Pushing the defensive Panikbutton

Neun Tage noch bis zum ersten Pflichtspiel der Saison. Eigentlich nach drei Monaten Sommerpause langsam der Zeitpunkt in der Vorbereitung, zu dem man positiv nach vorn schauen und an Details arbeiten sollte. Vielleicht war es deswegen so erstaunlich, dass Ralf Rangnick am Ende des Trainingslagers davon sprach, dass man nur auf „13, 14, 15 Positionen gut besetzt“ sei.

Wobei das Wörtchen ’nur‘ nicht Teil von Rangnicks Text war, aber man dieses als Leser still mit einbaute, weil man schon ein wenig überrascht sein durfte, dass der Sportdirektor seinen Nummern 16 bis 24 (vom Nachwuchs- und U23-Rest ganz zu schweigen) die Bundesligatauglichkeit absprach. Für den Moment zumindest.

Diese Aussage passt ganz gut damit zusammen, dass nach sechs Gegentoren in den letzten Pflichtspielen im Umfeld von RB Leipzig bezüglich der Defensive und insbesondere wegen der Abwehrkette ein wenig auf den Panikbutton gedrückt wurde.

In dem Zusammenhang vermeldete Ralf Rangnick dann auch, dass Marvin Compper mal wieder hartnäckige Probleme (offenbar im Schambeinbereich) mit sich rumträgt, von denen keiner weiß, wie lange diese noch bestehen. Was ein ziemlicher Nackenschlag ist, wenn man bedenkt, dass Compper in der Rückrunde der abgelaufenen Zweitligasaison einer der wichtigsten Spieler bei RB Leipzig war und defensiv mit seiner Erfahrung sicher agierte und offensiv viele Akzente setzen und sogar Tore erzielen konnte.

Auch Marcel Halstenberg habe laut Rangnick zuletzt nicht kontinuierlich trainiert und sei nicht in der Verfassung des Vorjahrs, wo er ja auch schon immer mal wieder angeschlagen war und ausfiel. Diese Historie setzt sich nun also offenbar auch 2016/2017 fort. Was auch den Abgang von Anthony Jung als Halstenberg-Backup noch schmerzlicher erscheinen lässt.

Bevor man den Panikbutton nun bis zum Kellerboden durchdrückt, lohnt vielleicht erst mal ein Blick auf den defensiven Stand der Dinge und die Standardoptionen und sich abzeichnende Alternativen. Auf den Außenverteidigerpositionen hat man nach dem Jung-Abgang und der Versetzung von Gipson in die U23 im Kern drei Optionen, von denen einer bei Olympia und einer verletzunganfällig ist:

  • Lukas Klostermann, Benno Schmitz, Marcel Halstenberg

Drei Außenverteidiger, das ist ganz schön dünn. Und wird noch dünner, wenn man Halstenbergs Ausfallhistorie im Hinterkopf behält und bedenkt dass Lukas Klostermann gerade mal 20 Jahre alt ist und man die Teilnahme am Olympiaturnier vermutlich spätestens im Herbst deutlich merken wird.

Bleibt noch Benno Schmitz, der inzwischen als beidseitiger Außenverteidiger stark geredet wird. In den bisherigen Testspielen präsentierte er sich zumindest solide und tatsächlich als Option für links und rechts. Allerdings muss man beim 21jährigen auch erstmal abwarten, wie er den Sprung aus der österreichischen Bundesliga, wo er in der vergangenen Saison auch nur 24 von 36 Spielen machte, in die deutsche Bundesliga hinkriegen wird.

In der Vergangenheit hat nicht wirklich jeder Neuzugang aus Salzburg in Leipzig sofort eingeschlagen. Und da spielte man noch ein, zwei oder gar drei Ligen tiefer. Benno Schmitz würde man auf jeden Fall zutrauen, sich in eine funktionierende Viererkette einzugliedern, aber bei einer Viererkette, die sowieso schon Probleme mit sich mitschleppt, wird es auch schwierig.

Altenativen gibt es für die Außenverteidigerpositionen natürlich dank Nachwuchs auch noch. Vielleicht die erste Option wäre Gino Fechner, der im Sommer an der U19-EM teilnahm. Schon in der vergangenen Saison in der Regionalliga präsentierte er sich als ein Spieler, der für sein Alter unheimlich ruhig und abgeklärt wirkt und auch unter Druck Lösungen findet. Fechner ist bei weitem noch kein perfekter Außenverteidiger und perspektivisch vielleicht sowieso eher Innenverteidiger oder Sechser, aber er wäre eine unaufgeregte Backup-Lösung, falls man mal einen Außenverteidiger braucht. Und einer, dem man zutraut, schnell auch auf hohem Niveau zu lernen und zu funktionieren. In Ansätzen wirkt er da wie ein Joshua Kimmich einst. Aber das ist eine sehr vage Beobachtung.

Ansonsten gibt es für die Außenverteidigerposition nicht so viele gute Lösungen. Ken Gipson ist ein offensiv guter und ein emotionaler Spieler, der sich auch mal was zutraut. Defensiv und vielleicht auch im Stellungsspiel passt da nicht immer alles zusammen, weswegen er zum Lernen in der U23 erstmal ganz gut untergebracht ist.

Im Trainningslager mit dabei war noch Paul Grauschopf, der dort auf der linken Außenverteidigerposition getestet wurde. Seriös ist Grauschopf nicht zu bewerten. In den Testspielen wirkte er (naturgemäß) etwas nervös. Mit seinen 17 Jahren und frisch aus Fürth nach Leipzig gewechselt, wäre es schon nahe an einem Weltwunder, wenn er plötzlich ein Bundesligateam mittragen könnte.

Ins Gespräch brachte Ralf Rangnick noch Vitaly Janelt und Diego Demme. Der 18jährige Janelt ist allerdings aktuell verletzt und wurde bisher in Testspielen noch nicht als Rechtsverteidiger eingesetzt. Diego Demme hat rechts hinten unter Beierlorzer schon mal gespielt. Aber seine Idealposition ist das auf keinen Fall.

Bliebe aus dem Nachwuchsbereich noch U18-Nationalspieler Dominik Franke, der hinten links verteidigen könnte. Franke gehört sicherlich zu den größeren Talenten im Verein und feierte vor eineinhalb Wochen eine ordentliche Premiere im U23-Team. Der Schritt zu den Profis wäre aktuell aber (wie bei Grauschopf) noch zu groß.

Nimmt man das alles zusammen hat man insgesamt drei Außenverteidiger, wobei hinter allen dreien ein kleines Fragezeichen steht hinsichtlich ihrer Möglichkeiten in der Bundesliga konstant auf hohem Niveau zu spielen. Dazu hat man mit Fechner eine ansatzweise akzeptable Backuplösung und mit Gipson und Demme Notlösungen. Bleibt alles in allem eine sehr dünn besetzte Position, auf der man sich durchaus noch eine Verstärkung vorstellen könnte.

  • Klostermann (Olympiatief im Herbst?), Schmitz (Anpassung nach dem Wechsel von Österreich nach Deutschland?), Halstenberg (oft Ausfallkandidat, nicht immer richtig fit?), Fechner (erst 18), (Demme, Gipson)

Drei Außenverteidiger mit Fragezeichen, dazu ein paar mehr oder minder verlässliche Backups bis Notlösungen. Wäre vielleicht nicht so tragisch, wenn auf der Innenverteidigerposition dafür die Sonne scheinen würde. Tut sie aber auch nicht. Im Kern hat man aktuell drei Innenverteidiger:

  • Marvin Compper, Willi Orban, Atinc Nukan

Marvin Compper, der sich mit einer Verletzung rumschlägt, von der unklar ist, wie lange die Geschichte dauert. Man darf dabei nicht vergessen, dass Compper nach durchwachsenen eineinhalb Jahren in Leipzig und auch ein paar Verletzungen erst im letzten halben Jahr zum absoluten, sportlichen Führungsspieler herangewachsen war. Ob dies nach längerer Ausfallzeit sofort wieder so ist, ist zumindest nicht gesichert.

Willi Orban war über die ganze letzte Spielzeit gesehen vielleicht der konstanteste Innenverteidiger und auch für die Bundesliga sollte man sich um den 23jährigen, der gern noch irgendwo in eine Nationalmannschaft rutschen will (wenn nicht Deutschland, dann vielleicht Ungarn), nicht sorgen. Sehr angenehmer Innenverteidiger, der vielleicht etwas zu gelbanfällig ist und dessen Geschwindigkeitsnachteile man in der Bundesliga noch stärker sehen könnte. Was natürlich auch eine Folge des hohen Verteidigens ist.

Bliebe noch Atinc Nukan, der im Umfeld von RB Leipzig sehr kritisch gesehen wird und der in der bisherigen Vorbereitung nicht viele Argumente geliefert hat, warum aus ihm plötzlich ein sicherer Bundesligaverteidiger geworden sein sollte. In der Zweikampfführung oft zu foulanfällig (wobei das bei seiner Größe manchmal auch eher ein optisches Problem ist) und dazu immer wieder gut für einen Patzer, so präsentierte er sich auch in den Testspielen. Sodass Nukan aktuell kaum jemand sein dürfte, der einer Abwehr konstant Stabilität verleiht. Könnte sich aber durch regelmäßige Spielzeit vielleicht auch ändern.

Drei Spieler in der Innenverteidigung, wovon zwei mit größeren Fragezeichen versehen sind und einer mit kleineren. Das ist nicht nur nicht viel, sondern mehr als dünn. Auch wenn es natürlich auch in diesem Bereich Alternativen gibt.

Vorneweg wäre da natürlich Stefan Ilsanker zu nennen, der diese Position schon unter Rangnick gelegentlich gespielt hat, in den letzten Testspielen auch von Hasenhüttl dort getestet wurde und dort durchaus auch sicher agieren kann. Allerdings ist sein überragendes Vorwärtsverteidigen in der Innenverteidigung ein bisschen verloren bzw. manchmal sogar kontraproduktiv, weswegen Ilsankers Hauptposition im besten Fall weiterhin die Sechs sein sollte. Aber man sollte keine großen Bauchschmerzen haben, wenn er dann doch in der letzten Reihe erscheint.

Dahinter bleibt es dann aber sehr dünn. Lukas Klostermann wurde in der Sommerpause immer mal wieder für die Innenverteidigung ins Gespräch gebracht. Aber eigentlich hatte man bei entsprechenden Versuchen in der zweiten Liga schon eher gesehen, dass der 20jährige dafür noch nicht weit genug ist und ihm in der Mitte etwas die Zweikampfstärke und die Robustheit fehlt. In zwei, drei Jahren kann man darüber noch mal neu reden, aber momentan wäre Klostermann in der Mitte eher eine Notlösung. Was bei ähnlicher Argumentation und in noch stärkerem Maße auch für Gino Fechner gilt.

In der Vorbereitung sah man in Testspielen auch Sören Reddemann noch desöfteren auf der Position des Innenverteidigers. Reddemann hat den Vorteil in fast 30 Regionalligaspielen schon an Männerfußball gewöhnt worden zu sein. Mit seinen 20 Jahren hat er eine gewisse Ruhe in der Innenverteidigung und im Spielaufbau erworben, wegen der man sich auch ihn als letzte Notfalllösung bei den Profis zumindest denken könnte. Vom Niveau eines Orban oder der Bundesliga ist er allerdings auch noch ein ganzes Stück entfernt, sodass schon relativ viel passieren müsste, damit man ihn im Profiteam sieht.

Stefan Ilsanker als Option in der Viererkette, bei der man keine Bauchschmerzen haben muss, bei der er aber auf der Sechs fehlt. Ansonsten gibt es kaum relevante Optionen, um die Lücke in der Innenverteidigung mit ihren Fragezeichen zu schließen:

  • Marvin Compper (wie lange verletzt, wann wieder auf Topniveau?), Willi Orban (Geschwindigkeitsnachteile?), Atinc Nukan (bundesligareif?), Ilsanker (hinterlässt Lücke auf der Sechs), (Klostermann, Fechner, Reddemann)

Es ist sicherlich normal, dass man bei Aufsteigern hinter die meisten Kaderpositionen Fragezeichen setzen könnte. Dass RB Leipzig neun Tage vor dem ersten Pflichtspiel gerade in der Abwehrkette aber mit so vielen Problemen behaftet ist, erstaunt dann doch.

Im Kern hat man sechs Spieler für acht Positionen und nicht erst durch die Verletzung von Compper Bedarf, noch etwas in diesem Bereich zu tun. Je nachdem wie es mit Compper weitergeht, könnte man sogar über zwei Neuzugänge für die Abwehrkette nachdenken. Wobei die immer wieder propagierte Lösung einen Innenverteidiger holen zu wollen, der auch links spielen kann, auch eine Lösung sein könnte. Das ist aber auch eine Marke Spieler, zumal auf Bundesliga-Niveau, im 3-Millionen-Gehalt-Raster und maximal 23 Jahre, die eher als eierlegende Wollmilchsau durchgeht.

Insgesamt ist es zu früh, um den defensiven Panikbutton zu drücken und nicht mehr loszulassen, aber etwas mulmig darf einem angesichts der vielen Fragezeichen schon werden. Es sind ein paar gute Nachwuchsjungs dabei, aus denen mal richtig gute Bundesligaspieler werden können, aber ob die schon relativ kurzfristig mögliche längere Ausfälle oder Unpässlichkeiten von Compper und Halstenberg auffangen können, ist mehr als fraglich. Und mit einer Abwehrkette Fechner (Gipson), Orban, Nukan, Schmitz will man bei allem Gottvertrauen auch nicht unbedingt nach Dresden fahren müssen.

Dass man erst so spät aktiv wird, um auf der Verteidigerposition noch was zu machen, könnte den Vorteil haben, dass einem noch ein guter Deal über die Füße läuft, weil irgendwo ein Toptalent sitzt, das bemerkt, dass es bei dem großen Club doch keine Einsatzzeiten kriegen wird. Die Kategorie Baba, der von Chelsea zu Schalke ging (allerdings auf Leihbasis), wäre fast schon perfekt gewesen (vielleicht gehaltstechnisch nicht unbedingt)

Dass man so spät aktiv wird, hat aber auch den Nachteil, dass alle wissen, dass man noch einen Verteidiger sucht, dass man dann vielleicht doch noch eher einen Paniktransfer tätigt, als einen Volltreffer zu landen und dass der Transfer ein paar Wochen zu spät kommt, um sportlich und menschlich vollständig integriert zu werden.

Kann sein, dass man in einem Jahr über die Fragezeichen hinter der Besetzung der Verteidigungskette müde lächelt, weil Spieler einen Entwicklungssprung gemacht haben und sich als passable Lösungen erwiesen haben, von denen man das derzeit noch nicht unbedingt erwartet. Stand heute überwiegen allerdings die Bedenken. Mal sehen, was ein möglicher Transfer oder mögliche Transfers daran noch ändern.

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Ein Gedanke zu „Pushing the defensive Panikbutton“

  1. Gelungene Übersicht inkl. der Überschrift.

    Warum darf Nukan nur nicht in der U23 spielen!? Das wäre mMn perfekt, damit er sich dort Erfahrung bzw. Spielpraxis holt. Wenn ich an Osnabrück 2015 denke und jetzt die Spiele verfolge, sehe ich da keine weitere Entwicklung. Schade.
    Bin echt gespannt wie Ralph+Ralf reagieren. Der Panikknopf sollte schon in Nähe sein.
    Und ich hoffe, dass der Kelch Hinteregger an uns vorbeigeht. 😉

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