RB Leipzig vor der Rückrunde in der Bundesliga 2018/2019

Auch wenn diese Spielzeit die erste ist, in der RB Leipzig in der Liga auf keinen neuen Verein, sondern nur auf alte Bekannte trifft, bleibt es eine interessante Saison. Weil hinter dem klareren Fokus auf das Spiel gegen den Ball Fragezeichen stehen. Weil unklar ist, wie groß die Lücke, die Naby Keita hinerlässt, wirklich sein wird. Weil man auch nicht weiß, wie man mit dem Fokus auf das Spiel gegen den Ball über eine Saison mit vielleicht über 50 Pflichtspielen kommt. Wird interessant. (RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2018/2019)

Und schon geht es bald wieder weiter mit der Bundesliga. Nach einer episch langen Winterpause. Oder so ähnlich. Fakt ist, dass die Rückrunde wesentlich weniger Schlag auf Schlag gehen wird als die Hinrunde. Praktisch ist es das erste Mal seit 2016/2017, dass RB eine Halbserie lang keine europäischen Aufgaben zu bestreiten hat. Dafür ist man zur Abwechslung mal noch im DFB-Pokal vertreten.

Mindestens 18 und maximal 21 Spiele stehen in rund vier Monaten für RB Leipzig bis zum Saisonende noch auf dem Programm. Vor der Winterpause waren es 27 Spiele in rund vier Monaten (wenn man die ersten zwei Europa-League-Quali-Runden mal weglässt).

Zum ersten Mal wird RB Leipzig wieder in den Genuss kommen auch mal ein paar Wochen am Stück ohne englische Wochen trainieren zu können. Allgemein geht man davon aus, dass das in Sachen Spielvorbereitung und Frische ein Vorteil sein wird. In der Theorie ist das wohl auch so. Wie das dann in der Praxis aussieht, wird man sehen.

Fakt ist, dass durch die Reduzierung der Spiele auf meist eins pro Woche der Konkurrenzkampf noch mal ganz anders zur Sache gehen wird. Einsatzzeit, weil andere Spieler geschont werden oder nicht so frisch sind, wird man nicht mehr kriegen. Das ist insbesondere für die Spieler, die in der Europa League viel zum Einsatz kamen, ein Nachteil. Ein Matheus Cunha muss schon sehr viel Glück haben, damit er zu relevanter Einsatzzeit kommt. Auch Augustin, Bruma (wenn Forsberg wieder fit werden sollte), Saracchi oder Ilsanker werden sich ganz schön strecken müssen bzw. sind sie wie Mvogo im Normalfall komplett chancenlos.

Dabei spielt auch eine Rolle, dass der Kader nicht dünner geworden ist. Schon in der Hinrunde hatte RB Leipzig 18 Feldpieler (wenn man Forsberg nicht mitrechnet dann 17), die von ihrer Qualität her alle den Anspruch haben, in der Bundesliga zu spielen und sich in einer Hierarchie nicht dauerhaft auf der Bank sehen. Mit Tyler Adams und Amadou Haidara kommen jetzt zwei Spieler dazu, die die Qualität haben, sofort noch mal einige Spielzeit für sich zu beanspruchen (für Haidara gilt das, wenn er seine Kreuzbandverletzung überwunden hat, sicher noch ein Stück mehr als für Adams).

Wenn Haidara tatsächlich im Februar schon wieder auf dem Platz stehen sollte und Forsberg endlich seine Probleme (egal ob Symphyse oder Adduktoren oder Schambein oder was auch immer) in den Griff kriegen könnte (zumindest insoweit, dass er die Mehrzahl der Spiele machen kann), dann wird das bei 20 Feldspielern (wenn denn nicht sogar noch jemand verpflichtet wird und Nukan mal sowieso außen vor gelassen) ein ordentliches Hauen und Stechen um zehn Plätze auf dem Platz. Inklusive natürlich auch damit verbundener Unzufriedenheiten, wenn die, die auf der Bank sitzen, sich wie gesagt in der sportlichen Hierarchie nicht dort sehen. Das wird noch ein lustiges Sozialexperiment.

Fakt ist, dass der Kader von RB Leipzig, wenn er halbwegs fit ist, in Breite und Qualität sehr gut besetzt ist. So gut in jedem Fall, dass er in Deutschland rein nominell und kostentechnisch irgendwo auf die Plätze 3 bis 5 oder 6 gehört. In der Hinrunde hat man sich Platz 4 erkämpft. Kann dann angesichts der Tatsache einer Rückrunde mit einer besseren Belastungssteuerung naturgemäß nur das Ziel sein, mindestens auf diesem Platz 4 auch am Ende einzukommen. Schließlich war ja auch die Begründung für eine Europa-League-Runde mit einer stärkeren Rotation, dass die Qualifikation für die Champions League wichtiger ist als das Spielen in der Europa League.

Die Frage ist halt, wie sehr das viele Training unter der Woche von Vorteil für RB Leipzig ist. Vom Ansatz her unterschieden sich die Spiele bisher vor allem darin, in welcher Höhe und in welcher Formation man anläuft, um am besten ins Umschalten zu kommen. Es ging dabei ja nicht um grundsätzlichere Fragen der Spielphilosophie. Entsprechend ist auch in der Rückrunde nicht zu erwarten, dass man sich nun plötzlich in der einen Woche auf ein dominantes Ballbesitzspiel vorbereitet und in der nächsten auf extremes Pressing. Es wird auch in den verbleibenden Spielen vor allem um das Spiel gegen den Ball, das Umschalten und um die Exaktheit in den Abläufen dort gehen.

Wenn man noch mal den Quervergleich zur Zweitligasaison unter Rangnick wagen will, dann lag RB Leipzig damals zur Winterpause (damals nach 19 Spielen) mit acht Punkten Vorsprung auf Nürnberg auf Rang 3 an der Spitze der Tabelle. Am Ende der Saison hatte man den Vorsprung fast noch verspielt und lag fünf Punkte hinter Freiburg und nur noch zwei vor Nürnberg auf Rang 2.

Auch damals dachte der geneigte Beobachter angesichts einer sehr guten Hinrunde und einer entwicklungsfähigen Mannschaft, dass die Rückrunde eigentlich besser verlaufen müsste. Man tat sich allerdings mit zunehmender Zeit schwer, das Spiel gegen den Ball auch durchzubringen. Wenn die Gegner nicht in die Fallen von RB liefen, taten sich die RasenBallsportler sehr schwer. Beim FC St. Pauli, in Freiburg und in Nürnberg verloren sie auf diese Weise. Und Richtung Saisonende quälte man sich eher ins Ziel als dass man in dieses hineinstürmte.

Analog dazu darf man sich diese Saison fragen, ob eine ähnliche Entwicklung auch in den kommenden Wochen wartet. In der Hinrunde spielten einige Mannschaften wie Bremen oder Mönchengladbach oder Hertha gegen RB erstaunlich offen mit und liefen dabei gern mal in das Umschaltspiel der Leipziger. Zu erwarten wäre, dass sich künftig mehr Mannschaften an Schalke oder Augsburg oder Freiburg orientieren als an Hertha oder Mönchengladbach.

Inwiefern RB Leipzig dann da Lösungen findet, wird man sehen. Sehr praktisch wäre es, wenn man für diese Spiele auch in der Offensive die Standards als zusätzliche Waffe hätte. Defensiv funktioniert das schon mehr als ordentlich bei nur einem Gegentor in den ersten 17 Bundesligaspielen. Die drei Tore in der Offensive sind allerdings noch überschaubar gut. Wenn man den ruhenden Ball als Mittel dazugewinnen könnte, mit dem man enge Spiele auflöst, kann das in Sachen Erfolg nur hilfreich sein. Das Spiel von RB Leipzig lebt bisher enorm davon, dass man nicht in Rückstand gerät. Ruhende Bälle als zusätzliche Möglichkeit, sich in Führung zu bringen, würde dem Spiel gegen den Ball entgegenkommen. Man darf annehmen, dass die zusätzliche Trainingszeit in der Rückrunde verstärkt für den Bereich der Standards verwendet werden wird.

Letztlich braucht es im Vergleich zur Hinrunde gar nicht die großen Veränderungen bei RB Leipzig. Man hatte nach den ersten Spielen ja bereits ein hohes Maß an defensiver Stabilität und ist in vernünftigem Maße effizient. Der Erfolg ist bisher kein Zufallsprodukt, sondern Folge der Chancen, die man sich herausarbeitet und die man (nicht) zulässt. Unter Hasenhüttl sah das vor einem Jahr noch anders aus und waren die Problemlagen in Sachen Balance zwischen Offensive und Defensive wesentlich größer. Diese Saison geht es eigentlich nur darum, an den bestehenden Grundlagen in Nuancen (wie bei den Standards zum Beispiel) zu schrauben, die neuen Spieler gut zu integrieren und den Kader bei Laune zu halten. Also zumindest unter der Maßgabe, dass kein Umbau der Mannschaft hin zu einer größeren Flexibilität in Fragen des Spielansatzes geplant ist.

Die Testspiele gegen Galatasaray und Wolfsberger AC wiesen darauf hin, dass es beim Spielansatz der Arbeit gegen den Ball bleibt. Ansonsten hätte man vor allem gegen die Türken ein gutes Feld gehabt, mal andere Ideen zu testen. Abgesehen davon lässt sich aus solchen Testspielen wenig ablesen. Gerade Mannschaften, die gegen den Ball arbeiten, sehen in solchen Testspielen nicht immer so richtig gut aus, weil die letzten Prozente der Intensität fehlen, die eine solche Spielidee braucht (oder weil wie gegen den Wolfsberger AC aufgrund einer durcheinandergewürfelten Mannschaft die Abläufe nicht passen).

Die große Unbekannte der RB-Rückrunde ist der DFB-Pokal. Ein Wettbewerb, der immer ein bisschen unter dem Radar fliegt und der so richtig interessant für viele erst ab dem Viertel- oder Halbfinale wird. Für die Partie gegen Wolfsburg in der dritten Runde des Wettbewerbs (aka Achtelfinale) wurde bisher jedenfalls im Vorverkauf noch nicht mal der Oberrang geöffnet und sind im Unterrang noch in allen Kategorien Karten im Überfluss erhältlich. Drei Wochen vor dem Spiel wohlgemerkt.

Letzlich ist der DFB-Pokal aber diese Saison der kürzeste (und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einzige) Weg zu einem Titel, von dem in letzter Zeit immer mehr RB-Spieler öffentlich träumten. Zu vermuten ist, dass man bei RB Leipzig auch für den DFB-Pokal die Bundesliga nicht vernachlässigen wird. Aber ein Pokalfinale in Berlin dürfte intern von der Wertigkeit und Repuation her schon noch mal deutlich über der Europa-League-Gruppenphase stehen. Und bei einem Sieg gegen Wolfsburg würden nur noch zwei Siege bis Berlin fehlen.

Durchaus möglich, dass in diesem Wettbewerb noch mal eine entsprechende Eigendynamik und Euphorie entsteht. Letzteres gab es in den letzten ein bis eineinhalb Jahren eher selten rund um RB Leipzig. Man hat sich eher so eingerichtet im Alltag und war ein wenig überfordert mit einer englischen Woche nach der anderen, sodass der Zuschauerzuspruch teils deutlich zurückging. Auch diesbezüglich könnte die Reduzierung der Spiele einen positiven Effekt haben. Die Vorfreude auf ein Heimspiel dürfte noch mal eine andere sein, wenn das ein nicht so alltägliches Ereignis ist.

Realistisch gesprochen geht es für RB Leipzig in den restlichen 17 Bundesligaspielen nur noch um die Plätze 3 und 4. Dortmund ist schon elf Punkte weg und die Bayern sind im Normalfall egal in welcher Verfassung zu konstant, um fünf Punkte auf sie aufzuholen.  Mit Mönchengladbach ist Leipzig ungefähr auf Augenhöhe. Wolfsburg und Frankfurt sind nominell als schwächer anzusehen (wobei der VfL gehaltstechnisch mindestens ähnlich teuer sein dürfte) und die Hessen haben noch die Europa League zu bestreiten. Leverkusen ist mit sieben Punkten auf RB eigentlich schon fast zu weit weg, hat aber mit Peter Bosz eine Wundertüte als Trainer eines sehr talentierten Kaders, unter dem man nichts ausschließen sollte.

Am interessantesten von der direkten RB-Konkurrenz um einen Champions-League-Platz dürfte aber die TSG 1899 Hoffenheim sein. Wie RB haben sie sich ihrer europäischen Aufgaben entledigt. Als Reaktion darauf haben sie auch diverse Spieler verliehen und gehen nun mit einem sehr ausgeglichenen Kernkader in die Rückrunde, in der sie auch auf die Champions-League-Plätze schielen. Und Julian Nagelsmann ist diese Aufholjagd (wie schon in der Vorsaison) absolut zuzutrauen, weil er mit einer sehr flexiblen Spielidee sehr stark davon profitieren könnte, dass es mehr Vorbereitungszeit in den Wochen gibt und er mit einem kleineren Kader besser an Abläufen arbeiten kann. Schon in der Hinrunde lag die TSG in Sachen expected Points auf Augenhöhe mit RB Leipzig. Jetzt müssen sich nur noch die Ergebnisse den Leistungen des Teams anpassen..

Wenn man nicht zu den ganz großen Träumern gehören will, dann geht es für RB Leipzig darum, sich im Kampf mit Mönchengladbach, Hoffenheim, Frankfurt, Wolfsburg und ganz, ganz, ganz eventuell Leverkusen Platz 3 oder 4 zu holen. Inwiefern man das schafft und inwiefern das im Umfeld auch Euphorie auslöst, wird auch davon abhängen, ob RB Leipzig in dieser Rückrunde in einen Flow kommt oder ob es ein eher zäher Marsch wird wie einst in der zweiten Liga unter Ralf Rangnick. Die Grundvoraussetzungen (Kader, Vorbereitungszeit auf die Spiele, aktuelle Tabellensituation) sind sicherlich gut bis sehr gut. Die Fragezeichen hinter der Spielidee bleiben. Aber die Lage hat sich gegenüber vor der Saison auch nicht verändert. Selbst wenn man im Kern auf eine einzige Spielidee setzt: wenn man diese mit einem guten Kader gut und präzise umsetzt, dann sollte das auf jeden Fall für Platz 4 reichen.

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Ralf Rangnick hat klare Vorstellungen, wo es mit RB Leipzig hingehen soll. | GEPA Pictures - Kerstin Doelitzsch
GEPA Pictures – Kerstin Doelitzsch

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