Testspiel: RB Leipzig vs. Pogon Szczecin 3:5

Mal wieder ein Testspiel am Cottaweg. Mal wieder eins gegen Pogon Szczecin. Gab es zuvor schon zweimal, als RB noch unterklassig spielte. 2014 und 2015 gab es jeweils ein 1:0. Diesmal endete das ganze mit einem lockeren 3:5.

Gegen Szczecin spielte RB Leipzig, weil zuvor Aue ein Testspiel wieder abgesagt hatte. Aus, ähem organisatorischen Gründen. War vielleicht auch ganz gut so, angesichts der fünf Gegentore, die RB schon gegen ein Szczecin kassierte, das nun auch nicht mit der Bestbesetzung angetreten war, sondern auf diverse Nationalspieler verzichten musste.

Ganz so gebeutelt wie RB Leipzig waren die polnischen Gäste dann aber doch nicht. Bei RB fehlten nicht nur 15 Profispieler, die mit Nationalmannschaften unterwegs sind, sondern dazu auch noch angeschlagene oder verletzte Profis (Kampl, Demme, Upamecano, Smith Rowe) sowie die besten Nachwuchskicker. Allein aus der U19 sind sechs Spieler unterwegs. Hartmann, Bidstrup, Krauß oder Holm fehlten deswegen. Majetschak war zuletzt krank. Insgesamt waren es deutlich mehr als 20 Spieler, die potenziell in so einem Testspiel spielen könnten, die aber fehlten.

Entsprechend war es etwas arg wild, was Ralf Rangnick da auf den Rasen schickte. mit Mackowiak, Ruhner, Böttcher und Amededjisso kamen insgesamt vier Nachwuchsspieler zum Einsatz, die erstmals bei einem Testspiel der Profis in dieser Saison aufliefen. Vor allem der Defensivverbund von den Sechsern nach hinten bestand komplett aus Nachwuchsakteuren, die teilweise noch nicht mal in der U19 Stammspieler sind. Nun, dass das suboptimale Voraussetzungen für ein Testspiel sind, liegt auf der Hand.

Vielleicht hätte man die Partie noch abgesagt, wenn es denn nicht zentral darum gegangen wäre, Amadou Haidara ein wenig Spielzeit nach Verletzung zu verschaffen. Wenn das das einzige Ziel des Tests war, dann war der Test erfolgreich. Haidara wirkte vor der Pause noch gehemmt und traf ein paar seltsame Entscheidungen im Positionsspiel, wenn er sich immer wieder etwas arg zentral postierte, wodurch über seine Seite ein paar gefährlich Angriffe liefen.

In der zweiten Halbzeit war das mit Haidara schon wesentlich besser und der Neuzugang übernahm mehr Initiative. Er hat einen guten ersten Schritt, um an Gegenspielern vorbeizukommen und auch ein gutes Auge für Pässe in die Tiefe. So richtig genau waren die aber auch nicht alle. Höhepunkt von Haidaras Auftritt war sein Treffer zum 3:2 nach der Pause, als er von der Strafraumgrenze präzise und schön ins lange Eck traf. Insgesamt ein ordentlicher Auftritt von Haidara, der aber auch Fragen offen ließ hinsichtlich seiner taktischen Präzision.

Die erste Halbzeit zwischen Leipzig und Szczecin war insgesamt eine sehr ausgeglichene. RB Leipzig bestach vor allem durch eine enorme Effizienz. Genaugenommen hatte man zwei gute Torabschlusssituationen und die waren beide drin. Einmal setzte sich Augustin durch, der sich ansonsten eher selten durchsetzte. Einmal zeigte Cunha, dass er von der Strafraumgrenze einfach einen sehr feinen Fuß hat.

Machte ein 2:0 und man wusste gar nicht so richtig warum, weil die Gäste eigentlich das etwas gefährlichere Team waren und sich Müller zwei-, dreimal auszeichnen konnte. Für die RB-Defensive war das aber auch schwer. Die vorderen vier Profis liefen jetzt auch nicht so an, als würde es gegen die Bayern gehen. Und die Nachwuchs-Defensivakteure waren bis auf Stierlin schon körperlich den Gegnern meist unterlegen.

Für das 2:2 zur Pause sorgten dann aber Fehler. Beim Anschlusstreffer reichte ein langer Ball, bei dem plötzlich Linksverteidiger Mackowiak letzter zentraler Verteidiger war und ein Müller, der nicht aus dem Tor kam, um sich dann doch zumindest so weit vorn zu postieren, dass er überlupft wird. Beim 2:2 tauchte Müller unter einer Ecke durch, sodass hinter ihm der Ball ins Tor geschoben werden konnte. Unglücklich für Müller, der bis dahin eigentlich ordentlich gehalten und eigentlich Glück hatte, ein Testspiel zu erwischen, bei dem er Gelegenheiten bekam, in denen er sich hätte auszeichnen und Eigenwerbung betreiben können.

Szczecin spielte einen ganz hübschen Ball und versuchte vieles spielerisch zu lösen. Da war die Handschrift von Kosta Runjaic zu sehen, der einst ja auch in Kaiserslautern eine spielstarke Mannschaft geformt hatte. Platz 4 in der polnischen Liga kann sich derzeit auch sehen lassen. Im Defensivzweikampf ging es dann aber schon rustikaler zu. Da wurden ein paar ordentliche Grätschen ausgepackt, sodass Schiedsrichter Sather sogar zwei gelbe Karten verteilte (wobei die erste ein Witz war).

In der zweiten Halbzeit RB Leipzig 15 bis 20 Minuten das dominante Team. Haidara belohnte die Bemühungen in der Folge eines guten Angriffs mit dem Treffer zum 3:2. Augustin hätte die Führung sogar ausbauen können, als er den Torhüter mal schön austanzte, aber dann mit seinem Schuss an einer Abwehr auf der Linie scheiterte. Augustin nach dieser Partie der absolute Testspielkönig der Saison bei RB Leipzig. Die meiste Einsatzzeit, die meisten Tore. Wird sich der Franzose, der gegen Szczecin oft zu wenig durchschlagskräftig war, als Statistiken aber wohl nicht über das Bett hängen..

Danach wurde es dann defensiv richtig wild bei RB Leipzig. Im Mittelfeld hatte man auf die Spieleröffnung der Polen kaum noch Zugriff, sodass diese immer wieder Bälle durch den Sechserraum spielen konnten. Und die Viererkette bei RB war dann einfach schon rein physisch komplett überfordert. Nichts gegen einen Mekonnen beispielsweise, aber der Sechser aus der U19 ist nun mal aktuell kein Männer-Innenverteidiger und war später dann auch sichtbar genervt und wusste sich nur noch durch Fouls zu helfen, die ihn in einem Pflichtspiel wohl einen Platzverweis eingebracht hätten. Auch Amededjisso zwischendurch mal mit einem üblen Foul an der Mittellinie, das weniger Ausdruck von Brutalität als eher von Überforderung war.

Der fehlende Zugriff auf das Pogon-Spiel und die individuelle Überforderung führten schließlich noch zu drei Gegentoren (und es hätten eher noch mehr werden können). Bei einem sieht Müller bei einem Freistoß nicht gut aus (wobei man ihm bei dem aufs lange Eck geschnittenen Ball wohl noch nicht mal einen richtigen Vorwurf machen kann). Die anderen beiden Treffer waren dann die Folge von totalem Abwehrwirrwarr.

Letztlich halt die Frage, wie sinnvoll so ein Test ist. Man konnte relativ gut sehen, wie wichtig Positionsspiel einerseits und individuelle Skills andererseits sind. Im Positionsspiel stimmte die Abstimmung zwischen den Akteuren teilweise überhaupt nicht. Naturgemäß nicht, so wild durcheinandergewürfelt wie das Team war. Dazu kam dann eben auch, dass das Spiel für die wenigen Profis eher als Bewegungseinheit genommen wurde, als ein Spiel, in dem man permanent und immer um die eigene Position fightet.

Dazu kam dann halt, dass man die Probleme in der Abstimmung nicht durch individuelle Skills auffangen konnte. Bei den Profis stehen dann da halt Konaté, Orban oder Gulacsi und können Fehler in der Ordnung vor ihnen noch ausgleichen. In diesem Testspiel standen dort Spieler, die ihren Gegenspielern körperlich teils deutlich unterlegen waren und entsprechend kaum die Chance hatten, sich den Angriffen sinnvoll entgegenzustellen, wenn diese erst mal am Strafraum angekommen waren.

Man muss das Ergebnis nicht zu hoch hängen, wenn es einfach nur darum ging, den vier last men standing aka RB-Profis eine Einheit mit Ball unter realen Spielbedingungen zu geben. Aber so richtig viel Sinn machte die Partie mit dieser Formation eigentlich nicht, auch wenn der eine oder andere Nachwuchsspieler mal sehen konnte, was halt an Physis und auch Entscheidungsgeschwindigkeit zu den Profis noch fehlt. Letztlich konnte sich in der Konstellation kaum jemand der Nachwuchskräfte für höhere Aufgaben empfehlen (war wahrscheinlich auch nicht die Idee, weil es ja nicht die besten Nachwuchskräfte waren). Max Winter hatte ein paar gute Ansätze. Stierlin spielte es lange relativ souverän, ohne groß zu glänzen, aber das war es dann auch schon.

Insgesamt immer schön, zu einem Testspiel am Cottaweg zu sein. Aber das Vergnügen, einer Mischung aus sichtbar nicht eingespieltem Team und semi-motivierten Profis zuzuschauen, hielt sich dann auch irgendwie in Grenzen. Am unterhaltsamsten da vielleicht noch die Gruppe Gästefans, die die gewöhnlich vorherrschende Ruhe am Cottaweg störten und ein Stadionsprecher, der schon den Treffer zum 6:3 verkünden wollte, weil ein Fan vor ihm nach einem knapp vorbeigeschossenen Freistoß aufgesprungen war und das vermeintliche Tor gefeiert hatte. Ansonsten wird von diesem Spiel und vom bemühten Trio Augustin, Bruma und Cunha, einem nach der Pause ordentlichen Haidara und einem unglücklichen Müller wohl nicht viel im Langzeitgedächtnis hängen bleiben.

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Vielleicht doch besser Trainingstore tragen als Testspiele austragen? | GEPA Pictures - Kerstin Dölitzsch

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Tore: 1:0 Augustin (12.), 2:0 Cunha (24.), 2:1 Zyro (38.), 2:2 Drygas (45.), 3:2 Haidara (51.), 3:3 Nunes (69.), 3:4 Hostikka (71.), 3:5 Sadewski (77.)

Aufstellung RB Leipzig: Müller – Bias, Stierlin, Mekonnen, Mackowiak (72. Ruhner) – Winter (77. Böttcher), Amededjisso – Haidara (72. Krüger), Bruma – Cunha, Augustin

Zuschauer: 411 (davon 30 Gästefans)

Links: RBL-Bericht

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Bisherige Testspiele (die Europa-League-Quali-Runden 2 und 3 wurden als internationale Testspiele amgesehen)

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Testspieltorschützen (inklusive Europa-League-Quali-Runden 2 und 3)

Augustin – 5; Cunha, Bruno – je 3; Bruma, Poulsen – je 2; Saracchi, Hartmann, Kampl, Konaté, Sabitzer, Orban, Majetschak, Haidara – je 1; Eigentor: Maruhn (Grimma)

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Testspieleinsatzzeiten (inklusive Europa-League-Quali-Runden 2 und 3)

  • Jean-Kevin Augustin – 623 Minuten
  • Willi Orban – 584 Minuten
  • Marcelo Saracchi – 576 Minuten
  • Ibrahima Konaté – 573 Minuten
  • Matheus Cunha – 540 Minuten
  • Bruma – 494 Minuten
  • Diego Demme – 476 Minuten
  • Stefan Ilsanker – 445 Minuten
  • Kevin Kampl – 435 Minuten
  • Marius Müller – 429 Minuten
  • Lukas Klostermann – 421 Minuten
  • Nordi Mukiele – 397 Minuten
  • Naod Mekonnen – 375 Minuten
  • Niclas Stierlin – 351 Minuten
  • Yussuf Poulsen – 339 Minuten
  • Erik Majetschak – 323 Minuten
  • Oliver Bias – 316 Minuten
  • Max Winter – 313 Minuten
  • Yvon Mvogo – 270 Minuten
  • Marcel Sabitzer – 243 Minuten
  • Peter Gulacsi – 225 Minuten
  • Massimo Bruno – 194 Minuten
  • Fabrice Hartmann – 194 Minuten
  • Emil Forsberg – 181 Minuten
  • Konrad Laimer – 162 Minuten
  • Timo Werner – 137 Minuten
  • Dayot Upamecano – 121 Minuten
  • Lukas Krüger – 115 Minuten
  • Marcel Halstenberg – 106 Minuten
  • Tom Krauß – 92 Minuten
  • Tyler Adams – 90 Minuten
  • Kossivi Amededjisso – 90 Minuten
  • Noah Holm – 89 Minuten
  • Julian Krahl – 76 Minuten
  • Atinc Nukan – 76 Minuten
  • Mateusz Maćkowiak – 71 Minuten
  • Amadou Haidara – 71 Minuten
  • Malik Talabidi – 60 Minuten
  • Marcel Hoppe – 60 Minuten
  • Frederik Jäkel – 48 Minuten
  • Mads Bidstrup – 45 Minuten
  • Nicolas Fontaine – 45 Minuten
  • Jacob Ruhner – 19 Minuten
  • Daniel Böttcher – 12 Minuten

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Bilder: © GEPA pictures/ Kerstin Dölitzsch

5 Gedanken zu „Testspiel: RB Leipzig vs. Pogon Szczecin 3:5“

  1. Warum ist der Autor nicht in der Lage, von Pogon Stettin zu sprechen anstatt dem Leser mit Pogon Szczecin einen solchen Zungenbrecher zu servieren? Oder steckt ihm die alte DDR-ideologie, frühere deutsche Orte auf keinen Fall mit dem alten angestammten Namen zu nennen, noch derart tief in den Knochen?

    1. Weil es der polnische Name der Stadt ist und vermutlich auch weil es für mich der geläufigere Name ist.

    2. Wollen Sie mir (uns) einreden, dass Sie z.B. die „alte“ geläufige Bezeichnung „urbs Libzi“ bzw. „Lipsk“ für Leipzig im täglichen Umgang nutzen? So sie allerdings lediglich die Absicht haben hier ein wenig zu trollen, gebe ich Ihnen ein nett gemeintes Tschüss mit auf den Weg (Nur falls nachfragen kommen: Ja, ich nutze diese Ausdrucksweise in der täglichen Kommunikation regelmäßig.) ;-)

  2. Lieber rotebrauseblogger,

    „Weil es der polnische Name ist“, kann aber nicht das Argument sein, denn sagen Sie auch Praha statt Prag, Milano statt Mailand, Kobenhavn statt Kopenhagen oder Warszawa statt Warschau?

    1. Die Entscheidung teffe ich je nach Einzelfall und wie gesagt je nachdem was mir geläufiger ist.

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