Bilanzen vom Rande des Spielfelds aus der Bundesliga 2017/2018

Der Rückblick auf die Zuschauerzahlen in der vergangenen Saison steht noch aus. Auch diesmal geht es weniger um einen Schwanzvergleich, sondern eher um eine nüchterne Bestandsaufnahme zu den Tendenzen, die man aus der abgelaufenen Spielzeit herauslesen kann. Sowohl in Bezug auf RB Leipzig, aber auch in Bezug auf die Bundesliga generell, in der ja zwischenzeitlich der wahrnehmbare Zuschauerrückgang an verschiedenen Stellen durchaus deutlich diskutiert und hinterfragt wurde.

Erstmals in der Vereinsgeschichte schloss RB Leipzig in der letzten Saison schlechter ab als in der Vorsaison. Das galt nicht nur in der sportlichen Endtabelle, sondern auch für den Zuschauerschnitt im Ligabetrieb. Immerhin rund 2.000 Zuschauer spuckten die offiziellen Statistiken am Ende im Schnitt weniger pro Leipziger Spiel aus. Wenn man dazu rechnet, dass dem Verein da vor allem teure Tagestickets durch die Lappen gingen, summiert sich der Verlust über die Saison gesehen dann schnell mal auf einen niedrigen siebenstelligen Betrag.

Schon vor einem Jahr konnte man mutmaßen, ob die erstmalige Teilnahme an der Champions League (und später Europa League) nicht genau einen solchen Effekt hervorrufen würde. Dazu war es die zweite Bundesligasaison und der sportliche Durchmarsch der Vorsaison natürlich nicht zu wiederholen. Vielmehr gab es auch einige Heimspiele, die nicht wirklich als Festtage in Erinnerung blieben, sondern im besten Fall nüchtern gespielter Ergebnisfußball waren.

Insgesamt 24 Pflichtspiele bestritt RB Leipzig in dieser Saison zu Hause. Gegenüber 17 in der Vorsaison. Dass da dann gerade im Winter auch mal ein paar Plätze mehr leer bleiben, liegt wohl in der Natur der Sache. Dass das nicht zwangsläufig eine grundsätzliche Sache ist, zeigte auch, dass das vom Namen her unattraktivere Hoffenheim-Heimspiel in den Heimbereichen sehr früh ausverkauft war, während das Heimspiel gegen Köln sich sehr schlecht verkaufte.

Ein Faktor neben der zweiten Saison und der erhöhten Anzahl an Spielen mag auch gewesen sein, dass in der abgelaufenen Saison erstmals die Ticketbörse durchgängig in Betrieb war. Sprich, es gab einen einfachen Weg, nicht genutzte (Dauer)Karten weiterzuverkaufen. Auf diesem Wege könnten sich Zuschauer, die letzte Saison noch teure Tageskarten gekauft haben, in dieser Saison einfach billigere Tickets, die der Verein eigentlich schon verkauft hatte, zugelegt haben. Bei einer nicht ausverkauften Red Bull Arena ist die Ticketbörse für den Verein genaugenommen ein Verlustgeschäft, weil man weniger von den teuren und damit aus Vereinssicht lukrativen Tagestickets verkauft. Für Fans ist es natürlich hübsch, wenn sie immer mal noch ein Schnäppchen für Sektor B oder D schießen können.

  • 2009/2010: 2.150 (Oberliga)
  • 2010/2011: 4.206 (Regionalliga)
  • 2011/2012: 7.396 (Regionalliga)
  • 2012/2013: 7.557 (Regionalliga) (ohne Relegation)
  • 2013/2014: 16.735 (3. Liga)
  • 2014/2015: 25.026 (2.Liga)
  • 2015/2016: 29.440 (2.Liga)
  • 2016/2017: 41454 (Bundesliga)
  • 2017/2018: 39397 (Bundesliga)

Die absoluten Zuschauerkönige sind auch diese Saison wieder Bayern München und Borussia Dortmund. Bei den Bayern waren erneut alle 17 Heimspiele ausverkauft. Beim BVB fehlten ein paar Zuschauer daran. Beide Vereine kriegen ihre Stadien praktisch immer und unter egal welchen Voraussetzungen voll.

Ganz unten sind mit Ingolstadt und Darmstadt die Vereine mit kleinen Stadien nicht mehr dabei gewesen. Entsprechend ist Freiburg trotz einer fast 100&igen Auslastung der Verein mit dem schlechtesten Zuschauerschnitt. Mainz, Hoffenheim, Leverkusen, Augsburg und Wolfsburg sind die anderen Klubs mit einem Schnitt von unter 30.000 Zuschauern, die dem Rest der Liga mit einem deutlichen Abstand folgen.

RB Leipzig rutschte derweil von Platz 9 auf Platz 12 und damit ans Ende des Mittelfelds ab. Auch weil mit Hannover und Stuttgart zwei Aufsteiger mit größeren Stadien in die Liga kamen.

Die Auslastung in den Stadien ist generell sehr hoch. Nur bei fünf Klubs liegt sie unter 80%. Hertha BSC ist hier die absolute Ausnahme, weil sie in einem Riesenstadion im Schnitt nur 61% der Plätze belegen. Dass sie in dieser Saison gleich 5.000(!) Zuschauer pro Spiel verloren, kommt da noch mal erschwerend hinzu.

Am anderen Ende sind es neben Freiburg die traditionell zuschauerstarken Vereine wie Bayern, Dortmund, Schalke und Köln, die keine Probleme haben, ihr Stadion praktisch in jedem Spiel komplett zu füllen. Da liegt es dann meist eher an den Gastvereinen, wenn zum Ausverkauft-Schild ein paar Zuschauer fehlen.

Insgesamt gleich zwölf Vereine vermelden diese Saison ein kleines oder großes Minus beim Zuschauerschnitt. Hinter Hertha folgt Leipzig mit den größten Verlusten. Mit dem HSV und Wolfsburg (die im zweiten Jahr in Folge zuschauertechnisch einbrechen) folgen zwei Teams im Abstiegskampf.

Dass abgesehen von den Aufsteigern nur drei Klubs ihren Zuschauerschnitt steigern konnte (besonders stark die sportlich erfolgreichen Vereine aus Gelsenkirchen und Hoffenheim), verweist darauf, dass die Wahrnehmung, es passieren nicht mehr so viele Zuschauer die Bundesligaeinlässe, richtig ist. Auch wenn die absolute Zahl aufgrund der Abstiege von Ingolstadt und Darmstadt und der Aufstiege der zuschauerreicheren Hannover und Stuttgart größer geworden ist. Rund 3.000 Zuschauer pro Spiel gab es diese Saison mehr in der Bundesliga. Was sich allerdings komplett aus den größeren Stadien der Aufsteiger (insgesamt 110.000 Plätze) im Vergleich zu den Stadien der Absteiger (insgesamt reichlich 30.000 Plätze) erklärt.

Wenn man mal nur für die 16 Teams, die in den letzten beiden Spielzeiten in der Bundesliga aktiv waren, die Zuschauerzahlen vergleicht, dann bleibt dann allerdings ein Minus von 691 Zuschauern pro Spiel pro Team. Das klingt erstmal nicht viel (sind aber auf die Saison gerechnet trotzdem mal eben über 160.000 Zuschauer weniger), kommt aber auf die 250 Zuschauer im Schnitt dazu, die schon im Vergleich der Spielzeiten 2015/2016 und 2016/2017 verloren gingen. Entsprechend gibt es dann schon einen eher deutlichen Trend. Zumal man noch im Hinterkopf behalten muss, dass sich die Einbußen auf weniger Spiele als die insgesamt 306 verteilen, da ja ein nicht unwesentlicher Teil der Spiele ausverkauft war.

Eine These, die man daraus ableiten könnte, wäre, dass das Interesse am Live-Fußball bei großen Events und Ereignissen schon noch funktioniert, dass es in der Breite der Spiele aber schon schwieriger geworden ist, die Menschen in jener Masse in die Stadien zu locken wie noch vor zwei, drei Jahren.

[Heim = Zuschauerschnitt bei den Heimspielen; +/- = Veränderung beim Zuschauerschnitt bei den Heimspielen im Vergleich zur Vorsaison 2015/2016; Heim/100.000 = Anzahl der Zuschauer pro 100.000 Einwohner der jeweiligen Stadt; Ausl = Auslastung des Stadions in Prozent]

TeamHeim+/-Heim/100000Ausl
Bayern7500005172100
Schalke612975942357698
Hoffenheim287165798204795
Dortmund79496-1571356698
Leverkusen28415-131743394
Leipzig39397-2057703593
Stuttgart563665649903393
Frankfurt49159-17670795
Gladbach50986-5301961094
Hertha45323-4944128861
Bremen40870-5733897
Augsburg28238163987392
Hannover427066000802787
Mainz28766-3301369885
Freiburg23894-6510744100
Wolfsburg25713-18732073686
HSV52341-1683272289
Köln48776-724460298

Die These, dass die Vereine vor allem in Spielen verlieren, in denen nicht das ganz große sportliche Event ansteht, erhält allerdings einen deutliche Dämpfer, wenn man auf die Differenz von best- und schlechtestbesuchtem Spiel pro Verein schaut. Während bei zwölf von 16 Klubs, die die letzten zwei Spielzeiten Bundesliga spielten, der Zuschauerschnitt sank, ist nur bei sieben Vereinen die Differenz zwischen best- und schlechtesbesuchtem Spiel angestiegen. Sprich, nur bei diesen sieben Vereinen würde sich die These bestätigen, dass die Lowlights der Saison schlechter besucht werden und für den Rückgang des Zuschauerschnitts verantwortlich sind. Generalisieren kann man das aber offenbar nicht. Was dann wiederum dafür spricht, dass die Vereine doch eher in der Breite Live-Zuschauer verlieren und nicht nur bei den unattraktiveren Spielen.

Bei insgesamt sieben Vereinen hatte das schlechtbesuchteste Spiel unter 80% der Zuschauer des bestbesuchten Spiels. Klubs wie Freiburg haben da natürlich den ‚Vorteil‘ eines kleinen Stadions, in dem die Unterschiede zwischen gutem und schwachem Besuch verwischt werden.

Bei Hertha ist die Differenz am krassesten. Keine 30.000 Zuschauer gegen Hannover. Über 70.000 Zuschauer gegen die Bayern. Und vor allem: als einziger Verein kein einziges ausverkauftes Spiel. Selbst die Partie gegen die Bayern, die seit etlichen Jahren jedes Spiel in einem ausverkauften Stadion spielten, war nicht ausverkauft. Auch das spricht wieder dafür, dass der Zuschauerverlust eher einer in der Breite ist, wenn selbst die deutschlandweit zahlreichen Bayern-Fans die Spiele ihres Klubs nicht mehr gefüllt kriegen.

Auch in Hannover und Mainz sind die Differenzen besonders extrem, während in Leipzig vor allem der Unterschied zur Vorsaison auffällt. Damals war das Stadion im schlechtesten Fall zu 84% gefüllt. In dieser Saison fiel die Zahl auf 75%, als gegen Köln offiziell nur knapp 32.000 Zuschauer da waren (und inoffiziell noch wesentlich weniger). Dass gegen einen durchaus zugkräftigen Verein wie Köln so wenige Leute ins Stadion finden, dürfte bei den Verantwortlichen durchaus für Stirnrunzeln gesorgt haben. Wenn dann künftig in einer ausgebauten Arena mit 50.000+ Plätzen nur 30.000 Leute sind, dann wäre das schon ziemlich spärlich besetzt. Und da hat der Verein noch nicht mal wirklich eine sportliche Krise (Platz 14 im Februar und ein Spiel gegen Augsburg beispielsweise) erlebt. Wird interessant, wie sich die Zahlen weiterentwickeln und ob sie nach und nach nach oben klettern, weil sich die Fanbasis sukzessive erweitert oder ob der Trend in die andere Richtung geht, weil der erste Bundesliga-Hype durch ist.

[Best = Anzahl der Zuschauer beim bestbesuchten Heimspiel; Schlecht = Anzahl der Zuschauer beim schlechtestbesuchten Heimspiel; Range = Wieviel Prozent des bestbesuchten Spiels besuchten auch das schlechtestbesuchte Spiel?; Ausverkauft = Anzahl der ausverkauften Heimspiele; Anmerkung: beim BVB wurde nicht das schlechtbesuchteste Spiel gegen Augsburg als Basis genommen, weil das Spiel als Boykottspiel die Vergleichswerte verzerren würde]

TeamBestSchlechtRangeAusv
Bayern750007500010017
Schalke6227159215957
Hoffenheim30150241058010
Dortmund8136080100989
Leverkusen3021025471846
Leipzig4255831793756
Stuttgart6044950500844
Frankfurt5150045100887
Gladbach5401442016785
Hertha7121229231410
Bremen4210037500899
Augsburg3066025971853
Hannover4900032800676
Mainz3400023477692
Freiburg24000229009513
Wolfsburg3000022827762
HSV5700040983722
Köln50000411008210

Beim Gesamtzuschauerschnitt pro 34 Spielen liegt Dortmund wegen des größeren Stadions vor den Bayern. Fast 63.000 Zuschauer hatte jedes BVB-Spiel. Über 2,1 Millionen Menschen sahen die Dortmunder in dieser Saison live im Stadion.

Bayern und Dortmund sind auch die Vereine, die auswärts die meisten Fans ziehen, wenn man sich den (ohne mit statistischen Details zu langweilen) bereinigten Schnitt bei Auswärtsspielen anschaut (Ausw II unten in der Tabelle). Beide Vereine funktionieren weiterhin an fast jedem Tag in der Woche zu jeder Jahreszeit. Dass aber beide Vereine ihre Auswärtsspiele bei Hertha nicht ausverkaufen konnten, verweist jedoch auch darauf, dass das keine Selbstverständlichkeit bleiben muss. Wird auch interessant, wie das dann kommende Saison weitergeht.

Zu den großen Zugpferden der Liga gehören auch der HSV, Schalke oder Bremen, die die Arenen der Republik regelmäßig füllen. Das Mittelfeld bilden dann Mönchengladbach, Köln, Stuttgart, Leipzig, Hertha und Frankfurt. Leipzig schwimmt da also in Sachen bundesweites Zuschauerinteresse weiter munter im Mittelfeld der Liga mit. Der Reiz des Spiels gegen die Dosen verbunden mit einer ja auch nicht uninteressanten Spielweise (gerade auswärts ist bei RB-Spielen dann doch auch oft was los gewesen), funktioniert immer noch. Interessant, dass Frankfurt (trotz großer und reiselustiger, eigenere Fangemeinde) weit weniger bundesweites Interesse erweckt, als man das in der Main-Metropole vielleicht gern hätte. Vielleicht gibt es da ja kommende Saison einen Pokalsieger-Effekt.

Ganz am Ende im bundesweiten Aufmersamkeitsranking (bzw. im Interesse an den Vereinen bei den 17 Konkurrenten) liegen dann neben Hannover (die offensichtlich immer noch ein wenig ein Graue-Maus-Image haben) auch Freiburg, Hoffenheim, Leverkusen, Mainz, Wolfsburg und Augsburg. Allesamt jene Vereine, die auch im Sky-Ranking (das man aus verschiedenen Gründen wie unterschiedlichen Spielterminen und Sky-Verbreitung in den unterschiedlichen Gegenden mit Vorsicht genießen muss) ganz hinten liegen und von denen man entsprechend davon ausgehen muss, dass sie bundesweit im geringeren Maße Emotionen welcher Art auch immer hervorrufen. Diesbezüglich stehen halt Dortmund und Bayern über allen und werden da auch in Zukunft stehen.

Interessant, dass keiner der Vereine absteigt, die mit eher weniger Emotionen verbunden sind. Dafür steigt mit dem HSV ein absolutes Zugpferd ab. Mit dem 1. FC Köln kommt ein Verein dazu, für den das in schwächerem Maße auch gilt. Ist für die Liga und das Interesse an der Liga nicht gerade das Beste, dass man ausgerechnet solche Vereine verliert. (Auch hier gilt, dass das völlig wertfrei und nüchtern aus der Perspektive des Publikumsinteresses interpretiert ist.)

[Schnitt = Gesamtzuschauerschnitt über 34 Spiele; Ausw = Zuschauerschnitt bei 17 realen Auswärtsspielen; Ausw II = Zuschauerschnitt bei 18 Auswärtsspielen (jedes Team bekommt hier ein fiktives, zusätzliches Auswärtsspiel im eigenen Stadion mit ihrem Durchschnittsheimbesuch hinzugerechnet (Bayern hat also ein 18. Auswärtsspiel mit 75.000 Zuschauern, so wie alle anderen Vereine, die nach München fahren), um Effekte unterschiedlicher Stadiengrößen bei den Auswärtsfahrten auszugleichen und einen für alle Vereine vergleichbaren Wert zu haben.); Sky = Zuschauer bei Sky in Millionen, die im Schnitt Partien des Teams wählten (0,79 = 790.000 Zuschauer pro Spiel bei Sky), Quelle ist meedia.de]

TeamSchnittAuswAusw IISky
Bayern6099846996480510,98
Schalke5348545674465410,65
Hoffenheim3630443891430470,35
Dortmund6270945921477870,88
Leverkusen3599943582427390,33
Leipzig4229545193448710,55
Stuttgart5038344399450640,43
Frankfurt4662544092443730,37
Gladbach4810545225455450,54
Hertha4484244362444150,54
Bremen4381746765464370,52
Augsburg3497841717409690,28
Hannover4311543525434790,32
Mainz3591543065422700,33
Freiburg3446945044438690,30
Wolfsburg3419942684417420,33
HSV4854846438466730,61
Köln4699045204454030,57

Aufschlussreich für das allgemeine Interesse an Teams, wie oft sie für Top- oder Minuskulissen sorgten. Hier geht wieder mal der FC Bayern vorneweg, der in praktisch allen Stadien für Topkulissen sorgte. Wobei es erstaunlich ist, dass so viele Leute so scharf darauf sind, sich Niederlagen ihres Teams gegen den Meister anzuschauen. Dahinter sind dann Teams wie eben wieder der HSV und Dortmund die Magneten.

In der Statistik schlagen sich natürlich auch regionale Nähen und Derbys wieder. Für einen Verein wie Leipzig wird es da schwer, aufgrund fehlender, echter Rivalitäten und kaum regionaler Duelle, mitzuhalten. Das Olympiastadion in Berlin ist einfach zu groß, um es genauso zu füllen wie der FC Bayern. Und das Auswärtsspiel in Wolfsburg als zweiter recht naher Gegner lag als Spiel an einem Dienstag, 18.30 Uhr im Dezember einfach zum ungünstigsten Termin

Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass der Auswärtsblock von RB Leipzig in der abgelaufenen Spielzeit abgesehen von Highlights wie in Berlin oder in München meist eher durchschnittlich gefüllt war. Insgesamt waren diese Saison reichlich 6.000 Fans weniger mit bei 17 Auswärtsspielen als in der letzten Saison (vor allem weil rund 5.000 weniger mit nach Dortmund fuhren). Im Schnitt machte das ungefähr knapp 2.500 pro Spiel. Wenn man die Fahrten nach Berlin und nach München abzieht, bleiben im Schnitt noch knapp 1.700 RB-Fans übrig, die auf Reisen gehen. Irgendwas um die 1.500 ist dann auch so ungefähr die normale Zahl an Auswärtsfahrern, die man von RB kriegt. Ist aber auch keine Zahl, mit der man viele Gästeblöcke der Republik füllt, was entsprechend dazu führt, dass man nur selten mal ein Stadion voll kriegt bei Auswärtsspielen (wenn sich der Gästeblock nicht gut parzellieren und in Teilen an Heimfans verkaufen lässt).

Topkulissen der 18 Bundesligisten gegen (Mehrfachnennungen, weil bei allen Vereinen mehr als einmal die gleiche Topkulisse zusammenkam):

  • Bayern – 16mal
  • HSV, Dortmund – je 11mal
  • Mönchengladbach – 9mal
  • Stuttgart, Bremen, Schalke – je 8mal
  • Frankfurt – 6mal
  •  Köln – 5mal
  • Freiburg – 4mal
  • Leverkusen, Mainz, Hannover – je 3mal
  • Augsburg, Wolfsburg, Hertha, Leipzig, Hoffenheim – je 2mal

Neun Mannschaften waren bei ihren Auswärtsfahrten nie an den Minuskulissen der jeweiligen Gastgeber beteiligt. Augsburg und Hannover sorgten gleich dreimal für Negativrekorde. Leipzig war wie Mainz, Hoffenheim und Wolfsburg zweimal an solchen Minuskulissen beteiligt. Beim Auswärtsspiel in Wolfsburg beim schon besagten, extrem ungünstigen Spieltermin. Und beim Montagsspiel in Frankfurt, als Teile der Heimzuschauer wegen des ersten Montagsspiels der Saison der Partie fernblieben (lassen wir mal offen, ob aus Protest oder aus Termingründen).

Minuskulissen von 17 Bundesligisten gegen (ohne Heimspiele der Bayern, weil 17mal die gleiche Minuskulisse, weil immer ausverkauft):

  • Augsburg, Hannover – je 3mal
  • Mainz, Hoffenheim, Leipzig, Wolfsburg – je 2mal
  • Frankfurt, Leverkusen, Köln – je 1mal

Wenn man einmal quer über die Zahlen drübergeht, dann bleiben Dortmund und Bayern in Sachen Zuschauerinteresse die absoluten Dominatoren der Liga. Beide Teams sind für die restlichen Mannschaften aufgrund ihrer Mischung aus sportlicher Klasse, bundesweiter Anhängerschaft und Image unerreichbar.

Dahinter bildet sich ein breites Feld von acht bis neun Vereinen, die die Liga interessemäßig in größerem oder kleineren Umfang tragen. Zu diesem Feld gehört weiterhin RB Leipzig, auch wenn das Interesse in und an Leipzig im zweiten Jahr in der Bundesliga wahrnehmbar geringer geworden ist. Am Ende balgen sich dann sieben Teams um die Aufmerksamkeit, die sie sportlich teilweise absolut verdienen, die sie aufgrund ihres Namens oder ihrer Größe aber überregional nicht kriegen.

Insgesamt kann man weiterhin einen Rückgang der Zuschauerzahlen bei der deutlichen Mehrheit der Vereine beobachten. Vor allem Hertha fällt da deutlich nach unten heraus mit einem Minus von gleich 5.000 Fans pro Spiel. Erstaunlich ist der durchschnittliche Rückgang bei den 16 Bundesligisten, die auch 2016/2017 schon dabei waren, auch deswegen, weil mit Stuttgart und Hannover eigentlich zwei attraktivere Vereine als die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt aufstiegen und das eigentlich eher für ein Zuschauerplus bei den anderen 16 Vereinen gesprochen hätte. Dass mit dem HSV und Köln zwei Zugpferde der Liga abgestiegen sind, dürfte bedeuten, dass die negative Zuschauertendenz auch in der kommenden Saison ein Begleiter bleibt.

Diese Tendenz  steht aber auch im Widerspruch zu steigenden Quoten bei Sky. Könnte bedeuten, dass Fußball weiter zu einem Fernsehsport wird, bei dem die einstige Kernanhängerschaft, die bei Wind und Wetter in die Stadien rennt, kleiner wird.

Da kann man trefflich über Ursachen streiten. Wer den Entwicklungen des Fußballs kritisch gegenüber steht, der wird Kommerzialisierung, Videobeweis und eine Entfernung der Vereine von ihrer Basis nennen. Vielleicht ist das aber auch zu einfach gedacht und in den Zahlen manifestiert sich einfach ein größerer, gesellschaftlicher Trend, in dem der Besuch des modernen Tempels aka Fußballstadion immer noch zu einer gern genommenen Freizeitgestaltung gehört, diese aber in der Rangliste der verschiedensten Möglichkeiten, sein Wochenende zu verbringen, nicht mehr zwangsläufig ein Muss für jedes Wochenende ist bzw. die Vereine nicht nur das komplett bindende Identifikationsangebot nicht mehr leisten können, sondern es dieses Bedürfnis nach Überidentifikation bei den Anhängern von Vereinen nicht mehr gibt. Zumindest nicht bei der Breite der Fußballanhänger.

Daran schließt sich natürlich wieder mal die Frage an, für wen man den Sport eigentlich betreibt, für die Fernsehzuschauer oder für den Stadionfan. Die Zahl der TV-Zuschauer spricht dafür, dass die entsprechenden Nutzer mit dem Produkt (trotz Bayern-Dominanz und taktischer Rückentwicklung) zufrieden sind. In der Fokussierung auf den TV-Zuschauer verliert man aber eventuell dann auch den einen oder anderen Hardcore-Fan, der sich von seinem Stadionerlebnis etwas anderes verspricht, als eine Veranstaltung, die für Bildschirme optimiert wurde. Ist halt die Frage, wo man hin will und ob man findet, dass 1.000 Zuschauer im Schnitt im Stadion verzichtbar sind, wenn man dafür (fiktive Zahl) 100.000 Zuschauer pro Spieltag am TV gewinnt. Wie man dazu steht, wird wohl auch davon abhängen, wie sehr man Fußball als sein Identifikationsobjekt oder eher als eines von vielen Hobbys begreift.

Aus RB-Sicht bleibt festzuhalten, dass das Interesse am Verein insgesamt etwas zurückging, aber für ein angebliches Retortenprodukt immer noch und auch bundesweit recht hoch ist. Der Verein polarisiert und emotionalisiert weiterhin. Inwieweit das auch bei weiterer Normalisierung (aka Hoffenheimisierung) so bleibt, wird man in den nächsten zwei, drei Jahren sehen.

Dass RB Leipzig fantechnisch immer noch ein wenig anders tickt als andere Vereine, zeigt sich dann auch in Sachen Auswärtsfans und den dort zu verzeichnenden extremen Werten. Große Highlight-Fahrten wie nach München oder Berlin gehen immer. Auch Champions-League-Spiele wie in Monaco waren durchaus ein Happening. Auf der anderen Seite stehen dann spärlich besuchte Gästeblöcke wie in Mainz oder bei den europäischen Spielen in Istanbul oder St. Petersburg. Das hatte natürlich bei der Türkei und bei Russland auch Gründe, aber es bleibt doch ein Fakt, dass der RB-Reisende es dann doch eher gemütlicher und unaufgeregter mag. Dass diese Saison rund 5.000 Fans weniger nach Dortmund fuhren als in der Vorsaison spricht auch für diese These (und es ist auch überhaupt nichts, wofür man sich rechtfertigen muss, wenn Leute finden, dass man für Fußballreisen kein Risiko eingehen muss).

Insgesamt bleiben aus RB-Sicht für die weitere Fanentwicklung Fragen, die aus einigen Minuskulissen in dieser Saison (wie bei den Heimspielen gegen St. Petersburg oder Köln) resultieren. Das ganz große Zuschauerwachstum ist erstmal vorbei, nun geht es in die Mühen der Ebene. In Hoffenheim gab es nach der ersten Bundesligasaison erstmal einen mehrjährigen Durchhänger, bevor sich die Zuschauerzahlen wieder auf höherem Niveau stabilisierten. Das könnte RB Leipzig auch erwarten. Die Gegenthese wäre, dass sich aufgrund in den Verein hineinwachsender, junger Generationen die Zahlen langsam, aber tendenziell eher kurzfristig auf steigendem Niveau stabilisieren. Für den Verein wäre das angesichts eines demnächst über 50.000 Plätze großen Stadion sicherlich wünschenswert. Mal sehen, wo die Reise hingeht.

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Anmerkung

Zahlen beruhen auf eigenen Daten. Entsprechend sind Fehler allein mir zuzuschreiben. Hinweise darauf sind willkommen. Dass die Durchschnittswerte hier und an anderen Stellen im Netz differieren, ist klar, aber nicht wild. In der Tendenz stimmen die Werte. Problematisch generell bei diesen Zahlen, dass damit nur die offiziellen Zahlen erfasst werden. In Leipzig aber auch an vielen anderen Orten gibt es bspw. immer wieder Debatten darüber, dass die Zahl der Leute im Stadion und die Zuschauerzahl sich teils deutlich unterscheiden (die sogenannte No-Show-Rate, gegen die jetzt zum Beispiel auch Borussia Dortmund vorgehen will). Das kann natürlich von einer Statistik wie der obigen nur bedingt erfasst werden. Auch ein völlig unterschiedlicher Umgang mit Pufferbereichen, der zu unterschiedlich ausgelasteten Stadien vom einen Spiel zum nächsten führt, kann hier nicht wirklich berücksichtigt werden.

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Meist voll bei RB Leipzig, aber lange nicht so oft, wie noch letzte Saison. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

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2 Gedanken zu „Bilanzen vom Rande des Spielfelds aus der Bundesliga 2017/2018“

  1. Ich vermute mal, Du hast alles sauber in einer Tabellenkalkulation. Kannst Du vielleicht mal die Zuschauerzahlen beider Jahre mal ganz ohne RB vergleichen? Also nunmehr nur 15 statt 16 Klubs. Es wabert ja die steile These, dass keiner RB sehen will. Dass RB nun bei so wenig Minuskulissen beteiligt ist, ist ja schon mal ein Fingerzeig, den ich aber gern mal quantifizieren möchte.

    1. Ohne es jetzt noch mal zu rechnen (meine Tabellenkalkulation ist vorhanden, aber eher auf Patchwork-Niveau), würde sich das Zuschauerminus von vorletzter zu letzter Saison leicht verringern (um rund 100), wenn man RB rausrechnet. Es bliebe aber immer noch ein manifestes Minus. Und dass RB Leipzig bundesweit durchaus eine vernünftige Aufmerksamkeit auf sich zieht, ergibt sich aus der Auswärtszuschauerzahlentabelle (was ja so etwas wie Interesse an den Gastvereinen ausdrückt), wo RB ohne die größte Auswärtsfahrergruppe zu haben einen guten Mittelfeldplatz belegt.Ist halt ein Verein irgendwo auf dem Niveau von Frankfurt oder Stuttgart. Spannend wird halt, wie sich das künftig entwickelt. Bei den Minuskulissen in fremden Stadion stand beispielsweise bei RB in der ersten Bundesligasaison noch eine Null. Jetzt ist es immerhin schon eine Zwei. Wobei die Umstände der beiden Spiele halt speziell waren. Fakt ist, dass RB vom bundesweiten Interesse am Verein kein klassischer neureicher und oder Neu-Bundesligist ohne größere Vergangenheit ist, wie es Augsburg oder Hoffenheim waren bzw. sind.

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