Lernpotenziale

Unwort des letzten Jahres war sicherlich die „Dreifachbelastung“ aka „Doppelbelastung“ aka „Mehrfachbelastung“ und alle Variationen davon, die sich um Belastungssteuerung, mentale und physische Ausgelaugtheiten und Frische drehten.

Wobei das Verrrückte dabei ist, dass das Einbeziehen dieser Dinge tatsächlich von Relevanz für die Interpretation der Saison ist. Aber das vor allem vor der Winterpause, aber auch in der Schlussphase der Saison vorauseilende Argumentieren mit der Belastung war doch einigermaßen nervtötend. Zumal sich bspw. ein Ralph Hasenhüttl in der Vorsaison gegenüber dem Weinzierl-Schalke nach deren Europa-League-Schlacht gegen Ajax noch mit einem leicht despektierlichen ‚wir werden die Doppelbelastung nächstes Jahr nicht als Ausrede nehmen, wenn es nicht läuft‘ geäußert hatte, weil S04 nach dem 1:1 gegen Leipzig auch auf das Spiel unter der Woche verwiesen hatte.

Egal wie, es lässt sich schwerlich wegdiskutieren, dass es einen Unterschied macht, ob du weit über 40 Pflichtspiele in der Saison bestreitest oder nur 35 oder 36. Angesichts dessen, dass jedes Spiel mit einem hohen physischen und psychischen Aufwand verbunden ist, wird es halt irgendwann auch mal schwer, zu 100% fokussiert und fit in ein Spiel zu gehen. Man kann das auch gern mal mit sich als Zuschauer vergleichen, mit welcher Energie man am Ende von drei englischen Wochen ein Auswärtsspiel sagen wir in Mainz angeht und was der Unterschied zu einem sagen wir ersten Heimspiel der Saison ist. Diesbezüglich sind dann alle auch nur Menschen.

Dass es einen Unterschied macht, ob man für eine Saison mit europäischen Spielen plant oder nicht bzw. europäisch spielt oder nicht, zeigen auch die Datender letzten Spielzeit. 27,7 Feldpieler haben die sieben Bundesliga-Teams, die sich für Europa qualifizierten im Schnitt eingesetzt. 25,1 Feldspieler waren es bei den anderen elf Mannschaften.

Deutlich auch der Unterschied im etwas relevanteren Bereich der Spieler, die mindestens 20% der Pflichtspielzeit auf dem Feld standen. 16,5 Spieler waren es bei den Teams ohne europäische Belastungen im Schnitt. Bei den Teams mit europäischen Aufgaben waren es 19 Spieler. Sprich, Teams mit Dreifachbelastung müssen die Herausforderungen per se mit einem um zwei bis drei Kernspieler breiteren Kader angehen bzw. sind die Herausforderungen mit einem entsprechend breiteren Kader angegangen.

Erstaunlich dabei ein bisschen die Daten von RB Leipzig. Nur 22 Feldspieler hat der Verein in immerhin 48 Spielen eingesetzt (und da ist schon ein Oliver Burke dabei). Bei keiner Mannschaft der Bundesliga waren es weniger Spieler. Lediglich Schalke und Leverkusen kommen auf dieselbe Zahl. Die Europapokal-Teilnehmer aus Dortmund, Hoffenheim un Köln kommen auf jeweils über 30 Akteure. Wobei die Zahl eher etwas darüber aussagt, wie der Unterbau der Teams ist und inwiefern man auch mal Talente für kurze oder wenige Einsätze ins Spiel wirft. Bei RB blieb es da diese Saison dabei, dass man die Spieltagskader aus dem Profikader rekrutierte uns sich den Schritt in den Nachwuchs nicht traute bzw. man diesen für noch nicht weit genug ansah.

Interessanter aber vielleicht, dass auch die Zahl der Spieler, die mindestens 20% der Spielzeit absolvierten, relativ gering war. Lediglich 17 Akteure stehen hier in der Bilanz bei RB Leipzig. Von den sieben Europapokal-Starter kamen nur die Bayern auf genauso wenige Akteure. Weniger Feldspieler, die mindestens 20% der Pflichtspielzeit absoliverten, hatten gleich sechs Bundesligisten, aber die hatten auch mindestens neun Pflichtspiele weniger zu absolvieren.

Die Bilanz verweist darauf, dass Hasenhüttl diese Saison zwar einer breiteren Rotation als in der Vorsaison vertraute, aber diese Rotation angesichts der 48 Pflichtspiele doch immer noch relativ gering ausfiel und man dann doch mit einem relativ kleinen Kernkader agierte. Das zeigt sich auch in einer anderen Zahl. Denn die zehn meisteingesetzten RB-Feldspieler absolvierten zusammen über 29.000 Spielminuten. Nur bei den Bayern waren es mit reichlich 30.000 noch deutlich mehr.

Wenn man allerdings bedenkt, dass der Meister mit Abstand den geringsten Laufaufwand aller Bundesligisten hat, dann relativiert sich deren Wert auch wieder. RB ist in Sachen Laufaufwand zumindest ein durchschnittliches Bundesligateam, was die über 29.000 Minuten dann doch interessant macht. Zumal die nächsten Teams mit ihren zehn meisteingesetzten Feldspielern auf unter 27.000 Minuten auf dem Feld kommen. Auch hier zeigt sich dann wieder, dass Rotation bei RB Leipzig ein relativer Begriff war und man dann doch mit einem recht klaren Kernkader durch die enormen Belastungen der Saison zog. Etwas was sich ja auch ein wenig durch die zwei Jahre von Hasenhüttl zog, dass er einen klaren Kernkader hatte und die Spieler dahinter eher weniger zum Einsatz kamen. In der ersten Saison war der Kernkader sehr klein. In der zweiten Saison war er schon breiter, aber im Vergleich mit anderen Teams in ähnlicher Lage immer noch recht klein.

Auch aussagekräftig bezüglich der Herangehensweise von Ralph Hasenhüttl, dass er (abgesehen wieder von den Bayern) als einziger Trainer eines deutschen Europapokal-Teilnehmers in der Bundesliga stärker rotieren ließ als insgesamt in der Saison. 60 Minuten standen die zehn meisteingesetzten Feldspieler von RB Leipzig im Schnitt in 34 Bundesliga-Spielen auf dem Platz. Rund 61 Minuten waren es in allen 48 Pflichtspielen (macht für DFB-Pokal und Europapokal irgendwas bei 64 Minuten). Rotiert wurde unter Hasenhüttl also stärker in der Bundesliga. Ein Fokus, der ihm mit der damit verbundenen verpassten Champions-League-Quali am Ende auch den Job gekostet haben dürfte.

Außer bei den Bayern war es bei den anderen Europapokal-Teilnehmern genau andersherum. Bei allen Mannschaften stand in der Bundesliga konstanter die Kernelf der zehn meisteingesetzten Feldspieler auf dem Platz als in den anderen Partien in DFB-Pokal und Europapokal. Fakt ist aber auch, dass nur bei Hertha und Freiburg die zehn meisteingesetzten Feldspieler in der Bundesliga länger zusammen auf dem Platz standen (was dafür spricht, dass sie sich besser aufeinander einspielen können) als bei RB. Was dann wiederum dafür spricht, dass andere Klubs das Rotationsthema besser steuerten und ihre Spieler breiter und weniger verheizend einsetzten.

(Wobei das auch eine sehr einseitige Interpretation ist, weil die nur 52 Minuten, die die zehn meisteingesetzten Spieler beim BVB zusammen in der Bundesliga auf dem Platz verbrachten, nicht zwangsläufig dafür spricht, dass man dort klüger die Belastungen steuerte, sondern dass man da in einer schwierigen Saison einfach auch permanent auf der Suche nach neuen Lösungen war und entsprechend auch wegen einem Trainerwechsel mehr Unruhe bei der Spieltagskaderzusammenstellung vorhanden war.)

Insgesamt verweisen die Daten auf zwei Sachen. Einerseits, dass Ralph Hasenhüttl einen deutlichen Fokus auf einem guten Abschneiden in internationalen Wettbewerben hatte (was insbesondere bei der Europa League vereinsintern nicht auf pure Begeisterung stieß). Und andererseits dass man es nicht geschafft hat, die Belastungen von 48 Pflichtspielen in der Breite auf so vielen Schultern zu verteilen, wie es die Konkurrenz geschafft hat. Entsprechend brachen die Laufleistungen in den letzten Saisonspielen auch extrem ein und hatte man in dieser entscheidenden Saisonphase gerade gegen sehr gute Laufteams wie Hoffenheim oder Leverkusen nichts mehr zum zusetzen.

Daraus resultiert dann für die kommende Saison (vorausgesetzt, man hat wieder eine Dreifachbelastung, was man nicht zwingend als gegeben ansehen muss) die spannende Frage, wie man damit umgeht und wie man einen Kader zusammenstellt, in dem nicht die Top10 der Feldspieler eine Belastung trägt, die deutlich über der Belastung der Konkurrent liegt (was man dann eben auf physischer Ebene in den entsprechenden Duellen auch merkt). Man kann das über Veränderungen in der Trainingsarbeit und bei der Arbeit der Athletiktrainer regeln (wo es aber vermutlich qualitativ nicht mehr so viel Luft nach oben gibt). Oder man schafft es ein Team zusammenzustellen, in dem auch Spielern aus der zweiten Reihe oder gar aus dem Nachwuchs immer mal Einsätze kriegen, die den Rest des Teams entlasten. Auch diesbezüglich wird die kommende Saison eine spanndende. Zumal falls wirklich Ralf Rangnick Trainer werden sollte, dessen Spielidee in der Vergangenheit noch viel stärker auf ein sprintendes Anlaufen des Gegners setzte, als dies bei Ralph Hasenhüttl der Fall war, der eher ein Mittelfeldpressing favorisierte.

[Sp = Anzahl der Feldspieler, die jedes Team diese Saison bisher eingesetzt hat; Sp > 20% = Anzahl der Feldspieler je Team, die mindestens 20% der Einsatzzeit ihrer Mannschaft hatten; Spiele = Anzahl der Pflichtspiele, die das jeweilige Team bisher absolvierte]

 SpSp>20%Spiele
Bayern261753
Leipzig221748
Dortmund312248
Hoffenheim311944
Köln322243
Hertha241842
Freiburg281839
Bremen241538
Gladbach251437
Schalke221639
Frankfurt271740
Leverkusen221639
Augsburg251535
Hamburg271735
Mainz251838
Wolfsburg281840
Stuttgart261937
Hannover251636

[SpZeit = Minuten, die die zehn meisteingesetzten Feldspieler der Vereine insgesamt in allen Pflichpielen auf dem Platz standen; SpZeit BL = Minuten, die die zehn meisteingesetzten Feldspieler der Vereine in 34 Bundesligaspielen auf dem Platz standen; Top10 = Anzahl der Minuten von 90, die die zehn meisteingesetzten Spieler je Team für ihre Mannschaft in allen Pflichtspielen absolvierten (73 heißt, dass jeder der zehn Spieler pro Spiel 73 von 90 Minuten auf dem Platz stand); Top10 BL = Anzahl der Minuten von 90, die die zehn meisteingesetzten Spieler je Team für ihre Mannschaft nur in der Bundesliga absolvierten (73 heißt, dass jeder der zehn Spieler pro Spiel 73 von 90 Minuten in der Bundesliga auf dem Platz stand)]

 SpZeitSpZeit BLTop10top10 BL
Bayern30405188655755
Leipzig29251204036160
Dortmund24715177575152
Hoffenheim24822203905660
Köln22747182845354
Hertha24970210995962
Freiburg23345206666061
Bremen26482234037069
Gladbach26927247337373
Schalke26107229316767
Frankfurt23907208206061
Leverkusen25594218646664
Augsburg24277235576969
Hamburg21343207946161
Mainz23565213306263
Wolfsburg24083204566060
Stuttgart22928215426263
Hannover23787226686667

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War für alle Beteiligten eine anstrengende Saison, in der vor allem am Ende auch die Kraft fehlte. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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