Mit defensiver Stabilität ins Halbfinale der Europa League

[Direkt unter dem folgenden Vorbericht vor der Partie von RB Leipzig bei Olympique Marseille (12.04.2018, 21.05 Uhr) befindet sich der kein Liveticker von der Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel. Im Anschluss an die PK (Start: 18.30 Uhr) werden hier am Abend die wichtigsten Aussagen von Mit Ralph Hasenhüttl und Marcel Sabitzer nachgetragen.]

Rückspiel im Viertelfinale der Europa League schon wieder. Drei Tage nach dem durchaus heftigen Tiefschlag gegen Bayer Leverkusen, der RB Leipzig in der Bundesliga wieder zurückgeworfen hat und der vor allem in Bezug auf die defensive Stabilität der Mannschaft einige Fragen offen ließ. Quasi als Anschlussfragen zu den Spielen gegen Hannover und Marseille, wo man ja auch jeweils schon einiges an Gelegenheiten zugelassen hat.

Defensive Stabilität wird man im Rückspiel in Marseille ziemlich sicher brauchen.  Denn Olympique wird in diesem Spiel alles in die Waagschale werfen, um den 0:1-Rückstand aus dem Hinspiel wettzumachen. Um ohne Elfmeterschießen weiterzukommen, braucht man mindestens zwei Tore. Was man in den bisherigen Europa-League-Spielen (inklusive Quali) schon fünfmal schaffte.

Wieder zurückgreifen wird man dabei vermutlich auf Florian Thauvin können. Der Topscorer des Teams war im Hinspiel ausgefallen und könnte im Rückspiel nach Lage der Dinge ins Team zurückkehren. Zusammen mit Lucas Ocampos würde man dann ein extrem gefährliches Flügel-Duo bilden. Ocampos hat schon im Hinspiel auf der linken Seite mit Ballersicherheit, Qualität im Dribbling und viel Physis geglänzt, blieb aber wie die Kollegen vor dem Tor glücklos. Mit Thauvin käme auf der rechten Seite ein passendes Äquivalent, das viel Geschwindigkeit mitbringt und sowohl als Vorbereiter als auch als Torschütze enorm gefährlich ist. 34 Torbeteiligungen in 44 Pflichtspielen (davon 39 von Beginn an) sprechen deutlich für den französischen Nationalspieler.

Mit Thauvin würde Olympique Marseille ein entscheidendes Puzzlestück zurückkriegen, das im Hinspiel fehlte. Falls die Innenverteidiger Rolando und Rami weiter ausfallen, täte das auch weh. Aber das alles wäre halbwegs verschmerzbar und auffangbar, weil man mit Gustavon und Kamara ein gutes Duo in der Innenverteidigung hätte (wenn man denn im Gegensatz zum Hinspiel mit einer Viererkette und nicht mit einer Dreier-/ Fünferkette spielt).

Gustavo ist mit seiner Erfahrung, seinem sehr guten Stellungsspiel und seinem kompromisslos-zielsicheren Zweikampfverhalten in der Innenverteidigung vielleicht sogar wertvoller als auf der Doppelsechs. Zumal man auf der Doppelsechs mit Sanson und Lopez eine gute und spielstarke Besetzung hätte.

Ein Ausfall von Thauvin würde dagegen bezüglich der Ambitionen, ins Halbfinale der Europa League einzuziehen, sehr schmerzen. Bouna Sarr kann auf der Position Dynamik einbringen, ist aber eben qualitativ eine Stufe tiefer angesiedelt und als Rechtsverteidiger besser besetzt. Dimitri Payet seinerseits ist zwar ein spektakulärer Spieler, aber für die Außenbahn eigentlich nicht dynamisch genug.

Neben einem möglichen Ausfall von Thauvin schmerzt vor allem auch der sichere Ausfall von Stammtorwart Steve Malanda. Der hatte vor seiner Verletzung, die er sich im Spiel vor der Partie in Leipzig zuzog, einiges an spektakulären Paraden gezeigt und sich als sicherer Rückhalt seines Teams präsentiert. Ersatzmann Yohann Pele zeigte im Hinspiel in Leipzig, dass er damit qualitativ nicht mithalten kann und sah beim einzigen Gegentor nicht sehr glücklich aus.

Fraglich noch, wie sich Olympique Marseille im Rückspiel im Sturm aufstellen wird. Im Hinspiel war man ganz vorn überraschend mit Kostas Mitroglou aufgelaufen. Eher der physische Stürmer, den man auch mal hoch anspielen kann. Dafür saß der anlaufende Konterstürmer Valere Germain nur auf der Bank. In einem Auswärtsspiel bei RB, in dem man auch mal auf Räume in der Tiefe hoffen kann, eine eher erstaunliche Entscheidung. Zumal zuletzt in der Liga gegen Montpellier gegen einen tief und kompakt verteidigenden Gegner plötzlich Germain in der Startelf stand (und sich nicht ganz überraschend schwer tag).

Gegen Montpellier erkämpfte sich Marseille am letzten Wochenende ein 0:0. Dabei trat man bereits am Sonntag an. Da man keinen Reisestress zwischen dem Ligaspiel und dem Europa-League-Spiel und sowieso einen Tag mehr Vorbereitung hat, geht dieser Punkt schon mal deutlich an Olympique. Für RB Leipzig bleibt nämlich auf der anderen Seite zwischen dem Montagsspiel gegen Leverkusen und dem Europa-League-Spiel in Marseille essenziell eine Trainingseinheit am Mittwochmittag, bevor man dann bereits nach Frankreich reist.

Das Spiel gegen Montpellier war für Marseille jedenfalls ein typisches in einer englischen Wochen zwischen zwei Europapokal-Spielen. Es fehlte die allerletzte Power beim Team, das gegen Leipzig bereits das 53.(!) Pflichtspiel in dieser Saison bestreiten wird. Aufgrund der Verletzungen und der vielen Spiele geht die Mannschaft langsam ein wenig auf dem Zahnfleisch.

Da kam dieses 0:0 gegen Montpellier, das man mit etwas Glück bei einem Pfostentreffer auch dreckig gewinnt, vielleicht ganz recht, weil man nicht 100% investieren musste, um den Gegner unter Kontrolle zu halten. Im Spiel gegen Leipzig wird man allerdings sicherlich mit einer anderen Intensität auflaufen und auch auflaufen müssen, wenn man tatsächlich mit zwei Toren Differenz gewinnen will.

Dass die Mannschaft mit viel Power und Druck agieren kann, hat sie in den letzten Wochen und Monaten immer wieder bewiesen. Man verfügt über eine gute Physis, wenn man an Spieler wie Ocampos und Thauvin denkt. Man hat aber auch einiges an spielerischer Qualität im Kader, wenn man auf Lopez oder Payet schaut. Letzterem fehlt manchmal vielleicht die Dynamik, aber aus einer etwas tieferen, zentraleren Mittelfeldposition heraus kann er immer noch den Unterschied machen. Ihn in Strafraumnähe schießen lassen, sollte man auch tunlichst vermeiden.

Interessant wird auch die Rolle der Atmosphäre beim Rückspiel in Frankreich. Nach letztem Stand werden um die 60.000 Zuschauer erwartet (bei nur knapp 600 Anhängern aus Leipzig). Die Fans von Olympique gelten zudem als gut entflammbar. Also ein klassisches Stadion, in dem sich Mannschaft und Anhängerschaft gegenseitig tragen können. Allerdings wird es im Stade Velodrom auch durchaus mal ruhig, wenn die Partie nicht so spektakulär verläuft.

Auf Seiten der Spieler von RB Leipzig war jedenfalls vor der Partie bereits ein großer Respekt vor der Atmosphäre in Marseille vernehmbar. Man wolle das zwar nicht als Ausrede nehmen, erklärte beispielsweise Diego Demme, aber heftig werde es vor Ort schon werden. Wenn man die Erfahrung vom Spiel in Istanbul nimmt, dann war RB Leipzig in der Vergangenheit durchaus im negativen Sinne empfänglich für lautstarke Kulissen. Dass dem Team in Marseille eine derartige Klangwelle wie in Istanbul entgegenschlägt, ist allerdings nicht anzunehmen. Wobei halt wie gesagt zwischen Fans und Mannschaft aufgrund des Spielverlaufs auch ein Flow entstehen kann, bei dem man als Gast durchaus recht heftig in Bedrängnis gerät.

Für RB Leipzig stellt sich die Frage, wie man nach dem 1:0 im Hinspiel in Marseille agiert. Mit dem Ergebnis waren vor einer Woche alle unisono zufrieden, weil man schließlich kein Gegentor kassiert hatte. Klar, ohne Gegentor geblieben zu sein, ist besser als eins gekriegt zu haben. Aber ein bisschen seltsam ist es auch, dass in europäischen Wettbewerben Teams oft mit einem 1:0 zufrieden sind, weil sie Angst vor einem Gegentor haben. Ob RB Leipzig im Hinspiel hätte mehr Mut zeigen und auf ein zweites Tor gehen sollen, wird das Resultat aus dem Rückspiel zeigen. Fakt ist, dass beide Mannschaften im Hinspiel sehr früh mit dem Ergebnis zufrieden waren und entsprechend wenig Risiko gingen. Fakt ist auch, dass aufgrund der defensiven Anfälligkeiten ein erhöhtes Risiko gegen Marseille dann eben wohl auch zu viel des Risikos gewesen wäre.

Die Defensivprobleme der letzten Spiele bei RB Leipzig sollten entsprechend eigentlich für das Rückspiel in Marseille einen besonderen Fokus auf diesen Mannschaftsteil lenken. Allerdings wird man nur mit Verteidigen auch nicht ins Halbfinale der Europa League kommen. Für eine  eher defensiv orientierte Dreierkette (also kein 3-4-3-Pressingmassakter wie gegen Bayern, sondern ein kompaktes, auf Ballkontrolle orientiertes 3-4-3 mit Hang zum 5-4-1) spräche eine gute Präsenz in der Spielfeldmitte und viel Kompaktheit. Dagegen spräche, dass man eigentlich nicht mit einem Spieler wie Bruma links gegen Thauvin verteidigen würde wollen. Das wäre etwas arg viel Risiko.

Fakt ist, dass RB Leipzig nach dem Spiel gegen Leverkusen wieder auf einigen Positionen tauschen wird. Augustin, Bruma, Demme, Konaté und Ilsanker wären die Kandidaten, die in die Mannschaft rutschen könnten. Ausgehen kann man davon, dass Ralph Hasenhüttl mit seiner bestmöglichen Formation in diese Partie geht und keine Rücksicht auf das Spiel am Sonntag in Bremen nehmen wird. Das Ziel ist das Halbfinale der Europa League und dafür wird man im Rahmen der Möglichkeiten der englischen Wochen personell alles in die Waagschale werfen, was geht.

Mögliche Aufstellungen:

  • Olympique Marseille: Pele – Sakai (Sarr), Gustavo (Rolando), Kamara (Rami), Amavi – Lopez (Gustavo), Sanson – Thauvin (Sarr), Payet, Ocampos – Germain (Mitroglou)
  • RB Leipzig: Gulacsi – Klostermann, Orban, Konaté (Upamecano), Bernardo – Kampl (Demme), Keita (Demme) – Sabitzer (Forsberg), Bruma – Augustin (Poulsen), Werner

Fazit: Das Rückspiel in Marseille im Viertelfinale der Europa League wird für RB Leipzig nochmal eine ganz heiße Angelegenheit. Die Chancen dürften weiterhin bei 50:50 liegen, denn Olympique ist im heimischen Stade Velodrom immer in der Lage mit Physis, Power, Geschwindigkeit und einiger Spielstärke zwei Tore zu erzielen. Um weiterzukommen, dürfte RB Leipzig wohl mindestens ein Tor schießen müssen. Angesichts der kurzen Vorbereitung und des psychologischen Nackenschlags aus dem Spiel gegen Leverkusen sicherlich keine einfache Aufgabe.

[Wer das Spiel von RB Leipzig bei Olympique Marseille nicht vor Ort verfolgen kann und am 12.04.2018, ab 21.05 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze das Vereinsradio. Bilder gibt es live bei Sky und Sport1.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Olympique Marseille

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Wieder Anzugzeit für Ralph Hasenhüttl. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel von RB Leipzig gegen Olympique Marseille. Mit Ralph Hasenhüttl und Marcel Sabitzer.

Marcel Sabitzer zur Vertragsverlängerung: „Habe am Montag mein 100. Pflichtspiel gemacht. Aus dem Anlass haben wir das dann gemacht. War nur ein Spaß. Hat lange genug gedauert. Jetzt bin ich froh, dass wir einig geworden sind. Will den Weg mit RB weitergehen. Ich fühle mich hier wohl. Deshalb habe ich mich dafür entschieden. Wichtig, dass Ruhe einkehrt. Will mit dem Verein noch große Sachen erreichen.“

Sabitzer: „Wenn man verliert, dann ist nicht viel positiv. Aber war nicht viel Zeit zwischen Leverkusen und Marseille. Wir haben die Köpfe freibekommen und bereiten uns auf das Spiel vor. Haben Videos angeguckt, wie wir sie knacken können. Brauchen eine andere Leistung als am Montag. Aber ich bin zuversichtlich.“

Sabitzer zu 60.000 im Stade Velodrom: „Gute Kulisse holt zusätzlich ein paar Prozente hervor. Freuen uns darauf. Sind vorbereitet und wollen auf Sieg spielen.“

Hasenhüttl zum vollen Stadion: „Haben diese Saison schon viele tolle und volle Stadien gesehen und gute Spiele gemacht. Haben keine Angst.“

Hasenhüttl: „Willi Orban mit toller Entwicklung. Wichtiger Bestandteil. Im Hexenkessel in Marseille gefordert.“

Hasenhüttl: „Wenn Werner voll fit ist und keine Schmerzen hat, wird er spielen. Einzeltraining nur Vorsichtsmaßnahme.“

Hasenhüttl: „Sehr laute Auswärtsspiele schon erlebt diese Saison. Da sind die Jungs einen Schritt weiter. Wollen ein frühzeitiges Zeichen setzten, vielleicht ja auch in Form eines Tores. Mutig auftreten. Lautstärke im Stadion ist uns komplett egal.“

Hasenhüttl zu Florian Thauvin:“Wir wissen, was er für Qualitäten hat. Wir haben auch Qualitäten in der Defensive. Haben Verteidiger, die die Fähigkeiten haben, ihn zu stoppen. Thauvin ist nach seiner langen Pause frisch, aber vielleicht noch nicht so richtig im Rhythmus. Hat gute Bewegungen zum Tor hin. Müssen die Qualitäten von Marseille schon im Ansatz ersticken.“ Nicht nur Fokus auf Thauvin, gesamte Mannschaft gut.

Hasenhüttl: „In jedem Spiel in der Europa League eng gewesen. Marseille offensiv mit Qualität. Mit Thauvin kommt noch ein guter Spieler dazu. Brauchen vier gute Halbzeiten, um weiterzukommen. Zwei haben wir schon gespielt, zwei brauchen wir noch. Verwalten allein geht nicht. Müssen mit gemeinsamen Kräften gut verteidigen und eigene Akzente setzen.“

Hasenhüttl zu Sabitzers Vertragsverlängerung: „Wichtiges Zeichen, dass er sich für unseren Weg entschieden hat. Wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Freue mich, dass er den Weg mit uns geht.“

Hasenhüttl: „Spiel gegen Leverkusen mit zwei unterschiedlichen Hälften. Erste war besser als ich es im Spiel empfunden hatte. Zweite Halbzeit war nicht gut. Viel zu einfache Gegentore. Haben uns um eine sehr gute Ausgangssituation gebracht. War aber wichtig, dem nicht lange hinterherzutrauern. Nicht so viel Zeit. Spielen schnell wieder und können es graderücken. Europa League ist ein Highlight. Plätze 2 bis 5 der Bundesliga drücken uns wahrscheinlich alle die Daumen, dass wir weiterkommen.“

Hasenhüttl zu Demme (gegen Leverkusen geschont): „Froh, dass er wieder voll einsatzfähig ist. Sehr wichtige Rolle bei uns. Sehr stabil mit ihm. Zweikampfstark. Einer, der sich wehrt. Gut, dass er ausgeruht morgen ins Spiel gehen kann. Wollten gegen Leverkusen nichts mit ihm riskieren.

Hasenhüttl: „Vertrauen in unsere Offensive. Kann jeder Mannschaft wehtun. In jedem Spiel bis auf Besiktas auswärts getroffen. Wollen uns nicht verstecken. Müssen selbst versuchen Tore zu machen. Auch wenn Marseille sehr stabil ist. Die wenigen Chancen, die wir kriegen, müssen wir nutzen.“

Hasenhüttl: „Haben den einen oder anderen mit leichten Blessuren. Mal sehen, wie das bis morgen ist. Haben viele Möglichkeiten zu variieren. Wird morgen auf Automatismen ankommen und gegen den Ball ein kompaktes Netz aufzubauen. Letzte Entscheidung noch nicht gefallen.“

Hasenhüttl: „Keita hat Zusammenprall überstanden. Prellung macht keine Probleme mehr. Seine Qualität steht außer Frage. Ist defensiv und offensiv wichtig. Das Gesamtpaktet war Liverpool nicht umsonst viel Geld wert. Ist sehr motiviert, in der Europa League noch mal weiterzukommen. Erwarte ihn in Topform.“

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