Kein Spiel für Feinschmecker

[Direkt unter dem folgenden Vorbericht vor der Partie von RB Leipzig gegen Zenit St. Petersburg (08.03.2018, 21.05 Uhr) befindet sich der Ticker von der Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel. Mit Ralph Hasenhüttl und Emil Forsberg.]

Europa Leauge Teil 2. Nach den beiden Partien gegen den SSC Neapel steht nun bereits das Achtelfinale an. Mit Zenit St. Petersburg wartet rein nominell ein schwächerer Gegner als in der letzten Runde auf RB. Es ist zudem ein Gegner, dessen spieltaktischer Fokus auf ganz anderen Dingen liegt als beim SSC Neapel.  Trainer Roberto Mancini hat den Russen ein schon eher dem italienischen Klischee entsprechendes Defensivkonzept verpasst, gegen das anzuspielen, zu den weniger angenehmeren Dingen des Fußballerlebens gehören dürfte.

Mancini gehört wahrscheinlich schon zu den schillerndsten Figuren des Gazprom-Klubs, der in der Vergangenheit immer mal wieder am ganz großen Rad drehen wollte. Ex-RBL-Chef Dietmar Beiersdorf durfte auch in Russland zwischen 2012 und 2014 mal einige Millionen bei Zenit verbrennen und mit André Villas-Boas einen illustren Trainer einstellen. Aktuell ist bei Zenit St. Petersburg die italienische Zeit ausgebrochen und arbeiten neben Mancini diverse Assitenztrainer und mit Oreste Cinquini auch ein sportlich Verantwortlicher aus Italien beim russischen Europa-League-Teilnehmer.

Von welcher Qualität der Verein ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Im UEFA-Rangking belegt Russland Rang 6, direkt hinter Frankreich. Im Europapokal sind zumindest in der Europa League russische Vertreter auch regelmäßig in der K.o.-Phase dabei. Mit gleich drei Vereinen stellt Russland das größte Kontingent an Teams im Achtelfinale der diesjährigen Europa League. Im Klub-Ranking der UEFA liegt St. Petersburg aufgrund regelmäßiger Europapokal-Teilnahmen und regelmäßigem Überwintern in Europa in den letzten Jahren direkt hinter Neapel noch in den Top20. Ganz aussagekräftig sind diese Rankings allerdings auch nicht.

Dass gleich drei Teams aus Russland die Runde der letzten 32 der Europa League überstanden haben, darf durchaus überraschen. Denn die russische Premier Liga beendete erst am vergangenen Wochenende ihre Winterpause, sodass keines der beteiligten Teams bei den letzten EL-Spielen bereits im Spielrhythmus war. Vor diesem Hintergrund war das 3:0 von Zenit St. Petersburg im Rückspiel des Sechszehntelfinales gegen ein chancenloses Celtic Glasgow durchaus beeindruckend. Das 0:0 am Wochenende gegen Abstiegskandidat Perm allerdings weniger. Höchstens wenn man Anschauungsunterricht in Sachen robustem, russischen Fußball brauchte.

Robust geht es auch bei Zenit St. Petersburg zu. Dafür stehen nicht nur zwei Platzverweise am letzten Spieltag. Sondern dafür steht ein in der Breite in Bezug auf die Körpergröße recht groß und vor allem auch durchsetzungsfähig zusammengestellter Kader. Das führt nicht nur zu kompromisslosem Verteidigen, sondern auch dazu, dass man (vor allem defensiv) ein sehr gutes Standardteam ist. Über Ecken und Freistoßflanken wird man St. Petersburg eher nicht bezwingen. Zumal nicht RB Leipzig, deren Spezialdisziplin das Verwandeln von ruhenden Bällen nun nicht unbedingt ist.

Typischerweise für ein Team, das in der Liga ein Spitzenteam ist und europäisch zumindest ein Stück hinter der Spitze liegt, unterscheiden sich die Herangehensweisen an den Fußball dann doch deutlich zwischen den Wettbewerben. In der heimischen Liga ist St. Petersburg ein Team, das viel den Ball und eine gute Passquote hat und dabei die drittmeisten Torschüsse aller Mannschaften generiert. In der Europa League fährt man etwas mehr die Underdog-Taktik über eine sehr gute Defensive, sicheren Spielaufbau, Umschalten und Standards. Wobei man damit in der Gruppenphase überragende 17 Tore erzielte, mehr als alle anderen Mannschaften im Wettbewerb.

Doch vor diesen offensiven 17 Toren steht halt ein mannschaftlich kompaktes Verteidigen, das in vorderster Linie nicht zwangsläufig sonderlich aggressiv ist, aber auch mal etwas aggressiver gespielt werden kann. Meist beginnt die entscheidende Arbeit gegen den Ball allerdings erst an und hinter der Mittellinie. Irgendwo zwischen 4-4-2 und 4-5-1 arbeitet man dort aus der Vierer- oder Fünferformation im Mittelfeld in Ballnähe sehr intensiv. Allerdings auch oft in Eins-gegen-Eins-Duellen und nicht als mannschaftlicher Pressingschwarm.

Sprich, wenn man als Gegner solche Eins-gegen-Eins-Duelle, von denen man einige kriegt, gut auflösen kann, können sich dahinter auch immer mal Räume ergeben. Vermutlich liegt für die zwei Spiele gegen St. Petersburg darin der Schlüssel, diese Duelle im Mittelfeld für sich zu entscheiden. Birgt halt aber auch immer eine gewisse Gefahr, wenn man versucht, solche Situationen beispielsweise durch Dribblings aufzulösen, dass man dann in irgendeinen Konter läuft.

Was Zenit St. Petersburg spielt, ist (gerade im Vergleich zum SSC Neapel) kein übermäßig spannender Hipster-Kram, aber es ist (vor allem international) sehr gut organisierter, defensiver Teamfußball mit Ankern wie dem langjährigen Chelsea-Mann Branislav Ivanovic, der unter anderem schon die Champions League gewann, aber im Finale in München gesperrt ausfiel, oder dem schon seit 2011 bei St. Petersburg spielenden Domenico Criscito oder dem Königstransfer des letzten Sommers Leandro Paredes (der im Hinspiel gegen RB allerdings gesperrt ausfällt). Paredes kam für über 20 Millionen Euro vom AS Rom und war einer von gleich fünf Argentiniern, die letzten Sommer für insgesamt rund 70 Millionen Euro verpflichtet wurden.

Interessanterweise angesichts des defensiven Fokus, dass das Torschussverhältnis trotz der plus 14 Tore in bisher acht Europa-League-Spielen negativ ist. St. Petersburg hat (vielleicht nicht ganz unerwartet) deutlich unterdurchschnittlich viele Schüsse abgegeben und auf der anderen Seite (das überrascht schon eher) überdurchschnittlich viele zugelassen. Rund zwei Torschüsse mehr hatten die Zenit-Gegner bisher pro Partie. Das spricht dafür, dass St. Petersburg vor dem gegnerischen Tor aus wenig eher viel macht. Und es spricht dafür, dass man defensiv aufgrund des eher tiefen Verteidigens zwar einige Schüsse zulässt, diese aber nur selten ohne Druck eines Verteidigers zustande kommen, sodass sie selten erfolgreich sind und am Ende halt durchaus beeindruckende 20:6 Tore stehen. Insgesamt 9:3 Tore schoss man in vier Spielen gegen Real Sociedad und Celtic Glasgow, das ist nicht nichts.

Letztlich ist das Spiel von Zenit kein akademisches Teufelszeug, aber in seiner Ausführung mehr als passabel. Da wird aus der robusten Defensivformation auch immer wieder mit langen Bällen gearbeitet, um Räume in der Tiefe zu bespielen. Rigoni ist auf der Außenbahn eine Kreativoption, auf die man verstärkt aufpassen muss. Aleksandr Kokorin ist derweil in der Zentrale der absolute Goalgetter, wobei der russische Nationalspieler vor allem durch seinen Torabschluss überzeugt.

Gefragt ist gegen Zenit St. Petersburg wohl vor allem Geduld. Mit 13 Gegentoren haben sie die beste Defensivabteilung der russischen Liga. Gegen das aggressive Anlaufen ab der Mittellinie und das robust-kompromisslose Spiel des russisch-argentisch-italienischen Teams muss man sich auch erstmal zu behaupten wissen und mit einer gewissen Ballsicherheit die Räume bespielen, die sich hinter dem Anläufer zwangsläufig ergeben. Aber selbst wenn man sich da durch gespielt hat, warten halt in der Viererkette in der Abwehr noch einige Kanten, die einem schönen Zweikampf nicht aus dem Weg gehen.

Das ganz große Spektakel ist in den zwei Spielen gegen St. Petersburg nicht zu erwarten. Eher ein Abnutzungskampf gegen ein gut organisiertes Team, das mit einiger Erfahrung und einiger internationaler Klasse gespickt ist. RB Leipzig wird gegen diese Mannschaft hart arbeiten müssen, wenn man tatsächlich eine Runde weiterkommen will. Was ja das erklärte Ziel bleibt, wenn Ralph Hasenhüttl zuletzt davon sprach, dass man in der Europa League gern noch ein paar Runden mitnehmen würde.

Inwieweit sich das in der Aufstellung widerspiegelt, wird man abwarten müssen. Gegen Dortmund stand die beste Formation auf dem Platz. Was natürlich auch bedeuten könnte, dass gegen St. Petersburg der eine oder andere aus der Startelf rotiert. Demme, Bruma, Poulsen oder ein Bernardo saßen gegen Dortmund nur auf der Bank und bieten sich als erste Aufstellungsalternativen an. Dass es eine Radikalrotation gibt, ist allerdings angesichts des Hasenhüttlschen Ehrgeizes nicht zu erwarten. Auch wenn schon am Sonntag das eigentlich wesentlich wichtigere Spiel beim VfB Stuttgart ansteht, wo RB Leipzig nach drei sieglosen Bundesligaspielen ein wenig unter Zugzwang steht.

Verletzungstechnisch ist nach aktuellen Stand bei RB Leipzig noch kein Problem in Sicht [Update: Kampl fällt wegen leichter muskulärer Probleme aus]. Die fehlende Spielberechtigung für Ademola Lookman in Europa sorgt halt für eine Alternative weniger in der Offensive. Aber mit Forsberg und Bruma hat man auf der Position auch ausreichend Alternativen.

Mögliche Aufstellungen:

  • RB Leipzig: Gulacsi – Laimer (Bernardo), Orban, Upamecano (Konaté), Klostermann (Bernardo) – Demme, Keita – Sabitzer, Forsberg (Bruma) – Werner, Poulsen (Augustin)
  • Zenit St. Petersburg: Lunev – Criscito, Mammana, Ivanovic, Smolnikov (Mevlja) – Kuzyaev, Kranevitter, Erokhin, Rigoni – Zabolotnyi (Driussi), Kokorin

Fazit: Es wird vermutlich kein Spiel für Feinschmecker, wenn man die Qualitäten von Zenit St. Petersburg in der Defensive als Maßstab nimmt. Die russische Mannschaft mit ihren italienischen Trainer-Einflüssen ist kein Team von überragender, aber ordentlicher europäischer Qualität und vor allem eins, das gut zu arbeiten und an beiden Enden des Spielfelds ziemlich effizient zu agieren weiß. In den beiden Duellen ist RB Leipzig sicher kein krasser Außenseiter, sondern ungefähr auf Augenhöhe mit dem Gegner. Um sich durchzusetzen, wird man aber viel in die Partien investieren und sehr konzentriert spielen müssen. Ein nicht unspannender Vergleich mit einer Mannschaft aus einer Liga, mit der es wenig Berührungspunkte gibt und von der man hierzulande entsprechend nur wenig weiß. Aber die zwei direkten Duelle sind eine gute Möglichkeit, den russischen Klub-Fußball mal etwas näher kennenzulernen.

[Wer das Spiel von RB Leipzig gegen Zenit St. Petersburg nicht vor Ort verfolgen kann und am 08.03.2018, ab 21.05 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live bei Sky und Sport1.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. Zenit St. Petersburg

  • keine

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Wieder Anzugzeit für Ralph Hasenhüttl. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel von RB Leipzig gegen Zenit St. Petersburg. Mit Ralph Hasenhüttl und Emil Forsberg.

Emil Forsberg: „Sehr guter Gegner. Vor allem nach vorn. Erfahrene Spieler zum Beispiel mit Ivanovic. Heiße Spiele. Gibt keinen Favoriten.“

Forsberg: „Müssen Topleistung bringen, Mentalität zeigen. Dürfen sie nicht unterschätzen.“ (Frage war, ob es ein Vorteil ist, dass St. Petersburg grad erst aus der Winterpause kommt.“

Forsberg: „Habe keine Erfahrung mit russischen Mannschaften, nur mit der Nationalmannschaft. Erwarte  ein hartes Spiel mit vielen Zweikämpfen. Freue mich auf das Spiel. Achtelfinale der Europa League. Wer hätte das gedacht.“

Forsberg: „Wir wollen jedes Spiel gewinnen, egal ob Bundesliga oder Europa League. Und wir haben auch die Qualität dazu.“

Ralph Hasenhüttl: Kevin Kampl fällt wahrscheinlich aus. „Hat einen Schlag bekommen in der Nähe vom Knie. Muskulatur hat zugemacht. Gegen Stuttgart wieder ein Thema.“

Hasenhüttl: „Wir müssen in Bundesliga und Europa League Topleistungen bringen. Das ist nicht einfach im Vier-Tages-Rhythmus, haben wir aber in der Hinrunde auch schon hinbekommen. Das werden wir auch jetzt versuchen. Ist ein Privileg, zu dieser Jahreszeit noch in dem Rhythmus zu spielen. Dass wir es geschafft haben, Neapel rauszuschmeißen und nun den nächsten Brocken vor der Brust haben, macht uns stolz. Freuen uns, international noch dabei sein zu dürfen.“

Hasenhüttl: „Gegner hat mehr Erfahrung zum Beispiel mit Ivanovic. Truppe, die gute Einzelkönner hat, zum Beispiel Rigoni oder Kokorin. Viel Personal in der Box, das torgefährlich ist. Spielstil ist sehr klar und auch robust. Schwer zu verteidigen. Kein Zufall, dass Zenit in der Europa League schon 17 Tore geschossen hat. Ein gutes Spiel wäre ein zu Null. Das haben wir international bisher noch gar nicht geschafft.“

Hasenhüttl: „Jedes Tor was wir kassieren, müssen wir auswärts schießen. Das können wir, aber lieber wäre mir, mit einem Vorsprung nach St. Petersburg zu fahren und ohne die Auswärtstorregel zu nutzen, weiterzukommen. Das wird schwer genug. Wir haben dieses Jahr international Erfahrungen sammeln müssen, die wir noch nicht kannten. Hinten leichtsinnig agiert. Da muss Abgeklärtheit dazukommen. Gegen Neapel ganz gut gemacht, auch wenn wir das Heimspiel verloren haben. Weiterkommen hat Selbstvertrauen gegeben und ich bin guter Dinge, dass wir eine weitere Überraschung schaffen können.“

Hasenhüttl: „Bin sehr froh, dass Forsberg wieder spielen kann. War eine lange Durststrecke, wo er zuschauen musste. Haben es immer geschafft, ihn so hinzubekommen, dass er nicht 90 Minuten powern muss und in einen Ermüdungszustand kommt, in der er danach wieder Probleme bekommt. Bisher beschwerdefrei. Kann sein, dass es morgen schon ein bisschen länger geht. Forsberg lebt von seiner Handlungsschnelligkeit. Auch das muss erst wieder auf höchstes Niveau kommen. Da wollen wir ihn so schnell wie möglich hinbringen, weil er uns dann sehr helfen kann.“

Hasenhüttl: „Kein Problem für mich, dass das Stadion nur halbvoll ist. Ist verständlich. Wir haben jetzt das vierte Heimspiel hintereinander und dann noch ein Heimspiel zwischen Dortmund und Bayern, die beide ausverkauft sind. Dazu ist es Donnerstag, 21 Uhr und im Free TV. Da sagt der eine oder andere, wenn ich mir eine Auszeit nehmen, dann da. Vielleicht denken ja auch manche, dass wir eh eine Runde weiterkommen und sie dann wiederkommen, keine Ahnung.“

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