Transfers: Amadou Haidara

Transfer Nummer 2 verkündete RB Leipzig noch vor Weihnachten direkt nach dem Spiel gegen Werder Bremen. Ein ganz gut gewählter Zeitpunkt, um die ‚Schon wieder ein Spieler aus Salzburg‘-Texte ein wenig zu vermeiden. Auch wenn die entsprechenden Reaktionen nicht komplett ausblieben.

Haidara ist der dritte Neuzugang aus Salzburg in Richtung Leipzig in fünf Transferperioden, nachdem nach dem Aufstieg in die zweite Liga bis zum Aufstieg in die Bundesliga eine ganze Armada an Salzburger Spielern nach Leipzig gekommen war. Upamecano, Laimer, Haidara waren die ausgewählten letzten drei. Die Liste macht schon deutlich, dass inzwischen nur noch die allerherausragendsten Talente des Salzburger Rasenballsports (Laimer war seinerzeit Spieler des Jahres in der österreichsichen Bundesliga) überhaupt für einen Verein in Frage kommen, der in der Bundesliga konstant im vordersten Drittel und um einen Champions-League-Platz mitspielen will.

Willkommen geheißen wurde Amadou Haidara dann in Leipzig gleich mal mit dem ganz großen Vergleich. Über die offiziellen Vereinskanäle ließ Ralf Rangnick verlauten, dass der 20-Jährige das Zeug habe, zum Keita-Nachfolger zu werden. Um sich dann eine halbe Stunde später in der Pressekonferenz nach dem Bremen-Spiel zu bemühen, genau dieser Intepretation den Wind aus den Segeln zu nehmen.

So richtig seien die Spielertypen gar nicht miteinander zu vergleichen, merkte der Sportdirektor von RB Leipzig da richtigerweise an und versuchte den Rucksack auf Haidaras Rücken ein wenig zu leeren. Da stand die Interpretation ‚Keita-Nachfolger‘ aber schon relativ fest im Raum.

Es ist naheliegend und auch wieder nicht, in Haidara einen Keita-Nachfolger zu sehen. Im Vergleich zu Tyler Adams ist Haidara der etwas offensiver ausgerichtete Typ, was ihn mit Naby Keita vereint, der im zentralen Mittelfeld im Normalfall auch die offensivere Rolle gespielt hat. Allerdings ist Haidara eben auch nicht der absolute Ballvirtuose wie es Keita in Leipzig war. Das Dribbling gehört durchaus zum Repertoire von Haidara, wie er auch in wichtigen Spielen in Salzburg schon zeigte. Allerdings fehlt ihm dabei auch die allerletzte Dynamik und die Geschmeidigkeit eines Keitas, sodass Haidara für solche Aktionen andere und größere Räume braucht.

Die Stärke von Haidara dürfte vor allem ein sehr gutes Gesamtpaket sein. Er ist körperlich recht robust und pflegt einen recht aggressiven Zweikampfstil. Das macht ihn auch zu einem guten Balleroberer und zu einem Akteur, der mit seinen 1,75 Metern trotzdem in der Luft nicht unterlegen ist.

Aufgrund seiner Ballbehandlung ist er auf der anderen Seite nur schwer vom Ball zu trennen. Dazu gehört auch ein sehr klares, sauberes Passspiel. Während Keita auf gute Dribblings oft entscheidende Pässe im Nirvana verenden ließ, steht Haidara eher für einen sehr sachlichen, dafür genaueren Spielstil mit einer sehr guten Passquote.

Positioniert ist er dabei in Salzburg auf der Acht gewesen. Im 4-3-3 aka 4-1-2-1-2 also vornehmlich auf der rechten Acht. Das dürfte seine Idealposition sein. Denkbar ist auch die offensive Position in einer Doppelsechs und die rechte Zehn in einem 4-2-2-2. Wobei letztere Position wohl eher nicht die ganz optimale ist. Schon Keita war dort nicht perfekt eingesetzt. Auch Haidara braucht das Spiel eher vor sich, als auf der Zehn immer wieder in Situationen zu geraten, in denen er mit dem Rücken zum Tor agieren muss. Dafür spricht auch, dass Haidaras direkte Torgefahr in Salzburg eher weniger ausgeprägt war und diese Rolle anderen Spielern zufiel.

Interessant dürfte sein, wo sich Haidara damit bei RB Leipzig einreiht. Mit Adams und Demme hat man zwei klare Sechser. Mit Kampl hat sich ein anderer Akteur auf dem offensiven Posten in einer Doppelsechs etabliert. Möglich, dass Kampl nach der Haidara-Verpflichtung künftig wieder etwas offensiver positioniert wird. Aber das wird man dann wohl nur in der Praxis testen können.

Bevor man das in er Praxis austesten kann, wird aber noch einige Zeit vergehen. Denn Haidara kommt mit einer Kreuzbandverletzung nach Leipzig. Nicht unter sechs Monate dauert das bei einem gerissenen Band, wenn man eine Operation wählt. Bei Haidara entschied man sich für die konservative Methode ohne Operation. Das ist bei Fußballern die seltenere Behandlung und eine Methode nicht ohne Risiko, aber letztlich hängt es auch immer von der jeweiligen Schwere der Verletzung und von den inviduellen Genesungsvoraussetzungen ab.

Wolfsburgs Josuha Guilavogui war zuletzt ein Spieler, bei dem der Weg ohne Operation sehr gut funktionierte. Nach rekordverdächtigen drei Monaten stand der VfL-Mittelfeldmann schon wieder in einem Pflichtspiel auf dem Rasen und absolvierte die letzten vier Bundesligaspiele vor der Winterpause über 90 Minuten.

Bei Amadou Haidara waren nach Bekanntwerden der Verletzung (was offenbar nicht identisch war mit dem Verletungszeitpunkt) vier Monate bis zur Genesung veranschlagt. Das würde dann auf eine Ausfallzeit bis Mitte März hinauslaufen. Dann könnte er bei RB Leipzig tatsächlich in dieser Saison noch in einigen Spielen zum Einsatz kommen. Bei einer Kreuzbandverletzung sollte man (positiver Heilungsverlauf hin oder her) aber Genesungsprognosen auch nicht als ganz so gesicherte Terminlichkeiten ansehen.

Zumal es für Haidara auch nicht ganz einfach sein dürfte, aus einer solchen Verletzung heraus direkt bei einem neuen Verein in einer neuen Liga in der Endphase einer Saison, in der Leipzig große Ziele hat, durchzustarten. Auch ohne Verletzung und mit einer richtigen Vorbereitung bei RB hatte Keita einst ein paar Anpassungsprobleme. Das dürfte bei Haidara mit seiner eigenen Vorgeschichte und mit einem komplitzierteren Startpunkt nicht anders sein.

Zumal er ein Typ ist, der für sein Spiel etwas mehr Platz braucht. Damit hatte schon Laimer in der Bundesliga so seine Schwierigkeiten, die bis heute nicht überwunden sind. Bei Haidara dürfte der Sprung aufgrund einer anderen Qualität am Ball nicht ganz so groß sein, aber eine Anpassungsphase an die Geschwindigkeit und die Anforderungen in der deutschen Bundesliga wird auch Haidara brauchen.

Entsprechend bleibt es verwunderlich, dass Amadou Haidara jetzt im Winter jenen Schritt nach Leipzig geht, der im Sommer noch nicht geklappt hatte. Damals wollte man den Mittelfeldmann in Salzburg noch nicht ziehen lassen. Offenbar weil man mit ihm in die Champions League wollte, wofür sich der österreichische Meister nach zwei Unentschieden gegen Roter Stern Belgrad aber nicht qualifizieren konnte.

Auch nach gescheiterter Champions-League-Quali wechselte Haidara nicht auf den letzten Drücker nach Leipzig, sondern spielte mit Salzburg (bis zur Verletzung Mitte November) eine großartige Hinrunde in allen Wettbewerben und blieb dabei mit seinem Klub auch ohne Niederlage. Dass er jetzt im Winter verletzt den Weg in die Bundesliga wählt und nicht noch ein halbes Jahr bis zur Sommerpause wartet, darf ein wenig erstaunen. Denn in Salzburg hätte er eventuell in vertrautem Umfeld ab Mitte März noch die Chance in der Europa League ganz große Ziele zu erreichen. Zumindest träumt man in Salzburg inzwischen relativ offen vom Titel.

Wenn man Haidaras Abschiedsvideo in Österreich sieht, dann präsentiert sich dort ein bodenständiger Akteur, dem man abnimmt, dass er mit dem Team und dem Vereinsumfeld eine Art Fußballfamilie gefunden hatte, in der er er sich wohlfühlte. Teil davon war auch der Gewinn der Youth League im Jahr 2017, bei der Haidara ab der Zwischenrunde in jedem Spiel über die komplette Spielzeit auf dem Platz stand. Den Verein nun ausgerechnet im Winter mit ungewisser Perspektive in Bezug auf Einsatzzeiten nach einer möglichen Genesung zu verlassen, erscheint aus der Ferne seltsam und erklärungsbedürftig.

RB Leipzig soll das egal sein. Denn man bekommt einen Spieler, der perspektivisch tatsächlich in der Bundesliga und bei RB eine ganz große Rolle spielen kann. So er sich denn so entwickelt, wie man es aufgrund seiner Qualitäten schon in einer frühen Phase der Karriere erwarten kann. Das ganze Paket kostet RB Leipzig dann auch mal eben eine Summe irgendwo knapp über kolportierten 15 Millionen Euro.

Das liegt ungefähr in dem Bereich, in dem auch Keita in Bezug auf die fixe Ablöse lag.  Bei dem zahlte Leipzig nach dem Transfer Richtung Liverpool noch mal einige Millionen nach, sodass Salzburg schließlich irgendwas bis zu 25 Millionen für Keita eingenommen hatte. Wenn man bei Haidara ein ähnliches Modell fährt und noch mal an einem möglichen künftigen Transfer mitverdient, dann dürfte die Ablöse für den Mittelfeldmann halbwegs den aktuellen Marktverhältnissen entsprechen. Den deutschen Marktverhältnissen zumindest. In England hätte sich mit einem Haidara (zumindest in seiner gesunden Version) sicherlich noch mal deutlich mehr Geld verdienen lassen.

Amadou Haidara ist der erste Salzburger seit Rangnicks Amtsantritt in Leipzig, an dessen Verpflichtung er nicht noch selbst direkt beteiligt war oder den er selbst direkt in Salzburg unter seinen Sportdirektoren-Fittichen hatte. Auch diesbezüglich verändern sich langsam die Verhältnisse zwischen beiden Vereinen.

Salzburgs Hannes Wolf goss die Veränderungen zuletzt in den Satz „Diese Phase, dass jeder von uns nach Leipzig gehen will, ist lange vorbei.“ Das mag etwas übertrieben sein, weil es für Topakteure des österreichischen Meisters weiterhin interessant ist, zu einem deutschen Champions-League-Aspiranten zu wechseln. Aber der Weg ist nicht zwangsläufig vorgezeichnet, auch weil sich die Salzburger Spieler mit ihren internationalen Auftritten viele Türen jenseits von Leipzig aufgestoßen haben.

Für Amadou Haidara ist das aber egal. Denn der kommt nun nach Leipzig, wird aber frühestens im letzten Saisonviertel eine Option für Ralf Rangnick. Geangelt hat man sich damit eine vielversprechendes (und relativ weit entwickeltes) Talent, das über eine sehr gute Mischung aus Spiel gegen und mit dem Ball verfügt. Also eine Mischung, die dann unter Julian Nagelsmann auch wieder wichtiger werden wird.

Wenn man schon den Keita-Vergleich wählen will, dann ist Haidara eine schnörkellosere, physisch stärkere Version des einstigen RB-Mittelfeldspielers, dem die Genialität im Eins gegen Eins und die überragende Dynamik im Dribbling gerade auf den ersten Metern fehlt. Das macht aber auch nicht viel, weil Haidara das mit anderen Qualitäten irgendwo mit einer Mischung aus Diego Demme und einem Marcel Sabitzer an guten Tagen gut auffängt. Ein recht bodenständiger Teamspieler mit klaren Aktionen, dem bei nur einem Platzverweis in seiner Zeit in Salzburg auch die über die Grenzen gehende Impulisivität eines Keitas fehlt und auf den man sich in Leipzig sehr freuen darf. Wenn er denn irgendwann seine Kreuzbandverletzung verloren hat.

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Amadou Haidara. | Screenshot: twitter.com/dierotenbullen
Amadou Haidara. | Screenshot: twitter.com/dierotenbullen

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4 Gedanken zu „Transfers: Amadou Haidara“

  1. Am Tage gleich 2 gute Vorstellungen von Haidara.
    Wunderbar.
    Auch von Dir in gewohnter Form.

    Nur komme ich nochmals auf das Thema Verletzung zurück. Wir hatten ja gestern auf RB-Live bei Twitter schon geschrieben.
    Ich kann mir nicht vorstellen, das bei Haidara das Kreuzband gerissen ist und man versucht es ohne OP. Das ist einfach nicht möglich im Leistungssport.
    Eine Kreuzbandverletzung ohne Trennung der Bänder schon eher und wie Du geschrieben hast, hatte Guilavogui hatte keinen Kreuzbandriss.

    Ich hoffe, es ist nur eine Misskommunikation und er kommt schnell auf die Beine bzw. in das Training einsteigen.

    Ehe ich es aber vergesse, Dir und Deiner Familie ein gesundes Neues Jahr und auf das der Blog hier weiter am Leben bleibt.

    1. Eine Verletzung am hinteren Kreuzband ist aber für die Stabilität im Knie – sofern das HKB nicht komplett durch ist – aber meist weniger gefährlich als eine Verletzung oder Komplettruptur am VKB. Insofern ist eine konservative Behandlung (einer Teilruptur) des HKB die durchaus übliche Behandlung – zumal Operationen am HKB meines Wissens schwieriger in Durchführung und hinsichtlich des Komplikationsrisikos sind…

  2. Da war ich in meinem letzten Querlesen jetzt auch gelandet, dass es einen Unterschied zwischen Riss des vorderem und hinterem Kreuzband gibt und die Unstimmigkeiten einfach darin bestehen, dass es meistens Risse des vorderen Kreuzbandes sind bei Fußballern und da halt operiert wird, während es bei hinteren Kreuzbändern nicht zwingend so ist. Bei Guilavogui war es passenderweise auch das hintere Kreuzband, das gerissen war.

  3. Ich bin doch etwas verwundert, dass sich RR so sehr auf Haidara fixiert hat. Natürlich ist er kein schlechter, aber ein herausragender Spieler von Salzburg war er auch nicht. Mit Keita ist er absolut nicht vergleichbar. Diese Aussage fand ich dann schon sehr sonderbar.
    Schlager wäre die Alternative gewesen. Er ist etwa gleich alt wie Haidara und schon seit Lieferinger Zeiten immer der bessere von beiden gewesen. Den kann man im Mittelfeld überall einsetzen, während Haidara nur auf der rechten 8 spielt. Samasekou ist ein weiterer herausragender Spieler und dabei Keita viel ähnlicher als Haidara. Er ist das Herz der Salzburger Mannschaft und würde unserer Mannschaft wesentlich mehr fehlen. Allerdings spielt er den defensiven Part im Mittelfeld und da ist Leipzig eh gut besetzt. Außerdem dürfte er vom Preisniveau schon über Leipziger Verhältnisse liegen.
    Ansonsten ist Haidara gut beschrieben. Nur das seine Fernschüsse eine waffe sein können, sollte noch erwähnt werden.

    Liebe Grüße aus Salzburg

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