Doppeltes Finale

[Besondere Wochenenden erforden besondere Maßnahmen. Zu diesem Spiel kein PK-Ticker von mir. Pressekonferenz ist am Freitag, um 16 Uhr in Berlin und wird auf verschiedensten Kanälen live übertragen. Ich für meinen Teil gönne mir da schon ein pures Pokalwochenende, ohne mich (hoffentlich) sonderlich um das verbale Drumherum zu scheren. Ob, wann und in welcher Form es nach der Partie einen Spielbericht geben wird, ist noch unklar und hängt ein bisschen vom Verlauf des Pokalabends ab..]

Das im wahrsten Sinne große Finale der Saison steht an. Und das gleich in doppelter Form. Denn bevor am Samstag die Profis im Pokalfinale gegen Bayern München antreten, sind am Freitag in Babelsberg schon die U19-Teams von RB Leipzig und dem VfB Stuttgart damit beschäftigt, den DFB-Pokal untereinander auszuspielen.

Zum U19-Spiel bleibt hier wenig zu sagen, dafür habe ich sie in dieser Saison viel, viel zu wenig gesehen. Aus der Ferne betrachtet, würde ich RB Leipzig in diesem Spiel als knappen Außenseiter ansehen. Dass der ältere RB-U19-Jahrgang von Frieder Schrof persönlich schon vor geraumer Zeit abgeschrieben wurde, dürfte an der Motivation von Spielern und Mannschaft nichts ändern. Hier geht es schließlich um einen Titel im für einige Spieler letzten Spiel ihrer Nachwuchszeit.

Fehlen wird Keeper Julian Krahl, der sich einen Schlüsselbeinbruch zugezogen hat. Im Halbfinale gegen Dortmund war er noch der gefeierte Held, weil er im Elfmeterschießen zweimal hielt und den entscheidende Elfer selbst verwandelte. Ansonsten ist das eine gute Mannschaft. Mal abgesehen davon, dass es RB aus verschiedenen Gründen nicht schafft, den Übergang für Nachwuchsakteure zu den Profis zu gestalten, ist ja die Nachwuchsarbeit als Selbstzweck trotzdem keine schlechte.

Da läuft viel über Physis und Balljagd, was einem eine Weile einen Vorsprung gibt, aber in den höheren Jahrgangsstufen als Unterschiedsfaktor immer weniger eine Rolle spielt. Trotzdem steckt im U19-Team immer noch einiges an Talent, auch wenn der Fokus nicht zwingend auf fußballerischen Qualitäten liegt. Ob das gegen den VfB Stuttgart reicht, wird man sehen. Die U17 hat letzte Saison auch unter Coach Alexander Blessin im Halbfinale der deutschen Meisterschaft mit ihrem auf zweite Bälle setzenden Fußball von den Bayern deutlich die Grenzen aufgezeigt bekommen.

Die Profis von RB Leipzig wollen sich am Pokalwochenende vom FC Bayern keine Grenzen aufzeigen lassen. Auch wenn der deutsche Meister natürlich als Favorit in die Partie geht. Ist bei einem Pokalendspiel aber auch relativ wurscht, dass Ralf Rangnick seit elf Spielen gegen die Bayern als Trainer nicht mehr gewonnen hat (darunter ist auch ein verlorenes Pokalfinale) oder dass RB in bisher sieben Spielen gegen den FCB bisher erst einmal gewonnen und in dieser Saison noch kein einziges Tor geschossen hat. Solange Leipzig nicht gerade zu zehnt spielten, waren die Spiele zwischen beiden Klubs allerdings auch immer eng.

So wie das letzte Spiel in Leipzig, als RB mit etwas Glück zu einem 0:0 kam. Ein Spiel, das vielleicht prototypisch für die FCB-Saison steht. Da holt der Tabellenführer beim zweitbesten Rückrundenteam ein 0:0, das eigentlich zumindest ein 1:0 für die Münchener hätte sein müssen und irgendwie wird rund um den Klub dann doch vorwiegend darüber gemault, dass es nur ein Punkt war und dass das spielerisch wenig überzeugend war und dass man die Meisterschaft nicht vorzeitig klargemacht hat.

Nun, es mag sein, dass Kovac-Fußball nicht dafür steht, in einer perfekten Mischung von Sarri- und Guardiola-Fußball das zweitbeste Team des Landes automatisch und immer an die Wand zu nageln. Und sicher ist auch, dass es in den Bayern-Spielen immer Phasen gibt, in denen sie seltsam passiv werden und den Gegner zurück ins Spiel holen.

Allerdings hat man in Leipzig auch gesehen, was die Stärken des Kovac-Teams sind. Denn man hat es praktisch über 90 Minuten sehr gut verstanden, das Umschalten von RB aus dem Spiel zu nehmen. Weil man nach Ballverlusten sehr gut ins Gegenpressing gegangen ist und vor allem die potenziellen Umschaltzwischenstationen wie Forsberg fast perfekt zugestellt hat. Man hat RB auf recht beeindruckende Art einerseits die große Qualität im Umschaltspiel genommen (und sei es, indem man in ein, zwei Situationen das taktische Foul zieht) und andererseits auch keinerlei Chancen gelassen, dass die Leipziger mal über längere Zeit im Ballbesitz sind.

Keine vier Pässe spielte RB, bis irgendeine Bayern-Defensivaktion dazwischenkam. Fast 20 Pässe spielten derweil die Bayern im Schnitt, bis die RasenBallsportler dazwischengrätschten. Was auch bedeutet, dass das Pressing von RB nicht so griffig war, dass es die Passmaschine Bayern vom Arbeiten abhalten konnte. Kein Umschaltspiel, kein eigener Ballbesitz, permanentes Hinterherlaufen hinter den Bayern. Das sollte RB Leipzig nicht noch mal so spielen, weil man dann relativ wenig Chancen hat, am Ende den Pokal zu gewinnen bzw. es zu einem puren Glücksspiel verkommt.

Man wird in dieser Partie auf Seiten von RB Leipzig einen guten Tag und vor allem auch eine gut umgesetzte Idee brauchen. Dazu gehört auch, dass man gegen die Bayern auch mal ein paar Ballbesitzphasen hat, um sich von der Defensivarbeit im Kopf zu erholen. In der Bundesliga sah man in beiden Spielen, dass es für die RasenBallsportler Richtung Ende der Partie immer schwerer wurde, das kompakte und gute Verteidigen aufrechtzuerhalten. Wobei man es im Hinspiel noch deutlich besser schaffte, die Passstrukuren des Gegners, die dich auf Dauer so ermüden können, weil sie einfach so lange gespielt werden, bis sich eine Lücke auftut, zuzustellen und dem Bayern-Spiel so die Klasse zu nehmen (damals hatte RB offensiv einfach zu wenig Tiefgang).

Eine Möglichkeit bei den Bayern besteht natürlich immer auch darin, dass man ihr Spiel auf den Flügel lenkt und dann in der Mitte die Dinge, die in den Strafraum fliegen, (vielleicht auch mit einer Dreierkette) verteidigt. Generell kann man auch das Glücksspiel suchen und sich tief am Strafraum verbarrikadieren und dann gegen hoch aufrückende Bayern gucken, dass man die Chance kriegt, die Tiefe des Raums mal zu bespielen. Ist aber defensiv dann vornehmlich von Glück abhängig und keine Taktik, die RB auf den Leib geschneidert ist.

Erwartbar ist da schon eher, dass man wie gewöhnlich nicht allzu hoch, aber dann dafür umso konsequenter und kompakter anläuft, um schon die Passwege zu Gnabry, Coman und Lewandwoski möglichst häufig und gern auch mit Ballgewinn zuzustellen. Thiago, den sehr ballsicheren, gern auch mal nickligen Sechser muss man dazu aus dem Spiel nehmen. Sollten Martinez und Goretzka als potenzielle Nebenleute für Thiago beide ausfallen (was unwahrscheinlich ist [Update: zumindest Goretzka fällt laut Bayern-Mitteilung aus]), wäre das schon eine deutliche Schwächung in der Zentrale. Sanches, der zuletzt gegen Frankfurt für den angeschlagenen Goretzka kam, wäre vom Typ Spieler her jemand, auf den sich ein auf Balleroberung setzendes RB-System freuen würde.

Letztlich dürfte es wie schon in den beiden Bundesligaspielen zwischen beiden Klubs ein eher taktisch geprägtes Duell werden. Spektakelfußball ist nicht oder höchstens bei einem günstigen Spielverlauf bspw. in Form einer frühen RB-Führung zu erwarten. Sowohl Niko Kovac als auch Ralf Rangnick stehen nicht zwangsläufig für ein Spiel mit offenem Visier, sondern eher dafür, in die Lücken zu stoßen, die ihnen Mannschaften anbieten, die keinen gut ausgeführten Spielplan oder ein offenes Visier haben.

Als „respektlos“ benannte Ralf Rangnick vor dem Finale, dass Niko Kovac trotz Meisterschaft und Chance auf einen zweiten Titel in der Öffentlichkeit in Frage gestellt wird. Schwierig das so zu benennen, denn natürlich ist es für einen Klub wie den FCB oder dessen Umfeld legitim, angesichts der deutlichen Überlegenheit des FC Liverpool in der Champions League in Frage zu stellen, inwieweit man mit Niko Kovac auf höchstes europäisches Niveau kommen kann. Aber auch eine schwere Frage angesichts einer Saison, in der Kovac einen Umbruch zu moderieren hat, ohne dass der Umbruch kadertechnisch schon zu 100% durchgeführt wurde.

Der Großteil der neuen Generation der Bayern-Spieler kommt ja erst zur kommenden Saison, in der man sich dann auch nicht mehr mit Ribery, Robben und Rafinha beschäftigen muss, die alle wichtig für die Fanseele sind, aber in Sachen Spieltagsaufstellung und Co das Arbeiten für einen Trainer sicherlich auch nicht einfacher machen. Wobei es natürlich für das Bayern-Umfeld ein großer Wohlfühlfaktor war, die Meisterschaft mit Toren von Robben und Ribery feiern zu können. Die beiden für das DFB-Pokalfinale in der Hinterhand zu haben, ist sehr viel wert.

Letztlich sprechen die reinen Fakten der Rückrunde derweil für den Trainer Kovac. Für 42 Punkte in 17 Spielen, wie sie die Bayern holten, wurde der BVB in der Hinrunde noch (zurecht) extrem abgefeiert. Beim FCB kommt dann eher ein ‚aber die Unentschieden in Freiburg und Nürnberg!‘. 52:14 Tore sind einfach unfassbar gut (3:1 Tore in jedem Spiel!), RB kommt in der Rückrunde auf 32:12.

81 Großchancen (Chancen, bei denen man allein vor dem gegnerischen Torwart steht) verbuchte Bayern München in der Rückrunde. Das sind doppelt so viele wie der Ligaschnitt und fast doppelt so viele wie RB Leipzig hatte (47).

Nur 15 Großchancen ließ Bayern zu, das ist nicht mal eine pro Partie, ungefähr ein Drittel vom Bundesligaschnnitt und ungefähr die Hälfte von den als Defensivmaschine gelobten RasenBallsportlern. Vor allem Niklas Süle hat eine beeindruckende Entwicklung hinter sich und eine sehr gute Mischung aus Geschwindigkeit und Physis.

Pro Spiel hatte der FC Bayern rund vier Großchancen mehr als der Gegner. Im Schnitt standen die Gegner pro Spiel einmal allein vor dem Bayern-Kasten, während die Bayern fünfmal vor dem gegnerischen Kasten standen. Bei RB Leipzig beträgt das Plus zwischen eigenen und gegnerischen Großchancen gerade mal eine pro Spiel. Nun, man muss keine Mathematik studieren, um zu erkennen, dass angesichts dieser Zahlen Bayern-Siege eher der Normalfall sein müssen.

Ändert aber nichts daran, dass es hier an diesem Wochenende nicht um höhere Chancen geht, eine Bundesligasaison erfolgreich zu bestreiten, sondern darum ein Finale zu gewinnen. Da sind Querschnitt-Statistiken über eine Saison hinweg nur als Hinweis wichtig, nicht als absolutes Kriterium. Will sagen: Am Ende zählt auf dem Platz und da braucht es einen guten Platz und eine gute Umsetzung des Plans.

Dafür kann Ralf Rangnick nach Stand von Beginn der Trainingswoche kadertechnisch aus dem Vollen schöpfen. Da werden ein paar ganz schwere Entscheidungen zu treffen sein. Dass Diego Demme in diesem Finale aufläuft, ist angesichts der letzten Wochen unwahrscheinlich. Ob Emil Forsberg mitspielt, dürfte vor allem davon abhängen, ob RB mit einer Dreier- oder mit einer Viererkette aufläuft.

Mögliche Aufstellungen:

  • RB Leipzig: Gulacsi – Mukiele, Konaté, Orban – Klostermann, Kampl, Halstenberg – Sabitzer, Laimer – Poulsen, Werner
  • Bayern München: Ulreich – Kimmich, Süle, Hummels, Alaba – Martinez, Thiago – Gnabry, Müller, Coman – Lewandowski

Fazit: Nun, die Dinge liegen auf der Hand. Bayern ist bei allem Gemeckere im Umfeld des Klubs schlicht (und mit größerem Abstand) die beste Mannschaft Deutschlands. RB spielt eine sehr gute Rückrunde, bei der Richtung Ende der Saison aber die defensive Stabilität etwas verloren ging. Die wird man gegen Bayern brauchen, um das Spiel eng zu halten und eine Siegchance zu haben. Schließlich soll der Pokal nach Leipzig. Egal wie der Gegner heißt und wie der grad drauf ist. Und am besten gleich zweifach.

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[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen den FC Bayern München nicht vor Ort verfolgen kann und am 25.05.2019, ab 20.00 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live in der ARD und bei Sky.

Das Spiel zwischen RB Leipzig und dem VfB Stuttgart im U19-DFB-Pokalfinale findet am 24.05.2019, ab 20.15 Uhr statt. Tickets für die Partie, die im Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg ausgetragen wird, gibt es noch an der Abendkasse. Übertragen wird die Partie bei Sport1.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Bayern München

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Ralf Rangnick. | GEPA Pictures
GEPA Pictures

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4 Gedanken zu „Doppeltes Finale“

  1. Zur U19: von der Papierform her ist RB klarer Außenseiter. Der VfB hat die starke Südliga gewonnen, mit Aidonis und Dajaku sind 2 Spieler dabei, die bei den Profis schon einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben, mit Hornung haben sie einen sehr starken Keeper, auf Hottmann und Egloff sollte man ebenfalls ein Augenmerk legen. Das Team ist durch die Bank besser besetzt als RB.

    Hoffnung mag geben, dass man gegen den BVB ähnlich krasser Außenseiter war und Stuttgart vom anstrengenden Halbfinale in Wolfsburg noch müde ist. Könnte daher mit zunehmender Spieldauer Vorteile für RB geben. Bis dahin müsste man aber defensiv deutlich besser stehen als zuletzt.

  2. „Ob Emil Forsberg mitspielt, dürfte vor allem davon abhängen, ob RB mit einer Dreier- oder mit einer Viererkette aufläuft.“

    Ist das ein Schreibfehler?
    Emil ist so was von gesetzt auf der 10 hinter den Stürmern.
    Sabitzer ist eher die vakante Größe.
    47% Passquote ist sowas von gefährlich gegen die Bayern, da ist er mMn raus.
    Kampl gesetzt.
    Laimer gegen den Ball ebenso.
    Bleibt die Frage nach Nummer 3 im MF.
    Tendiere eher auf Adams / Haidara

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