Lesestoff: Zeit der Strategen, Matchplan, Helmut Schön, Fieberwahn

Die letzten Wochen war wieder mal ein bisschen Zeit, die Nase in ein paar Bücher mit Fußballbezug zu stecken. Vor allem auch dank derjengen Blog-Leser, die fleißig meine Amazon-Wunschliste leerbestellten. Vielen Dank dafür. Immer wieder eine Freude, wenn ein kleines Paket eintrifft und dann ein Büchlein zum Vorschein kommt. Manchmal sogar zum perfekten Zeitpunkt direkt vor einer freien Woche.

So auch diesmal, was mir das Vergnügen brachte, in den letzten Wochen gleich vier sehr unterschiedliche Bücher lesen zu dürfen, die unterschiedlichen Erkenntnisgewinn mit sich brachten. Und immer muss man den Gedanken abschütteln, die Werke an einem Reng-Buch messen zu wollen. Daran können Bücher ganz notwendig nur scheitern..

Die Zeit der Strategen

„Zeit der Strategen“ ist das zweite Buch von Tobias Escher, nachdem er mit „Vom Libero zur Doppelsechs“ bereits eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs erzählt hatte. Diesmal geht es um Fußballtrainer, genaugenommen um elf von ihnen, und deren Biographien und Lebensgeschichten und darum, warum diese besonders sind oder in besonderem Maße aus der Breite der Fußballlehrer herausstechen.

Wie schon beim ersten Werk ist auch das zweite Buch durch Erklärkästen und ähnliches auf einem Niveau gehalten, dass man kein Nerd sein muss, um sich durch die knapp 300 Seiten zu wühlen. Es ist eher ein Buch für eine breitere Masse an Fußballfans. Entsprechend hat man an manchen Stellen eher das Gefühl, dass die Trainer zu kurz angerissen werden und es noch mehr hätte in die Tiefe gehen können, um die jeweilige Persönlichkeit und ihre Spielidee und ihre Herangehensweise zu beschreiben. Bei einigen der Akteure bleibt der Eindruck, dass die rund 20 Seiten, die jeder kriegt, doch eben nur die Oberfläche beschreiben.

Dass das Buch kein historischer Abriss, sondern vor allem ein Werk mit Tagesbezug ist, zeigt sich bereits mit einem Blick auf die ausgewählten Trainer. Es geht bei Jose Mourinho los und geht dann über Guardiola, Klopp, Tuchel oder Sarri auch zu überraschenden Namen wie bspw. einem Peter Bosz. Wer einen Einblick in die Geschichte des Trainerhandwerks und in prägende Namen der Historie erwartet, der wird enttäuscht werden, auch wenn jeder der dargestellten Trainer natürlich auch so seine Bezüge in der Vergangenheit hat. Entsprechend ist es ein Blick in die heutige Trainergeneration mit ihren jeweiligen Bezügen in der Geschichte (wie bspw. einem Wolfgang Frank, der immer genannt wird, wenn es um Jürgen Klopp geht).

Aus RB-Sicht sicherlich ganz interessant das Kapitel zu Julian Nagelsmann. Der dort als ein Trainer beschrieben wird, dessen Hauptmerkmal nicht die Fokussierung auf einen bestimmten Spielstil ist, sondern der vor allem durch Flexibilität und Verknüpfunf von Spielstilen auffällt. Inspiriert wurde ein Nagelsmann auch von einem Guardiola und dessen Auge für das Positionsspiel und die Besetzung von Zonen auf dem Spielfeld. Dessen Arbeit gelte es fortgesetzt zu werden und nicht nur einen defensiven Plan zu haben, so Nagelsmann.

Das darf hierzulande, wo ja Nagelsmann als perfekte Fortsetzung des RB-Umschaltfußballs gilt, durchaus erstaunen. Genau wie ein weiterer Satz: „Ich bringe von zehn Angriffen lieber acht zum Abschluss, auch wenn es einen Tick länger dauert, als nur zwei zum Abschluss zu bringen, und es geht rasend schnell.“ Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was in Leipzig unter dem Quasi-Motto ‚Schnelligkeit vor Genauigkeit‘ läuft. Gemeinsamkeit zum RB-Spiel ist dagegen eine gewisse Verknappung von Platz auf dem Spielfeld, um bei Ballverlusten, schnell ins Gegenpressing zu kommen und nah am Gegenspieler zu sein.

Zuletzt hatte Julian Nagelsmann die Mischung verschiedener Taktikebenen in einem Interview mit den 11Freunden noch mal betont. Vier Phasen habe das Fußballspiel. Gegnerischen Ballbesitz, eigenen Ballbesitz, offensives Umschalten, defensives Umschalten. In der kommenden Saison gehe es in Hoffenheim wieder vermehrt darum, im eigenen Ballbesitzes besser aufzutreten (ohne die anderen Elemente zu vernachlässigen). Also ein Stückweit ein Maurizio Sarri, dessen SSC Neapel ja auch gerade in der Perfektionierung der Kombination der vier Phasen sehr gut war.

Inwieweit darin ein Widerspruch zur Rangnickschen RB-Philosophie besteht, wird man dann in einem Jahr sehen. Rangnicks Fußball steht vielmehr noch als bisher unter Hasenhüttl wieder für hohes Pressing und Umschalten. Das ist unter Nagelsmann natürlich auch eine Möglichkeit, aber eben auch nur eine von mehreren. Während Rangnick zuletzt nochmal gegen brotlosen Ballbesitz ätzte, versucht Nagelsmann genau diese Komponente zu stärken. Kommt halt immer darauf an, was man für Ballbesitz hat und inwieweit man damit durchkommt (also wie brotlos es wirklich ist). Neapel hatte da letzte Saison sehr gute Strukturen. Nagelsmanns Idee von flachen Pässen an den Strafraum, die man dort klatschen lässt, um dann einzulaufen und mit mehreren Akteuren im Strafraum aufzutauchen, dürfte dem schon relativ nahe kommen.

Insgesamt war die Lektüre von „Die Zeit der Strategen“ unterhaltsam und anregend (wie man auch daran sieht, dass man vom Nagelsmann-Kapitel gleich zu Gott und der Fußballwelt kommen kann), aber irgendwie blieb auch das Gefühl, dass das Buch viel zu schnell zu Ende war und man eigentlich noch viel mehr von den (meisten der) jeweiligen Trainern hätte erfahren wollen. Darauf war das Buch wohl nicht angelegt und dafür muss man dann wohl zu spezielleren Büchern zu einzelnen Trainern greifen.

Helmut Schön

Wie zum Beispiel zur Biografie des ehemaligen Bundestrainers Helmut Schön (der aber bei Tobias Escher natürlich nicht auftauchte). 1964 bis 1978 war er für das deutsche Team verantwortlich. Generell eine Zeit (und auch jene Zeit davor im bundesdeutschen Fußball), die für mich eher eine weißer Fleck war. Entsprechend war das 500-Seiten-Werk von Bern-M. Beyer für mich persönlich in vielerlei Hinsicht auch Neuland und entsprechend interessant.

Vielleicht etwas abschreckend an dem Buch, dass es in seiner strengen Chronologie manchmal Spielernamen und Vereinsaufstellungen in einer Folge abspult, die man nicht verarbeitet kriegt. Zumindest halt nicht, wenn man sich in einer Art historischem Neuland bewegt und große Teile der Namen nicht verarbeiten kann. Eingeschobene Artikel, in denen die chronologische Erzählweise zugunsten inhaltlicher Schwerpunkte (Schön und die Dopingfrage oder die Medien oder das alte Dresden) aufgegben wird, versuchen sich immer wieder in einer Einordung des Aufgezählten, was das Nachvollziehen vereinfacht.

Interessant an dem Buch, dass es die Nazi-Zeit, den Umbruch nach dem Krieg bis hin zur Aufweichung einer verkrusteten Gesellschaft in den Sechzigern und Siebzigern anhand der Person Schön verbindet. An manchen Stellen, gerade der Nazi-Zeit, fehlte mir da persönlich das tiefere Eintauchen in gesellschaftliche Verknüpfungen und Verbündelungen. Schön wird zwar eher als innerlicher Dissident der Nazi-Zeit beschrieben. Gespielt hat er in einer Zeit, in der das auf hohem Niveau auch nicht einfach war, trotzdem bis zum Schluss und eingezogen zur Armee wurde er auch nicht, was für eine gewisse Protektion durch das Nazi-Deutschland im lokalen Dresden spricht. Was gar nicht dafür spricht, Schön deswegen zu verurteilen, sondern nur dafür spricht, dass an der Stelle etwas mehr Tiefgang in der Beschreibung schön gewesen wäre. Aber das hätte auch mit dem sonstigen Stil des Buches gebrochen.

Interessant, dass nebenbei die Geschichte des Dresdner SC erzählt wird, der irgendwann nach dem Krieg vom entstehenden, real existierenden Sozialismus zerschlagen wurde, weil man ihn offenbar für zu bürgerlich und den Grundideen des sozialistischen Sports widersprechend hielt (als Anlass für die Zerschlagung nahm man Tumulte bei einem Spiel gegen Zwickau). Dass heutzutage die SG Dynamo Dresden, der alte Polizeiverein, der anstelle des Dresdner SC von den damaligen Behörden zum Gewinner der DDR-Fußballgeschichte gemacht wurde, als Ausfluss des zu liebenden, traditionellen Fußball gesehen wird, ist auch ein kleiner Treppenwitz der Geschichte.

Helmut Schön jedenfalls ging über das ostdeutsche Nationalteam im Zuge der Zerschlagung des Dresdner SC nach Westberlin und landete nach einigen Wirren und einer Zeit mit wenig Geld beim DFB und als Co-Trainer bei Sepp Herberger, von dem er dann 1964 den Posten übernahm. Auch hier wird eher nebenbei als durch detaillierte Schilderung klar, wie sich der Wandel vom autoritären Herberger, der schon seit 1936 die deutsche Nationalmannschaft führte und schon seit 1933 NSDAP-Mitglied war, hin zu einem Schön vollzog, der als weniger führungsstark galt und vor allem auch die Meinung seiner Spieler einbezog.

Witzige Nebengeschichte, wie die deutsche Presse in den 70ern den Nationalspielern bei Misserfolg vorhält, dass sie die Nationalhynme nicht mitsingen. Also keiner, nicht zwei oder drei. Das war dann noch in Zeiten, als Spieler, die ins Ausland gingen, für die Nationalmannschaft als verbrannt galten, weil sie ja schließlich keine Spieler in Deutschland mehr seien (und weil es damals noch keine Abstellungszeiträume gab und man entsprechend bei jedem ausländischen Verein eines Nationalspielers noch einzeln vorsprechen musste, wenn man ihn bei Länderspielen dabei haben wollte).

Insgesamt ist die Schön-Biografie sicherlich ein gutes Buch, wenn es darum geht, einen historischen Abriss zu liefern und die wichtigsten biografischen Punkte abzuspulen. Viele Verweise auf andere Bücher und Schön-Auseinandersetzungen und auf die Sportpresse der jeweiligen Tage entwerfen ein gutes Gesamtbild des Mannes, der das deutsche Team in seiner Amtszeit zu neuen spielerischen Höhen führte und dafür einigen, auch internationalen Respekt erntete. Manchmal ein wenig schwer zu folgen, wenn man mit diesem Teil der Geschichte und manchen Namen so gar nicht vertraut ist.

Manchmal hätte man sich an der einen oder anderen Stelle auch ein ausführlicheres Eingehen auf den gesellschaftlichen Rahmen als bedingendes Element gewünscht. Aber insgesamt bleibt auch ein Helmut Schön zurück, der bei den Nazis, im frisch entstehenden Sozialismus und im bundesrepublikanischen Kapitalismus wirkte und dessen Biografie quasi nebenbei automatisch ein paar Schlaglichter auf den Fußball (inklusive Bundesliga-Gründung oder Veränderungen in der entstehenden DDR nach dem Krieg) und dessen gesellschaftliches Umfeld wirft.

Matchplan

Absolut lesenswert ist in jedem Fall das Buch, das Christoph Biermann geschrieben hat. Auch wenn man vielleicht nicht so zahlenaffin ist. Denn „Matchplan“ dreht sich im Kern um allerlei Ansätze, wie man Fußballspiele und die Leistungen von Spielern objektiver bewerten und analysieren kann. Es ist also ein Buch, das sich um die Erfassung von Daten und deren Nutzbarmachung dreht.

Das ist vermutlich die Stelle, an der schon einige Leser aussteigen, aber letztlich ist das Biermann-Buch wie das Escher-Buch keines für Nerds, sondern eines, das sich erklärend auf die ganze Daten-Sache einlässt und veranschaulicht, was welche Daten können und vor allem auch immer wieder bestimmte Personen und Vereine vorstellt, die in besonderem Maße auf die Zahlen und Daten zurückgreifen, um sich damit einen Vorteil im Wettbewerb zu verschaffen. (Wie zum Beispiel beim FC Midtjyllandm, der letzte Saison (zum Leidwesen von Alexander Zorniger) zum zweiten Mal dänischer Meister wurde.)

Auf verständliche Art und Weise kann man erfahren, welche statistischen Tools welche Aussagekraft haben und über nicht aussagekräfte Daten wie Ballbesitzverteilungen hinausgehen. Man dreht sich um bekannte Konzepte wie Expectecd Goals (also die Anzahl der Tore, die man von einem Team aufgrund der Torschusspositionen in 90 Minuten bei durchschnittlichem Torabschlussverhalten erwarten würde) oder Goalimpact (ein Wert, mit dem man den Einfluss eines Spielers komplett auf Datenbasis und ohne Sichtung von Spielleistungen beschreibt), aber auch von unbekannteren Konzepten wie der Dangeriousity, anhand derer man für Spieler beschreibt, wie hoch ihr Einfluss daran ist, dass die Offensivgefahr eines Angriffszugs zunimmt. So könnte man auf inidividueller Ebene den Einfluss einzelner Spieler analysieren (auch für Neuzugänge und Scouting, aber auch für Mannschaftsaufstellungen interessant), aber auf Teamebene auch die Gefährlichkeit einer Mannschaft bzw. die Spielverteilung (jenseits von Torschüssen) in bestimmten Partien wiedergeben. Ein Konzept, das sich auch in einer Idee wiederfindet, die einen Expected-Goals-Wert darstellt, der nicht auf Torschüssen bzw. Torschusspositionen, sondern auf Feldpositionen beruht.

Ähnlich wie „Die Wahrheit liegt auf dem Platz„, aber mit mehr erzählerischen Qualitäten in Bezug auf konkrete Personen und Vereine, entwirft „Matchplan“ ein gutes Gesamtbild über den Sinn und Unsinn von Statistiken und was diese für Möglichkeiten bei der Analyse von Spielen und vor allem auch von Spielern mit sich bringen. Vom Gefühl her wird es irgendwann wie mit der Werbung. Man merkt als Werbetreibender nicht, wenn man Werbung schaltet, aber wenn man keine Werbung schaltet, merkt man es sehr wohl. Sprich, Datenanalysen dürften inzwischen und in den nächsten Jahren (auch wenn manche Vereine das eher in den Hintergrund schieben) einfach dazu gehören zur Analyse und wer es nicht macht, hat schlicht einen Wettbewerbsnachteil.

Das heißt aber nicht, dass Fußballklubs künftig ausschließlich datengetrieben funktionieren. Wie immer bei Statistiken gilt, dass viele der Zahlen nur Sinn ergeben und man mit ihnen gewinnbringend arbeiten kann, wenn man auch qualitative Daten hat, also wenn man über Augenschein einen Eindruck hat und die Daten entsprechend einordnen und vor dem Hintergrund eigener Vereinsideen und Spielphilosophien interpretieren und nutzbar machen kann.

Fieberwahn

Auf eher gesellschaftlicher Ebene des Fußballs bewegt sich „Fieberwahn“ von Christoph Ruf. Das Buch, auf das ich vielleicht am meisten gespannt war, das mich aber auch am meisten enttäuscht hat. Ruf versucht durch verschiedene Geschichten aus verschiedenen Ecken Fußballdeutschlands, seine These zu untermauern, dass „der Fußball seine Basis verkauft“. Fanproteste, unzufriedene Amateure, zu viel Kommerzialisierung. So als Schlagworte.

Eigentlich für mich immer ganz interessant, sich dem Fußball auch aus seinen gesellschaftlichen Perspektiven und aus seiner Entwicklung im Gesamten heraus zu widmen. Aber im Gegensatz zu „Gesellschaftsspielchen“ von Ronny Blaschke, das unaufgeregt und meist wenig ideologisch-zeigefingernd daherkam und genau daraus in der Beschreibung der gesellschaftsbezogenen Aktivitäten von Fußballvereinen seine Stärken zog, bleibt „Fieberwahn“ seltsam holzschnittartig und kommt nicht ohne Heuschrecken und nicht ohne die permanent als Gegenmodell gesehenen (aber im Detail in ihrer Art auch nicht beschriebenen) Vereine wie Leipzig aus.

Man erfährt in den Geschichten durchaus einiges aus der Welt des Fußballs und wie Menschen in ihr leben und welche Sichtweisen sie entwickeln. Aber der permantente Fokus darauf, dass die Basis wütend ist und die da oben doof sind (das ist aber ebenfalls eine sehr holzschnittartige Zusammenfassung, die dem Buch auch nicht gerecht wird), macht es etwas mühselig. In der Lobhudelei auf das Engagement beim VFC Plauen wird dann eben der besondere Stolz eingestrickt, dass Mannschaftsleiter Thomas Sesselmann einst ein Angebot von RB Leipzig ausschlug. Ganz so als sei das ein besonderer moralischer Wert mache ihn das „für viele noch sympathischer“. Dass die Absage an RB Leipzig auf 2008 datiert wird, als es RB noch nicht mal als Eintrag am Amtsgericht gab, rundet die Geschichte ganz gut ab.

Es geht halt in vielen Geschichten in ähnlichem Rahmen ab. Hier viel Engagement, Herzblut und Kampf gegen Windmühlen. Dort die nicht näher beschriebenen Windmühlen und Heuschrecken (auch wenn dann immer wieder im Nebensatz erklärt wird, dass die eine solch dichotome Sicht zu einfach ist). Dass substanziell bei den Gemeinsamkeiten der Engamentseite oft auch nicht viel mehr bleibt als sich auf eine gemeinsame Vereinsfarbe einigen zu können und sich gegenseitig Geschichten gern auch von früher zu erzählen, passt halt dazu, dass diese Analyse eines Zustands der Fußballwelt keine Analyse ist, weil ihr die Begriffsbildung und Analyseebene fehlt.

Entsprechend steht halt Geschichte neben Geschichte und es wird eine gewisse Suggestivkraft entwickelt, aber so richtig weiß man nach knapp 200 Seiten nicht, was man damit anfangen soll. So wird als einer der Kronzeugen der Anklage Christian Streich aufgerufen (der zwar immer unterhaltsam redet, aber dem oft inhaltlich-analytisch auch einfach immer wieder einige Sachen durcheinander geraten). „Es geht darum, das Spiel vor der vollständigen Kommerzialisierung zu schützen, damit das Geld nicht irgendwann – symbolisch gesprochen – über dem Spielfeld liegt“, so der Freiburger Coach. Kommerzialisierung als Problem, das ab einer bestimmten Finanzkraft ins Spiel kommt. (Eine Finanzkraft, die in jedem Fall immer höher ist als die eigene.) Welche Grenze das genau ist und ob die sich jährlich mit der Inflation erhöht oder nicht, bleibt offen.

Ist aber auch egal, denn diese Art der Problemkategorisierung ist so unbrauchbar wie von sich selbst weglenkend und erinnert an St. Paulis Andreas Rettig, der im Montagskicker elf Thesen anschlagen darf, die am Ende auch in Teilen nur darum gehen, sich selbst im Wettbewerb mit den nationalen Großen gleichberechtigter zu stellen und im Wettbewerb mit internationalen Kleinen (Österreich und Co) den Vorsprung zu erhalten (und das Geld nicht durch Transfers ins Ausland zu schütten, weil es doch zu Hause besser aufgehoben ist).

Das Buch von Christoph Ruf hat seine Stärken, wo es beobachtend bleibt, weil Ruf ein guter Beobachter ist, der sich in vielen Ecken der Fußballrepublik bereits rumgetrieben hat und natürlich über einen gewissen Rundumblick über die Befindlichkeiten und Gemengelagen im Fußball verfügt. Entsprechend kann man das Buch durchaus auch mit Gewinn lesen. Mich persönlich hat es nicht in den Bann gezogen, sondern war Richtung Ende eher eine Aufgabe, die es noch zu erledigen galt. Das lag einerseits an der beschriebenen, gerade im ersten Teil anzutreffenden Holzschnittartigkeit und andererseits vielleicht auch daran, dass mir einige Geschichten von chinesischen Vereinen in der Regionalliga über dortige U23-Klubs bis hin zu Engländern, die gern nach Deutschland zum Fußball fahren und Amateurklubs und ihren Problemen mit den Verbänden, schon bekannt waren.

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Zeit der Strategen, Matchplan, Helmut Schön und Fieberwahn

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