Jugendliche Leichtigkeit

Nachwuchsarbeit. Hier im Blog immer mal an verschiedenen Stellen ein Thema. Und immer auch eins, was sich Vereinsverantwortliche gern stolz an die Brust heften, weil sportliche Elitenförderung bei Minderjährigen offenbar immer noch als ein Bereich mit besonderer, positiver gesellschaftlicher Relevanz gilt. Warum auch immer.

Manchmal führt das auch zu leichten Stilblüten. So wie letztens, als sich Ralf Rangnick über die Nachwuchsarbeit in England ausließ. Da bestaunte er die aktuellen Erfolge der englischen Nachwuchsnationalmannschaften, um gleichzeitig die Politik der englischen Klubs zu kritisieren. „Aber keiner dieser jungen Spieler hat eine echte Chance, für die erste Mannschaft zu spielen. Wenn Spieler mit 16 Jahren Verträge in diesen Akademien abschließen, sollten sie sich im Klaren darüber sein, dass sie wahrscheinlich nie das Trikot der ersten Mannschaft tragen werden.“ Was ein bisschen lustig ist, wenn das der Sportdirektor eines Klubs sagt, der noch nie ein Talent an die Männermannschaft herangeführt und gerade erst mit der Auflösung der U23 diverse Nachwuchsjahrgänge bis auf die verliehenen Agyemang Diawusie und Felix Beiersdorf (beides 1998er-Jahrgänge) komplett entsorgt hat.

Davon abgesehen, ob die Rangnick-Behauptung in dem Text stimmt, dass über 80% der Spieler des letztjährigen Champions-League-Viertelfinales schon mit 17 im Männerbereich gespielt haben (ein kurzer Test mit ein paar Spielern aus Madrid und Leicester ergab eine deutlich geringere Quote, das mag aber Zufall sein), bleibt doch wohl der von Rangnick benannte Fakt, „dass Spieler schon früh beginnen müssen, aufs Erwachsenen-Level zu kommen“, so wie man das beim Youth-League-Sieger Red Bull Salzburg gesehen habe, wo die Akteure regelmäßig in der zweiten österreichischen Liga beim FC Liefering spielen. Was auch wieder witzig ist, hat man doch bei RB Leipzig genau jene Mannschaft (die U23) abgeschafft, die Spielern in der Breite früh die Chance auf Erfahrungen im Männerbereich hätte geben können.

Aber lassen wir das Geplänkel und gucken auf die aktuelle Saison. Denn in dieser verfügt RB Leipzig tatsächlich nicht nur über einen sehr jungen Profikader, sondern setzt vor allem auch überdurchschnittlich viele junge Spieler ein. Nimmt man das Durchschnittsalter der Teams in der Bundesliga pro Spiel, dann ist bei RB jeder eingesetzte Spieler im Schnitt ein Jahr jünger als die eingesetzten Spieler bei Bayer Leverkusen, die das zweitjüngste Team stellen. 22,9 Jahre alt ist die 14er-Formation laut transfermarkt.de im Schnitt an jedem Spieltag. Neun der zehn jüngsten Startaufstellungen in dieser Bundesliga-Saison kommen von RB Leipzig. Die älteste Startaufstellung von RB Leipzig (im Spiel in Augsburg) ist immer noch jünger als die jüngste Startaufstellung von elf anderen Bundesligisten.

Im Schnitt sind bei den 18 Bundesligisten 4,6 Spieler, die noch zum U23-Bereich gehören (also Jahrgang 1995 oder jünger sind), Teil der 18 meisteingesetzten Spieler. In Stuttgart und Leipzig sind es mit jeweils acht Spielern die meisten. Auch Freiburg und Schalke mit je 7 oder Leverkusen mit sechs U23-Spielern sind in der Breite recht jung aufgestellt. Bayern, Mönchengladbach oder Augsburg stehen mit je drei häufig eingesetzten U23-Akteuren am anderen Ende der Tabellen. Das Schlusslicht bildet Hannover mit gerade mal einem jungen Akteur. Was auch das Konzept des Aufsteigers widerspiegelt auf solide, erfahrene Bundesligaspieler zu setzen.

Differenziert man es etwas aus und schaut nur auf die Jahrgänge 1995 und 1996 (also den reinen U23-Jahrgang ohne U21-Akteure), dann hat  Freiburg hier mit sieben Akteuren die meisten Spieler unter den 18 meisteingesetzten. Stuttgart, Bremen, Leipzig und Frankfurt folgen mit je vier. Augsburg und Hannover liegen mit je einem am Tabellenende.

Im U21-Bereich (also bei den Jahrgängen 1997 und 1998) wird die Zahl naturgemäß geringer. Gerade mal 1,44 Spieler dieser Altersgruppe hat jedes Team im Schnitt unter den 18 meisteingesetzten Akteuren. Gleich sieben Teams haben keinen einzigen (Freiburg, Bremen, Frankfurt, Hertha, München, Gladbach, Hannover). Stuttgart und Schalke haben je 4. Leipzig und Leverkusen je 3.

Geht man noch eine Etage tiefer in den Altersgruppen, dann landet man im U19-Bereich, also bei den Jahrgängen 1999 und 2000, die auch noch in der Nachwuchsbundesliga spielen dürften. Hier bleiben gerade mal noch sechs Spieler übrig, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören. Neben Leipzig (Ibrahima Konate) sind hier noch Bayer Leverkusen (Kai Havertz), der VfL Wolfsburg (Gian-Luca Itter), Borussia Dortmund (Jan-Axel Zagadou), Mönchengladbach (Mickaël Cuisance) und Hertha BSC (Arne Maier) vertreten. Das ist dann aber auch schon eine sehr illustre Spielerrunde.

Dazu kommen mit Palko Dardai (Hertha) Alexander Isak und Jan-Niklas Beste (beide Dortmund) noch drei Spieler des Jahrgangs 1999, die schon eingesetzt wurden, aber nicht zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören. Und es fehlen noch Jann-Fiete Arp und Jadon Sancho, die einzigen Spieler aus dem 2000er-Jahrgang, die diese Saison in der Bundesliga schon Spielzeit bekommen haben. Arp startet gerade beim HSV durch, Sancho ist Neuzugang in Dortmund. Geholt von Manchester City. Auch bei RB soll man auf beide jungen Männer geschielt haben.

Zum Vergleich: Nicolas Kühn und Elias Abouchabaka, die derzeit die Nachwuchshoffnungen bei RB Leipzig hochhalten, weil sie regelmäßig bei den Profis mittrainieren, sind auch Jahrgang 2000. Also ein Jahrgang, in der Einsätze bei den Profis die absolute Ausnahme sind. Aber die Saison geht natürlich auch noch ein ganzes Stück (letzte Saison gab es allerdings mit Kai Havertz auch nur genau einen Spieler, der zum jüngeren U19-Jahrgang, also zum 1999er-Geburtsjahr gehörte und mindestens fünfmal in der Bundesliga eingesetzt wurde im Saisonverlauf).

Elf Spieler in 18 Teams, die als U19-Spieler bisher 2017/2018 überhaupt Bundesliga-Luft schnuppern durften. Dazu kommen elf weitere Spieler, die letzte Saison noch im U19-Alter waren (Jahrgang 1998), diese Saison also erstmals nicht mehr im Nachwuchs-, sondern nur noch im Männerbereich spielen dürfen und in ihren Vereinen schon zu den 18 meisteingesetzten Spielern gehören. Dabei hat der VfB Stuttgart mit Dzenis Burnic, Orel Mangala, Josip Brekalo gleich drei Spieler des Jahrgans 1998 häufig auf dem Platz (allerdings sind zwei davon auch nur geliehen). Der Rest verteilt sich über acht Vereine: Rick van Drongelen (HSV), Kevin Danso (Augsburg), Panagiotis Retsos (Leverkusen), Weston McKennie (Schalke), Salih Özcan (Köln), Dennis Geiger (Hoffenheim), Christian Pulisic (Dortmund) und Dayot Upamcano (Leipzig).

18 Spieler gibt es also nach elf Spieltagen in der Bundesliga, die alterstechnisch rund um die magische Grenze des Herauswachsens aus dem Nachwuchsbereich liegen und schon relevante Einsatzzeit gekriegt haben. Dazu kommen noch vier Spieler, die immerhin schon mal ein paar Minütchen bekommen haben.

Insgesamt zeigen die Daten auch dieses Jahr, dass man schon unheimlich viel Glück haben muss, wenn man beim Schritt aus dem Nachwuchsbereich heraus tatsächlich sofort in einem Bundesliga-Team landet. Da muss dann schon sehr viel zusammenkommen an Verein, der auf junge Spieler setzt, viel Talent und möglichst noch eine zufälligerweise nicht ganz so große Konkurrenzsituation auf der entsprechenden Position (wenn man bspw. auch an einen Jann-Fiete Arp denkt).

Interessant in dem Zusammenhang vielleicht auch, dass Leverkusen und Leipzig die einzigen Teams der Bundesliga sind, die keinen Spieler aus der Ü30-Fraktion (1987 geboren oder älter) zu ihren meisteingesetzten Spielern zählen. Bei RB Leipzig macht sich da der Verzicht auf Marvin Compper bemerkbar. Auch in Mainz ist man mit nur einem Ü30-Spieler relativ jung aufgestellt.

Am anderen Ende der Skala liegt Frankfurt mit gleich sechs Ü30-Akteuren. Bremen und Hertha haben noch jeweils vier. Augsburg, München und Hannover liegen bei drei Spielern ab 30 aufwärts, die in dieser Saison verstärkt eingesetzt wurden.

Wenn man es insgesamt nimmt, dann sind sicherlich Leipzig und Stuttgart die Teams mit den jüngsten, regelmäßig eingesetzten Akteuren. Schalke, Leverkusen und (mit Abstrichen) Freiburg (weil keine Spieler in den ganz jungen Alterssegmenten) sind auch zu nennen. Frankfurt, Augsburg, München, Mönchengladbach und Hannover sind jene Mannschaften, bei denen man sich eher auf routiniertere Akteure verlässt.

Sagt natürlich alles nichts über Nachwuchsarbeit aus. Bei RB Leipzig versteht man es beispielsweise sehr gut, Spieler einzubauen, die man jung von anderen Vereinen geholt hat, wenn man an die Kimmichs, Klostermanns, Poulsens oder Upamecanos und Konates in der jüngeren Vergangenheit denkt (aber es gibt natürlich auch Burke, Palacios, Bruno, Nukan usw., bei denen das nicht funktioniert hat). Aus dem eigenen Nachwuchs kam derweil noch nichts. Aber ist auch nicht so, dass die anderen jungen Spieler (wie Zagadou, Cuisance oder van Drongelen zeigen) nun alle Folge der herausragenden Arbeit in den jeweiligen Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten wären.

Insgesamt bleibt es interessant, dass es Ralph Hasenhüttl in dieser Saison sehr gut versteht, ein sehr junges Team durch die Klippen der Dreifachbelastung und der europäischen Neuheiten zu führen. Er trainiert da praktisch eine Art U23-Team. Man stelle sich nur mal vor, so eine Mannschaft könnte auch mal zwei, drei Jahre zusammenbleiben, bis sie tatsächlich in der sportlichen Blüte steht..

Wenn man sich mal den Spaß machen und die jüngste denkbare und nicht mit jugendlichen Karteileichen aufgefüllte Startformation bei RB zusammenstellen will, dann kommt man auf Mvogo (23) – Klostermann (21), Upamceano (19), Konaté (18), Bernardo (22) – Laimer (20), Keita (22) – Sabitzer (23), Bruma (23) – Augustin (20), Werner (21). Und das ist keine Formation, die so nicht auch mal tatsächlich zusammen auf dem Platz stehen könnte. Sprich, mit dieser Mannschaft, in der keiner älter als 23 und älter als Jahrgang 1994 ist, könnte man durchaus auch sehr gut in ein Bundesligaspiel gehen.

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Ralf Rangnick mit seiner jugendlichen Defensive bestehend aus Dayot Upamecano (re) und Ibrahima Konate. | GEPA Pictures - Roger Petzche
GEPA Pictures – Roger Petzche

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[U19 = Anzahl der Spieler der Geburtsjahre 1999 und 2000, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören; U21 = Anzahl der Spieler der Geburtsjahre 1997 und 1998, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören; U23 = Anzahl der Spieler der Geburtsjahre 1995 und 1996, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören; Insg = Anzahl der Spieler der Geburtsjahre 1995 bis 2000, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören; Ü30 = Anzahl der Spieler der Geburtsjahre 1987 und älter, die zu den 18 meisteingesetzten Spielern ihres Vereins gehören]

 U19U21U23InsgÜ30
Leipzig13480
Stuttgart04483
Schalke04372
Freiburg00772
Leverkusen13260
Wolfsburg12253
HSV02243
Hoffenheim02242
Köln02242
Dortmund11242
Mainz01341
Hertha10345
Frankfurt00446
Bremen00445
Augsburg02134
Gladbach10233
München00334
Hannover00114

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Geburtsjahr 2000 (wenig Einsatzzeit bei ihren Klubs)

  • Jadon Sancho (Dortmund)
  • Jann-Fiete Arp (HSV)

Geburtsjahr 1999 (zu den Top 18 ihres Vereins in Sachen Einsatzzeit gehörend)

  • Gian-Luca Itter (Wolfsburg)
  • Kai Havertz (Leverkusen)
  • Mickaël Cuisance (Mönchengladbach)
  • Ibrahima Konaté (Leipzig)
  • Arne Maier (Hertha)
  • Dan-Axel Zagadou (Dortmund)

Geburtsjahr 1999 (wenig Einsatzzeit bei ihren Klubs)

  • Palko Dardai (Hertha)
  • Alexander Isak, Jan-Niklas Beste (Dortmund)

Geburtsjahr 1998 (zu den Top 18 ihres Vereins in Sachen Einsatzzeit gehörend)

  • Dzenis Burnic, Orel Mangala, Josip Brekalo (VfB Stuttgart/ zwei Leihen)
  • Rick van Drongelen (HSV)
  • Kevin Danso (Augsburg)
  • Panagiotis Retsos (Leverkusen)
  • Weston McKennie (Schalke)
  • Salih Özcan (Köln)
  • Dennis Geiger (Hoffenheim)
  • Christian Pulisic (Dortmund)
  • Dayot Upamcano (Leipzig)

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Ein Gedanke zu „Jugendliche Leichtigkeit“

  1. Das Abmelden der U23 hat wohl eher strategische Gründe.
    Denn bei den Ambitionen des Vereins hätte das Ziel nur dritte Liga sein können um den Nachwuchs wirklich zu fordern.
    Ein Ziel was langfristig Chemie und Lok anstreben.
    Das wäre als Konfliktpotential in der Stadt untragbar.
    Schon in der Regionalliga hätte man jetzt 4 Stadtderbys.
    Sicherheitstechnisch alle ein Albtraum.
    Desweiteren hätte die Frage der Spielstätte gestanden.

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