Suche nach der Übergangslösung, die nicht als Übergangslösung wahrgenommen werden darf

Eine Entscheidung bleibt in dieser Sommerpause noch offen und wird bis Montag noch gelöst werden müssen (wenn man denn keine Übergangslösung bis zur Übergangslösung will). Die, wer denn bei RB Leipzig beim Training auf dem Platz steht. Dass es zu Beginn der Leistungstests und drei Tage vor dem Trainingsstart diesbezüglich immer noch keine definitiven Nachrichten gibt, darf durchaus erstaunen. Schließlich sind seit der Trennung von Ralph Hasenhüttl auch schon wieder fast zwei Monate her. Und auch die Bekanntgabe von Julian Nagelsmann als RB-Trainer ab 2019 ist schon wieder zwei Wochen alt.

Da hier im Blog sehr demnächst Sommerpause ist (dass der Verein es nicht geschafft hat, die Trainerfrage vorher zu klären, hätte ich auch nicht im Ansatz vermutet), machen wir uns doch kurz vor der Bekanntgabe noch mal auf, um eine kleine Reise durch den aktuell realistischen Optionsraum zu unternehmen. Das ist ein wenig spekulativ, aber allzu viele Möglichkeiten gibt es ja auch nicht mehr.

Die letzten Nachrichten aus New York waren jedenfalls relativ eindeutiger Natur. Von „fortgeschrittenen Gesprächen“ mit Jesse Marsch über eine Rolle bei RB Leipzig war dort die Rede. Wobei halt die Frage ist, was diese Rolle beim Bundesligisten sein soll. Im Kern geht es darum, welche Konstellation mit Ralf Rangnick denkbar wäre, in die sich ein Jesse Marsch einfügen lässt.

Man kommt in der aktuellen Situation, eine Saison zu moderieren, an deren Ende man mit Julian Nagelsmann einen neuen Trainer hat, nicht umhin, dem Sportdirektor Rangnick noch mal eine noch stärkere Rolle nah an der Mannschaft zuzuweisen, als in den letzten zwei Jahren. Weil sein externes und vor allem auch internes Standing gebraucht wird, um das Gefühl einer Übergangssaison von vornherein zu zerstreuen. Wenn man die Äußerungen einiger Spieler wie Kevin Kampl nimmt, dann spürt man dort Vorfreude auf Julian Nagelsmann. Aber man hört auch durch, dass sie sich eine zentrale Rolle von Ralf Rangnick im Coachingbereich für das kommende Jahr wünschen.

Letztlich steht nur Ralf Rangnick als interne Lösung mit großem Namen und viel natürlicher Autorität dafür, dass das Gefühl, man warte jetzt einfach zwölf Monate auf Julian Nagelsmann, gar nicht erst aufkommt. Ohne das zu bewerten, gibt es halt diese Geschichten wie jene von Willi Orban vor drei Jahren, der sich vor allem durch die Übernahme des Trainerpostens durch Ralf Rangnick zum Schritt zu RB Leipzig überreden ließ. Der Ruf von Rangnick als Trainer ist auch bei der heutigen Spielergeneration noch ein sehr guter und den könnte man als Faustpfand für die kommende Saison sehr gut gebrauchen.

Die Frage ist halt, ob man einen nah an der Mannschaft agierenden Rangnick mit einer gewissen Außenwirkung auf die (auch mediale) Öffentlichkeit) auch kriegen kann, ohne dass er die kompletten Belastungen eines Trainers hat. Denn auf den Sportdirektor Rangnick kann der Verein noch viel weniger verzichten als auf den Trainer Rangnick. Einen durch den Trainerjob beschädigten Sportdirektor Rangnick (und eventuellen Misserfolg dort) kann auch niemand wollen. Zudem stehen in den kommenden Wochen noch diverse Aufgaben auf dem Transfermarkt auf dem Zettel. Mindestens zwei Spieler müssen noch kommen. Die Torwartfrage muss gelöst werden. Die zurückgekehrten Leihspieler müssen an den Mann gebracht werden. Das sind auch alles keine Aufgaben, die man mal so eben nebenbei macht. Schon gar nicht, wenn man parallel durch die Europa-League-Quali tingeln muss.

Vielleicht hatte man bei RB Leipzig ja gehofft, dass die Bekanntgabe des Nagelsmann-Wechsels noch mal eine Eigendynamik mit sich bringt, die einen Wechsel schon in diesem Sommer ermöglicht. Das ist aber definitiv nicht der Fall und es wäre auch erstaunlich, wenn man tatsächlich ernsthaft auf diese Karte gesetzt hätte, nachdem gerade auch Dietmar Hopp diesbezüglich in den letzten Monaten immer eine klare Linie gefahren ist.

Doch eine solche Hoffnung auf Eigendynamik würde erklären, warum man nun, einen Tag nach Beginn der Leistungstests und drei Tage vor Beginn der Saisonvorbereitung immer noch keine finale Lösung für die Trainerfrage, sondern vor allem einen Optionsraum hat. Dass man angeblich drei Tage vor Trainingsbeginn immer noch in (wenn auch fortgeschrittenen) Gesprächen mit Jesse Marsch steckt, erstaunt ein wenig. Klar, die Terminpläne in den USA sind eng gewesen, weil die Liga keine Pause gemacht hat während der WM, aber schon seit der Hasenhüttl-Trennung gibt es die Gerüchte um Marsch. Und Mitte Juni gab es sogar mal eine Woche Zeit in der Major League Spoccer zwischen zwei Spielen, in der man grundsätzliche Konstellationen einer möglichen Zusammenarbeit hätte klären können.

Einen Trainer aus der MLS zu holen, wäre aus RB-Sicht natürlich ein sehr kreativer und mutiger Schritt, den es so in Deutschland noch nicht gab. Mit Jesse Marsch in die Saison zu gehen und ihm noch ein, zwei Co-Trainer wie Robert Klauß oder den in Leverkusen ausscheidenden und in Leipzig gehandelten Lars Kornetka an die Seite zu stellen, könnte arbeitstechnisch genau die Entlastung sein, die ein Ralf Rangnick braucht. Zudem hat Marsch sehr erfolgreich in den letzten Jahren in New York den Umbruch hin zu einem RB-typischen Spielstil mit jungen Spielern, Pressing und schnellem Umschalten moderiert. Ein Umbruch, mit dem sich Jesse Marsch einen sehr guten Namen in den USA gemacht hat, was ihn sogar zum Kandidaten für den Posten des Nationaltrainers des Landes machte.

Marsch hat in der jüngeren Vergangenheit aber auch betont, dass ihn der Schritt nach Europa reizt und er auch die Möglichkeiten des Red-Bull-Netzwerks für diesen Schritt schätzt (dass Salzburg offiziell nicht mehr zum Red-Bull-Netzwerk gehört, muss ihm noch mal jemand verklickern). Dass er sich die Möglichkeiten des Red-Bull-Netzwerks nicht aus der Zeitung angelesen hat, sollte klar sein. Gerade der Kontakt zum ehemaligen Red-Bull-Soccer-Boss Oliver Mintzlaff, der auch den Umbruch in New York nicht unwesentlich mitbegleitete, dürfte da eine Rolle spielen. Zudem war Marsch selbst in der Vergangenheit schon bei RB-Leipzig-Trainingslagern und -Spielen vor Ort und dürfte dort entsprechende Möglichkeiten bereits zumindest am Rande besprochen haben.

Die Frage ist halt, welche Option für ihn in Leipzig gerade gebaut werden soll und wie reizvoll diese für Marsch ist. In den USA schätzt man, dass ein purer Co-Trainer-Posten unter Rangnick für Marsch nicht so reizvoll wäre, dass er dafür den Job in New York aufgeben würde. Ganz praktisch gesehen braucht es für ihn bei einem möglichen Engagement in Leipzig eine Rolle, in der er als verantwortlicher Akteur wahrgenommen wird und entsprechend auch mögliche Erfolge als sein Verdienst verkaufen kann, um entsprechende nächste Karriereschritte gehen zu können.

Damit ist auch verbunden, was denn eigentlich seine Perspektiven in Europa sind. Bei RB Leipzig wäre er Trainer oder Teil-Trainer oder Co-Trainer für ein Jahr. Nächsten Sommer gäbe es dann keine Perspektive mehr in Leipzig (zumindest nicht auf verantwortlicher Ebene in der Bundesliga). Klar könnte er drauf hoffen, dass in dem einen Jahr irgendwo eine andere spannende Tür aufgeht. Vielleicht ist es aber auch eine Option, ihm einen Job an der Seite von Rangnick schmackhaft zu machen, indem man ihm den Job in Salzburg für 2019 in Aussicht stellt, wo ja Marco Rose in einem Jahr sicherlich den nächsten Schritt gehen und den Verein verlassen wird (zumindest wäre alles andere überraschend). Aber die Marsch-Salzburg-Connection ist schon sehr wild spekuliert. Irgendeine Form von Perspektive über das Jahr hinaus wird man Marsch aber schon aufzeigen müssen, wenn man ihn vom Schritt nach Leipzig überzeugen will.

Letztlich klingt es ein wenig nach der Quadratur des Kreises. Aber es läuft angesichts des Optionsraums darauf hinaus, dass man eine Konstellation finden muss, in der Ralf Rangnick das interne und externe Zugpferd ist, das der Übergangssaison-Interpretation qua seines Namens, seiner Fachkompetenz und seiner daraus resultierenden Autorität sofort das Wasser abgräbt und in der Jesse Marsch einen mindestens nicht unwesentlichen Teil des Traineralltags bestreitet, das vielleicht als Lernschritt begreift und aber gleichzeitig ein wesentlicher Teil des sportlichen Wirkens auch ihm angerechnet wird. Das wäre mit einem starken Rangnick neben sich aber angesichts der öffentlichen Wahrnehmung, die sich sehr auf den Sportdirektor fokussieren würde, auch nicht so einfach.

Eine Cheftrainer-Konstellation mit Marsch und einem im Hintergrund agierenden Rangnick hätte dagegen allerlei Risiken. Einerseits jenes, dass Marsch erstmal eine gewisse Skepsis in der Mannschaft und in der Öffentlichkeit aus dem Weg räumen muss. Wobei gute Trainer ihre Spieler heutzutage durch gute Argumente und Arbeit auch gut einfangen können. Es besteht das Risiko, dass anfänglicher Misserfolg eine gewisse Eigendynamik bekommt, weil Marsch halt in der ersten Wahrnehmung nur ein Übergangstrainer für ein Jahr ist. Ein Risiko, das noch dadurch erhöht wird, dass Marsch gleich in einer ungewöhnlichen Konstellation steckt, die Vorbereitung quasi direkt mit der Europa-League-Quali verknüpfen und dann direkt in Dortmund antreten zu müssen.

Es würde auf Jesse Marsch bei einem Schritt nach Deutschland extrem viel Neues einprasseln, für das er genaugenommen null Zeit hat, es auch zu verarbeiten. Das alles unter der Zielvorgabe, in der kommenden Spielzeit möglichst wieder in die Champions League einzuziehen. Dazu ein Trainer, der kein deutsch, sondern englisch spricht, was gerade in der öffentlichen Kommunikation noch mal eine Hürde darstellt und auch intern noch mal eine kleine Barriere ist (auch wenn man bei RB Leipzig teilweise auch jetzt schon stark auf englisch setzt).

Jesse Marsch mal eben alleine auf den Cheftrainer-Posten eines Bundesligisten zu setzen, hat insgesamt extrem viel Potenzial schief zu gehen. Für RB Leipzig, aber auch für Marsch selbst, für den der Schritt nach Europa am Ende auch sitzen muss, wenn er hier eine erfolgreiche Karriere haben will. Entsprechend blieb rein logisch nur, eine Konstellation mit möglichst geringem sportlichen Risiko zu finden, von der Marsch, Rangnick und RB Leipzig was haben. Der Verein eine erfolgreiche Saison. Ralf Rangnick einen machbaren Job, bei dem die Rolle als Sportdirektor nicht zu stark leidet. Und Jesse Marsch einen vernünftigen Schritt nach Europa, bei dem er Hilfe an die Hand kriegt, ohne dass man ihn als Hütchenaufsteller wahrnimmt. So ungefähr. Als Optionsraum. Mal sehen, wie dann die Realität demnächst aussieht.

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Schon immer Teil der Red-Bull-Familie: Jesse Marsch Anfang 2015 zu Beginn seiner Amtszeit in New York bei einem Trainingslager in Katar zwischen den Kollegen Alexander Zorniger und Adi Hütter aus Leipzig und Salzburg. | GEPA Pictures - Felix Roittner
GEPA Pictures – Felix Roittner

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