Wenig Vorbereitungszeit als Herausforderung

Doppelbelastung. Dreifachbelastung. Die Schlagworte der Saison drehen sich um die Herausforderungen, die die erstmalige Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb mit sich brachte. Insgesamt wird RB Leipzig diese Saison auf 48 Pflichtspiele kommen. Letztmals hatte man 2013/2014 ein ähnlich umfangreiches Programm, als man mit DFB- und Sachsenpokal auf 43 Spiele kam. In der Erinnerung ohne groß über Doppelbelastung oder Dreifachbelastung zu reden. Aber das kann auch rückblickende Verklärung sein.

Die Folgen der aktuellen Mehrfachbelastung wurden immer auf mehreren Ebenen beschrieben. Einerseits körperliche Mehrbelastungen, die man entsprechend durch Belastungssteuerung ausgleichen muss. Dann waren da noch mentale Belastungen, die als Ursache auch für die Standardschwäche in manchen Spielen angegeben wurden. Weil der Kopf nach mehreren Spielen am Stück in einem Heimspiel gegen Mainz in der 90. Minute vielleicht nicht mehr ganz so wach ist. Und dann auch noch in Bezug auf die konkrete Spielvorbereitung.

Letzteres ist vielleicht der interessanteste, weil am wenigsten steuerbare Punkt. Drei, vier Tage bis zum nächsten Spiel bedeuten halt nun mal im Normalfall, dass man für vorbereitende Trainingseinheiten fast keinen Raum mehr hat. Entsprechend fällt das Einüben von Mustern, mit denen man sich explizit auf den nächsten Gegner vorbereiten kann, ein wenig unter den Tisch.

Ralph Hasenhüttl hatte vor dem Spiel gegen Hoffenheim die Hoffnung, dass man nun sehen würde, dass man unter der Woche mehr Zeit zur Vorbereitung auf das Spiel am Wochenende hatte. Das ging am Ende ziemlich gründlich schief, auch wenn das 2:5 eher das Ergebnis eines defensiven Freakspiels inklusive 45-minütiger Unterzahl und nicht unbedingt Folge eines Auftritts war, in dem man sich komplett unterlegen präsentierte (zumindest in den ersten 30 Minuten machte RB Leipzig ein gutes Spiel und war auch die bessere Mannschaft).

Wenn man über die bisherige Saison schaut, dann halten sich in der Bundesliga die Spiele, die mit mindestens fünf Tagen Abstand zum letzten Spiel ausgetragen wurden, ziemlich die Waage mit den Partien, auf die man sich nur kürzer und mit maximal ein bis zwei Trainingseinheiten vorbereiten konnte. 15 Spiele waren es mit längerer Vorlaufzeit, 16 Spiele waren es mit kurzer Vorlaufzeit. Vom Gefühl her hätte man vielleicht vermutet, dass die Anzahl der Spiele, die man in der Bundesliga mit wenig Vorbereitung absolvieren musste, höher war.

Statistisch gesehen gibt es durchaus einen relevanten Unterschied zwischen den beiden Spielgruppen. Denn in den Partien mit viel Vorbereitungszeit ist die RB-Bilanz deutlich positiv, während sie in den anderen Spielen leicht negativ ist. In den Spielen mit viel Vorbereitungszeit holte RB Leipzig im Schnitt 1,8 Punkte. Wenn die Vorbereitung nur kurz war, fiel der Schnitt auf 1,25 Punkte. Mit dem Schnitt von 1,8 Punkten käme man hochgerechnet auf die Saison auf 61 Punkte (das ist natürlich nur eine vereinfachte Hochrechnung) und wäre ein klares Champions-League-Team. Die 1,25 Punkte hochgerechnet auf 34 Spiele ergäben ein schlechteres Mittelklasse-Team der Bundesliga.

Interessant vielleicht auch, dass RB Leipzig in den Spielen mit viel Vorbereitung nicht nur wesentlich mehr Punkte holte, sondern auch generell die Anzahl der Tore (eigene und Gegentore) höher war. 1,8 : 1,6 Tore stehen in den Spielen mit mindestens fünf Tagen Abstand zum letzten Spiel. 1,25 : 1,44 Tore stehen im Schnitt bei den anderen Spielen in der Bilanz. Was dafür spricht, dass man die Spiele mit mehr an Vorbereitung auch mit größerer Power und mit einer offeneren Spielweise anging (im Schnitt; dass es da in beide Richtungen Ausreißer gibt, ist klar).

  • Spiele mit langer Vorbereitung: 15 Spiele, 1,8 Punkte im Schnitt, 1,8 : 1,6 Tore im Schnitt
  • Spiele mit kurzer Vorbereitung: 16 Spiele, 1,25 Punkte im Schnitt, 1,25 : 1,44 Tore im Schnitt

Der von Ralph Hasenhüttl angesprochene Effekt, dass mit längerer Vorbereitung auf Spiele auch bessere Ergebnisse erzielt werden, scheint also in Bezug auf RB statistisch gut belegbar. Auch Julian Nagelsmann hatte rund um das RB-Spiel als Hauptgrund für die zuletzt sehr guten Resultate seiner TSG angegeben, dass man nun eben wieder Zeit habe, im Training an Abläufen zu arbeiten und sich auf Gegner vorzubereiten und man nicht wie in der Hinrunde von einem Spiel zum nächsten reisen muss.

Den Effekt kann man so konstatieren und er ist natürlich auch plausibel. Letztlich wäre die Frage, wie man damit umgeht, wenn man ein Verein sein will, der künftig möglichst immer bis zu 50 Pflichtspiele in der Saison oder sogar noch ein paar mehr haben will. Dafür muss man dann eben Wege finden, den Effekt, den geringere Trainingsmöglichkeiten unter der Woche haben, abfedern zu können.

Energieleistungen wie die gegen die Bayern sind da auch immer mal möglich, aber die Gegner einfach Woche für Woche mit Ganzfeldpressing zu überrennen ist von der Belastung und vom Kopf her eigentlich nicht zu stemmen. Interessant in dem Zusammenhang vielleicht, dass die Laufleistungen bei RB Leipzig im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht zugenommen haben (wenn man der offiziellen Datenerfassung vertrauen darf). Einen Kilometer mehr läuft man bei RB jetzt pro Spiel mehr als noch in der Vorsaison. Trotz Doppelbelastung. Auch im höheren Geschwindigkeitsbereich legt man nun mehr Wegstrecke zurück.

Problem dabei ist, dass die Bundesliga im deutlich größeren Umfang laufstärker geworden ist als RB Leipzig. Im Schnitt laufen die Bundesligisten rund drei Kilometer mehr als noch in der Vorsaison. Was dann dazu führt, dass RB Leipzig von einem in Sachen Laufaufwand durchschnittlichen Bundesligisten trotz Steigerung der Zahlen zu einem unterdurchschnittlichen Bundesligisten geworden ist. Dass die Liga in noch stärkerem Ausmaß zu einer Läuferliga geworden ist, die durch Aggressivität, Pressing und schnelles Umschalten punktet, ist dann natürlich auch keine gute Nachricht für Mannschaften, die aufgrund der Mehrfachbelastung diese Physis nicht permanent mitgehen können (auch die Superläufer aus Leverkusen kamen da zuletzt in ihrer englischen Woche mit DFB-Pokal an ihre Grenzen).

Die Frage wäre dann eben, wie man die Nachteile durch die hohe Anzahl an Spielen anderweitig auffängt. Die Bayern schaffen es auch diese Saison wieder mit der mit Abstand geringsten Laufleistung die Liga zu dominieren. Weil sie über Ballbesitz auch auf anderem Wege dominant sein können, als über Physis und Rennen (wobei die Bayern unter Heynckes auch über ein sehr gutes Anlaufen verfügen, wenn sie es denn brauchen und wollen).

Ralph Hasenhüttl hatte dieses Thema mit dem Ballbesitz zu Beginn der Saison auch erkannt und dafür plädiert, dass man ein gutes Positionsspiel braucht, um auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Gerade im Sinne der Belastungssteuerung und des ökonomischen Einsatzes der eigenen Kräfte eine sinnige Idee. In manchen Spielen wie gegen Stuttgart im Heimspiel klappte das ganz gut. In manch anderen Spiele klappte das nicht ganz so gut.

Generell ging es in den letzten Monaten viel um taktische Flexibilität. Da wurde mal tief verteidigt und auf Umschalten gesetzt wie gegen Schalke oder Augsburg. Da wurde der Gegner auch mal im Pressing überrannt wie gegen die Bayern. Oder es wurde mit viel Ballbesitz und Ruhe der Gegner bespielt wie eben gegen Stuttgart im letzten Herbst. Vom 4-2-2-2 über das 4-4-2 und das 4-2-3-1 war da inzwischen bis hin zum 3-4-3 oder einem verkappten 5-3-2 auch von den Formationen her alles dabei, was man sich so ausdenken kann.

Das klingt natürlich erst mal gut, wenn man taktisch flexibel auftreten kann. Wird dann aber eben auch zum Problem, wenn die verschiedenen Abläufe, die es zwischen hohem Anlaufen und Mittelfeldpressing und passiv-tiefem Verteidigen und zwischen Vierer- und Dreierkette gibt, eben nicht im Training über die Saison immer wieder eingeschliffen werden können. Am Ende tritt man dann flexibel auf, was von der Idee her nachvollziehbar ist, hat aber aufgrund der fehlenden Einheiten Verluste bei der Umsetzung der Flexibilität durch Mängel bei der Umsetzung.

Gewissermaßen steckt RB Leipzig da auch in einem Grunddilemma. Flexibel sein zu müssen, um auf die körperlichen Herausforderungen und auf die Anforderungen, die unterschiedliche Gegner mit sich bringen, reagieren zu können. Aber bei 48 Pflichtspielen vielleicht auch nicht die nötige Zeit zu haben, um die Flexibilität so zu verinnerlichen, dass damit kein Leistungsabfall verbunden ist.

Kaum zu lösen, dürfte das Dilemma dadurch sein, dass man einfach sagt, man müsse zur RB-DNA zurück. Zumindest wenn damit gemeint ist, dass man 48 Spiele lang in Rangnickscher Zweitligaart die Gegner in deren eigener Hälfte permanent ansprintet (wodurch damals dahinter auch oft ordentliche Lücken entstanden). Ganzfeldpressing muss weiterhin ein Mittel gerade in großen Spielen sein können (wobei man schon letzte Saison vornehmlich den Sechserraum abdeckte, als über das ganze Feld zu pressen). Aber für die Breite der Spiele braucht man dann eben auch Abläufe, in denen man mal einen Vorsprung verwaltet und über Ballbesitzstrukturen verfügt, mit denen man den Gegner aus dem Spiel und sich selbst den ganz großen Aufwand nimmt (Mönchengladbach machte das zuletzt gegen Wolfsburg nach Führung sehr gut, den Ball und den Gegner laufen zu lassen und Zeit von der Uhr zu nehmen).

Dass auch in einer späten Phase der Saison der Körper nicht zwangsläufig das allergrößte Problem ist, zeigte jedenfalls RB Leipzig beim Sieg gegen die Bayern sehr schön. Auch Liverpools Sturmlauf gegen Rom oder Neapels Sieg bei Juve gingen in die Richtung. Aber interessant wird es eben, wenn du dann am Wochenende darauf gegen Mainz, Stoke City oder Crotone spielst und die drei Punkte auch mal mit etwas weniger Aufwand einsammeln musst. Bei RB stehen da in der Liste, in der nur noch Wolfsburg fehlt, die Namen HSV, Freiburg, Mainz und Köln gegen die man jeweils einmal Führungen verspielte, weil man nicht über die Mechanismen verfügte, die Spiele (oder zumindest zwei bis drei davon) über die Runden zu bringen.

Egal wie man sich aber dem Thema nähert und wie man auf weniger Vorbereitung in den englischen Wochen, körperliche Belastungen und mentale Frische blickt, bleibt aber der Zusammenbruch bei RB Leipzig in den letzten Wochen eher unerklärlich. Gerade weil man in der Rückrunde in der Bundesliga bis zur ersten Länderspielpause weitgehend stabil unterwegs war. Stabiler jedenfalls als noch in der Hinrunde, wenn man zumindest Fußball als ein Spiel versteht, bei dem es darum geht, sich mehr Chancen als der Gegner zu erarbeiten und damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Spiele zu gewinnen.

War die Bilanz an Torchancen in der Hinrunde noch ausgeglichen und holte RB mehr Punkte, als es den Chancen nach nahegelegen hätte, erspielte man sich in den ersten zehn Bundesligaspielen nach der Winterpause pro Spiel zwei Chancen mehr als der Gegner. Nur 4,1 Chancen ließ man pro Spiel zu. Seitdem stehen in der Bundesliga pro Spiel 9(!) gegnerische Chancen in der Bilanz, während sich offensiv in der Zeit praktisch nichts änderte.

Woher diese defensive Katastrophe mit ihren irrwitzigen Gegentoren nach Kontern nach eigenen Ecken, nach individuellen Patzern und nach Stellungsfehlern im Abwehrverbund plötzlich kommt, ist eigentlich rational nicht zu erklären. Nicht mit wenig Vorbereitungszeit auf die Spiele (die hatte man vorher auch nicht). Nicht mit physischer Erschöpfung (nicht in dem Ausmaß zumindest). Und auch nicht mit mentaler Frische (zumal Richtung Saisonende das zu erreichende Ziel (Stichwort ‚ab jetzt sind wir Jäger, das liegt uns mehr‘) noch einmal antreiben und von allem anderen ablenken sollte).

Fakt ist alles in allem, dass es einen statistisch sichtbaren Erfolgsunterschied zwischen Bundesliga-Spielen mit viel Vorbereitungszeit und wenig Vorbereitungszeit gibt. Fakt ist auch, das man in einem bestimmten Ausmaß und bei weiter vorhandenem Fokus auf Balleroberungen taktische Flexibilität (und Ballbesitz als Strategie zur Gegnerkontrolle) braucht, um die Masse an Spielen bewältigen zu können, was sich wiederum mit der deutlich geringer werden Trainingszeit beißt. Fakt ist aber auch, dass nichts von all dem den defensiven Zusammenbruch in den Wochen seit der letzten Länderspielpause mit den 17 Gegentoren in sechs Spielen erklären kann (vor allem nicht nach nur 15 Gegentoren in 14 Pflichtspielen seit der Winterpause vor dem Zusammenbruch).

Nicht uninteressant, wie sich diese Geschichte in den letzten drei Spielen mit jeweils langer Vorbereitungszeit weiterentwickelt. Statistisch gesehen müssten (bei bisher 1,8 Punkten im Schnitt in Spielen mit mindestens fünf Tagen Abstand zum letzten) dabei fünf bis sechs Punkte rausspringen. Wenn man weiter im Schnitt neun Chancen zulässt, dürfte das aber eher eine ambitionierte Punktezahl sein.

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RB Leipzig ist in den Pleiten-Pech-und-Pannen-Wochen. Keine gute Zeit für Keeper Peter Gulacsi. | Foto: Dirk Hofmeister
Foto: Dirk Hofmeister

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2 Gedanken zu „Wenig Vorbereitungszeit als Herausforderung“

  1. Da bin ich ja einigermaßen beruhigt, dass auch Du nicht weißt, woher diese plötzliche Abwehrschwäche kommt ;-) ! Da bleibt wohl nur sich irgendwie auf Platz 6 zu retten und auf die Bayern im Pokalfinale hoffen, mehr dürfte nicht mehr drin sein. Ich befürchte aber folgendes Szenario: RB reißt sich gegen Mainz zusammen und gewinnt, verliert dann aber die abschließenden Spiele. Zum Glück liege ich oft genug falsch…

    Und natürlich danke für diesen interessanten Einblick!

  2. Toller Blog bzw Vergleich.
    Wie Du auch, bin ich auch am überlegen, woher die Toreflut herkommt.
    Eine klitzekleine Erklärung hätte ich.
    Ausfall der Stamm AV, dadurch keine Eingespieltheit durch englische Wochen und dazu brauchten, trotz Talent, solche jungen Spieler wie Upa und Konate „Zwangspausen“, Stichwort überspielt. Das dazu jeweils der Erfahrene IV wie Ilse und Orban einen mehr oder weniger schlechten Tag haben kommt eben dann dazu.

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