Noch mal verbesserte Statik

Es gab in der Hinrunde dieser Saison schon mal eine Phase, in der RB Leipzig sehr gut verteidigte. Fünf Spiele am Stück blieb man da in der Bundesliga gegen Nürnberg, Augsburg, Schalke, Hertha und Leverkusen ohne Gegentor. In acht Spielen am Stück zwischen 4. und 11. Spieltag wurde man nur einmal aus dem Spiel heraus geschlagen und kassierte nur zwei Gegentore. 17:2 Tore schoss man in dieser Phase.

Die Serie gerade fühlt sich so ähnlich an. Neun Spiele in der Bundesliga mit insgesamt drei Gegentoren, davon nur einem aus dem Spiel heraus. In dieser Phase jeweils drei Spiele hintereinander ohne Gegentor geblieben. 13:3 Tore geschossen. Die Parallelen sind durchaus erstaunlich.

Über die gesamte Hinrunde gesehen waren die Statistiken aber (und nicht nur wegen der sieben Gegentreffer gegen Dortmund und Freiburg schon etwas normaler). 4,1 Schüsse auf das RB-Tor pro Spiel und 1,8 zugelassene Großchancen waren irgendwo bei Platz 4 in der Liga. 17 Gegentore waren dagegen der Bestwert. Auch in der Hinrunde war also ein Peter Gulacsi schon ein wesentlicher Faktor, weil er mehr Großchancen parierte als andere Keeper.

Wenn man komplette Hinrunde und  die bisher gespielte Hälfte der Rückrunde mal miteinander vergleicht, dann sind die Differenzen insgesamt doch einigermaßen deutlich. Die Zahl der zugelassenen Schüsse auf das Tor hat sich von 4,1 auf 2,3 fast halbiert. Dasselbe gilt für die Zahl der zugelassenen Großchancen, die von 1,8 auf eine pro Spiel fielen (in der Hinrunde hatte man gegen dieselben Gegner wie nun in der Rückrunde auch ungefähr 1,8 Großchancen pro Spiel zugelassen).

  • Hinrunde 2018/2019: 4,1 Schüsse auf das RB-Tor, 1,8 Großchancen
  • Rückrunde 2018/2019: 2,3 Schüsse auf das RB-Tor, 1,0 Großchancen

Dass dies zulasten der Offensive gehen würde, lässt sich zumindest in der Tendenz belegen. 5,6 Schüsse auf das gegnerische Tor waren es in der Hinrunde. 4,9 Schüsse auf das gegnerische Tor sind es nun in der Rückrunde pro Spiel. 2,9 Großchancen hatte RB pro Spiel in der Hinrunde, 2,3 sind es nun in der Rückrunde. Damit einhergehend ist auch die Zahl der Abschlüsse von innerhalb des Strafraums leicht gesunken. Insgesamt fehlt es ein wenig an der Durchschlagskraft, was man entweder als Problem der Besetzung des Teams oder als Problem der Ausrichtung des Teams interpretieren kann.

  • Hinrunde 2018/2019: 5,6 Schüsse auf das gegnerische Tor; 2,9 Großchancen
  • Rückrunde 2018/2019: 4,9 Schüsse auf das gegnerische Tor; 2,3 Großchancen

Die Differenz in den Werten zwischen Hin- und Rückrunde schlägt sich vor allem in der Balance zwischen Offensive und Defensive nieder. In der Hinrunde hatte RB noch 1,6 Schüsse auf das gegnerische Tor als man selber zuließ, in der Rückrunde sind es nun 2,6 Schüsse auf das Tor mehr. Bei den Großchancen ist der Anstieg nicht ganz so groß. Dort waren es in der Hinrunde 1,0 Großchancen mehr als der Gegner hatte, in der Rückrunde sind es 1,3 Großchancen.

  • Hinrunde 2018/2019: 1,6 Schüsse mehr auf das gegnerische Tor als zugelassene; 1,0 Großchancen mehr
  • Rückrunde 2018/2019: 2,6 Schüsse auf das gegnerische Tor mehr als zugelassene; 1,3 Großchancen mehr

In Sachen Balance liegt man in der Bundesliga deutlich hinter den Bayern, die sich pro Spiel in der Rückrunde bisher vier(!) Großchancen mehr erspielten als die jeweiligen Gegner. Leverkusen und Frankfurt liegen ungefähr auf dem Niveau von RBL. Dass alle drei Teams dieselbe Tordifferenz haben, spiegelt das in relativ perfekter Weise wider.

Dass RB Leipzig defensiv so gut arbeitet, führt vor allem dazu, dass man schwer zu bezwingen ist. In keinem einzigen Spiel der Rückrunde hatte RB mindestens zwei Großchancen weniger als der Gegner. In der Hinrunde war das noch dreimal vorgekommen (Dortmund, Schalke, Wolfsburg). Lediglich Bayern, Frankfurt und Hertha haben nach neun Spielen in 2019 dieselbe Bilanz.

Die Stärke der Defensive ist allerdings verbunden mit einer eher durchschnittlichen Offensive. Was dann eben auch bedeutet, dass aus dem ’sind schwer zu besiegen‘ nicht zwangsläufig Siege entstehen. Selbst in einem überlegenen Spiel wie gegen Frankfurt konnte sich RB nur zwei Großchancen mehr als der Gegner erspielen.

In der Defensive gibt es kein Bundesligateam, das in der Rückrunde weniger Torschüsse auf den eigenen Kasten zuließ. Nur die Bayern schafften es, noch weniger Großchancen zuzulassen als RB Leipzig. Offensiv dagegen sind die 44 Schüsse auf das gegnerische Tor und die 20 Großchancen der RasenBallsportler ziemlich genau Bundesligaschnitt. Da liegen sieben bis acht Teams mit ihren Offensiven noch vor RB. Dass man in Sachen geschossene Tore sogar nur auf Platz 12 in der Liga liegt, zeigt dann noch, dass zu der Durchschnittlichkeit bei der Chancenerarbeitung noch Unterdurchschnittlichkeit bei der Chancenverwertung kommt.

Ist halt letztlich immer die Frage, was dein Fokus ist. Bei RB Leipzig lag der vor der Saison darin, das Spiel gegen den Ball zu stärken. Das ist insgesamt durchaus gelungen. Die Zahl der zugelassenen Torschüsse auf das RB-Tor ist von 4,4 auf 3,5 gesunken. Die Zahl der zugelassenen Großchancen sank von 1,9 pro Spiel auf 1,5 pro Spiel und sinkt in der Rückrunde bisher weiter.

  • Saison 2017/2018: 4,4 Schüsse auf das RB-Tor; 1,9 Großchancen
  • Saison 2018/2019: 3,5 Schüsse auf das RB-Tor; 1,5 Großchancen

Bei den eigenen Schüssen auf das Tor ist der Wert von  5,2 auf 5,4 nur sehr leicht gestiegen. Der Wert der Rückrunde liegt mit 4,8 unter dem Wert der Vorsaison. Dafür spielte man sich diese Saison bisher im Schnitt 2,7 Großchancen heraus und damit schon jetzt mehr als in der kompletten Vorsaison als es nur 2,0 Großchancen pro Spiel waren. Auch hier weist der Rückrundenwert von 2,2 allerdings eher wieder Richtung Vorsaison.

  • Saison 2017/2018: 5,2 Schüsse auf das gegnerische Tor, 2,0 Großchancen
  • Saison 2018/2019: 5,4 Schüsse auf das gegnerische Tor, 2,7 Großchancen

Generell scheint aber gerade in der Hinrunde der aktuellen Saison das direktere Spiel aus der Balleroberung heraus wieder besser funktioniert zu haben, als die offensive Spielidee von Hasenhüttl. Viele Tore schon in der Anfangsviertelstunde verweisen auch wieder eher auf die erste Bundesligasaison unter Hasenhüttl als auf die zweite. 1,1 Großchancen pro Partie mehr als der Gegner in dieser Saison sind in jedem Fall besser als in der Vorsaison, als die RB-Gegner genauso viele Großchancen hatten wie RB.

Fakt ist insgesamt, dass RB Leipzig vor allem in der aktuellen Rückrunde defensiv sehr gut funktioniert, das aber auch zulasten der Offensive geht. Manch einer stellt nun die Rechnung auf, dass nur ein Forsberg oder ein Haidara oder dauerhaft ein Kampl wieder fit werden müssten und dann kommt die Offensive automatisch zurück. Ganz so einfach dürfte das nicht sein. Aus einer im Spiel gegen den Ball starken Mannschaft Bausteine herauszubrechen und sie durch andere Bausteine zu ersetzen, bedeutet immer auch, die Statik des Teams zu verändern (ganz zu schweigen davon, wenn man an taktischen Schrauben dreht). Am wenigsten dürfte das noch auf Haidara zutreffen, der im Spiel gegen den Ball so viel Qualität mitbringt, dass die Verluste im Vergleich zu einem Laimer bspw. nicht ganz so groß ausfallen, während der offensive Qualitätszuwachs durchaus relevant sein könnte.

Spieltaktische Anpassungen statt individuelle Veränderungen sind dann ein Stückweit unter Julian Nagelsmann zu erwarten, der für das Spiel an den gegnerischen Strafraum und die Positionierung am und im gegnerischen Strafraum noch mal andere Ideen hat als Rangnick. Wird halt interessant, inwieweit Spieler wie Upamecano und Konaté dann in einem offensiveren System trotzdem eine stabile Restverteidigung hinbekommen, sodass die Defensive nicht auseinanderbricht.

Das ist aber Zukunftsmusik. Für die aktuelle Spielzeit dürfte die Aufgabenstellung sein, die Statik des Teams weitgehend zu erhalten. In den nächsten Wochen geht es entsprechend darum, halbwegs die defensive Stabilität zu behalten und gleichzeitig die Qualitäten von Forsberg oder Haidara einzubauen. Wenn das gelingt, dann sollte auch der Rest der Saison gelingen.

[Schüsse auf das Tor in der Rückrunde der Saison 2018/2019; Balance = Differenz zwischen eigene Schüssen auf das Tor und zugelassenen Schüssen auf das Tor; Schüsse = eigene Schüsse auf das gegnerische Tor; zug. Schüsse = zugelassene Schüsse auf das eigene Tor]

 BalanceSchüssezug. Schüsse
Bayern507424
Dortmund225836
Leipzig234421
Gladbach04040
Frankfurt64842
Leverkusen265832
Wolfsburg-154257
Bremen205131
Hoffenheim106252
Hertha23836
Freiburg44642
Düsseldorf-123648
Mainz-302454
Augsburg-84149
Schalke-123547
Stuttgart-113445
Hannover-462773
Nürnberg-292251

[Großchancen in der Rückrunde der Saison 2018/2019; Balance = Differenz zwischen eigene Großchancen und zugelassene Großchancen; G-Chancen = eigene Großchancen; zug. G-Chancen = Großchancen der Gegner]

 BalanceG-Chancenzug. G-Chancen
Bayern35427
Dortmund82719
Leipzig12219
Gladbach-51722
Frankfurt153116
Leverkusen112615
Wolfsburg02525
Bremen52116
Hoffenheim103323
Hertha92011
Freiburg-111324
Düsseldorf-32023
Mainz-111627
Augsburg-231730
Schalke-171330
Stuttgart-71926
Hannover-27936
Nürnberg-10818

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Daten: Eigene Aggregate basierend auf whoscored.com und sofascore.com. Schüsse auf das Tor sind alle Abschlüsse, die nicht abgeblockt wurden oder am Tor vorbeigehen. Großchancen sind alle Chancen, bei denen ein Spieler allein vor dem gegnerischen Torwart abschließen kann.

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Die Defensive bei RB Leipzig macht in der Rückrunde viel Spaß. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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