Spieler der Hinrunde: Marcel Sabitzer

Seit 2011/2012 gibt es hier im Block ein traditionelle Rubrik, in der der Spieler der Hin- oder Rückrunde bestimmt. Das war nicht immer ganz einfach. Meist gab es mehrere Kandidaten zur Auswahl. Selten gewann der selbe Spieler. Bisher gab es nur einen Spieler, der mehrmals als Spieler der letzten sechs Monate auserkoren wurde: Dominik Kaiser schaffte es gleich dreimal, zuletzt in der Rückrunde der Drittligasaison.

Ansonsten war es eine bunte Mischung aus Timo Röttger (inzwischen Großaspach), Fabian Franke (Hallescher FC), Daniel Frahn (Chemnitzer FC), Bastian Schulz (VfL Osnabrück), Tim Sebastian (Karriereende), Marcel Sabitzer, Diego Demme, Emil Forsberg und Timo Werner.

In dieser Saison war die Auswahl nicht ganz so groß. Mag sein, dass das an der Rotation lag, dass man nie das Gefühl hatte, dass da einer der Köpfe der letzten Saison das Geschehen komplett dominiert. Forsberg und Keita waren in unterschiedlichem Maß zu inkonstant und ineffektiv. Timo Werner hatte eine gute Phase zu Saisonbeginn, versteckte sich später aber zusehends auf dem Spielfeld und steht manchmal schon fast aufreizend lang im Abseits, fast als wolle er sich selbst unanspielbar machen.

Wenn man dann weiterdenkt, dann landet man für den Spieler der Hinrunde vielleicht bei Neu-Nationalspieler Marcel Halstenberg, aber da fehlen defensiv und offensiv noch zwei, drei Prozent, um wirklich der herausragende Spieler bei RB zu sein. Peter Gulacsi hat sich noch mal auf hohem Niveau verbessert, aber der große Dominator war er nicht und die Schwächen bei Flanken sind zwar kleiner geworden, aber immer noch nicht weg.

Dayot Upamecano wäre natürlich ein Kandidat. Nach seinem halben Jahr Eingewöhnung und einem harten Start zu Saisonbeginn auf Schalke spielte er eine beeindruckende und phasenweise vor allem eine beeindruckend routinierte Hinrunde und war bereits der Kopf in der Abwehr. Wenn Upamecano fit ist, dann spielt er in den wichtigen Spielen auch. Bei Kapitän Willi Orban ist das, wie man in Dortmund gesehen hat, gar nicht so sicher.

Aber auch Dayot Upamecano kommt nicht an Marcel Sabitzer heran, der zum zweiten Mal seit seiner Ankunft 2015 der herausragende RB-Spiele ist und in dieser Hinrunde in jeder Hinsicht einfach außerhalb jeglicher Diskussion und über allen stand und in seiner ganzen und vor allem kompletten Art auf einem unfassbar hohen Niveau spielte. Sabitzer ist keiner wie Forsberg oder Keita, die das Spiel mit eleganten Dribblings öffnen oder aus dem Nichts Chancen kreieren. Von daher ist das, was er macht, manchmal etwas unscheinbar. Aber die Art sich in Räumen zu bewegen, ist einzigartig und macht ihn so wichtig für den Teamerfolg.

Lange war Marcel Sabitzer bei RB Leipzig der meisteingesetzte Feldspieler. Den Österreicher draußen zu lassen, ist im Normalfall keine Option. Bis zu seiner Verletzung beim Spiel in Monaco ließ ihn Hasenhüttl nur einmal draußen und das war beim 2:2 gegen Mönchengladbach. Und schon über diese rotationsbedingte Pause war Sabitzer wahrscheinlich nicht so richtig amüsiert. Der 23-Jährige will auch im Dreitagesrhythmus immer spielen und ist erstaunlicherweise trotz praktisch keiner Pause zwischen Mitte August und Ende November immer voll da gewesen und machte nie den Eindruck, müder zu werden oder ein Spiel mit halber Kraft anzugehen.

Darin liegt wohl auch ein Teil der Wichtigkeit von Marcel Sabitzer, dass er egal in welchem Setting immer voran geht. Egal ob 40.000 Leute laut pfeifen oder 10.000 Leute bei Volksfeststimmung einen unterklassigen Gegner im DFB-Pokal gewinnen sehen wollen. Du weißt eigentlich immer, wenn Sabitzer nicht gerade angeschlagen und nicht 100% fit ist, was du von ihm kriegst. Tage, an denen er gar nicht zu sehen ist, gibt es eigentlich nicht.

Dabei ist er gerade auf der Zehn ein nahezu perfektes Gesamtpaket. In vielen Dingen ist Sabitzer zwar einfach nur gut und nicht sehr gut. Aber er ist halt in überdurchschnittlich vielen Dingen mindestens gut und hat eigentlich keine Schwächen. Läuferisch ist er auf seiner Position sehr wichtig und schließt mit besseren Sprint- und Laufwerten als Emil Forsberg auch defensiv viele Lücken, was gerade im 4-2-2-2 auf den Außenpositionen sehr wichtig ist.

Zweikampftechnisch ist Sabitzer eher Durchschnitt. Das heißt, er führt eher wenige Zweikämpfe und gewinnt auch nur unterdurchschnittlich viele (43%). Dafür verhält er sich dabei relativ schlau und foult sehr wenig. Kein Spieler von RB Leipzig spielt seltener Foul als Sabitzer, während er durchschnittlich oft gefoult wird. Angesichts der durchaus vorhandenen Emotionalität in Sabitzers Spiel ist das erstaunlich, dass er sich in den Duellen so schlau verhält.

Damit einher geht auch, dass er überdurchschnittlich viele Bälle gewinnt. Gerade bei den direkt eroberten Bällen überragt er alle anderen Offensivspieler deutlich. Nur Naby Keita holt sich noch ein kleines bisschen öfter im Eins gegen Eins den Ball. Zusammen mit abgefangenen Bällen (was für Offensivspieler eher selten vorkommt) wird Sabitzer in Sachen Balleroberung nur von Keita und Upamecano geschlagen. Was belegt, dass der Österreicher in vorderster Linie vor allem auch für die Aktivität im Spiel gegen den Ball wichtig ist.

Das Gesamtpaket wird halt dadurch komplett, dass Sabitzer auch in der Offensive produziert. In der Bundesliga ist er an elf von 18 Toren beteiligt gewesen, wenn er auf dem Platz steht. Zwei hat er geschossen, fünf vorbereitet, bei zwei weiteren den vorletzten Pass gegeben und bei den anderen zwei war er in den Angriff eingebunden. Alle 86 Minuten war Sabitzer an einem Tor beteiligt. Keinem anderen RB-Spieler gelang das so häufig.

Gerade auch die Mischung, wichtig für die Angriffsentwicklung, aber auch direkt durch Vorbereitungen und Schüsse an Toren beteiligt zu sein, zeichnet Sabitzer aus. Du kannst ihn an der Mittellinie genauso gebrauchen wie im Strafraum, weswegen er ja auch immer mal wieder nicht auf der Zehn, sondern als zweite Spitze agiert.

Dabei ist es aber vor allem die Effektivität im Abschluss, die nicht immer passt. Keiner bei RB schießt pro 90 Minuten häufiger aufs Tor als Marcel Sabitzer. Keiner schießt vor allem so häufig von jenseits des Strafraums aufs Tor wie Sabitzer. Manchmal ist es auch zu viel in eher aussichtslosen Schusssituationen. Entsprechend sind 17 Torschüsse pro Tor auch ein sehr hoher Wert, wobei er damit immer noch leicht vor Bruma und deutlich vorForsberg liegt. Insgesamt ist das Schussmanagment, also die Entscheidung, in welcher Situation man abschließt und in welcher besser nicht, aber noch verbesserungswürdig.

Sabitzer verliert im Vergleich mit anderen Offensivspielern bei RB eher selten den Ball und ist dafür im Tackling eher ein defensiver Mittelfeldspieler denn ein Offensivmann. Er kämpft und rackert bis an den eigenen Strafraum und sucht dann in der Offensive wieder das Dribbling. Diese Mischung zeichnet ihn aus und diese Mischung zieht sich durch seine Daten zur Saison.

Wenn man Sabitzers Daten mit der Vorsaison vergleicht, dann ist er in der Offensive noch auffälliger geworden. An 28 von 54 Treffern war er damals beteiligt (reichlich die Hälfte aller Tore, diese Saison bisher knapp zwei Drittel), wenn er auf dem Platz stand. Alle 93 Minuten war das der Fall (jetzt alle 86). Er schießt jetzt wesentlich häufiger, bereitet aber auch einen halben Torschuss pro 90 Minuten mehr vor.

Marcel Sabitzer ist eigentlich eine rechte grandiose Mischung aus Fußballschläue und Einsatz und Mentalität. Sein Blick für Räume, in denen man sich bewegen und in denen man anspielbereit sein kann, ist ziemlich herausragend. Seine Möglichkeiten dann in diesen Räumen die Bälle zu verarbeiten sind sicherlich nicht Forsberg-like, aber sie sind effektiv und beweisen einen guten Blick für die Mitspieler.

Wie wichtig Marcel Sabitzer ist, zeigt sich auch darin, dass RB Leipzig mit ihm auf dem Platz sehr erfolgreich war. Zehn Siege, zwei Unentschieden und sechs Niederlagen holte RB mit Sabitzer auf dem Platz in drei Wettbewerben. Ohne ihn stehen ein Sieg, drei Unentschieden und drei Niederlagen in der Bilanz. Wobei die Quervergleiche auch ein bisschen hinken, weil der Großteil der schlechten Ergebnisse aus dem letzten Hinrundenviertel resultiert, wo sicherlich auch andere Faktoren als Sabitzers Fehlen (Forsbergs Fehlen, nachlassende Frische) eine Rolle spielten.

Fakt ist, dass Marcel Sabitzer in der Hinrunde 2017/2018 in jeder Beziehung komplett überzeugte. Als Leader, Fußballspieler, Offensivkraft und Arbeiter gegen den Ball. Mit diesem Gesamtpaket machte er sich im Spiel unentbehrlich und rechtfertigte so auch, dass er bis zu seiner Schulterverletzung in Monaco abgesehen von einem Spiel immer in der Startelf stand.

Mit seinen 23 Jahren hat Marcel Sabitzer dabei sogar immer noch Verbesserungspotenzial. Fakt ist, dass er sicherlich irgendwann noch mal einen nächsten Schritt machen wird. Zumindest wenn er bei RB Leipzig nicht in den nächsten zwei, drei Jahren die Chance kriegt, auch mal um einen Titel mitzuspielen. Dass er wie einst Roman Wallner eher ein nüchterner Karriereplaner ist, hat er in den letzten Jahren immer mal bewiesen. Das erschwerte seinen Start in Leipzig bei den Fans, war aber in seiner lakonischen Ehrlichkeit (‚eigentlich kommt zweite Liga in meinen Plänen gerade nicht vor‘) (großartig auch, wie er einst bei der Feier zum Aufstieg in die Bundesliga als Einziger mit Bier auf die ansonsten alkoholtechnisch völlig cleane Bühne kommt) auch durchaus nicht unsympathisch (zumal er dann nach seinem eigentlich nicht gewollten Wechsel in die zweite Liga eine Hinrunde lang auch schon bester RB-Spieler auf dem Platz war).

Aktuell verhandelt Ralf Rangnick mit Sabitzer über eine Verlängerung seines sowieso bis 2021 laufenden Vertrags. Auch dazu teilte er dann auf Nachfrage mit, dass der Verein halt mit dem Gehaltsvorschlag ausdrücken müsse, ob man in ihm einen sehr wichtigen oder ein bisschen wichtigen oder gar nicht wichtigen Spieler sieht. Wenn man die letzte Hinrunde nimmt, dann hat Sabitzer für das RB-Spiel eine überragende Wichtigkeit und müsste die Zahl in seinem Vertrag größer als in fast allen anderen Verträgen bei RB sein. Dass man seine Qualitäten noch möglichst lange in Leipzig sehen darf und sich Verletzungen wie jene, die ihn zuletzt sechs Spiele kostete, eher nicht häufen, sollte man nach den 18 von ihm bestrittenen Pflichtspielen in dieser Saison in jedem Fall hoffen.

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Wer wollte, konnte hier seinen Spieler der Hinrunde ankreuzen. Maximal drei Kreuze (falls man sich nicht entscheiden kann). Es standen nur Spieler zur Wahl, die mindestens 50% der Einsatzzeit mitgemacht haben.

Wer war der Spieler der Hinrunde bei RB Leipzig in der Bundesligasaison 2017/2018?

  • Marcel Sabitzer – 34%
  • Diego Demme – 22%
  • Dayot Upamecano – 18%
  • Peter Gulacsi – 13%
  • Kevin Kampl – 6%
  • Marcel Halstenberg – 3%
  • Yussuf Poulsen – 1%
  • Lukas Klostermann – 1%
  • Timo Werner – 1%
  • Naby Keita – 0%
  • Emil Forsberg – 0%
  • Willi Orban – 0%

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Bisher so:

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In jeder Lebenslage ein Typ, der den Kopf oben behält: Marcel Sabitzer. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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2 Gedanken zu „Spieler der Hinrunde: Marcel Sabitzer“

  1. Auf diesen Vorweihnachtsblog habe ich gewartet und diesmal wusste ich vorher, wer der „glückliche“ wird!
    Es konnte nur einer werden und das völlig verdient.
    Und alle Argumente hast Du geliefert – Danke!
    Das er diesen „Preis“ zum zweiten mal gewinnt, ist auch ein Fingerzeig.
    Ein Keita steht da bei 0 ;-)

    Vor allen sein Fehlen zuletzt hat dies noch mehr unterstrichen. Wäre Sabitzer beim Stand von 2:0 gegen Berlin auf dem Platz gewesen, hätte man seinen „Anschiss“ gegenüber der Abwehr aber auch seine Motivation bis auf dem Oberrang gehört. ;-)

    Als MS zum ersten mal Spieler der Hinrunde wurde, haben wir ja auch auf diese Vater-Sohn-Bindung mit Ralf R. hingewiesen. Da müsste es doch ein leichtes sein, daß er eine VVL mit einer Steigerung seiner Tantiemen erhält.

    Mit Gulacsi und Upamecano habe ich Platz 2+3 angekreuzt.
    (Steht zwar da: Rückrunde 2016/17, aber was solls)

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