Bundesliga: RB Leipzig vs. FC Bayern München 2:1

27. Spieltag der Bundesliga. RB Leipzig in der Bundesliga schon ein wenig unter Ergebnisdruck, nachdem man in den letzten Wochen ein paar unnötige Punkte liegengelassen hat. Ausgerechnet der FC Bayern war zu diesem Zeitpunkt zu Gast. Eigentlich ein Spiel, in dem man nicht unbedingt mit Punkten rechnet. Doch RB Leipzig spielte 60 überragende und 30 kämpferisch sehr gute Minuten und holte sich einen verdienten ersten Sieg gegen den alten und demnächst auch neuen Meister.

Auf Seiten von RB Leipzig gab es gegenüber dem Spiel in St. Petersburg diverse Wechel. Bernardo, Orban, Forsberg, Augustin und Werner saßen nur auf der Bank. Klostermann blieb gleich ganz draußen. Laimer, Konaté, Ilsanker, Kampl, Poulsen und Sabitzer kamen in die Partie und sollten Frische in die Mannschaft bringen. Ganz schön viele Wechsel in der Formation für ein Spiel gegen die Bayern. Orban, Forsberg und Werner nur auf der Bank. Das war mutig.

Genauso mutig war der Wechsel in der Formation. Denn Hasenhüttl entschied sich kurzfristig zu einem 3-4-3-System bzw. eigentlich eher ein 3-4-1-2-System mit einer Dreierkette Konate, Ilsanker, Upamecano, zwei ‚Außenverteidigern‘ Laimer und Bruma und einem Zehner Keita. Tatsächlich war es vornehmlich eine Dreier- und keine Fünferkette, weil Laimer und Bruma vor allem nach vorn verteidigten und sich nicht primär zurück in die Defensivkette fallen ließen.

Bayern auf der anderen Seite wechselte gegenüber dem Spiel in Istanbul auch gleich sechsmal. Boateng, Javi Martinez, Rafinha, Ribery, Lewandowski und Thiago blieben draußen. Kimmich, Süle, Wagner, Rudy, Bernat und James rückten dafür in die Mannschaft. Organisiert war das Team in einer Art 4-3-3 mit Rudy als Sechser und Vidal und James in der Zentrale davor und Müller und Bernat auf den Außenbahnen.

In der Anfangsphase sah man bereits, worauf das RB-3-4-3 hinauslaufen soll. Frühes aggressives Anlaufen des FCB-Ballbesitzes und der Versuch, sich Bälle zu erobern und umzuschalten. Also ein 3-4-3, dem es entgegen erster Annahmen nicht um ein Verbarrikadieren der eigenen Hälfte, sondern um die Balljagd nach vorn ging.

Das hatte abgesehen von einer ersten Bruma-Chance, bei der Ulreich gut aus seinem Kasten kommt, seine Risiken in Defensive, wo man bei Vorwärtsorientierung und Ballverlusten auch gut mal in Unterzahlsituationen kommen kann. So wie nach zwölf Minuten, als Ilsanker einen Ball an der Mittellinie unglücklich klärt, der Ball nach außen gespielt wird und Demme mit rausrückt, dabei aber im Rücken James aus den Augen verliert. Müller steckt den Ball auf James durch und der darf eine Flanke in den Strafraum schlagen, wo RB in einer 2-gegen-3-Situation verteidigen muss und entsprechend gegen Wagner keine Chance zum Eingreifen hat, sodass der Stürmer den Ball einfach nur noch einnicken muss.

Zuvor war bereits Sabitzer verletzt vom Platz gegangen. Zwölf Minuten mit neuer Formation gespielt. Nach erstem forschen Auftreten beim ersten Bayern-Torschuss sofort in Rückstand geraten. Dazu noch ein Wechsel in der neuen Formation. Es gibt bessere Möglichkeiten, in eine Partie gegen den Meister zu starten.

Dass RB Leipzig an dieser Konstellation nicht zerbrach, war schon erstaunlich. Dass man in der Folgezeit die Partie immer deutlicher dominierte, war aber nun wirklich nicht zu erwarten. Man schaffte es gegen nicht immer sonderlich zielstrebige Bayern tatsächlich das ganze Arsenal ihrer Möglichkeiten aus dem Spiel zu nehmen. Man ließ vor allem dem Spielaufbau der Bayern über die Innenverteidiger und speziell Hummels keinen Raum, sodass es vergleichsweise wenige Bälle von hinten heraus durch die Ketten gab. Man verteidigte auf den Flügeln gut, weil Laimer und Bruma konsequent die Außenverteidiger der Bayern angriffen und dahinter Upamecano und Konate mit hinausrückten und aushalfen. Und man hatte in der Zentrale mit Keita, Demme und Kampl drei Spieler, die dem FCB-Trio in der Spielfeldmitte keine Räume gönnten.

Erstaunlich vor allem, dass man es im aggressiven Anlaufen des normalerweise so ballersicheren Gegners in Abwesenheit von Thiago schaffte, sich viele Bälle schon früh zu erkämpfen. Und ebenso erstaunlich, dass man im Mittelfeld immer mal wieder in sicher gespielte Risiko-Kombinationen ging, um die Angriffe der Bayern auf den RB-Ballbesitz auszuhebeln und Räume zu öffnen.

Die Bayern hatten naturgemäß die höheren Ballbesitzanteile, aber ein ruhiges Spiel ergab sich aufgrund von Pressing und Gegenpressing nie. Entsprechend sah das Spiel nach dem 0:1 ein wenig wild aus, weil es meist darum ging, wer die bessere Balleroberung hat und zum Umschalten nutzen kann. Da RB das ganze mit dem höheren Engagement spielte, wurden sie auch zum dominierenden Team, was Aktionen Richtung gegnerischem Tor anging.

Poulsen hatte nach ganz langem Ball schon direkt nach dem 0:1 die Chance zum Ausgleich, kann aber den Ball allein vor Ulreich beim Schuss nicht mehr richtig platzieren. Werner mit einem Kopfball. Bruma mit einem guten Freistoß. Ein Werner-Schuss aus spitzem Winkel, den Süle von der Linie kratzt. Poulsen, der nach einer Laimer-Flanke zu nah vor Ulreich an den Ball kommt, um noch am FCB-Keeper vorbeizukommen. Es gab viel Betrieb vor dem Bayern-Tor, während vor Gulacsi praktisch nichts relevantes los war.

Ein ausgelassener Ralph Hasenhüttl, der einen besonders emotionalen Sieg feiert. | Foto: Dirk Hofmeister

Nach 37 Minuten dann der mehr als verdiente Ausgleich. Laimer mit einem Einwurf rechts am Strafraum. Drei Bayern-Spieler greifen gegen Werner und Keita nicht richtig zu. Der Ball landet wieder bei Laimer, der ihn zu Keita durchsteckt, der sofort quer auf Werner legt. Werner scheitert noch am grätschenden Süle. Den Abpraller verwandelt dann Keita. Verdient, aber aus Bayern-Sicht auch mehr als suboptimal, dass man den Treffer nach einem Einwurf kassiert, weil man in der Abwehrarbeit zu passiv ist.

Mit diesem für die Bayern eher schmeichelhaften 1:1 geht es in die Kabine, weil Keita bei einer weiteren Chance der Ball im Strafraum von der Brust zu weit wegspringt. RB hatte im Anlaufen ein wahnsinnig intensives Spiel hingelegt, bei dem nur die Frage war, wie man das eigentlich über 90 Minuten durchhalten will und bei dem das Problem blieb, dass man nur ein Tor geschossen hatte. Auch weil man in diesem aggressiven Anlaufen manchmal in den Aktionen am Ball zu unruhig und zappelig agierte, um den einen oder anderen Angriff noch genauer und noch zielführender abzuschließen. Zumal bei den Aktionen, die gelegentlich nah an übermotiviert waren, immmer die Gefahr bestand, einen entscheidenden Ball am falschen Ort zu verlieren und in einen Konter zu laufen. Bei 13:1 Torschüssen bis zum Halbzeitpfiff war die Gefahr aber nur theoretischer Natur.

In der zweiten Halbzeit ging es erstmal so weiter, wie es in der ersten Halbzeit aufgehört hatte. RB Leipzig setzte die Bayern früh unter Druck und dominierte durch diese Spielweise die Partie auf ganz eigene Art. Und man nutzte diesmal früh eine der Chancen zur Führung. Nachdem Bruma einen Schuss im Strafraum noch eher deutlich rechts am Pfosten vorbeigelegt hatte, war es nach einer halben Ewigkeit mal wieder Werner vorbehalten, ein Tor zu schießen. Kampl hatte in zentraler Position an der Mittellinie eine Kopfballabwehr der Bayern aufgenommen und Keita eingebunden. Und Keita spielt zum perfekten Zeitpunkt einen tiefen Ball auf Werner, der Süle davonzieht und an Ulreich vorbei ins lange Eck schießt. In Freiburg hatte Werner zum letzten Mal am 18. Spieltag in der Bundesliga getroffen. Lang, lang ist es her. 540 Minuten ohne Tor. Fiel halt nicht so auf, weil dazwischen ein paar Treffer in der Europa League lagen.

Timo Werner unaufhaltsam auf dem Weg zum 2:1 | Foto: Dirk Hofmeister

In dieser Phase so rund um die 60. Minute herum wurde das Spiel teilweise zu einem offenen Schlagabtausch. Die Bayern wurden nach dem Rückstand aktiver. RB fand auf der anderen Seite ein paar gut zu bespielende Räume vor. Timo Werner kann nach 61 Minuten alles klarmachen als er sich im Strafraum freispielt und mit links den Ball an Ulreich, aber auch rechts am Tor vorbeischießt. Das war der letzte Torschuss von RB Leipzig in dieser Partie. Aber nicht die letzte Großchance, denn die hat Konrad Laimer, als er rechts völlig freigespielt wird und vor Ulreich einen Moment zu lange überlegt und statt abzuschließen den wieder mal von Keita gespielten Pass aufnimmt, um ihn Werner aufzulegen, wo der Ball aber von Hummels weggegrätscht wird.

In der letzten halben Stunde werden die Bayern zunehmend dominanter. Mit Ribery bekommt man auf der linken Seite noch mal Ballsicherheit, während auf der anderen Seite Keita ausgepumpt und vielleicht auch ein bisschen gelb-rot-gefährdet vom Platz geht, was der Ballsicherheit zwischen den gegnerischen Ketten nicht ganz so gut tut. Mit zunehmender Spielzeit merkt man den RasenBallsportlern an, was sie im Spiel gegen den Ball investiert haben. Gerade in der Schlussviertelstunde wird das Anlaufen des FCB-Ballbesitzes ungenauer, sodass ein Hummels nun immer mal wieder einen Ball zwischen die Ketten einstreuen kann.

RB ist nun entsprechend gezwungen, die Aktionen etwas tiefer zu stoppen als in der ersten Stunde. Immer wieder lassen die Bayern den Ball auch mal laufen und aggressive Angriffe der RasenBallsportler ins Leere laufen. Aber RB verteidigt nun auch am und im eigenen Strafraum mit viel Aufwand und Einsatz, sodass aus dem besseren Bayern-Spiel auch nur noch wenige große Chancen entstanden, auch wenn man aber der 62. Minute 8:0 Torschüsse verbucht.

Hummels ist nach 62 Minuten sehr nah am Ausgleich, der zu diesem Zeitpunkt sehr überraschend gekommen wäre. Aber Gulacsi kann den Schuss aus Nahdistanz am Tor vorbei lenken. Vidal ist nach 68 Minuten einfach fünf Zentimeter zu klein, um den Ball mit dem Kopf nicht über, sondern unter die Latte zu setzen. Und nochmal Hummels köpft einen Freistoß aus guter Position freistehend relativ weit über den Gulacsi-Kasten. Ansonsten ist bei den Bayern-Aktionen am und im Strafraum immer noch ein Bein dazwischen, arbeiten alle defensiv sehr stark und räumt vor allem die Dreierkette in der Defensive alles ab, was man ihnen vorsetzt.

Die letzten zehn Minuten kann man die körperlichen Schmerzen bei RB Leipzig richtiggehend fühlen. Immer wieder noch mal den defensiven Sprint anzuziehen, fällt nun zunehmend schwerer. Für zielgenaue Offensivaktionen aus dem Umschalten fehlt die Konzentration und Kraft fast völlig, sodass auch nach der Einwechslung von Augustin im vorderen Drittel nur noch wenig passiert. Am Ende geht es nur noch darum, den Vorsprung über die Zeit zu verteidigen. Und im Gegensatz zum Spiel im letzten Frühjahr gelingt es diesmal, sodass RB im fünften Anlauf den ersten Sieg gegen Bayern bejubeln darf.

Jubel, Trubel, Heiterkeit. RB Leipzig besiegt den Meister und hat Grund zu feiern. | Foto: Dirk Hofmeister

Fazit: 60 Minuten lang war es in neuer Formation ein mutiger und überragender Auftritt von RB Leipzig. Mit kompletter Vorwärtsverteidigung und trotz des frühen Gegentor-Rückschlags ließ man den Bayern keine Luft zum atmen und erspielte sich eine Reihe von teils hochkarätigen Tormöglichkeiten. Wenn man an dieser ersten Stunde etwas bemängeln will, dann nur, dass man nur zwei Tore schoss und nicht drei oder (was dann aber auch zu viel des guten gewesen wäre) vier. Entsprechend musste RB in den letzten 30 Minuten auch noch mal um die drei Punkte zittern, weil die Kräfte nachließen und die Bayern bessere Möglichkeiten fanden, den Ball in das Offensivdrittel zu bewegen. Am und im Strafaum endete ihr Latein an diesem Tag aber zumeist, sodass RB Leipzig den über das ganze Spiel gesehen völlig verdienten Sieg behalten durfte.

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Randbemerkung 1: Im Vergleich zur Vorsaison RB Leipzig nach 27 Spielen mit zwölf Punkten weniger. Gegen dieselben Gegner wie 2016/2017 holte man in dieser Saison bisher 10 Punkte weniger als im Vorjahr (wenn man die Aufsteiger Stuttgart und Hannover gegen die Absteiger Ingolstadt und Darmstadt tauscht). Macht dann aktuell weiter Platz 6, aber nun allerdings wieder mit nur zwei Punkten Rückstand auf den Champions-League-Platz 4 und wieder vier Punkte Vorsprung auf Platz 7, mit dem man nach aktuellem Stand in die Europa-League-Qualifikation müsste.

Randbemerkung 2: Über eine Dreierkette wurde rund um RB Leipzig immer mal wieder und vor allem nach der Halstenberg-Verletzung diskutiert. Praktiziert wurde es nur selten. Letzte Saison gab es als Reaktion auf Ballbesitzanforderungen und Probleme des Verteidigens des Umkehrspiels mal entsprechende Versuche, die aber schnell wieder eingestellt wurden. Als mögliche Lösung wurde die Dreierkette auch diese Saison eher für Ballbesitzprobleme diskutiert. Eine bessere Positionierung auf dem Feld, eine gute Absicherung in der Zentrale hätte man sich davon versprochen. Dass die Dreierkette und das 3-4-3 nun vor allem als eine Taktik für die Arbeit gegen den Ball sehr kurzfristig entwickelt und umgesetzt wurde, war entsprechend ein wenig überraschend, funktionierte aber sehr gut, weil die Mischung aus Aggressivität mit hohem Anlaufen auch durch die ‚Außenverteidiger‘ und die Absicherung durch die Dreierkette und das Mittelfeld auch immer wieder in die entstehenden Räume auf den Außenbahnen sehr gut funktionierte. Die Frage wäre nun, ob das auch eine Formation wäre, um gute Positionierungen im Ballbesitz zu haben oder ob es bei einer Interpretation als Balljagd- und Umschalt-Formation bleibt. Böte halt auch im Ballbesitz die Möglichkeit, mit offensivstarken und dynamischen Außen, wie es Bruma und Laimer sind, das Spiel breit anzulegen und trotzdem zentral präsent zu sein. Je nachdem auch, wie der Spieler in der Mitte der Dreierkette seine Rolle dann konkret ausfüllt. Im Moment deutet allerdings wenig daraufhin, dass Hasenhüttl diese Formation auch für eine gute Ballbesitz-Formation hält.

Randbemerkung 3: Apropos Spieler in der Mitte der Dreierkette. Dort stand gegen die Bayern Ilsanker. Der hat ja ein bisschen das Problem, dass er für viele Positionen der Backup (Rechtsverteidiger, Innenverteidiger, Sechser), aber derzeit für keine Position die allererste Wahl ist. Perfekt auf ihn zugeschnitten ist allerdings die Rolle in der Mitte der Dreierkette. Quasi als tiefe Rolle eines sonstigen Sechsers hinter zwei Achtern. Gutes Zweikampfverhalten aufgrund seiner Größe auch in der Luft, gute Spielübersicht. Von hinten heraus und ohne Druck auch gutes Passpiel auf zwei Innenverteidiger neben ihm, die dann in die Halbräume stoßen können oder auch gegen einen defensiveren Gegner dann etwas höher stehend quasi als zusätzlicher Sechser. Das wäre für Ilsanker ideal, man könnte seine Mentalität und Körpgergröße mit ins Spiel bringen und auf der zentralen Position in der Dreierkette wäre er fast schon alternativlos. Bleibt halt die Frage, ob Hasenhüttl diese Formation auch für künftige Spiele im Kopf behält oder ob es als Bayern-Formation eine Ausnahme blieb.

Randbemerkung 4: Vor der Partie hatte Hasenhüttl noch mal darauf verwiesen, dass die Doppelbelastung vor allem eine Sache des Kopfes und gar nicht so sehr der Beine ist. Auch hier im Blog gab es vor der Partie den Hinweis, dass die Ansetzung am Ende der englischen Wochen eigentlich ganz dankbar ist, weil der ganze Komplex der Motivation und Fokussierung schon über den Gegner passiert und dem Team nicht von außen eingeimpft werden muss. Das Spiel war der perfekte Beleg für die Annahmen. Denn die RasenBallsportler liefen so viel wie selten in dieser Saison. Wobei es auch ein Mythos ist, dass RB ein laufstarkes Team ist, denn über die Saison sind die Daten im Bundesligavergleich leicht unterdurchschnittlich (was an mehr Ballbesitz und wohl auch an Doppelbelastung liegt). Gegen Bayern lief man aber nun fast 120 km  und damit fast vier Kilometer mehr als im Saisonschnitt. Zuletzt war man am 15. Spieltag gegen Mainz mehr gelaufen. Im Gegensatz zu damals absolvierte man diesmal aber vor allem auch im hohen Geschwindigkeitsbereich eine Menge an Wegstrecke. Allein per Sprint nahm man 800 Meter mehr als im Saisonschnitt. Was dann eben zeigte, dass die Beine am Ende anstrengender Wochen und direkt nach einem Einzug ins Viertelfinale der Europa-League doch noch können, wenn der Kopf denn will.

Randbemerkung 5: Interessanterweise mussten auch die Bayern aufgrund des aggressiven RB-Spiels viel Aufwand in die Partie stecken. Normalerweise spielen sie die Partien aus dem Ballbesitz recht locker runter und laufen mit Abstand am wenigsten von allen Bundesligateams, weil sie mit dem Ball auch den Gegner laufen lassen und nicht sich selbst. Erst zweimal liefen sie in dieser Saison in der Bundesliga mehr als gestern in Leipzig. Weil sie im defensiven Umschalten halt auch oft hinterher liefen und entsprechend die Dinge nicht ruhig runterspielen konnten.

Randbemerkung 6: Die Situation der Bayern verdeutlicht sich aber auch gut durch die Reaktion von Jupp Heynckes auf die Niederlage. Klar war er mit der Leistung seiner Mannschaft nicht sehr glücklich, aber die Niederlage selbst nahm er mit stoischer Ruhe und einem gewissen Egal-Gefühl (auch auf dem Feld war es zwischen den Spielern nach der Partie sehr entspannt zugegangen und wirkten die Bayern-Akteure nicht sonderlich frustriert). Weil man sie bei einem Champions-League-Kandidaten kassierte und vor allem weil man in der Bundesliga so dermaßen jenseits von allem schwebt, dass es am Ende auch völlig wurscht ist, ob man zwischendurch mal ein Spiel verliert oder nicht. Dass seine Mannschaft auf das aggressive Anlaufen mit so vielen Fehlern reagierte, sollte den Bayern-Coach allerdings schon ein wenig nachdenklich stimmen.

"Willste mein Nachfolger werden?" "Was, ich, nicht dein Ernst?" So oder so ähnlich muss es gewesen sein. | Foto: Dirk Hofmeister

Randbemerkung 7: Wie krass der RB-Sieg gegen die Bayern ist, zeigen einfache Statistiken. Es war erst die zweite Niederlage des FCB unter Heynckes überhaupt. Die letzte kassierte man Ende November in Mönchengladbach. Es war das erste Mal in der ganzen Saison, dass die Bayern ein Spiel noch nach Führung abgaben. Frankfurt war am 15. Spieltag das letzte Bundesliga-Team, das es schaffte, gegen die Bayern ein Plus bei den Schüsses auf das Tor zu haben. Nicht ganz alltäglich, was da gestern in Leipzig passierte.

Randbemerkung 8: Erster RB-Sieg gegen die Bayern im fünften Anlauf. Damit hat man nun gegen alle aktuellen Bundesligisten mindestens einmal gewonnen.

Randbemerkung 9: Noch mal Winter in Leipzig. Eigentlich hatte man mit dem Thema schon abgeschlossen und dann kam am Freitag noch mal der Schnee. Der Bahnhof Leipzig war zwei Tage lange eine Chaos-Zone. Und auch um das Stadion durfte man sich ein paar Sorgen machen. Die offen liegenden Treppen über den Wall, die es so in keinem anderen Bundesliga-Stadion gibt, sind bei solcher Witterung und entsprechender Glätte ein Problem, das schwer in den Griff zu kriegen ist. Dazu kommt das offene Stadion, in das es dir den Schnee von allen Seiten hineinpustet und entsprechend der Kampf dagegen einer gegen Windmühlen ist. Ein bisschen Glück hatte man, dass es einen Tag vor dem Spiel aufhörte zu schneien. Wenn das Spiel für Samstag angesetzt gewesen wäre, hätte es mit einer Austragung durchaus sehr eng werden können. So bekam man die nötigen Zusatzstunden, um die Arena in einen Zustand zu bekommen, der für die Zuschauer bei An- und Abreise nicht zu gefährlich war, auch wenn im Stadion immer wieder auf mögliche Glätte auf den Zugängen hingewiesen wurde. Letztlich bleibt durchaus Respekt vor jenen, die den Kampf mit dem Wetter bei eisigem Wind am Ende gewonnen und den Fußballabend überhaupt erst ermöglicht haben. Der Job ist in Leipzig aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht ganz einfach.

Randbemerkung 10: Etwas ratlos war ich ob der durchau deutlich vernehmbaren Pfiffe bei der Auswechslung bei Joshua Kimmich. Dass das eine Kritik an seiner Unauffälligkeit war, ist nicht anzunehmen. Vielleicht galten sie auch Rafinha (wofür es nicht wirklich Gründe gibt). Oder sie waren einfach Teil der Fußballfolklore bei einer Aktion des Gegners und sei es bei einer Auswechslung einfach mal zu pfeifen. Wirkte etwas unglücklich an der Stelle.

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Lichtblicke:

  • Eigentlich unmöglich, an diesem Tag jemand aus diesem Team herauszuheben. Natürlich sind vor allem Naby Keita und Timo Werner in ihren Offensivrollen noch mal besondere Extra-Klasse und haben sich die beiden Tore jeweils gegenseitig aufgelegt. Aber auch die Dreierkette in der Abwehr war herausragend mit dem Kopf Ilsanker, dem extrem zweikampfstarken Konaté und dem staubtrockenen Upamecano. Vor allem Upamecano und Konaté rissen durch permanentes Mitverteidigen nach außen einen extremen Aufwand ab. Demme war wieder der Dauerläufer, der überall auf dem Feld zu finden war. Kampl hatte viele gute Bewegungen mit dem Ball und leitete das 2:1 ein. Bruma und Laimer brachten viel Dynamik auf die Außen und arbeiteten sehr viel gegen den Ball (bei Bruma hätte man sich vielleicht in seinen Offensivaktionen noch einen Ticken mehr Durchschlagskraft gewünscht). Was Poulsen gemacht hat in Sachen Anlaufen und FCB-Innenverteidigung beschäftigen, war schlicht außerirdisch. Vermutlich sitzt er seit gestern Abend zur Regeneration in der Kältekammer und kann sich immer noch nicht bewegen. Gulacsi hielt dazu im Tor die Sachen, die es zu halten gab und zeichnete sich vor allem bei einem Hummels-Schuss aus. Vielleicht hätte man sich von den Einwechslern Forsberg und vor allem Augustin noch ein bisschen mehr Entlastung und offensive Ballsicherungen in der Endphase gewünscht. Aber Forsberg kam zu einem Zeitpunkt ins Spiel, zu dem es dann vornehmlich ums Verteidigen ging und Augustin hing dann in dem Kampf gegen den Ausgleich ein wenig in der Luft. Insgesamt passte das alles sehr gut zusammen, weil jeder in seiner Rolle und mit seinen Stärken sehr gut funktionierte. Von daher fällt es schwer, da jemanden herauszuheben.

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Tore: 0:1 Wagner (12.), 1:1 Keita (37.), 2:1 Werner (56.)

Aufstellung RB Leipzig: Gulacsi – Konaté, Ilsanker, Upamecano – Laimer, Kampl, Demme, Bruma – Keita (68. Forsberg) – Sabitzer (10. Werner/ 81. Augustin), Poulsen; Bank: Mvogo, Bernardo, Orban, Lookman; Nicht im Kader: Halstenberg (verletzt), Klostermann, Schmitz, Kaiser, Köhn, Coltorti

Aufstellung Bayern München: Ulreich – Kimmich (78. Rafinha), Süle, Hummels, Alaba – James (72. Lewandowski), Rudy, Vidal – Müller, Bernat (61. Ribery) – Wagner

Schiedsrichter: Marco Fritz (Insgesamt ein sehr guter Spielleiter, der die Partie auch dann sicher im Griff hatte, wenn es mal etwas emotionaler zuging. Die gelbe Karte gegen Kampl wirkte zu dem Zeitpunkt aufgrund der Linie zuvor übertrieben, was sich danach relativierte, weil sich Fritz dann treu blieb und ähnliche Vergehen auch mit gelb ahndete. Rudy hatte er dagegen ganz früh in der Partie bei einem taktischen Foul noch verschont, was grenzwertig, aber angesichts des ersten Foulspiels überhaupt auch nachvollziehbar war. Mit seinen gelben Karten sorgte Fritz immer wieder für Ruhe und pfiff die Partie vernünftig und (aus Stadionsicht) mit meist richtigen Entscheidungen zu Ende (auch nach Videobeweis nicht auf Handelfer gegen RB zu entscheiden, war nachvollziehbar). Dass zum Schluss vier Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden, war vom Gefühl her eher ein Minütchen zu viel in einer Bundesliga, in der man sonst eher defensiv mit der Nachspielzeit umgeht und in einem Spiel, das in der zweiten Halbzeit nicht wirklich von Unterbrechungen geprägt war.)

Gelbe Karten: Keita (6.), Kampl (3.), Gulacsi (1.) – Rudy, Süle, Ribery, Lewandowski

Zuschauer: 42.558  (davon 5.000 Gästefans)

Links: RBL-Bericht, RB-Fans-Liveticker, FCB-Bericht, Kicker-Bericht

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  • Torschüsse: 16 : 9
  • Torschüsse innerhalb des Strafraums: 13 : 9
  • Schüsse auf das Tor: 6 : 2
  • gewonnene Zweikämpfe: 47,6% : 52,4%
  • Ballbesitz: 41,9% : 58,1%
  • Passquote: 75,6% : 83,9%
  • Laufstrecke: 119,7 km : 116,7 km
  • Sprints: 243 : 252
  • Intensive Läufe: 768 : 764
  • Fouls: 16 : 14
  • Ecken: 3 : 6
  • Abseits: 1 : 1
  • Meiste Torschüsse: Werner: 6 – Hummels: 3
  • Meiste Torschussvorlagen: Keita: 4 – James, Rudy – je 2
  • Beste Zweikampfquote (mindestens 10 Zweikämpfe): Konaté: 73,7% – Hummels: 79,2%
  • Meiste Ballkontakte: Demme, Bruma: je 71 – Vidal: 90
  • Beste Passquote (mindestens 20 Pässe): Upamecano: 87,1% – Bernat: 95,0%
  • Größte Laufstrecke: Demme: 13,2 km – Vidal: 11,6 km
  • Meiste Sprints: Poulsen: 46 – Alaba: 34

Statistiken von bundesliga.de, whoscored.com

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Saisontorschützen: Werner – 11; Augustin – 6; Keita – 5; Poulsen, Bruma – je 3; Orban, Sabitzer, Halstenberg – 2; Klostermann, Forsberg, Bernardo; Kampl, Lookman, Upamecano – je 1

Saisonvorlagengeber: Sabitzer – 7; Werner – 6; Augustin, Keita – je 4; Kampl, Forsberg, Demme – je 3; Halstenberg, Bruma, Poulsen, Laimer – je 2; Bernardo, Lookman – je 1

Saisontorbeteiligungen (Entstehung des Tors jenseits der direkten Vorlage): Kampl – 10; Demme – 9; Sabitzer – 7; Laimer, Upamecano, Keita – je 6; Ilsanker – 5; Forsberg, Halstenberg, Klostermann, Bruma – je 4; Bernardo – 3; Poulsen, Gulasci – je 2; Werner – 1

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Bilder: © Dirk Hofmeister

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4 Gedanken zu „Bundesliga: RB Leipzig vs. FC Bayern München 2:1“

  1. Bezüglich Randbemerkung 10,

    Kimmich war mir (und sicherlich anderen aufmerksamen Beobachtern auch) schon beim letzten Besuch des FC Bayern in der Red Bull Arena durch seine Übermotiviertheit und Ruppigkeit gegenüber seinen ehemaligen Teamkameraden aufgefallen. Das hat ihm sicherlich Sympathiepunkte beim heimischen Publikum gekostet und erklärt für mich die Pfiffe bei seiner Auswechselung.

  2. Zum ersten Mal gegen die Bayern Tickets bekommen und dann gleich so ein fantastisches Spiel! In meinem (neutralen) Block war bestimmt jeder 4. der Anwesenden Bayern-Anhänger, zum Glück hörte man sie nur einmal im Spiel. Viele von ihnen verließen das Stadion schon kurz vor Ende (ziemlich unbegreiflich).
    Für viele Zuschauer in meiner Umgebung schien das Besorgen von Getränken wichtiger zu sein als das Spiel, es gab ein ständiges Kommen und Gehen. Dazu passt auch, dass mir beim Einlass diverse Zuschauer auffielen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die Kartenscan-Automaten sahen. Da schienen mir doch sehr viele Event-Touristen unterwegs zu sein, die weder zum Fußball noch zu RB eine nähere Beziehung haben sondern einfach bei einem bedeutenden Ereignis dabei sein wollten. Eigentlich schade, ich kenne viele regelmäßige Stadiongänger, die keine Tickets mehr bekommen haben.
    Trotzdem ein Spiel das definitiv in Erinnerung bleiben wird. Ich denke, damit ist RB als Bundesliga-Mitglied erwachsen geworden.

    1. Die Karten – Scan – Dinger hab ich letztens auch zum ersten Mal gesehen, die gibt’s vor Block D, wo ich sonst sitze, nämlich nicht.
      Ansonsten war es ein toller Abend gestern. Ich war einfach nur fassungslos wie überlegen die Mannschaft auf dem Feld war.

  3. ha, ha, Du hast Dir also das Würfeln erspart und das Team als Lichtblick gesetzt.
    Einen Daumen hoch dafür, richtig gemacht!
    Man könnte natürlich Hasenhüttl für sein Kniff dazu nehmen.

    Wenn man sich Twitter von 17:30 bis 18:00 rund um das Spiel durch liest, war ja schon von Selbstaufgabe oder Weltuntergang die Rede.
    Und dann diese (am Ende Willens) starke Leistung.
    Hast ja alles wieder richtig analysiert.
    Was ich aber nicht verstanden habe, warum reagiert Bayern in der Pause nicht?
    Vor allen taktisch?
    Die haben so gespielt wie in der 1. Hz.
    Naja, gut für uns.

    Mich wundert, daß die Presse keine Titelstorry aus der vorzeitigen Auswechslung von Werner macht. 😉
    Oder haben sie etwa alle begriffen, warum dies so war.
    Als ich Jika gesehen habe, der gleich kommen sollte, fragte ich mich, wen würde ich raus nehmen.
    Eigentlich Poulsen, aber der war so wichtig für dieses Spiel und Werner nur 70 Minuten auf dem Feld.
    Als dann Werner ging, dachte ich mir, genau richtiger Wechsel.
    (Irgendwo stand sogar geschrieben, daß er sich übergeben hat)

    Schiedsrichter fand ich auch mit einer guten Leistung, hier und da ein paar Zweikämpfe die man nicht pfeiffen mus, aber sonst top.
    Bis auf dieses VAR Zeichen, mein lieber Schwan, da bekommt man Schnappatmung, wen man im Stadion nicht weiß, was gewesen ist.

    Da ja LSP ist, werde ich bestimmt Zeit finden, die Wiederholung vom Spiel zu sehen.

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