Lesestoff: Mittendrin

Der eine oder andere wird mitbekommen haben, dass in der Länderspielpause hier Ruhe war, weil ich mir eine Auszeit gegönnt und mich mit meiner Frau frisch verheiratet für eine reichliche Woche nach Israel bewegt habe. Lesetechnisch war das durchaus recht anregend, sich mal ein wenig mit lokalen Presseerzeugnissen zu beschäftigen, auch wenn die Auswahl im englischsprachigen Bereich nicht arg groß ist.

Wie schon vor knapp 20 Jahren, als ich mal ein halbes Jahr vor Ort verbrachte, war die Jerusalem Post mein erster Anlaufort (und selbst die ist in Tel Aviv nicht gerade einfach zu kriegen; dafür kriegt man gern ‚ich habe schon seit drei Jahren keine Zeitung mehr gekauft‘-Antworten, wenn man fragt, wo man eventuell eine kaufen könnte). Eine Zeitung, mit der man einen ganz guten, inhaltlich und von den Meinungen her sehr breiten und extrem anregenden Einstieg (bzw. Wiedereinstieg) darin kriegt, wie und mit welchem Fokus Themen, zu denen hierzulande meist eine verzerrte Realität gezeichnet wird, vor Ort diskutiert werden.

Schon interessant auch, wie unterschiedlich Sportseiten gefüllt werden können. Während in Deutschland, überspitzt gesagt, nur dann nicht mit Fußball getitelt wird, wenn ein deutscher Einbeiniger im Stabhochsprung Olympiasieger wird, spielte dort Fußball in der Länderspielpause selbst dann nur eine untergeordnete Rolle, wenn am Abend ein Länderspiel Israel gegen Schottland anstand. Herrlich entspannend eine Sportseite zu öffnen und dann erstmal den neuesten Stand in den Playoffs in der Major League Baseball nachlesen zu können. Oder einen Beitrag zum Basketball vorzufinden. Oder was zu Rollstuhl-Rugby oder zu Tennis-Ballkindern in Wimbledon.

Nun, bezüglich meiner Berufsträume für die Zukunft muss ich mich nun wohl zwischen Sportblogger in New York (immer noch ein Mäzen zur Finanzierung gesucht!) und politischer Beobachter in Israel entscheiden. Bis dahin geht es hier im Blog aber weiter um Fußball. Und um ein Buch, das einen gegenteiligen Effekt bei mir hervorrief als „Fieberwahn“ von Christoph Ruf.  Zu dem hieß es vor nicht allzu langer Zeit hier im Blog: „Das Buch, auf das ich vielleicht am meisten gespannt war, das mich aber auch am meisten enttäuscht hat.“

Bei „Mittendrin – Fußballfans in Deutschland“ war es schließlich genau anders herum. Um das Buch habe ich mich sehr lange herumgedrückt (genaugenommen liegt es seit sieben Monaten in meinem Bücherregal). Vermutlich war es ein ‚Och, bloß nichts mit Fankultur‘-Reflex, den ich ja sonst auch gern im Podcast auslebe, weil ich vieles an den ‚Warum ich Fan bin‘- und ‚Was wir als Fans wollen‘-Selbstüberhöhungen (also an den eigenen Relevanzzuweisungen, nur weil man in einer sozialen Gruppe Fußballfan ist) eher langweilig finde (entsprechend fand ich den Umschlagtext mit seinem „ein vielschichtiges und differenziertes Bild deutscher Fanszenen“ ziemlich abschreckend). Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass der Herausgeber die Bundeszentrale für politische Bildung ist und damit immer eher so ein angestaubtes Image einhergeht. Vielleicht lag es aber auch einfach nur am Titelbild mit feiernden Chemie-Fans.^^ (Im Ernst, letzteres würde ich dann doch ausschließen.)

Wie auch immer, ich ignorierte das Buch lange und auch als sommerliche Urlaubslektüre, bevor ich dann doch mal auf der heimischen Couch drin zu schmökern begann. Und relativ schnell feststellte, dass mich das Buch doch kriegt und in den Bann zieht.

Rund 250 Seiten hat das Machwerk. Mit Glossar und Anhängen sind es reichlich 260. Die inhaltliche Verantwortung tragen Anne Hahn und Frank Willmann. Zur Redaktion gehörte auch Hardy Grüne. Über die Geschichte von Anne Hahn, inklusive Republikflucht und DDR-Knast könnte man einen eigenen Beitrag machen. Bei ihr geht es schon biographisch begründet oft um Subkulturen, was sie mit Frank Willmann verbindet, mit dem sie schon an anderer Stelle Bücher veröffentlichte.

Frank Willmann kennt der eine oder andere sicherlich aus verschiedenen Fußballzusammenhängen. Da geht es auch meist um Sub- und Fußballkultur und DDR-Historie. Einst schrieb er auch regelmäßige Kolumnen für den Tagesspiegel. Und Hardy Grüne ist eine Art Fußballtausendsassa mit unendlichem Wissen, der Fußball auch vor allem als Gesellschaftskultur im Blick hat und den Sport so unter anderem im lesenswerten Zeitspiel-Magazin begleitet.

Eine durchaus illustre Runde also, die ein Buch zusammengestellt und lektoriert hat, das in seinem Basiskonzept einfach erzählen lässt. Kern des Buchs sind ingesamt 17 Geschichten von Fans unterschiedlichster Vereine und Ligen. Dabei werden deren Geschichten nicht geschnitten und nicht interpretiert, sondern einfach als Fließtext präsentiert. Es ist letztlich wie der Abdruck eines qualitativen Interviews (falls das jemand aus der empirischen Sozialforschung kennt), nur ohne die Interviewerfragen, sodass sich so etwas wie eine (biographische) Erzählung ergibt, die sich an (scheinbar) selbst gewählten Linien zum jeweiligen Verein und zur Entwicklung des eigenen Verhältnisses zum Klub und zum Fußball entlanghangelt.

Das ganze ist weder kommentiert noch geglättet, sodass es inhaltlich (vor allem in politischen Dingen) auch mal stärkerer Tobak oder (rein von Logik und Fluss her) etwas schwierig zu lesen sein kann. Es ist aber auch die große Stärke des Buches, das es erzählen lässt, ohne dem Leser etwas vorgeben zu wollen. So kann man sich selbst durch die Texte treiben lassen, ohne (wie bei Christoph Ruf oder auch beim Spiegel-Football-Leaks-Buch) permanent das Gefühl zu haben, jemand möchte einem die Interpretationen mit der Darstellung gleich mitliefern bzw. in zu engen Bahnen gleich mitliefern.

Wenn es nur bei den 17 Faninterviews geblieben wäre, würde man das Buch wohl irgendwann weglegen, weil sich die Erzählungen gar nicht so sehr inhaltlich, aber stilistisch-thematisch zu sehr ähneln. Aber die Stärke der 250 Seiten besteht auch darin, dass die Erzählungen aus Fansicht immer wieder aufgelockert bzw. ergänzt werden durch Interviews mit Experten bzw. Akteuren auf Verbands- oder Beobachterebene des Fußballs.

Der notorische Wolfgang Eilenberger ist dort (mit einem tatsächlich ganz guten Interview) genauso dabei wie Vertreter von Verbänden, Fanprojekten und anderen Formen der Fanvertretung, der Fanforschung oder der Polizei. Eine extrem bunte Mischung an Personen, die aus unterschiedlichen Positionen auf Fans und Fanbelange gucken und wodurch das gesamte Spektrum der (widersprüchlichen) Ansichten und Ideen aufgemacht wird. Wie die Faninterviews sind auch die Interviews mit den ‚Experten‘ (natürlich) unkommentiert und (vom Gefühl her) inhaltlich kaum gekürzt, sodass den Personen auch Zeit bleibt, ihre Positionen zu entwickeln und zu verargumentieren.

Zusammen ergibt sich ein interessantes Buch mit vielfältigsten Perspektiven. Vielfältigste Perspektiven ’normaler‘ Fußballfans, aber auch von Akteuren, die den Rahmen des Fußballs und der Fankultur in ihrer täglichen Arbeit gestalten bzw. in dieser Arbeit mit Fußball, Fans und Fankultur zu tun haben. Ein Buch, das aufgrund der Vielseitigkeit an Positionen auch immer wieder zum Widerspruch und zum Nachdenken anregt, aber vor allem erstmal Positionen und Konflikte und Verflechtungen mit politischen Orientierungen in der Subkultur nachvollziehbar macht.

Man kann über die Kozeption der Aneinanderreihung von Text sicherlich diskutieren. An einigen Stellen wünscht man sich doch immer mal wieder eine einordnende, analytische Hand, die Aussagen und Text kontextualisiert. Auf der anderen Seite überwiegt der Vorteil einer unkommentierten Darstellung, die nicht belehren will, sondern Raum für eigene Gedanken, lässt den Nachteil der gelegentlichen Unordnung.

Bildertechnisch bietet das Buch auch relativ viel. Mit deutlichem Fokus auf Pyro, Choreo, Bannern, Graffiti und Fanblockbildern. Auch hier bliebt das Buch dem Konzept der Unkommentiertheit treu. Die Bildauswahl vermittelt da aber inklusive ihrer Unterschriften ein eher einseitiges Bild. „Feuer frei“ als Untertitel für ein Pyrobild steht da symbolisch für die gesamte Bild-Untertitel-Strecke, die manchmal zu effektheischend daher kommt, aber durchaus auch ihre Stärken hat.

Zu kriegen ist das Buch, auch das noch eine gute Nachricht, für 4,50 Euro Bereitstellungspauschale bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Ab einem Kilo zahlt man zuzüglich noch 5,00 Euro Versandkosten (kann sich dann aber noch diverse andere Bücher mit ins Paket packen, ohne dass die Versandkosten steigen). Das Buch überschreitet die Kilo-Grenze offenbar knapp, sodass man an den Versandkosten nicht vorbeikommt.

Wer gern einfach in ungeschnittenen Aussagen zu Fußballfans aus allen möglichen Perspektiven schmökert und sich gern selber eine Meinung bildet, wird bei „Mittendrin – Fußballfans in Deutschland“ auf seine Kosten kommen. Wer die Erwartung hat, dass das Buch einen Meinungsleitfaden durch die unterschiedlichen Perspektiven von Fans und der Arbeit mit Fans bietet, der kommt eher nicht auf seine Kosten. Persönlich habe ich es sehr gerne und mit Gewinn gelesen.

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"Mittendrin - Fußballfans in Deutschland"

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3 Gedanken zu „Lesestoff: Mittendrin“

  1. Immer wieder schön, wie Du Bücher vorstellst.

    Und da passt es hier ganz gut hin, denn vor kurzen haben wir uns am Fantreff nach dem Nürnbergspiel uns über Dein Blog hier unterhalten und kamen auf die Idee, Du müsstest Dein Blog in ein Buch binden.

    Die bisherigen RBL-Bücher 111 Gründe, Aufstieg ohne Grenzen etc. sind nett und gut, aber die kommen nie mit denen mit, was Du hier im Archiv mit unzählige Geschichten und Analysen rund um den Rasenballsport zu bieten hast.

    Ich würde es jetzt schon bestellen.

    1. Ach ja, Hochzeit, RB-Geschenke und nun auch heute noch Geburtstag.
      Viel Feierei und das zu Recht!

      Alles gute Dir, bleib gesund, viel Schaffenskraft und das Dir nie die Ideen für den Blog ausgehen.
      Und selbstredend der Wunsch, das wir hier noch lange Lesen dürfen / wollen.

  2. Dem schließe ich mich vorbehaltlos an. RasenBallsport ist ohne die fast tägliche Droge von dir nicht wirklich vorstellbar. Fan ohne Fanatismus, dafür mit Distanz. Chapeau‼️

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