Spieler der Rückrunde: Peter Gulacsi

Es gab so einige Spieler, die in der Rückrunde 2018/2019 bei RB Leipzig auf sich aufmerksam machten. Emil Forsberg war phasenweise wieder sehr gut in Form. Tyler Adams platzte in die Bundesliga, als hätte er nie etwas anderes gemacht, als auf diesem Niveau zu spielen. Sein flacher 50-Meter-Pass in den Lauf von Poulsen beim Spiel gegen Hertha gehört in jeden Highlight-Film der Saison. Allerdings fiel der Winterneuzugang leider auch in acht Pflichtspielen verletzt aus.

Halstenberg war als spielgestaltender Linksverteidiger genauso unverzichtbar wie in zentralerer Rolle Kevin Kampl. Willi Orban spielte eine unheimlich konstante Rückrunde auf sehr hohem Niveau und kompensierte damit den fast kompletten Upamecano-Ausfall. Und Ibrahima Konaté war in manchen Spielen einfach nicht von dieser Fußballwelt, hatte aber auch Phasen, in denen man das Gefühl hatte, dass es für einen so jungen Spieler auch krass ist, praktisch die komplette Saison durchzuspielen. Sprich, es gab ein paar wenige Spiele, in denen er etwas überspielt wirkte.

Derjenige, der eigentlich über die gesamte Saison hinweg, aber auch in der Rückrunde noch mal besonders, bei RB Leipzig immer wieder und auf konstantestem Niveau herausragte, war Peter Gulacsi. Was eigentlich ein seltsamer Befund ist für eine Mannschaft, die die zweitwenigsten Abschlüsse aller Bundesligisten zugelassen hat, also eigentlich eine Mannschaft war, in der es für den Torhüter nicht allzu viel zu tun gab.

Und trotzdem prägte Peter Gulacsi vor allem in vielen engen Partien immer wieder die Begegnungen und hielt mit vielen guten Paraden seine Mannschaft in den Spielen. Und sei es, dass RB deswegen mit einem 0:0 aus dem Spiel ging und nicht noch mit einer Niederlage.

77% aller Torschüsse hielt Peter Gulacsi in dieser Saison. 60 und 65% waren es in den ersten beiden Bundesligaspielzeiten.  Besonders beeindruckend aber, dass Gulacsi rund 60% aller Großchancen der Gegner vereitelte, also all jene Chancen, bei denen ein gegnerischen Spieler allein vor ihm zum Abschluss kam. In den beiden Spielzeiten zuvor waren es im Schnitt nur 25% gewesen. Eine bessere Quote hatte zuletzt Manuel Neuer in der Saison 2014/2015, als er zwei von drei Großchancen parierte. Nur mal so, um den Wert von Gulacsi einzuordnen.

Es bleibt erstaunlich. Man erinnere sich nur an den Beginn der zweiten Bundesligasaison von RB Leipzig. Yvon Mvogo war gerade verpflichtet worden. Im Tor wurde ein offener Zweikampf ausgerufen. Durchaus nicht wenige Beobachter gingen davon aus, dass Gulacsi in diesem Duell nicht zwingend als Sieger hervorgeht, nachdem die erste Bundesligasaison in Ordnung, aber auch nicht sonderlich auffällig war.

Letzte Saison war Gulacsi schon ein Stück besser geworden, aber diese Saison war überragend. Immer schwer ein ligaübergreifender Vergleich, weil es keinen Menschen gibt, der genug sieht, um wirklich alle Keeper zu 100% miteinander vergleichen zu können. Aber nach allem, was man von dieser Saison sehen konnte und wie vor allem auch die Bundesligaspieler urteilen, kommt man nicht umhin, dass Gulacsi in dieser Spielzeit der beste Keeper der Liga war.

Schon schlicht deswegen, weil er in 33 Ligaspielen keinen einzigen Fehler machte, der zu einem Gegentor geführt hätte (manch einer mag ihm das Gegentor im Heimspiel gegen Freiburg ankreiden; ich bleibe dabei, dass der Schiedsrichter dort den Freistoß schlicht zu früh freigegeben hat). Genau das war in den ersten Spielzeiten noch anders gewesen (auch wenn Gulacsi schon immer ein sehr konstanter Torwart mit wenig Fehlern war).

Der Ungar neigt weiter dazu, bei Flanken in den Strafraum nach Standards lieber im Tor zu bleiben, um keinen (offensichtlichen) Fehler zu begehen, aber selbst diesbezüglich hatte er in dieser Saison ein gutes Entscheidungsmanagement, wann er auf der Linie bleibt und wann er sich ins Getümmel schmeißt (was weiter nicht seine absolute Lieblingsbeschäftigung ist).

Insgesamt war das schon eine krass gute Saison, die Peter Gulacsi da spielte und mit der er auch seine Konkurrenten im Tor frustierte. Ein Yvon Mvogo hatte angesichts der Konstanz von Gulacsi überhaupt keine Chance, überhaupt nur in einen ernsthaften Zweikampf um die Nummer 1 einzusteigen und bekam in der Hinrunde noch die Europa-League-Brosamen und in der Rückrunde nichts mehr. Da die Rolle von Gulacsi im Leipziger Tor betoniert sein dürfte, bliebe für Mvogo nur ein Abgang zu einem anderen Klub, wenn er Spielzeit will. Und sei es leihweise.

Mit der aktuellen Saison hat Peter Gulacsi auch die Latte für Julian Nagelsmann sehr hoch gelegt. Mit 29 Gegentoren war RB Leipzig das beste Defensivteam der Liga. Hätten die Gegner ihre Chancen mit normaler Chancenverwertung reingemacht, wären es 39 bis 40 Gegentore gewesen. Das hätte ungefähr dem Niveau der ersten Bundesligasaison entsprochen. Der Unterschied zwischen 29 und 40 Gegentoren bestand im wesentlichen darin, dass Gulacsi 60% aller Großchancen vereitelte und nicht normale 30 bis 35%.

Das Problem bei Torhütern ist, dass die Quote der gehaltenen Bälle nur in seltenen Fällen von Saison zu Saison sehr konstant bleibt. Sprich, wenn Gulacsi nächste Saison wieder auf unter 40% gehaltene Großchancen rutschen sollte, dann steigt automatisch die Gegentorquote enorm, selbst wenn sich das RB-Abwehrverhalten selbst gar nicht wirklich ändert. Angesichts des überdurchschnittlichen Wertes von Gulacsi in dieser Saison ist ein Anstieg der Gegentore in der kommenden Saison eigentlich das zu erwartende Ereignis. Und würde wohl trotzdem mit einem ‚Nagelsmann kann keine Defensive‘ interpretiert werden.

Neben dieser für den neuen Coach etwas undankbaren Situation kommt auf Gulacsi noch mal die Herausforderung hinzu, dass er künftig stärker als bisher als mitspielender Torwart gefragt sein wird. Unter Nagelsmann ist zu erwarten, dass oft auch unter Druck flach von hinten heraus gespielt wird. Sprich, Gegner locken und dann mit guten Pässen auch durch den Torwart durch die erste Pressingwelle hindurch vielleicht in Situationen zu kommen, in denen man quasi kontern kann, ohne dafür den Ball erst erobern zu müssen. Kontern aus dem Ballbesitz heraus also. Das gehörte bisher nicht zu den Anforderungen an den RB-Keeper, der gerade in der abgelaufenen Spielzeit auch viele lange Bälle einstreuen durfte bzw. sollte.

Es wird spannend, wie Gulacsi mit diesen neuen Herausforderungen umgeht. Mit seinen 29 Jahren ist er für einen Torwart im besten Alter und wirkt auf beeindruckende Art und Weise ruhig und abgeklärt. Ob das auch mit stärkerer Einbindung ins Passspiel so bleiben wird, ist eine interessante Frage. Bis man die Antwort darauf erfahren wird, darf man sich aber erstmal über eine famose Saison der Nummer 1 freuen. Es war die beste Saison seiner Karriere und RB Leipzig hat das Glück einen der aktuell besten Keeper der Liga unter Vertrag zu haben.

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Wer wollte, konnte hier seinen Spieler der Hinrunde ankreuzen. Maximal drei Kreuze (falls man sich nicht entscheiden kann). Es standen nur Spieler zur Wahl, die mindestens 800 Minuten Einsatzzeit in Pokal und Bundesliga mitgemacht haben.

  • Peter Gulacsi – 29%
  • Ibrahima Konaté – 25%
  • Yussuf Poulsen – 15%
  • Willi Orban – 10%
  • Marcel Halstenberg – 6%
  • Konrad Laimer – 4%
  • Tyler Adams – 4%
  • Kevin Kampl – 4%
  • Lukas Klostermann – 3%
  • Emil Forsberg – 2%
  • Marcel Sabitzer – 0%
  • Timo Werner – 0%

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Bisherige Spieler der Hin- oder Rückrunde:

  • Dreimal: Dominik Kaiser
  • Zweimal: Diego Demme, Marcel Sabitzer
  • Einmal: Timo Werner, Emil Forsberg, Tim Sebastian, Bastian Schulz, Daniel Frahn, Fabian Franke, Timo Röttger, Yussuf Poulsen

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Bisher so in Textform:

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Wirkt locker und leicht und erfordert doch so viel Konzentration. Peter Gulacsi machte einen nahezu perfekten Job im RB-Tor. | GEPA Pictures - Thomas Bachun
GEPA Pictures – Thomas Bachun

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Ein Gedanke zu „Spieler der Rückrunde: Peter Gulacsi“

  1. Als Pete Gulacsi ColTORti ablöste und er seine erste Saison im Tor spielte hätte ich NIE gedacht, das er heute da steht, wo er steht.
    Bei Dir im Blog als Spieler der Rückrunde 2019.
    Zurecht!
    Was für eine starke Entwicklung!

    Ich war in seiner ersten Buli-Saison einer seiner Kritiker, dazu stehe ich.
    Und nun bin ich im Stadion einer der ersten, die bei einer Parade von Gulacsi aufsteht und seinen Namen rufe.

    Die Umfrage ist leider vorbei und ich habe vergessen auszuwählen, aber meine 3 wären:
    Gulacsi
    Laimer
    Konate

    (Bemerkenswert, das bei Werner 0% steht)

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