Testspiel: RB Leipzig vs. Zaglebie Lubin 1:0

Mal wieder ein Testspiel am Cottaweg in einer Länderspielpause. Fast zwei Jahre ist es her, dass ein solches Testspiel mal durchgeführt wurde. Ralf Rangnick zuletzt mit der deutlichen Bemerkung, dass es diese Testspiele immer wieder gegeben hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, aber dass dies vom ehemaligen Trainerteam um Ralph Hasenhüttl nicht gewollt worden sei.

Gewissermaßen ist die Hasenhüttl-Ansicht auch nachvollziehbar, denn in der Vergangenheit gab es einige Kicks dieser Art, die absolut verzichtbar waren. Egal ob nun unter Rangnick zu Zweitligazeiten, als den anwesenden Akteuren die Bocklosigkeit, gegen sagen wir Dukla Prag anzutreten, quasi aus den Turnschuhen quoll oder auch zu Hasenhüttls Zeiten, als man mit einem Rumpf-Profikader plötzlich unter der Woche noch mal ein (für die Eingespieltheit) sinnloses Testspiel mit einer Unmenge an U19-Spieler durchführen sollte.

Seit der Abmeldung der U23 war aber eigentlich mal angesagt gewesen, mehr Testspiele durchzuführen, in denen der Profi-Anschlusskader und die U19 gemischt ein paar Einsatzminuten bekommt. Die Abmeldung der U23 machte ja auch mal eben die U19 zur zweiten Mannschaft des Vereins, die näher an die Profis herangeführt werden sollte. Insofern macht es durchaus Sinn, Profis und U19 mal zusammen spielen zu lassen, auch wenn der Test gegen Lubin eher den Eindruck hinterließ, dass der Abstand von den Profis zum Nachwuchs ziemlich riesig ist.

Die Sommer-Transferperiode bei RB Leipzig machte die Partie gegen Zaglebie Lubin zu einer Art U19-Casting. Im Profikader stehen aktuell nur 18 Feldspieler. Sprich, um im Profibereich vollzählig zu trainieren, wird man in den nächsten Wochen immer wieder Ergänzungen aus dem Nachwuchs brauchen. Das Testspiel gegen Lubin war auch eine (zusätzliche) Möglichkeit, herauszufinden, wer dafür am ehesten in Frage kommt. Sonderlich neue Antworten gab es auf diese Frage nicht.

Vielmehr war durchaus erstaunlich, mit welcher Ehrfurcht die insgesamt acht U19-Kicker (davon drei in der Startelf) an die Sache herangingen. Gerade in der ersten Halbzeit war das Spiel der Nachwuchsakteure von viel Ängstlichkeit, betonter Positionstreue und Fehlervermeidung geprägt. Eigenständigkeit und Mut zum Risiko oder zu eigenen Aktionen war kaum zu beobachten. Erst als die U19 auf dem Feld in der Überzahl, also unter ihresgleichen war, wirkten die Akteure selbstbewusster. Insofern mag da der eine oder andere auch die Chance verpasst haben, noch mal nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht zu haben.

Auffällig auch, dass die Nachwuchsakteure schon gegen einen deutlich limitierten Gegner wie Zaglebie Lubin so ihre Probleme hatten. Vor allem in Sachen Ballverarbeitung in engen Räumen war es überschaubar gut. Was wiederum zur alten These leiten könnte, dass die Nachwuchsausbildung bei RB Leipzig mit Fokus auf einem physischen, gegen den Ball arbeitenden Fußball individual-technische Skills auf der Strecke lässt, ohne die es im Männerbereich schwer wird, sich durchzusetzen.

Dass es vor allem im ersten Durchgang nicht leicht war für den Nachwuchs von RB Leipzig lag aber auch an der Formation. Ralf Rangick hatte nach entsprechender Trainingsarbeit sein Team in einem 5-3-2 aka 3-3-2-2 auf das Feld geschickt, in dem das zentrale Mittelfeld aufgrund eines kurzfristigen Demme-Ausfalls (nichts ernstes) komplett aus U19-Spielern bestand. Sprich, in einer Mannschaft, die zuletzt gegen Düsseldorf gezeigt hatte, dass es ihr schwer fällt, fußballerische Ideen zu finden, sollten nun plötzlich Tom Krauß, Naod Mekkonen und Erik Majetschak das Spiel aus der Zentrale lenken.

Dass das nicht zwingend gut gehen muss, leuchtet relativ schnell ein. Wenig hilfreich dabei auch, dass die drei Akteure mit ihrer spürbaren Ängstlichkeit, immer wieder bemüht waren, den Ball möglichst schnell zu einem ‚richtigen‘ Profi-Spieler zu bringen. Ein Bemühen, das dem Spiel der drei Nachwuchsakteure nicht gut tat.

Auch aufgrund der fehlenden Dominanz im Mittelfeld wurde die erste Halbzeit des Tests gegen Lubin eine zähe Angelegenheit. So richtig gab es keine Idee, wie man den Ball aus der neuen Dreierkette heraus Richtung gegnerisches Tor bewegen sollte. Es war eine recht langweilige Hälfte (mit einer bitteren Verletzung von Gäste-Spieler Alan Czerwinski, der mit der Trage vom Platz gebracht wurde), in der der Ball immer wieder hierherum und dortherum gekickt wurde, um dann Bälle in ungefährlichen Halbfeldflanken zu verschenken oder schwache Standards auszuführen. Lediglich Jean-Kevin Augustin tauchte zwei-, dreimal gefährlich vor dem Gästetor auf, blieb dort aber glücklos.

Vielleicht nicht ganz unnachvollziehbar, dass vieles Stückwerk blieb, weil der Spielaufbau hauptsächlich der Dreierkette vorbehalten war, während die U19-Zentrale mit Positionsspiel und Fehlervermeidung beschäftigt war. So lief der Ball dann irgendwie auf die Außen, wo nichts entstand oder wurde gleich von der Defensiv-Kette irgendwohin gespielt, wo man nichts damit anfangen konnte. Vergnügungssteuerpflichtig war der Abend am Cottaweg jedenfalls nicht..

Positiver Moment der ersten Halbzeit war das Comeback von Marcel Halstenberg. Der Linksverteidiger durfte 30 Minuten lang mitkicken. Zum ersten Mal seitdem er sich im Januar das Kreuzband gerissen hatte. In machen Zweikampfsituationen zog Halstenberg noch vor allzu intensiven Kontakten zurück, aber er brachte durchaus Schwung auf seine Seite und war viel unterwegs (nur ein Standard von ihm war…, ach lassen wir das). Schön, dass er wieder auf dem Platz zurück ist. Bleibt zu hoffen, dass er schnell wieder bei 100% ist und auch intensive Zweikämpfe mit vollem Einsatz bestreitet.

Die andere bemerkenswerte Story war jene von Jean-Kevin Augustin, der 45 Minuten lang mitkickte. Zuvor hatte er der U21 Frankreichs wegen muskulärer Ermüdung abgesagt, aber beim RB-Training mitgewirkt. Nachvollziehbar, dass Augustin nach seiner geringen Trainingsarbeit im Sommer und bereits vielen Spielminuten bei RB der Vollbelastung im Nationalteam absagt und lieber die individuell steuerbare Belastung beim RB-Training und bei einem Testspiel mitnimmt, um mit der Ermüdung in  einer frühen Phase der Saison umzugehen. Auf der anderen Seite bleibt ein französischer U21-Nationalspieler, der Sylvain Ripoll absagt, um dann bei RB normal am Training teilzunehmen und für 45 Minuten bei einem Testspiel mitzumachen (wobei Augustin schon nach 35 Minuten genug gehabt hätte). Dass U21-Coach Ripoll aus der Außensicht davon nicht sonderlich begeistert gewesen sein dürfte (also noch weniger begeistert als von der Absage Augustins sowieso schon), sollte aber auch klar sein. Viel Tischtuch zum Zerschneiden ist zwischen Augustin und Ripoll vermutlich nicht mehr übrig..

Ab der 30. Minute spielte dann Saracchi links statt Halstenberg und machte typische Saracchi-Sachen, also wie von der Tarantel gestochen auf der Jagd nach dem Ball die Linie hoch- und runterrennen. Wecke den Uruguayer nachts um drei und halte ihm einen Ball vor die Nase und er wird sofort aus dem Bett springen und losrennen. Das ist irgendwas zwischen faszinierend und beängstigend.

Man muss sich auch mal an den kleinen Dingen des Fußballs erfreuen können. Marcelo Saracchi legt sich den Ball für einen Eckball zurecht. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

Ansonsten braucht man über die Partie auch nicht so viel erzählen. Während es in der ersten Halbzeit eher ein 5-3-2 war, spielte RB in der zweiten Halbzeit eher ein 3-4-3. Spielerisch mit wenig Fortschritten, wenn man mal von der Dynamik von Saracchi (später unterstützt vom kleinen, wirbeligen Fontaine) absieht. Dafür schoss Erik Majetschak früh das goldene Tor. Nach einem Standard fiel ihm der Ball an der Strafraumgrenze auf den Fuß. Schöner Abschluss, schönes Tor. Und eine Spezialität von Majetschak, Bälle aus vielen Positionen im und am Strafraum zu versenken. Spielerisch war er nicht immer eingebunden, aber in diesen speziellen Situationen hat Majetschak eine sehr hohe Qualität.

Mit Stierlin und Holm fehlten zwei U19-Spieler wegen Nationalmannschaftsausflügen, denen man rein physisch noch am ehesten Chancen zurechnen würde, sich für Aufgaben beim Bundesligateam zu empfehlen. In Abwesenheit der beiden schrie keiner der anderen Nachwuchsakteure laut ‚hier!‘ beim Testspiel gegen Lubin aka U19-Casting.  Persönlich finde ich Fabrice Hartmann weiter einen sehr interessanten Spieler mit seiner Geschwindigkeit und seinem Blick für den Mitspieler. Rein körperlich braucht er (so wie viele andere auch) als jüngerer U19-Jahrgang aber auch einfach noch ein Jahr, bis man ihn vielleicht mal als Profikandidat sehen kann.

Bemerkenswert vielleicht auch die nur knapp 500 Zuschauer. Eine Zahl, die man schon zu Regionalliga-Zeiten auch ohne Tribüne am Cottaweg zu solchen Spielen locker zusammengekriegt hat. Aber klar, wusste ja auch jeder, dass da nur eine mit vielen Nachwuchsspielern gespickte Profielf auflaufen würde.

Spielerisch war das aus Sicht von RB Leipzig im Test gegen Lubin im Vergleich zum Düsseldorf-Spiel keine wirkliche Verbesserung. Man führte die Dreierkette aka Fünferkette ein, die bis auf kleinere Unaufmerksamkeiten (Mukiele) ganz gut funktionierte, aber auch defensiv kaum beschäftigt war und offensiv das Problem einer fehlenden Abstimmung mit dem sich etwas versteckenden U19-Mittelfeld hatte.

Defensiv arbeitete RB Leipzig insgesamt ganz gut und ließ kaum eine Chance zu. Allerdings fällt so eine Bewertung auch immer schwer, da Lubin wie Häcken oder Craiova ein Gegner war, der aus potenziell guten Umschaltsituationen aufgrund der eigenen Limitierungen nur wenig machen konnte.

Offensiv blieb bei RB Leipzig vieles Stückwerk. Zu oft kam der Pass auf einen Mitspieler so, dass der erst mal abstoppen musste und die Geschwindigkeitnicht  mitnehmen konnte. Es blieb bei vielen Zweikämpfen über 90 Minuten ein sehr zähes Vergnügen, bei dem RB aufgrund individueller Überlegenheit das bessere Team war, aber als Mannschaft eher an die Spiele gegen Düsseldorf und in Köln anknüpfte, wo man sich über große Teile der Spiele als ideenlos im Spiel mit dem Ball präsentierte.

Fazit: Als U19-Casting für Ralf Rangnick vielleicht ein gelungener Test. Möglicherweise kann man daraus auch eine gute Videoanalyse und ein paar Erkenntnisse zur Dreierkette rausziehen. Aus Sicht des geneigten Zusehers gab es keine Erkenntnisse, außer dass (naturgemäß) in den paar Tagen zwischen dem Spiel gegen Düsseldorf und der Partie gegen Lubin nicht das Offensivspiel komplett auf den Kopf gestellt wurde. Eher mühselig war das Testspiel am Cottaweg entsprechend. Aber das kennt man ja ein wenig von den Länderspielpausentestspielen der Vergangenheit.

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Tor: 1:0 Majetschak

Aufstellung RB Leipzig: Müller – Mukiele, Orban (73. Jäkel), Konaté – Laimer (73. Bias), Krauß (63. Winter), Halstenberg (31. Saracchi) – Majetschak (63. Hartmann), Mekonnen – Augustin (46. Fontaine), Poulsen

Zuschauer: 492 (am Cottaweg)

Links: RBL-Bericht

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Bisherige Testspiele (inklusive erste zwei Europa-League-Runden)

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Testspieltorschützen (nach dem Motto, dass die Europa-League-Quali-Runden 2 und 3 internationale Testspiele sind)

Augustin – 4; Bruno – 3; Bruma, Cunha – je 2; Saracchi, Hartmann, Kampl, Konaté, Poulsen, Sabitzer, Majetschak – je 1; Eigentor: Maruhn (Grimma)

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Testspieleinsatzzeiten (nach dem Motto, dass die Europa-League-Quali-Runden 2 und 3 internationale Testspiele sind)

  • Ibrahima Konaté – 497 Minuten
  • Willi Orban – 478 Minuten
  • Marcelo Saracchi – 472 Minuten
  • Kevin Kampl – 435 Minuten
  • Jean-Kevin Augustin – 419 Minuten
  • Diego Demme – 386 Minuten
  • Matheus Cunha – 367 Minuten
  • Stefan Ilsanker – 355 Minuten
  • Lukas Klostermann – 345 Minuten
  • Bruma – 337 Minuten
  • Nordi Mukiele – 293 Minuten
  • Naod Mekonnen – 285 Minuten
  • Marius Müller – 270 Minuten
  • Yussuf Poulsen – 257 Minuten
  • Erik Majetschak – 240 Minuten
  • Oliver Bias – 226 Minuten
  • Yvon Mvogo – 225 Minuten
  • Max Winter – 223 Minuten
  • Niclas Stierlin – 201 Minuten
  • Massimo Bruno – 194 Minuten
  • Emil Forsberg – 181 Minuten
  • Peter Gulacsi – 180 Minuten
  • Fabrice Hartmann – 164 Minuten
  • Marcel Sabitzer – 153 Minuten
  • Konrad Laimer – 117 Minuten
  • Lukas Krüger – 96 Minuten
  • Noah Holm – 89 Minuten
  • Tom Krauß – 62 Minuten
  • Timo Werner – 61 Minuten
  • Malik Talabidi – 60 Minuten
  • Marcel Hoppe – 60 Minuten
  • Dayot Upamecano – 45 Minuten
  • Julian Krahl – 45 Minuten
  • Nicolas Fontaine – 45 Minuten
  • Marcel Halstenberg – 30 Minuten
  • Frederik Jäkel – 28 Minuten

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Bilder: © Dirk Hofmeister

Ein Gedanke zu „Testspiel: RB Leipzig vs. Zaglebie Lubin 1:0“

  1. Das habe ich schon mal das Glück, mit Dir u.a. das Spiel zu verfolgen und Analyse vor Ort und Du schaffst es, obwohl es ereignisslos war, so viel Text dazu zu schreiben.
    Großartig!

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