Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2019/2020

Alles in allem wird es eine sehr interessante Saison. Das liegt vor allem daran, dass RB im Gegensatz zum Vorjahr, als völlig klar war, was Rangnick will und was damit maximal möglich ist, nun in einer Situation ist, in der die angedachten Veränderungen in der Spielidee verschiedenste Möglichkeiten der Entwicklung bieten. Das kann richtig gut werden, aber auch richtig schief gehen. (…) Fakt ist, es werden mehr Tore als in der Vorsaison fallen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit auf beiden Seiten des Spielfelds. (…) In jedem Fall wird man wesentlich stärker noch als in der Vorsaison um jede Führung zittern müssen. Während RB unter Rangnick praktisch immer gewonnen hat, wenn man mal führte, hat Hoffenheim eine Führung nach der anderen und damit auch eine bessere Platzierung verspielt. Keine gute Voraussetzungen für das Nervenkostüm der Anhängerschaft. (…) Dass RB Leipzig in dieser Saison um den Titel in der Liga mitspielt, ist angesichts der Voraussetzungen des Trainerwechsels und der Anpassungen in der Spielidee sehr unwahrscheinlich. Aufregend dürfte es trotzdem werden. (RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2019/2020)

25 Pflichtspiele hat RB Leipzig in dieser Saison bereits bestritten (dazu kommen für viele Spieler noch Ausflüge zum Nationalteam). Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League. Überall ist man aussichtsreich dabei und hat die Erwartungen entsprechend bisher deutlich übererfüllt, selbst wenn manchem vor der Saison eher unklar war, was er eigentlich erwarten soll.

Es war eine mehr als erfolgreiche Hinrunde unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann. So richtig wusste man vor der Saison auch aufgrund einer durchwachsenen bis teilweise ernüchternden  Vorbereitung nicht, wo RB Leipzig steht und wohin die Reise mit den angedachten Veränderungen bei der Spielidee gehen würde. Nach 25 Spielen kann man festhalten, dass die Mannschaft offensiv deutlich besser geworden ist, ohne defensiv Qualität zu verlieren.

In der Champions League hat RB sich in einer vergleichsweise leichten Gruppe souverän durchgesetzt und wäre noch souveräner weitergekommen, wenn die unnötige Heimniederlage gegen Lyon nicht gewesen wäre. Aber gerade auswärts hat man bis auf die zweite Halbzeit in Lyon gezeigt, dass man eine deutlich höhere Qualität hat als Benfica, Lyon oder St. Petersburg.

In der Bundesliga steht RB Leipzig aufgrund einer sehr konstanten Hinrunde nicht unverdient auf Platz 1. Allerdings profitiert man davon, dass sowohl Bayern als auch Dortmund keine Top-Spielzeiten erwischt haben und hinter ihren eigenen Erwartungen hinterherhecheln. Die 37 Punkte, die RB zur Herbstmeisterschaft reichten, reichen sonst nur selten zu Platz 1 nach 17 Spielen. Letztmals hatte Bayern 2011 so wenige Punkte, seitdem waren es immer über 40 für den Herbstmeister aka Winterkönig. Auch Ralph Hasenhüttl reichten vor drei Jahren 39 Punkte mit RB nicht zu Platz 1 nach 17 Spielen. Soll aber die Leistung von RB unter Nagelsmann nicht schmälern, zumal es das erste Mal seit 2009 so ist, dass ein anderes Team als FCB oder BVB nach 17 Spielen auf Platz 1 steht.

Im DFB-Pokal überwintert RB Leipzig derweil auch. Der hohe Sieg in Wolfsburg in der zweiten Runde kam dabei durchaus überraschend. Eigentlich ist der nationale Pokal der kürzeste Weg zu einem Titel. Angesichts dessen, dass RB auch in Bundesliga und Champions League gut dabei ist, könnte es aber sein, dass der Pokal in der Rückrunde nicht dieselbe überbordende Wichtigkeit bekommt wie noch in der vergangenen Saison.

Die Spiele

Die frühe Phase der Saison war erstaunlich erfolgreich. Sechs Siege und ein Unentschieden sammelte RB Leipzig in den ersten sieben Spielen ein. Spiele, die man teilweise überzeugend, teilweise auch mit dem entsprechenden Matchglück für sich entschied.

In Osnabrück spielte RB zum Auftakt im Pokal 60 Minuten lang sehr gut, verlor beim 3:2 aber hinten raus die Kontrolle. Beim 4:0 bei Union Berlin eine Woche später manifestierte sich dann ein Klassenunterschied. Beim 2:1 gegen Frankfurt hatte RB Glück, dass die Gäste erst sehr spät trafen. Ähnlich traf das beim 3:1 für RB in Mönchengladbach zu, als RB eher aus dem Nichts in Führung ging und die Partie dann bis zum Anschlusstreffer der Gastgeber unter Kontrolle hatte. Der FC Bayern verpasste es in Leipzig aus einer ersten Halbzeit mit kompletter Dominanz eine hohe Führung mitzunehmen und musste am Ende mit dem einen Punkt noch zufrieden sein. Das 2:1 in Lissabon und das 3:0 in Bremen waren dann überzeugende Auswärtsspiele ohne Probleme.

Anschließend wurde es etwas holprig, was aber auch daran lag, dass teilweise Matchglück und Effizienz nicht wie in den ersten Spielen komplett auf Seiten der RasenBallsportler war. Beim 1:3 gegen Schalke kann die Partie auch früh in die andere Richtung abbiegen. Gegen Lyon (0:2) darf RB nie verlieren und schießt beide Gegentore fast selbst. Beim 1:1 in Leverkusen fehlt es dann vor der Pause an Effizienz, um Bayer früh abzuschießen. Gegen Wolfsburg verlor man beim 1:1 nach der Führung mal wieder die Kontrolle über das Spiel. Einem wackligen, aber verdienten 2:1 gegen St. Petersburg folgt schließlich eine 1:2-Niederlage in Freiburg, die auch unnötig war, bei der RB aber nach dem Rückstand kaum noch Ideen hatte, wie der Gegner zu bespielen ist.

Viel Grund für ausgelassene Jubelszenen bei RB Leipzig in der Hinrunde der Saison 2019/2020. (GEPA Pictures - Sven Sonntag)
GEPA Pictures – Sven Sonntag

Das Spiel in Freiburg war gewissermaßen ein Wendepunkt. Der Niederlage folgte eine interne Aussprache, bei der man sich gegenseitig klarmachte, dass ein Spitzenteam über 90 Minuten vollen Fokus braucht und sich nicht durch Schläfrigkeiten im Spiel gegen den Ball oder durch ungenaues Umsetzen taktischer Vorgaben um Punkte bringen darf. Die internen Gespräche fruchteten jedenfalls. Neun Siege und drei Unentschieden folgten bis zur Winterpause. In der Bundesliga gab RB nur noch in Dortmund Punkte ab.

Los ging es mit einem überraschend deutlichen 6:1 bei damals noch ungeschlagenen Wolfsburgern im DFB-Pokal, gefolgt von einem phänomenalen 8:0 gegen Mainzer, die dachten, dass man gegen RB mitspielen könnte. Das 2:0 in St. Petersburg war reif und abgeklärt. Beim 4:2 bei Hertha hatte RB dann bei einem verdienten Sieg etwas Glück mit Schiedsrichterentscheidungen. Köln war beim 4:1-Heimsieg für Leipzig kein ernstzunehmender Gegner.

Es folgte das emotionale Highlight gegen Benfica, als Emil Forsberg nach 0:2 Rückstand mit einem Kopfball(!) in der Nachspielzeit den Einzug in die K.o.-Phase perfekt machte. Anschließend kämpfte RB sich mit letztem körperlichen Aufwand zu einem 3:2-Auswärtssieg in Paderborn. Das 3:1 gegen Hoffenheim fiel dann wieder erstaunlich leicht. Beim 2:2 in Lyon wurde es nach der 2:0-Führung etwas schlampig, sodass RB fast noch den Gruppensieg verspielt hätte.

Das 3:0 in Düsseldorf läutete die letzte Woche vor Weihnachten mit einem völlig verdienten Sieg ein. In Dortmund hatte RB Glück, dass die Gastgeber nach einer 2:0-Führung ihren Gegner mit zwei Fehlern wieder ins Spiel zurückholten. Anschließend hätte RB die Partie sogar auch noch gewinnen können. In der ersten Halbzeit war man zwischen 15. und 45. Minute aber auch ganz schön überfordert vom Spiel des BVB. Schließlich blieb dann noch das 3:1 zum Abschluss gegen Augsburg, bei dem RB mit beeindruckender Beharrlichkeit solange anlief, bis die Tore, mit denen man den frühen Rückstand drehen konnte, auch fielen.

Taktisches

Unter Ralf Rangnick war RB Leipzig in der Vorsaison wieder klar zum Spiel gegen den Ball und zum Umschalten zurückgekehrt. Selbst in Spielen gegen schwächere Teams wollte RB den Ball teilweise nicht mal haben und überließ die Kugel dem Gegner. Das machte vor einem Jahr durchaus Sinn, um eine konturloser werdende Mannschaft fußballerisch und auch als Gruppe zu stabilisieren, aber als mittel- bis langfristiges Konzept war es eher untauglich.

Unter Julian Nagelsmann ging es nun also darum, dem Rangnickschen Fußball Ballbesitzelemente beizumengen, ohne in Sachen Intensität im Spiel gegen den Ball und ohne in Sachen Geschwindigkeit im Umschalten entscheidende Prozente zu verlieren. Schon in den Daten wird klar, dass sich das RB-Spiel ein ganzes Stück verschoben hat. Der Ballbesitzanteil stieg im Vergleich zur Vorsaison um fünf Prozent an. Die Passquote stieg von aufgrund des schnellen Umschaltens schwachen 75% auf ordentliche 83%. Wie stark RB Leipzig darauf setzt, von hinten heraus geordnet aufzubauen, kann man auch gut an der Passquote von Peter Gulacsi ablesen, die von 66 auf 79% anstieg.

Auch wenn RB unter Nagelsmann stärker auf Ballbesitz setzt, ist es aber auch kein Ballbesitz des Ballbesitzes wegen. Sprich, im Gegensatz zu München, Leverkusen oder Dortmund, die in Sachen Ballbesitz noch deutlich vor RB liegen, geht es bei den Leipzigern auch weiterhin vor allem um einen guten Mix und auch im Ballbesitz oft darum, möglichst steil und nicht permanent quer zu spielen. Heißt, es geht nicht zwangsläufig darum, den Gegner durch Ballbesitz-Dominanz immer weiter nach hinten zu schieben, sondern eher darum, immer wieder auch Pässe steil durch die Ketten zu spielen oder über andribbelnde Innenverteidiger den Gegner zu locken und so zwischen den gegnerischen Ketten oder im Idealfall sogar hinter der gegnerischen Abwehrkette Räume aufzureißen.

Insgesamt hat Julian Nagelsmann auf einen Radikal-Umbau von RB Leipzig verzichtet. Setzte er gerade in der Anfangszeit auch noch häufiger auf eine Dreier- aka Fünferkette, setzte sich später dann doch überwiegend das seit Jahren gewohnte RB-4-2-2-2 durch, das vor allem jenen Spielern entgegenkommt, die schon lange im Verein sind. Nicht zufällig entsprechend, dass in der Hinrunde ein Großteil des RB-Kernkaders bereits zu Zweitligazeiten im Klub gespielt hat.

Julian Nagelsmann startet mit RB Leipzig gleich durch. (GEPA Pictures - Roger Petzsche)
(GEPA Pictures – Roger Petzsche)

Neben dem 4-2-2-2 kamen aber auch das 4-3-3 oder ein 5-3-2 aka 3-3-2-2 zum Einsatz. Und auch innerhalb der Systeme gibt es dann ja verschiedene Varianten, wie man es umsetzt. Im Spiel gegen den Ball sind die Unterschiede im Vergleich zum Vorjahr dabei meist gar nicht allzu groß. Nagelsmann profitiert dabei noch sehr von der Vorarbeit von Ralf Rangnick.

Wird interessant, wie lange das so anhält. Zuletzt konnte man durchaus Phasen in Spielen entdecken, in denen das Anlaufen nicht mehr ganz so synchron ablief wie in der Vorsaison und über weite Strecken der aktuellen Saison. Kann aber auch einfach nur ein Zeichen für das Fortschreiten der Spielzeit sein und dass die Kraft und Konzentration nicht mehr bei 100% ist. Aber auch vorher gab es einzelne Spiele, in denen Mannschaftsteile beim Anlaufen manchmal auseinanderfielen und man es dadurch dem Gegner einfacher machte als nötig.

Generell ist bei einem etwas stärkeren Fokus auf den Ballbesitz auch naheliegend, dass sich die Spielertypen, die man dafür gern auf dem Platz hat, verändern. Am deutlichsten wird das vielleicht bei Yussuf Poulsen. Der war in der Vorsaison als großer Stürmer, auf den man die langen Bälle spielte und der im Umschalten die Bälle reinmachte, durchgehend gesetzt. Unter Nagelsmann braucht es diese Art des physisch starken, zentralen Stürmer nicht ganz so sehr. Entsprechend hat sich auch der technisch stärkere, aber auch große Patrik Schick zuletzt durchgesetzt.

Taktisch gesehen ist das RB-Spiel generell viel (räumlich) breiter und variabler angelegt. Der Fokus auf die Überladung der linken Seite aus der Vorsaison ist nicht mehr zu beobachten. Viel läuft erstmal durch die Mitte, um dann von dort aus am Strafraum Breite und Räume zu suchen. Den Außenverteidigern kommt dabei mit sehr hoher (aber auch oft asynchroner) Positionierung eine enorme Wichtigkeit in der Kreation von Offensivgefahr zu. Nur Timo Werner hatte mehr vorletzte Pässe/ Aktionen vor Toren als Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann. Bemerkenswert dabei vor allem, dass kein Spieler an mehr Toren in der Entstehung (also alles vor der direkten Vorlage) beteiligt war als Klostermann, der in den letzten Spielzeiten ja offensiv eher als zaudernder Spieler daher kam und der im Spiel nach vorn einen enormen Sprung gemacht hat.

Problematisches und Unproblematisches

Neben dem rein fußballerischen vielleicht auch ganz interessant, dass mit Julian Nagelsmann noch mal ein anderer Anspruch in den Klub eingezogen ist. In den Vorjahren hieß es da gern mal, dass das, was man erreicht hat, für einen so jungen Klub ja überragend ist und formulierte entsprechend eher eine natürliche Grenze nach oben. Nagelsmann zeigte sich diesbezüglich zuletzt irgendwo auch verwundert, ob man bei RB eigentlich in der Vorsaison nicht gemerkt hat, dass man eine sehr gute Chance auf den Meistertitel hatte. Tatsächlich gab es damals bspw. nach dem 3:3 in Mainz, mit dem die letzte, theoretische Meisterchance verspielt wurde, kaum Ärger, sondern weiter eher Zufriedenheit mit einer sehr gute Saison.

In der aktuellen Spielzeit war die Reaktion auf die 1:2-Niederlage in Freiburg schon ein erster guter Hinweis auf die neu gewachsenen Ambitionen. Noch wesentlich stärker kam das nach dem 2:2 in Lyon zur Geltung. Ein Spiel, das spätestens in der zweiten Halbzeit nicht gut war, nach dem RB aber als Gruppensieger in die K.o.-Phase der Champions League einzog. ‚Was für ein tolles Resultat für unseren jungen Klub‘ hätte man bei RB vielleicht noch letzte Saison über das Zustandekommen des Resultats hinwegsehend gejubelt. In dieser Saison machte Nagelsmann sehr deutlich, dass er eine pomadige Vorstellung von Egozentrikern, die sich um die Taktik nicht scheren, für absolut inakzepel hält bei einem Team, das sich vom Selbstverständnis her eher Richtung Bayern München als Richtung Leverkusen entwickeln will.

Zu den Veränderungen in fußballerischen Dingen kommen also auch noch gewünschte Veränderungen in Sachen Mentalität. Jene Spieler, für die bisher zweite Plätze in der Bundesliga absolute Super-Erfolge waren, sollen nun auch den Hunger entwickeln, Titel einzusammeln. Auf den extremen Ehrgeiz von Ralf Rangnick kommt nun also ein etwas lockerer wirkender, aber im Kern noch mal ein Stück hungrigerer Nagelsmann oben drauf.

Überhaupt überraschend, wie geräuschlos der Wechsel vom Rangnick-Klub hin zum Nagelsmann-Verein im Sommer ging. Interessant in dem Zusammenhang vielleicht, dass Nagelsmann zuletzt davon sprach, dass es wohl eine kluge Entscheidung von Rangnick gewesen sei, sich aus dem Klub zurückzuziehen, weil es zwischen beiden ansonsten hätte knistern können. Und auch Mintzlaff lässt kaum eine Chance aus, um zu betonen, dass der Wechsel hin zum fußballerisch flexibleren Nagelsmann dran und wichtig war.

Soll heißen, dass der Rangnick-Abschied im Sommer durchaus auch gut in die strategischen Pläne des Vereins passten, völlig unabhängig davon, wie groß der Eigenanteil Rangnicks an der Entscheidung fürs globale Red-Bull-Netzwerk war. Für Leipzig ist es letztlich perfekt, dass man die Wandlung weg vom Rangnick-Klub hingekriegt hat und trotzdem Rangnick noch als Gestalter im Hintergrund und Umfeld auf der eigenen Seite weiß.

Für Rangnick ist die Situation trotz seltsam anmutenden PR-Terminen, Fahrradfahren mit Kindern und Glühweilausschenken auf dem Weihnachtsmarkt vielleicht auch gar nicht so schlecht, weil er einen guten Red-Bull-Soccer-Job mit internationalen Vernetzungmöglichkeiten hat, der ihm gleichzeitig die Chance lässt, bei einem sehr guten Trainerangebot der sagen wir Kategorie Manchester United auch gut den Absprung hinzukriegen, ohne dass in Leipzig alles zusammenbricht. Grundsätzliches Interesse an einem Trainerjob hat ja Rangnick in den letzten Monaten mehrmals formuliert.

Wie krass die Wandlung vom Rangnick-Fußball hin zum Nagelsmann-Fußball in den letzten Monaten war, zeigt sich auch gut in den Torschussdaten. 3,9 Großchancen, also Chancen, bei denen ein RB-Spieler allein vor dem gegnerischen Torhüter auftaucht, spielt sich RB in der Bundesliga pro Spiel heraus (hinter Bayern die zweitmeisten der Liga) und lässt nur 1,8 Großchancen zu (hinter Wolfsburg die zweitwenigsten der Liga). Unter Rangnick waren es nur 2,8 herausgespielte Großchancen und 1,7 zugelassene.

Sprich, während die Offensive deutlich zugelegt und mittlerweile acht Spiele hintereinander in der Bundesliga jeweils mindestens drei Tore geschossen hat, hat sich die Defensive entgegen der Erwartung nicht verschlechtert. Dass die Zahl der Gegentore pro Spiel gestiegen ist, liegt auch daran, dass Peter Gulacsi statt einer überirdischen nur noch eine gute bis sehr gute Saison spielt. Letzte Saison patzte der Keeper nicht einmal so, dass daraus eine Gegentor entstand. Diese Saison gingen in der Bundesliga schon zweieinhalb Tore auf seine Kappe. Statt 59% vereitelt er ’nur‘ noch 44% aller Großchancen (was immer noch ein ordentlicher, aber eben kein außergewöhnlicher Wert ist).

Timo Werner hat bei RB Leipzig derzeit eine überragende Torquote. (GEPA Pictures - Roger Petzsche)
(GEPA Pictures – Roger Petzsche)

Die Veränderungen in der Spielweise führen auch dazu, dass RB Leipzig gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte keine Punkte mehr liegen lässt. Gegen jedes Team auf den Plätzen 9 bis 18 hat Leipzig einen Dreier eingefahren. Sich gegen tief stehende Mannschaften Chancen zu erarbeiten, ist für den Klub inzwischen genausowenig ein Problem mehr wie Ballbesitz-Teams auszukontern. Abgesehen vom ganz tiefen Verteidigen, das dem Klub nicht immer leicht fällt, kann RB Leipzig vom hohen bis zum flachen Ball und vom Umschalten bis zum Spiel mit dem Ball erstaunlich viel und damit auf alle Eventualitäten reagieren.

Entsprechend hat RB Leipzig die meisten Kontertore aller Bundesligisten geschossen, ist aber neben Dortmund und Bayern auch das absolute Topteam der Liga, wenn es um Tore aus dem normalen Spielverlauf heraus geht. Nur bei Standardtoren ist man mit sechs Treffern zwar auf Augenhöhe mit Bayern, aber von Frankfurt oder Köln als Bundesliga-Topteams noch ein Stück entfernt.

Dass es RB Leipzig mit dem Ball, aber auch aus dem Umschalten heraus kann, zeigt sich ein Stückweit auch beim Verwalten von Führungen und beim Umgang mit Rückständen. Letzte Saison verlor RB nach zehn Rückständen sechsmal (0,6 Punkte pro Spiel, siebtbester Wert in der Bundesliga) und gewann nach 21 Führungen 19mal (2,76 Punkte pro Spiel, Bestwert in der Bundesliga). In der bisherigen Spielzeit lag Leipzig in sieben Spielen in Rückstand und gewann davon noch zwei, spielte dreimal Unentschieden und verlor nur zweimal (1,29 Punkte pro Spiel, zusammen mit Gladbach Bestwert in der Bundesliga). Von zwölf Führungen verspielte man derweil nur eine zu einem Unentschieden (2,83 Punkte pro Spiel, drittbester Wert der Bundesliga hinter Gladbach und Wolfsburg).

RB Leipzig ist nach Führungen also noch genauso gut wie in der Vorsaison, was dafür spricht, dass man im Spiel gegen den Ball und im Umschalten weiterhin ein Topteam ist, das eine eigene Führung eher noch ausbaut als herschenkt. Dazu kommt nun aber auch noch die Qualität, auf Rückstände mit spielerischen Qualitäten reagieren zu können (wie eben zuletzt gegen Augsburg) und dadurch die Möglichkeit zu haben, einen Gegner, der mit der Führung im Rücken verteidigt, trotzdem vor Probleme zu stellen.

Das sind dann insgesamt schon beeindruckende Weiterentwicklungen im Repertoire von RB Leipzig, die noch auf eine deutlich verbesserte Effizienz draufkommen. Auch im läuferischen Bereich hat RB im Vergleich mit dem Vorjahr noch mal deutlich draufgelegt. War man in der Vergangenheit im Bereich der Sprints schon immer eines der Topteams, so ist man unter Nagelsmann auch in Sachen der insgesamt gelaufenen Kilometer ganz oben dabei.

Sonst so

Irgendwas mit Fankultur, einigen Befindlichkeiten und Dissereien, die mir ganz schön auf den Geist gingen. Da waren jenseits einer mir in vielerlei Hinsicht immer noch völlig unverständlichen Pyro-Aktion in Paderborn einige Stilblüten dabei. Aber diesbezüglich geht es mir inzwischen so wie mit bundesweiten Debatten um RB Leipzig. Ich versuche es so gut es geht auszublenden und da ich nicht mehr tagesaktuell über RB Leipzig schreibe und entsprechend nicht mehr 24/7 an allem dran bleiben muss, ist es mir in der sehr jungen Vergangenheit auch sehr gut gelungen, mich von diesem Thema zu lösen. Über alles andere können wir uns ja bei irgendwelchen Bieren zu welchen Gelegenheiten auch immer noch bepöbeln.

Auch auf den Rängen war die Tendenz zumindest quanititativ ansteigend. (GEPA Pictures - Sven Sonntag)
(GEPA Pictures – Sven Sonntag)

Quantitativ kann man festhalten, dass der Zuschauerzuspruch bei Auswärtsspielen im Vergleich zur Vorsaison bisher ungefähr stabil geblieben ist. Wenn RB Leipzig tabellarisch so weiterschwimmt, wird sich das eher positiv entwickeln. In der Red Bull Arena hat der Schnitt schon jetzt deutlich angezogen. 2.000 Zuschauer mehr als in der Vorsaison kommen bisher pro Spiel (bei um 200 Plätze größerer Kapazität). Der Heimbereich war bisher in der Bundesliga bei fünf von acht Spielen ausverkauft. Bei zwei Spielen (Bayern, Schalke) war auch der Gästeblock voll. Das geht dann (mal völlig abgesehen von der No-Show-Rate und der realen Stadionauslastung) eher wieder in die Richtung der ersten Bundesliga-Saison. Viele nicht verkaufte Karten wird es auch in der Rückrunde nicht geben.

Einen Teil dürfte zu den guten Zahlen auch beitragen, dass man sich vor der Saison zu einer Veränderung in den Preisstrukturen durchgerungen hat. Insbesondere das Absenken der vormals sehr teuren Plätze im Oberrang auf ein normales Preisniveau dürfte dazu geführt haben, dass sich auch die dortigen Plätze inzwischen gut verkaufen. Über die langfristige Publikumsentwicklung sagt das vielleicht trotzdem wenig aus, weil es dafür zu viele widersprüchliche Tendenzen gibt (bspw. generelle Abnahme von Live-Publikum beim Fußball vs. RB als Verein, der erst langsam mehrere Fan-Generationen entwickelt).

Fazit

Es war durchaus eine beeindruckende Hinrunde in der Saison 2019/2020, die ergebnistechnisch relativ nahtlos an die Rückrunde der Vorsaison anknüpfte, aber eben eine deutliche Verbesserung in den Variationsmöglichkeiten beim Bestreiten von Spielen mit sich brachte. Mit 72 Punkten aus 34 Spielen im Kalenderjahr 2019 liegt RB Leipzig in dieser Zeit nur drei Punkte hinter Bayern und acht Punkte vor Dortmund. Das ist auf diese Strecke dann durchaus ein bemerkenswertes und aussagekräftiges Resultat.

Dass RB aktuell Platz 1 in der Bundesliga belegt, ist dabei allerdings wie eingangs schon beschrieben auch der Konkurrenz geschuldet. Leipzig ist jener Klub, der in der Hinrunde zumindest da war, als die Bayern aber auch Dortmund mal schwächelten. Wenn man davon ausgeht, dass die Bayern immer in jeder Halbserie in der Lage sind mindestens 40 Punkte zu holen, kann sich jeder selbst ausrechnen, was RB braucht, um bei aktuell vier Punkten Vorsprung vor den Münchenern vorn zu bleiben. Mönchengladbach sollte man auch noch nicht komplett abschreiben.

Akutes Ziel bleibt für RB Leipzig bei allem Blick nach ganz vorn die erneute Qualifikation für die Champions League. Sieben Punkte Vorsprung hat RB aktuell auf Rang 5. Neben Bayern und Leipzig dürften wohl nur noch Gladbach, Dortmund, Schalke und (aufgrund ihrer Inkonstanz mit leichten Abstrichen) Leverkusen Chancen auf einen Platz unter den ersten Vier haben. Sagen wir es vorsichtig: noch aus dem Spitzen-Quartett zu rutschen, wäre aus jetziger Perspektive sicherlich eine sehr große Enttäuschung.

Richtung Meisterschaft wird es dann von den Prognosen her schon schwierig. RB Leipzig ist erstmals in der Situation, dass man in der Champions-League-K.o.-Runde steht und zusammen mit dem DFB-Pokal auch in der Rückrunde noch die Dreifachbelastung hat. Als man unter Hasenhüttl vor zwei Jahren in der Rückrunde Europa League spielte, ging im letzten Saisonviertel körperlich nichts mehr. Diese Saison hat man allerdings auch in der Hinrunde die Dreifachbelastung extrem gut und ohne Murren gemeistert. Angesichts eines Kaders, der inzwischen bis runter zum Feldspieler Nummer 20 sehr ausgeglichen besetzt ist, könnten die körperlichen Belastungen auch in der Rückrunde eine kleinere Rolle spielen, als man vor der Saison vielleicht angenommen hätte.

Rein vom Kopf her ist die Situation, unter den 16 besten Mannschaften Europas und noch im Bundesliga-Titelrennen dabei zu sein, aber trotzdem was neues und etwas in seiner Wirkung auf die Mannschaft völlig unberechenbares. Während man das in München schon in sämtlichen Details kennt, kann das für eine Mannschaft wie RB durchaus auch zu einem ordentlichen Stolperstein werden.

Insgesamt war das eine sehr spektakuläre RB-Hinrunde, bei der nach den Fußballrationalisten der Vorsaison diesmal eher die Anhänger des Offensivfeuerwerks auf ihre Kosten kamen. Und da war an vielen Stellen im Zusammenspiel sogar noch Luft nach oben. Grundprinzipien des Lockens des Gegners, wenn man selbst im Ballbesitz ist, waren allerdings schon gut zu sehen. Auch das schnelle Überbrücken des Feldes durch vertikalen Pass, klatschen lassen, nächsten vertikalen Pass war ein gern genommenes Stilmittel.

In mancher Hinsicht knüpft Nagelsmann wieder bei den Ideen von Hasenhüttl an (die dieser aber nicht erfolgreich umgesetzt bekam). Durch gutes Positionsspiel abgesicherte Dribblings sind wieder stärker ein spielaufbrechendes Element als in der Vorsaison. Ballbesitz auch zum Durchschnaufen ist Teil des Plan. Entscheidender Teil des Plans ist aber das Gewinnen. Das gelang bisher so gut, dass RB Leipzig sogar die Meisterschaft selbst in der Hand hat. Das ist in jedem Fall mehr als man vor der Saison in der Kürze der Umbauzeit erwarten konnte. Über den Spaßfaktor kann man sich rund um RB derzeit jedenfalls nicht beklagen.

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PS: Frohes Fest und einen guten Rutsch wünsche ich allerseits. Mal sehen, ob in Sachen Hinrundenaufarbeitung noch ein, zwei Beiträge kommen. Weiß ich wirklich selbst noch nicht mal.

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Bisherige Bilanzen:

8 Gedanken zu „Zwischenbilanz: RB Leipzig in der Saison 2019/2020“

  1. Vielen lieben Dank für dieses schöne Geschenk an Deine Leserschaft.
    Man merkt es Dir ja auf Twitter an, das Du gerne mehr schreiben würdest. ;-)

    Inhaltlich wieder alles auf den Punkt gebracht, vielleicht kommt Krösche etwas zu kurz.

    Ein frohes Fest in Deiner Familie wünsche ich Euch.
    Einen guten Start ins neue Jahr / Job wünsche ich noch nicht, da ich Hoffnung auf ein paar Extrazeilen habe. ;-)
    Falls nicht, sein es hiermit geschehen.
    (Über Spieler der Hinrunde hast Du bestimmt schon nachgedacht)
    Nochmals Danke.

  2. Großartige Zusammenfassung, vielen Dank dafür. Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein frohes Fest, nen guten Rutsch und Dir auch viel Erfolg und Freude im neuen Job!

  3. Ein Weihnachtsgeschenk vom rotebrauseblogger, vielen Dank!

    Erwähnen könnte man noch, das den größten Teil der Hinrunde die beiden Innenverteidiger Orban und Konaté ausgefallen sind, die zuvor sensationell gespielt haben und wesentliche Stützen der Top-Abwehrleistung der Vorsaison waren. Auch wenn Upamecano einen tollen Job gemacht hat und auch die Innenverteidiger-„Aushilfen“ durchaus zu überzeugen wussten freue ich mich doch auf die Rückkehr der Beiden.

  4. Hey Matthias! Das ist die Weihnachtsüberraschung schlechthin … Gerne wieder/mehr. Insbesondere das einleitende Zitat (“vor der Hinrunde“) mit deinen eher skeptischen Erwartungen verweist auf die eingetretene qualitative Weiterentwicklung. Da ist auch Demut angesagt, das alles hier vor Ort (und gelegentlich auswärts) erleben zu können. Dir und den Deinen frohes Fest & guten Rutsch!

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