Internationales Testspiel

[Direkt unter dem folgenden Vorbericht vor der Partie von RB Leipzig gegen BK Häcken (26.07.2018, 18.30 Uhr) befindet sich ein Kurzticker von der Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel. Mit Ralf Rangnick.]

Ende Juli und die Saison beginnt bereits wieder. Fast fühlt man sich in die guten alten Tage in der dritten und vierten Liga zurückversetzt, als die Spielzeiten auch immer so früh losgingen. Diesmal ist es aber die Europa-League-Qualifikation, die das aufkommende Sommerpausengefühl jäh unterbricht (oder abbricht, je nachdem, wie lange das EL-Abenteuer dauert).

Bei seinem Amtsantritt hatte Ralf Rangick die zweite und dritte Runde der Europa-League-Qualifikation als internationale Testspiele, zu denen man fliegen muss (also zumindest zu den Auswärtsspielen), bezeichnet und erst für die vierte Runde, die sich Playoffs nennt und in der man sich dann endgültig für die Gruppenphase qualifizieren könnte, den fußballerischen Ernstfall ausgemacht.

Dass man die Vorbereitung letztlich nicht auf die Europa-League-Quali, sondern ganz normal auf den Bundesligastart (drei Tage vor dem das Hinspiel in den EL-Playoffs wäre) ausgerichtet hat, weist auch in diese Richtung. Wobei es auch schwer gewesen wäre, das anders zu handhaben. Die Vorbereitung so anzusetzen, dass man zur zweiten Quali-Runde (also zu den Spielen gegen Häcken) schon auf Topniveau ist, wäre nicht möglich gewesen, weil man dann spätestens Mitte Juni wieder hätte trainieren müssen. Möglich wäre es dagegen gewesen, dass man so plant, dass das Trainingslager vor und nicht nach dem Häcken-Hinspiel stattfindet und man die Vorbereitung ungefähr auf das Rückspiel der dritten Runde ausrichtet. Das hätte allerdings immer noch nicht garantiert, dass man die zweite Runde übersteht. Startet man schon Mitte Juli mit dem Trainingslager und fliegt dann trotzdem früh aus der Europa-League-Quali, hat man plötzlich ein Loch in der Vorbereitung, das man auch nicht haben will.

Es bleibt bei der Sache aber natürlich der Eindruck, dass man die Europa-League-Quali bestmöglich mitnehmen will, ohne sich komplett darauf einzustellen. Die Quali-Spiele sind Teil der Vorbereitung und müssen entsprechend weitgehend aus dem vollen Training heraus absolviert werden (auch wenn man rund um die Spiele die Belastung noch mal speziell steuern wird). Wenn der Wettbewerb, für den man sich qualifizieren kann, nicht Europa League sondern Champions League heißen würde, hätte man das sicherlich ein wenig anders gehandhabt (das ist aber nur ein theoretisches Gedankenspiel, weil deutsche Mannschaften in der Champions League nicht mehr in die Quali-Phase müssen).

Fakt ist, dass Hertha BSC die Dinge vor zwei Jahren ähnlich handhabte und für die Europa-League-Quali den Vorbereitungsplan nicht umstellte. Am Ende flog man so sang- und klanglos gegen Bröndby IF aus dem Wettbewerb wie im Vorjahr auch der SC Freiburg gegen Domzale. Kein Ruhmesblatt für die deutschen Teams, bei denen man gerade bei der Europa League immer das Gefühl hat, dass es wichtiger ist, den Wettbewerb zu erreichen, als auch in dem Wettbewerb zu spielen.

Fakt ist, dass RB Leipzig die Spiele gegen BK Häcken (und mögliche Folgespiele) im Rahmen der Möglichkeiten sicherlich bestvorbereitet und professionell angehen wird. Dass man plötzlich mit einer U19 aufläuft und abschenkt, kann man jedenfalls ausschließen. Und trotzdem wird auf RB Leipzig aufgrund der Rahmenbedingungen durchaus eine ordentliche Herausforderung zukommen.

Nicht weil Häcken extrem stark wäre, sondern weil sie den wesentlichen Vorteil haben, dass sie mitten in der Saison stehen. In Schweden wird die Saison nach Kalenerjahren gespielt. Entsprechend wird auch im Sommer gekickt. Diese Saison machte man für die WM zwar im Juni frei, aber seit Anfang Juli rollt der Ball in der schwedischen Liga schon wieder. Und auch in der Europa League hat Häcken schon zwei Spiele absolviert. Die Mannschaft steht also im kompletten Gegensatz zu RB Leipzig, die mitten in der Vorbereitung auf die Saison stecken, voll im Saft.

Drüben bei den RB-Fans sieht man im BK Häcken irgendwas zwischen einem schlechten deutschen Erstligisten und einem guten Zweitligisten. Immer schwer diese Quervergleiche, aber ich hätte sie eher bei maximal durchschnittlicher deutscher Zweitligaqualität eingeordnet. Aber letztlich ist das auch nicht so relevant. Fakt ist, dass die Spiele gegen Häcken so eine klassische Pokalaufgabe zum Saisonstart sind. Ein ‚unterklassiger‘ Gegner, dessen Saison schon deutlich früher begann und der entsprechend in den ganzen Abläufen und in seinen physischen Qualitäten wesentlich weiter ist und für den die Spiele gegen den ‚höherklassigen‘ Gegner so etwas wie Spiele des Jahres sind. Egal ob man in der ersten DFB-Pokalrunde nach Dresden oder Osnabrück oder wohin auch immer muss, das sind immer undankbare und schwierige Lose. Wenn man nicht gerade Bayern München heißt, die mit ihren Qualitäten in der Breite des Teams an solchen Aufgaben im Normalfall nicht mehr scheitern. Gegen Häcken zu spielen, ist nicht viel anders als in der ersten DFB-Pokalrunde nach Osnabrück zu fahren.

Erschwerend zum sowieso schon unangenehmen Pokallos kommt für RB Leipzig hinzu, dass man mit deutlich ausgedünntem Kader vor allem das Hinspiel gegen Häcken bestreiten muss. Die WM-Fahrer Forsberg, Werner und Poulsen fehlen noch. Halstenberg und Sabitzer sind weiter verletzt. Upamecano und Laimer fallen auch endgültig aus, nachdem sie sich zu Wochenbeginn verletzten. Von fünf bis sechs geplanten Neuzugängen fehlen noch zwei bis drei. Dem aktuell Kader fehlen also derzeit bis zu zehn Feldspieler. Nachvollziehbar, dass man das nicht so richtig auffangen kann. Positiv daran, dass auf der Bank von RB Leipzig einige Nachwuchsspieler sitzen dürften und der eine oder andere sogar gute Chancen hat, zumindest als Einwechsler Spielzeit zu kriegen. Die Startelf wird sich allerdings praktisch von selbst aufstellen.

Die Spieler, die auf dem Platz stehen, dürfen eine schwedische Mannschaft erwarten, deren Fokus auf Defensive liegt. Häcken ist eine Mannschaft, die im Normalfall nicht sehr hoch angreift, sondern eher ab der Mittellinie und vor allem am eigenen Strafraum zupackt. Entsprechend können die Räume im letzten Drittel schon mal sehr eng werden. Von der Formation her spielt das Häcken in der Defensive recht variabel. 4-4-2, 4-5-1, 4-3-3. Das wechselt schon mal recht häufig, je nachdem, wie man auf den Ball reagiert und wo sich die Kugel befindet. Gelegentlich fällt das ganze auch mal zu einer Sechserkette in der Abwehr zusammen, wenn die offensiven Außenbahnspieler neben die Außenverteidiger zurückfallen.

Das klingt erstmal alles sehr kompakt. Ist es grundsätzlich auch, aber die defensive Ordnung wird auch nicht so perfekt gespielt, dass man dort keine Chancen hätte, sich in Szene zu setzen. Gelegentlich verliert Häcken in der Rückwärtsbewegung mal die Ordnung, sodass zwischen den Ketten Räume entstehen, die man gut bespielen kann. Dazu passend auch, dass der Raum vor der Viererkette in der Zentrale manchmal nicht gut besetzt ist, weil die Abstände nicht stimmen. Gut bespielen kann man Häcken aber auch über die Außenbahnen, wo die Außenverteidiger gegen Spieler mit schnellem ersten Schritt Schwierigkeiten haben. Gerade für jemanden wie Bruma könnte das ein gefundenes Fressen sein.

Wichtiges Element für Häcken ist das Umkehrspiel. Bei Ballgewinn soll es prinzipiell schnell gehen. Paulinho links (der torgefährlichste Häcken-Spieler) und Celik/ Mohammed rechts sind hier die wichtigen Akteure. Interessanter aber vielleicht noch Schwedens U21-Nationalspieler Daleho Irandust, der ein feiner Techniker ist und sich als offensiver Mittelfeldspieler zwischen den Ketten sehr wohl fühlt, aber auch im Umkehrspiel einen guten Zug zum Tor hat. Manchmal ist er etwas arg eigensinnig, aber prinzipiell bringt der 20-Jährige viel Talent mit, das ihn aus der Mannschaft abhebt.

Wenn es im Umkehrspiel nicht klappt, bleibt auch noch die Option des langen Balls auf Alhassan Kamara in der Sturmmitte. Eine Art Jhon Cordoba. Nicht sehr torgefährlich, aber ein sehr robuster Arbeiter, der sich in jeden Ball wirft.

Nicht vergessen sollte man aber, dass Häcken sich nicht nur als Umschalt- oder Langballmannschaft präsentiert, sondern es auch über Ballbesitzabläufe probiert. Sicherlich nicht die Pep-Schule, aber man schafft es auch immer wieder, von hinten heraus mit flachen Pässen zwischen die Ketten zu spielen, wo sich dann wie erwähnt ein Irandust sehr wohl fühlt. Spielt Häcken so auch in Leipzig besteht darin aber für RB auch eine Chance, immer mal wieder gute Ballgewinne irgendwo im Mittelfeld oder in der gegnerischen Hälfte zu kriegen.

Insgesamt präsentiert sich Häcken taktisch als recht variables Team, das viele Facetten und zwei, drei gute Offensivoptionen hat. Die Ausführung der Varianten ist halt nicht das allerhöchste Niveau. Gerade in Sachen Spielgeschwindigkeit und Intensität geht es in Schweden deutlich anders als in Deutschland zu. Als in der Bundesliga sowieso, aber auch als in der laufintensiven, robusten zweiten Liga.

Letztlich dürfte genau dort der Schlüssel für den Erfolg gegen Häcken liegen, dass man sie in Sachen Spieltempo stresst. Aber genau das ist zum jetzigen Zeitpunkt der RB-Vorbereitung, zu dem man weder in Sachen Frische und Spritzigkeit, noch in Sachen Spielstrukuren bei 100% ist, dann eben auch eine ordentliche Herausforderung, die Intensität auf ein Niveau zu bringen, dass sie für den Gegner Stress bedeutet.

Würde ich mich mit Sportwetten beschäftigen, würde ich wohl auf viele Tore tippen. Häcken scheint nicht so sattelfest, um die individuelle Qualität von RB Leipzig dauerhaft zu verteidigen und bietet durch das Spiel mit dem Ball auch Angriffspunkte für Balleroberungen. Auf der anderen Seite sah die Rückwärtsbewegung nach kollektivem Pressing bei RB in Meuselwitz noch nicht so vertrauenserweckend aus, als dass da nicht auch Häcken Chancen hätte, mal durchzubrechen. Und Paulinho und Irandust haben durchaus die Qualität aufgehende Räume sehr gut zu bespielen und daraus auch Tore zu machen.

Mögliche Aufstellungen:

  • RB Leipzig: Gulacsi – Klostermann (Mukiele), Konaté, Orban Saracchi – Demme, Ilsanker – Kampl, Bruma – Augustin, Cunha
  • BK Häcken: Abrahamsson – Andersson, Lindgren, Hammar, Arkivuo – Faltsetas, Friberg – Celik, Irandust, Paulinho – Kamara

Fazit: RB Leipzig ist in den Spielen gegen BK Häcken natürlich Favorit. Aufgrund der komplett unterschiedlichen Vorbereitungsstände der Mannschaften (mitten in der Vorbereitung die eine, mitten in der Saison die andere) dürfte der RB-Vorsprung aber schon mal deutlich schrumpfen. Dass RB die Partien mit dezimiertem Kader als internationale Testspiele angeht, während es für Häcken Spiele sind, in die man mit maximaler Motivation geht, nimmt noch mal was vom RB-Vorsprung weg, sodass klassischer Pokalcharakter entsteht, bei dem Häcken nicht so im Nachteil ist, wie man es eigentlich vermuten würde. Wobei für RB vielleicht von Vorteil ist, dass die K.o.-Runden-Begegnung über zwei Spiele und nicht nur über 90 Minuten geht.

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen BK Häcken nicht vor Ort verfolgen kann und am 26.07.2018, ab 18.30 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze den Liveticker der RB-Fans. Bilder gibt es live bei DAZN.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. BK Häcken

  • keine

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Ralf Rangnick darf mit guter Laune in eine neue Saison gehen. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel von RB Leipzig gegen BK Häcken im Kurzticker. Mit Ralf Rangnick.

17.30

Ralf Rangnick: Diego Demme wieder dabei. Upamecano und Laimer nicht dabei.

„Häcken zweimal live beobachtet. Vorteil für den Gegner, dass sie mitten im Ligaalltag stehen. Im Offensivbereich mit guten Fußballern bestückt. Wissen über den Gegner, was wir wissen müssen.“

17.32

„Kein Nachteil für uns, dass es heiß ist. Wichtig, dass wir im richtigen Moment die Körner verbrauchen und zielstrebig sind. Müssen effizient sein bei diesen Witterungsbedingungen und die ersten Chancen nutzen. Müssen viel trinken. Vielleicht gibt es eine Trinkpause.“

„WM-Fahrer kehren Donnerstag zurück, absolvieren ihre Tests und fahren am Freitag mit ins Trainingslager.“

17.34

„Geht darum eine Runde weiterzukommen. Mannschaft stellt sich mehr oder weniger von alleine auf. Wichtig, erfolgreich zu sein und Lernfortschritte mitzunehmen.

„Häcken ist deutlich stärker als Düdelingen. Habe eher an Malmö gedacht. Aber für so stark halte ich sie nicht. Situation jetzt kann man nicht mit Salzburg einst gegen Düdelingen vergleichen.“

17.37

„Wir planen mit Forsberg. Wichtiger Spieler für unsere Mannschaft. Kein Kontakt mit uns durch ein interessiertes Team. Er hat noch vier Jahre Vertrag ohne Klauseln. Wenn nicht noch was großes passiert, bleibt er. Das ist unser Wunsch.“

„Wir wissen, was wir machen wollen, aber nicht, was wir machen können. Das wird die Zukunft zeigen.“ Keine Details zu Transferbemühungen. Fokus liegt auf Häcken und die ersten fünf Tage im Trainingslager.

„Wir wollen weit kommen in der Europa League. Dafür müssen wir uns aber für die Gruppenphase qualifizieren. Das ist unser Ziel. Wir wollen auf drei Wettbewerben tanzen. Bundesliga ist Kerngeschäft. Kunst liegt daran, beides hinzukriegen.“

17.41

Noch mal Lob für die Offensivspieler von Häcken. „Gute Fußballer, die kombinieren können. Unsere Aufgabe, sie nicht spielen zu lassen. Trauen uns zu, dem Gegner defensiv Probleme zu bereiten.“

„Wären lieber in der Gruppenphase der Europa League eingestiegen. Nach dem Pokalfinale haben wir aber sofort in Lösungen gedacht. Haben jetzt internationale Testspiele, in denen es um etwas geht.“

3 Gedanken zu „Internationales Testspiel“

  1. Ich könnte schon zum Spiel gehen. Aber mal abgesehen von der Tatsache daß mir schon wieder die Augen weh tun sind mir mal prinzipiell die Ticket-Preise zu hoch. Nun sehe ich (noch geht das) auf der Ticket-Seite einen für mich interessanten einstelligen Ticket-Preis, bei dem ich mir schon vorstellen könnte zum Spiel zu gehen. Aber wenn ich hingehe teilt man mir wahrscheinlich wieder an der Kasse mit daß dieser Preis heute nicht gilt. *?

    1. Ich glaube nicht,dass die Preise heute bei zwischen 10 und 20 Euro für Vollzahler zu hoch sind..

  2. @rotebrauseblogger

    Und glaubst Du mir daß der Text oben zu lang ist?

    Es ging um 7 Euro. Wäre ich mir sicher gewesen daß die Angabe stimmt(e) wäre ich zum Spiel gegangen. So habe ich garnichts vom Spiel mitbekommen. Die DAZN-Geschichte funktioniert bei mir nicht und im Fernsehn liefs ja wohl auch nicht. Nicht mal der Bullenfunk war auf Sendung. Ich habe jetzt aber mitbekommen das die Jungs das auch ohne meine Unterstützung im Stadion gut hinbekommen haben.

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