Wundertüte

[Direkt unter dem folgenden Vorbericht vor der Partie von RB Leipzig gegen Bayer Leverkusen (11.11.2018, 15.30 Uhr) befindet sich der Liveticker von der Pressekonferenz zwei Tage vor dem Spiel. Mit Ralf Rangnick.]

Letzter Part der drei englischen Wochen, bevor es wieder in die Länderspielpause geht und zumindest die verletzten und nicht eingeladenen Spieler ein wenig auftanken können. Bayer Leverkusen ist zu Besuch in Leipzig. Ein Team, dem man eigentlich normalerweise auch nicht begegnen will, wenn man selbst vielleicht gerade etwas müder wird.

Die Saison von Bayer ist aber bisher eine sehr mäßige. Zumindest in der Liga, denn in der Europa League hat man sich bereits für die K.o.-Runde qualifiziert. Und im DFB-Pokal steht man nach einem 5:0 in Mönchengladbach auch im Achtelfinale, wo man die durchaus lösbare Aufgabe in Heidenheim erwischt hat.

In der Liga läuft es aber noch lange nicht rund. Gerade mal elf Punkte hat Bayer in bisher zehn Spielen gesammelt. Das ist eher die Bilanz eines Teams, das gegen den Abstieg spielt, als eine Bilanz eines Teams, das um die Champions League kämpft. Und genau da hätte man die Mannschaft ja eigentlich erwartet.

Denn das Talent des Teams ist eigentlich unbestritten. Zudem ließen die Vertragsverlängerungen von Tah, Havertz und Brandt hoffen, dass man sich ein Team mit viel Zukunft erstellt. Die hat man natürlich immer noch, aber in der Gegenwart läuft es nicht so richtig rund. Und das trotz einer Offensive, die fast schon ordinär gut besetzt ist. Volland, Bellarabi, Alario, Brandt, Havertz (der vermutlich beste 19-Jährige der Bundesliga), Bailey und Millionen-Neuzugang Paulinho. Das ist schon eine verdammt gute Besetzung.

Nominell zumindest, denn in der Praxis klickt es noch nicht so richtig gut. Bailey ist von Bestform weit entfernt. Brandt vermittelt immer mal den Eindruck, als würde er vor allem dann funktionieren, wenn es sowieso schon gut läuft für sein Team. Alario und Paulinho sind noch nicht die großen Faktoren. Lediglich der unglaublich gute Havertz und der wiedererstarkte Bellarabi erfüllen zusammen mit (mit Abstrichen) Volland die Erwartungen.

Groß eingekauft hat Bayer im Sommer nicht. Zukunftshoffnung Paulinho kam halt. Dazu holte man Hradecky als Leno-Ersatz. Und mit Mitchell Weiser kam als Ersatz für den nach Monaco geflüchteten Henrichs ein Mann für die rechte Seite, von dem man sich erhoffte, dass er an die guten Tage bei Hertha anknüpfen kann. Bisher bleibt Weiser da aber auch noch manches schuldig.

Insgesamt weiß man gar nicht, warum Bayer so inkonstant spielt. An guten Tagen haben sie die Qualität, Teams wie Bremen und Mönchengladbach (auch wenn das zwei sehr freakige Spiele waren) mit 6:2 und 5:0 abzuschießen. Dann muss es aber beim Torabschluss auch bereits besonders gut klappen. Es mag seltsam klingen, aber manchmal treffen die Angreifer nicht die richtig guten Entscheidungen wann sie aus welchen Positionen abschließen. An Tagen, wo der Ball dann trotzdem reinfällt, ist es ok, an anderen halt nicht.

Große Stärke von Bayer bleibt weiter das Umschaltspiel. Im Angriffsbereich hat man mit Bellarabi, Volland oder auch Brandt sehr viel Geschwindigkeit, die man gut einzusetzen weiß, wenn sich die Räume dafür ergeben. Auf der anderen Seite fällt man in Sachen Mannschaftsorganisation auch gern mal zusammen und lässt zu viel zu oder läuft aufgrund von Fehlern im Spielaufbau in Gegenstöße oder arbeitet nicht konsequent nach hinten.

So richtig passt dabei die Balance im Team noch nicht. Wenn man nicht in Umschaltsituationen kommt, dann gelingt offensiv sehr wenig, dafür lässt man defensiv aber zu viel zu. Wenn es nach dem Verhältnis von erarbeiteten und zugelassenen Chancen bzw. Großchancen geht, dann ist Bayer bisher tatsächlich nur Bundesliga-Mittelmaß bzw. schlechteres Bundesliga-Mittelmaß. Punktetechnisch liegt man ungefähr in dem Rahmen, den die Chancen so nahelegen. Was dann eben auch bedeutet, dass Platz 13 nicht Pech ist, sondern den Leistungsstand der bisherigen Saison im Schnitt widerspiegelt.

Was halt aber nicht bedeutet, dass Leverkusen nicht ein Team sein kann, das an guten Tagen den Gegner mal komplett auseinandernimmt. Wenn der Spielverlauf halt ihren Stärken im Umschalten entgegenkommt, dann toben sie sich in der Offensive mal gut aus.

Problemposition im Bayer-Kader ist wohl die Außenverteidigerposition, wo man hinter Wendell und Weiser nicht wirklich positionsgetreue Alternativen hat, sondern dann eher Innenverteidiger dort auflaufen lässt. Was naturgemäß (je nach Spielansatz) suboptimal ist.

Stark ist Bayer auch diese Saison wieder in Sachen Laufaufwand. Da war man letzte Saison das Topteam der Liga, gerade im höheren Geschwindigkeitsbereich. Diese Saison konnte man sich fragen, ob das noch aufrechtzuerhalten ist angesichts dreier Wettbewerbe, in denen man aktiv ist. Tatsächlich liegt Bayer immer noch in fast allen Laufstatistiken ganz vorn oder fast ganz vorn. Außer, und das ist nicht uninteressant, im Bereich der Sprints, wo man nur noch ein Durchschnittsteam der Liga ist.

Im höchsten Geschwindigkeitsbereich ist ihnen etwas die Dynamik abhanden gekommen. Was ja vielleicht auch erklärt, warum es nicht immer gelingt, den eigenen Hochgeschwindigkeitsfußball umzusetzen. Auch relativ wenige Ballgewinne und Abseitspositionen sprechen dafür, dass Balleroberung und schnelles risikoreiches Umschalten in nicht ausreichendem Ausmaß funktionieren (mal völlig abgesehen vom geordneten Ballvortrag).

Defensiv ist man überdurchschnittlich für Konter und Standards anfällig. Was man in Bezug auf die Tempogegenstöße auch dahingehend interpretieren kann, dass im defensiven Umschalten die Sprintbereitschaft (oder Sprintfähigkeit) abhanden gekommen ist. Keine Mannschaft hat bisher mehr Kontertore gefangen als Bayer (was bei einem Team wie RB, das nach Balleroberung besonders stark ist, eher eine schwierige Schwäche darstellt). Nach Standards hat bisher nur Augsburg mehr Tore hinnehmen müssen.

Wie instabil das Konstrukt Bayer ist, zeigt sich auch darin, dass sie es nicht so richtig schaffen, Führungen zu verwalten. Schon dreimal verlor das Herrlich-Team nach eigener Führung noch. Bei insgesamt sechs Führungen. Nach kompaktem Verteidigen klingt das nicht. Dazu schaffte man es bei sechs Rückständen nur einmal dann noch mit einem Punkt nach Hause zu gehen. Das wiederum spricht dafür, dass die Abläufe im Spiel mit dem Ball nicht perfekt sind und Bayer kein Team ist, das sich gegen Niederlagen stemmt.

Insgesamt bleiben viele Baustellen im Bayer-Team. Dass eigentlich schon seit Saisonbeginn Trainer Heiko Herrlich ins Schussfeld geraten ist und immer wieder über Nachfolger (zum Beispiel Ralph Hasenhüttl) spekuliert wird, tut da sicherlich auch nicht gut. Das ganze Konstrukt wirkt sehr instabil und manchmal fehlen der Mannschaft auch einfach die klaren Strukturen, in denen sie arbeiten und ihre Stärken einbringen kann.

Diese Stärken im offensiven Umschalten aus dem Spiel zu nehmen, darum wird es auch für RB Leipzig gehen. Das kann man mit einer Fünferkette erledigen, wenn man es tiefer angehen will. Das kann man aber auch mit einer Viererkette spielen, wenn man die Umschaltsituationen schon früher ersticken will. Fakt ist, dass Bayers Passspiel durchaus Möglichkeiten für Balleroberungen und eigenes Umschalten bieten sollte.

Dafür wäre es natürlich gut, wenn Ralf Rangnick Timo Werner wieder an Bord hätte. Dessen Einsatz gegen Leverkusen ist aber aufgrund immer noch vorhandener Schmerzen im Zeh noch ungewiss. Emil Forsberg und Marcelo Saracchi fallen sowieso aus. Der Rest sollte eigentlich auflaufen können. Kampl und Demme sollten entsprechend ins Team zurückkehren. Auch Poulsen dürfte einen Platz sicher haben. Werner, wenn er fit wird auch.

Mögliche Aufstellungen:

  • RB Leipzig: Gulacsi – Klostermann, Upamecano, Konaté, Halstenberg – Sabitzer, Demme, Kampl – Poulsen, Bruma, Werner (Augustin)
  • Bayer Leverkusen: Hradecky – Tah, S. Bender, Jedvaj (Dragovic) – Weiser, Havertz, L. Bender, Wendell – Bailey, Volland, Brandt

Fazit: Auf RB Leipzig wartet mit Bayer Leverkusen eine kleine Wundertüte, von der man nicht so recht weiß, ob sie ein Spiel erwischen, in dem es läuft und in dem sie ihre Offensivqualitäten ausspielen können oder ob es ein Spiel ist, in dem die Mannschaft eher farblos und anfällig ist. Ein Defensivspektakel ist sicherlich nicht zu erwarten. Dafür ist die Bayer-Defensivorganisation einfach nicht stabil genug. Und dafür hat die Mannschaft zu viel Offensivpower. Könnte ein ganz unterhaltsames Duell werden..

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen Bayer Leverkusen nicht vor Ort verfolgen kann und am 11.11.2018, ab 15.30 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live bei Sky.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Bayer Leverkusen

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Ralf Rangnick. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel von RB Leipzig gegen Bayer Leverkusen. Mit Ralf Rangnick.

17.17

Falls jemand das Gefühl hat, dass doch gerade erst ein Spiel war, der liegt richtig. Aber da sind wir trotzdem schon wieder und haben das Leverkusen-Spiel vor der Nase. Wie schon gegen Schalke eins, bei dem man einen eigentlichen Konkurrenten um einen Champions-League-Platz fast schon vorentscheidend distanzieren kann. Im Gegensatz zum Schalke-Spiel dürfte das nicht so ein Defensiv-Massaker werden. Dazu ist die Bayer-Abwehr eigentlich nicht stabil genug. Und dazu hat die Mannschaft ihre Stärken zu sehr in der Offensive.

17.19

Bei RB wird die interessante Frage, wer bis Sonntag überhaupt fit ist und wie man die Niederlage in Glasgow wegsteckt und wie man die langsam aufkommende Müdigkeit (zumal nach so einem intensiven Spiel unter der Woche) mit dem ziemlich kleinen Kader überspielen kann. Saracchi und Forsberg sind ja sicher raus. Mal sehen, ob da noch jemand dazukommt und wie sich die Mannschaft (von selbst) aufstellt. Der Donnerstagsmannschaft hat man ohne Werner, Poulsen, Forsberg, Demme und Kampl den Qualitätsverlust letztlich dann doch sehr stark angemerkt.

17.27

Ein paar Journalisten sind auch gekommen. Doch nicht alle in Glasgow geblieben. Die ganz große Runde ist das zu diesem abendlichen Termin aber nicht. Schon auch für Berichterstatter eine eher harte Zeit. Und dann kommt noch die deutsche Nationalmannschaft in die Stadt. Da haben die hiesigen Schreiberlinge ja auch mit zu tun. Die Armen..

17.33

Ralf Rangnick: Marcelo Saracchi ohne strukturelle Verletzung. Kommt wohl vom Rücken her (war wohl schon mal so). Gegen Leverkusen nicht dabei und fährt auch nicht zur Nationalmannschaft. Hoffentlich bis Wolfsburg wieder fit. Bei Poulsen sieht es gut aus für Sonntag. Bei Werner ist es eine „Schmerzproblematik“. Abwarten, wie er auf das Training heute bis morgen reagiert. Danach Entscheidung, ob es für Sonntag reicht.

17.37

Rangnick: „Ans letzte Leverkusen-Spiel kann ich mich nur vage erinnern.“ Seit heute mit dem Team beschäftigt. Stärken und Schwächen bekannt. Grandiose Siege und dann „ernüchterndes Heimspiel. Hätten sie mehr Tore kriegen, aber auch schießen können gegen Hoffenheim. Viel Qualität im Offensivbereich, aber anfällig im Umschaltspiel Richtung Defensive. Da brauchen wir eine gute Balance, defensiv nichts zuzulassen und durch Umschalten Torgefahr zu erzeugen.“

Ist egal, wie viel Tore fallen, „solange wir eins mehr schießen“. Hänge auch davon ab, wie viel Risiko die Teams nehmen. Anknüpfen an die guten Spiele der letzten Wochen. „Auch gestern teilweise ein gutes Spiel gemacht.“ Noch mal Kritik an den Gegentoren. Beim 0:1 beim Freistoß geschlafen. Beim 1:2 immer wieder zu spät gekommen. „Total ärgerliches Gegentor.“ „Aber auch gestern über weite Strecken kein schlechtes Spiel gemacht. Hätten das Unentschieden verdient gehabt.“

17.40

Rangnick: Mit Sieg gegen Leverkusen oben dran bleiben.

„Wenn Werner am Sonntag nicht spielt, dann wird er auch für die Nationalmannschaft keine Rolle spielen.“ Würde keinen Sinn machen, dass er dann am Donnerstag spielt. (Hui, das ist mal eine Ansage.)

Halstenberg wird sicher wieder ein Thema in der Nationalelf, wenn er so weitermacht wie bisher.

Zufrieden mit 1,9 Punkten im Schnitt und damit, in allen Wettbewerben dabei zu sein, auch wenn es schade ist, dass man es sich in der Europa League so schwer gemacht hat (kommt wieder auf das schlechte Defensivverhalten bei den beiden Gegentoren gestern zu sprechen). Entwicklung generell gut und weiter an den Stärken arbeiten.

17.43

Rangnick: Körperlich alles gut. Auch gestern in den letzten zehn Minuten noch mal zugelegt und noch mal Chancen erarbeitet. „Hat auch damit zu tun, dass wir Belastungen verteilen. Kader zwar klein, aber groß genug“, um durchzuwechseln.

Zu Mukiele: „Gestern ausgewechselt, weil wir einen offensiven Akzent setzen wollten mit Laimer. Hat sich durch die Torvorlage auch ausgezahlt.“ Mukiele nicht schlecht, nicht sonderlich gut. Nicht wegen der Leistung ausgewechselt. Normal, wenn Spieler unzufrieden sind, wenn sie ausgewechselt werden.

17.46

Rangnick: Interessiert sich nicht sehr für BVB gegen FCB am Wochenende. Vielleicht guckt er es im TV. „Gut, wenn die anderen Unentschieden spielen, aber nur wenn man selber gewinnt. Aber selbst wenn es einen Sieger gibt, müssen wir unsere Hausaufgaben machen.“

Leverkusen „mit gutem Tempo vorn. Bellarabi, Brandt, Bailey. Havertz einer der besten Spieler, den sie haben und über den die Umschaltmomente laufen. Das müssen wir gut verteidigen und selber in Umschaltsituationen kommen.“ Nicht alle Leverkusener Offensivspieler schreien „Hurra“, wenn es um defensives Umschalten und Zurücksprinten geht. Mit aggressivem Anlaufen Umschaltsituationen erzwingen.

17.48

Rangnick: In der Länderspielpause mit den Spielern arbeiten, die da sind. Kevin Kampl tritt aus der Nationalmannschaft Sloweniens zurück(!). „Nicht traurig drüber.“ Forsberg da. Vielleicht Werner. „Vielleicht ein paar Spieler mehr da als sonst.“ Aber wohl weniger als die Hälfte des Teams. An der Kondition arbeiten auch als Thema.

17.54

Das war es von hier. Interessante Ansage, dass Rangnick offenbar Werner nicht hergeben will, wenn bei dem die Schmerzen am Sonntag noch so sind, dass er nicht spielen kann. Mal sehen, was Werner und Löw dazu sagen. Kampls Rücktritt aus dem Nationalteam auch als interessantes Thema. Ansonsten wirkte Rangnick entweder ein bisschen müde oder ein bisschen vergrummelt oder beides oder das letztere aus dem ersteren resultierend. Die Aussage, dass die Leverkusener Spieler keinen Bock haben zurückzusprinten, war durchaus deutlich. Wird Herrlich seinen Spielern in der Kabine ja vielleicht mal unter die Nase reiben..

17.54

In diesem Sinne macht was draus aus dieser Woche und habt am Sonntagnachmittag Spaß mit dem Fußballspiel..

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