ist, eher schwierig ist. Vielmehr braucht es Konzepte, sehr jungen Spielern (durchaus auch auf unterklassigem Niveau) Spielzeit im Männerbereich zu geben. Erst dann wird aus den 84% auch ein Schuh oder erwischt vielleicht auch mal einen der anderen 16%.

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Erik Majetschak (li) durfte schon mal bei den Profis reinschnuppern, bräuchte aber eigentlich viel mehr Spielzeit im Männerbereich. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

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Die acht Champions-League-Finalisten mit ihren jeweiligen zehn Feldspielern in den Heimspielen in der Startformation und ihrem Tätigkeitesfeld in ihrem letzten U19-Jahrgang | Name – Anzahl der Einsätze – damaliger Verein (Ligahöhe und Land)

Liverpool

  • Milner – 39 Einsätze – Newcastle United (1. Liga England)
  • Oxlade-Chamberlain – 28 Einsätze – FC Arsenal (1. Liga England)
  • Alexander-Arnold – 12 Einsätze – Liverpool (1. Liga England)
  • Lovren – 29 Spiele – Inter Zapresic (1. Liga Kroatien)
  • Salah – 24 Einsätze – Arab Contractors (1. Liga Ägypten)
  • Henderson – 15 Einsätze – AFC Sunderland (2. Liga England)
  • Firmino – 36 Einsätze – Figueirense (2. Liga Brasilien)
  • Robertson – 43 Spiele – Queen’s Park FC (4. Liga Schottland)
  • van Dijk – keine
  • Mané – keine

Manchester City

  • Sterling – 38 Einsätze – FC Liverpool (1. Liga England)
  • D. Silva – 35 Einsätze – SD Eibar (1. Liga Spanien)
  • Laporte – 17 Einsätze – Athletic Bilbao (1. Liga Spanien)/ 8 Einsätze – Bilbao B (3. Liga Spanien)
  • Sané – 14 Spiele – Schalke (1. Liga Deutschland)
  • de Bruyne – 40 Spiele – KRC Genk (1. Liga Belgien)
  • Jesus – 28 Einsätze – Palmeiras Sao Paolo (1. Liga Brasilien)
  • Walker – 7 Einsätze – Sheffield United (2. Liga England)/ 9 Einsätze – Northampton Town (3. Liga England)
  • Otamendi – keine
  • Fernandinho – keine
  • B. Silva – keine

Barcelona

  • Messi – 25 Einsätze – FC Barcelona (1. Liga Spanien)
  • Umtidi – 18 Einsätze – Olympique Lyon (1. Liga Frankreich)
  • Iniesta – 9 Einsätze – FC Barcelona (1. Liga Spanien)
  • Pique – 7 Einsätze – Manchester United (1. Liga England)
  • Roberto – 2 Einsätze – FC Barcelona (1. Liga Spanien)/ 26 Einsätze – FC Barcelona B (2. Liga Spanien)
  • Rakitic – 46 Einsätze – FC Basel (1. Liga Schweiz)
  • Suarez – 29 Einsätze – Nacional Montevideo (1. Liga Uruguay)
  • Semedo – 26 Einsätze – Sport União Sintrense (3. Liga Portugal)
  • Alba – 14 Einsätze – FC Valencia B (4. Liga Spanien)
  • Busquets – keine

AS Rom

  • de Rossi – 4 Einsätze – AS Rom (1. Liga Italien)
  • Strootman – 28 Einsätze – Sparta Rotterdam (1. Liga Niederlande)
  • Manolas – 10 Einsätze – AEK Athen (1. Liga Griechenland)
  • Jesus – 8 Einsätze – Porto Alegre (1. Liga Brasilien)
  • Schick – 6 Einsätze – Sparta Prag (1. Liga Tschechien)
  • Fazio – 48 Einsätze – Ferro Carril Oeste (2. Liga Argentinien)
  • Nainggolan – 1 Einsatz – Piacenza (2. Liga Italien)
  • Kolarov – ??? Einsätze – FK Čukarički (2. Liga Serbien)
  • Florenzi – keine
  • Dzeko – keine
  • Soria – keine

FC Sevilla

  • Sarabia – 1 Einsatz – Real Madrid (1. Liga Spanien)
  • Kjaer – 19 Einsätze – FC Midtjylland (1. Liga Dänemark)
  • Manolas – 10 Einsätze AEK Athen (1. Liga Griechenland)
  • Correa – 8 Einsätze – Estudiantes de la Plata (1. Liga Argentinien)
  • Lenglet – 3 Einsätze – Nancy-Lorraine (2. Liga Frankreich)
  • Nzonzi – ??? Einsätze – SC Amien B (4. oder 5. Liga Frankreich)
  • Escudero – keine
  • Pizarro – keine
  • Vazquez – keine
  • Ben Yedder – keine

Bayern München

  • Martinez – 35 Einsätze – Athletic Bilbao (1. Liga Spanien)
  • Boateng – 11 Einsätze – Hertha (1. Liga Deutschland)/ 15 Einsätze U23 Hertha (4. Liga Deutschland)
  • Hummels – 2 Einsätze – Bayern (1. Liga Deutschland)/ 31 Einsätze U23 Bayern (4. Liga Deutschland)
  • Robben – 38 Spiele – PSV Eindhoven (1. Liga Niederlande)
  • Rodriguez – 38 Spiele – Atletico Banfield (1. Liga Argentinien)
  • Rafinha – ??? Einsätze – Coritiba FC (1. Liga Brasilien)
  • Kimmich – 26 Einsätze – RB Leipzig (3. Liga Deutschland)
  • Lewandowski – ??? Einsätze – Znicz Pruszków (3. Liga Polen)
  • Müller – 3 Einsätze – U23 Bayern (4. Liga Deutschland)
  • Ribery – 1 Einstz – US Boulogne (4. Liga Frankreich)

Juventus

  • Costa – 24 Einsätze – Gremio Porto Alegre (1. Liga Brasilien)
  • Sandro – 24 Einsätze – FC Santos (1. Liga Brasilien)
  • Bentancur – 16 Einsätze – Boca Juniors (1. Liga Argentinien)
  • Higuain – 14 Einsätze – River Plate (1. Liga Argentinien)
  • Asamoah – ??? Einsätze – Liberty Professionals (1. Liga Ghana)
  • Dybala – 13 Einsätze – AC Cordoba (2. Liga Argentinien)
  • Chiellini – 7 Einsätze – AS Livorno (2. Liga Italien)
  • Khedira – 8 Einsätze – U23 Stuttgart (4. Liga Deutschland)
  • Barzagli – ??? Einsätze – Rondinella Calcio (4. Liga Italien)
  • de Sciglio – keine

Real Madrid

  • Ronaldo – 40 Einsätze Manchester United (1. Liga England)
  • Kroos – 22 Einsätze Bayern (1. Liga Deutschland)
  • Varane – 15 Einsätze Real Madrid (1. Liga Spanien)
  • Bale – 12 Einsätze Tottenham Hotspur (1. Liga England)
  • Isco – 7 Einsätze FC Valencia (1. Liga Spanien)
  • Marcelo – 6 Einsätze Real Madrid (1. Liga Spanien)
  • Casemiro – 23 Einsätze FC Sao Paolo (1. Liga Brasilien)
  • Modric – 22 Einsätze Zrinjski Mostar (1. Liga Bosnien)
  • Vallejo – 20 Einsätze Real Saragossa (2. Liga Spanien)
  • Carvajal – ??? Einsätze Real Madrid B (3. Liga Spanien)

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