Der FC St. Pauli macht den Watzke

Die [RB Leipzig/ Anm. rotebrauseblogger] sollen von mir aus dreimal die Champions League gewinnen. Mit dem Geld des Sponsors. Da hab‘ ich doch nichts dagegen. Aber, bitte schön, nicht mit dem Geld der Bundesliga noch dazu.

Die Liga hat einen kapitalen Fehler gemacht, als sie Wolfsburg und Leverkusen, zwei Klubs, die Töchter von Dax-Unternehmen sind, einen Sonderstatus eingeräumt hat, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen. Man hätte doch sagen können: Die kriegen nur die Hälfte des Fernsehgeldes, der Rest wird in einen Solidarfonds eingezahlt. Ich glaube, keiner der beiden Dax-Konzerne hätte sich daran gestört. Die wollen doch, dass auch die Fans der anderen Klubs Aspirin schlucken oder VW fahren. Dieser Fehler ist nicht mehr zu korrigieren. (Hans-Joachim Watzke, faz.net vom 19.10.2010)

Ein bisschen Zeitschleife ist immer. Und was Hans-Joachim Watzke 2010 konnte, kann der FC St. Pauli mit dem neuerdings jobzufriedenen Andreas Rettig in hauptverantwortlicher Rolle fünf Jahre später schon lange. Nur diesmal auf ganz offiziellem DFL-Antragswege und nicht via FAZ-Interview.

Rettig selbst war es, der erst vor kurzem verkündete, dass man einen Vorschlag zur Neuverteilung der TV-Gelder einbringen wolle und er deswegen klinkenputzend unterwegs sei, um für diese Idee zu werben. Heute nun vermeldet der Kicker mit Verweis auf Orginaldokumente, dass die neue Idee des FC St. Pauli, mit der er sich als Antrag an den Ligaverband wenden will, darin besteht, dass die Versammlung der Proficlubs in ihrer Mehrheit beschließen möge, dass Vereine, die nicht die 50+1-Regel erfüllen (brauchen), künftig von der Verteilung der Fernsehgelder ausgeschlossen werden sollen.

Ein augenscheinlich absurder, in der Weiterentwicklung Watzkes aber auch irgendwie konsequenter Vorschlag. Watzkes Ideen der TV-Geldverteilung hatten im Kern auch schon selbst bestimmen wollen, wer das Geld erhalten soll und wer nicht. Sein Hauptvorschlag drehte sich aber um weiche Faktoren, bei dem Zuschauerzahlen im TV und in echt zu Teilen darüber bestimmen sollten, wie viel Geld jeder Verein so bekommt. Ein Vorschlag der endgültig zur eierlegenden Wollmilchsau wurde, als dann auch noch ein Club wie Mainz davon profitieren sollte.

Die Logik dahinter bestand darin, dass man Vereine, die besonders viel Interesse aufwerfen und die damit auch die Zukunftsfähigkeit der Liga stärker mitgarantieren, finanziell auch besonders zukunftsfähig macht. Dieser Vorschlag wurde immer mal wieder besprochen und vor allem in der Pfalz versuchte man rhetorisch gelegentlich daran anzuknüpfen. Vorwärts gegangen ist die Sache so richtig nie, sodass nun St. Pauli das rhetorische Hackebeil auspackt und mal eben die Zentralvermarktung in Frage stellt.

Denn nichts anderes tut man in letzter Konsequenz, wenn man einen Antrag in den Raum stellt, der vier Clubs vom Erhalt von TV-Geld ausschließt. Dass man juristisch damit durchkommen würde, als DFL 306 Bundesligaspiele pro Jahr an Sky oder wen auch immer zu verkaufen, aber vier Nicht-50+1-Clubs (Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen und perspektivisch vll. Hannover) für ihre Spiele nicht an den Einnahmen zu beteiligen, ist nicht anzunehmen.

Sodass die vier Clubs ihre 68 Heimspiele in der Konsequenz allein vermarkten könnten. Was wiederum bedeutet, dass die DFL nur noch 238 Partien in ihrem exklusiven Bundesligarechtepaket hätte, also sehr viel weniger einnehmen würde. Und sowieso wären vier Clubs in Eigenvermarktung wohl ein guter Anlass für Vereine wie Bayern oder Dortmund, auch die Eigenvermarktung zu starten und darüber ein paar Euro mehr zu kassieren als aktuell. Was für den sportlichen Wettbewerb in der Bundesliga ein weiterer Sargnagel in Form einer auseinandergehenden Schere wäre, da die kleineren Clubs aus einer Selbstvermarktung nicht so viel erlösen könnten wie sie es aktuell tun.

Vergessen wir diese Idee also als nicht realisierbar gleich wieder und nehmen an, dass St. Pauli hier nur eine Maximalforderung auf den Weg gebracht hat, um zu einem Kompromiss zu gelangen, der aus ihrer Sicht auch schon eine Verbesserung der bisherigen Situation darstellt. Laut Kicker handele es sich bei diesem weichen Antrag darum, dass Clubs, für die die 50+1-Regel nicht gilt, bei der Auszahlung ihrer TV-Gelder Einbußen hinnehmen sollen, indem an ihrem Schlüssel negativ geschraubt wird. Also, es geht nicht darum, auf grund formaler Aspekte das TV-Geld ganz abzudrehen, sondern einzuschränken, so wie es Watzke schon einst als Idee hatte.

Zwei Dimensionen könnten diesem Antrag zugrunde liegen. Einerseits steht dahinter die Forderung danach, dass die richtigen Vereine auch mitgliedergeführte Vereine zu sein haben. Die DFL soll hier also eine Wertvorstellung durchsetzen und Vereine finanziell bestrafen, die der Zielvorgabe eines mitgliedergeführten Vereins widersprechen.

Kann man sicherlich machen, aber in einer Zeit, in der die meisten Vereine ausgelagerte Kapitalgesellschaften an den Pflichtspielstart schicken und Finanzämter die Gemeinnützigkeit von Vereinen ohne Auslagerungen und sogar vom DFB in Frage stellen, also schlicht von der Grundkonstruktion her im Fußball Wirtschaftsunternehmen im Wettbewerb miteinander stehen, ist es durchaus fraglich, wie viel Sinn diese Wertvorstellung jenseits einer informellen Vereinspraxis an den jeweiligen Standorten noch macht und inwieweit man sie zur clubüberspannenden Leitlinie machen sollte.

Nun, die 36 Vereine (und natürlich Juristen) müssen wissen, wie wichtig ihnen mitgliedergeführte Vereine sind. Und sie müssen sich aber auch über die andere Dimension des Antrags Gedanken machen, die darauf abzielt, die Wettbewerbsvorteile von Clubs mit potenten, die Geschicke lenkenden Geldgebern einzudämmen und den finanziellen Vorsprung der Vereine durch Sponsoren- und Mäzensgelder auf dem Feld der TV-Gelder wieder auszugleichen.

Nun, man muss nicht sehr böswillig sein, um dieser Dimension des Antrags einen gewissen Populismus zu unterstellen. Weil er nicht etwa Wettbewerbsungleichheit als solche thematisiert, sondern sich die einfachsten Opfer, diese komischen Retortenclubs eben, sucht, um diese dem Fraß einer Öffentlichkeit vorzuwerfen, die mit den Clubs eh nie was anfangen konnte und sich nun diebisch darüber freut, dass die vier angesprochenen Vereine, nicht amüsiert sind über die Vorschläge des FC St. Pauli. Vorsichtig gesagt.

Vier Clubs Geld klauen, 32 Vereinen ein bischen mehr geben. Das ändert zwar nichts daran, dass der Wettbewerb in Deutschland wegen europäischer Zusatzeinnahmen weitgehend tot ist, aber was solls, wenn man vier Clubs finden kann, an denen es sich gut als Feindbild abarbeiten lässt. Fein gemacht FC St. Pauli. Einen Antrag auf Heimat- und Gemeinschaftsschutz-Niveau einzubringen, geht ja vielleicht auch als Achievement durch.

Fakt ist, dass eigentlich alle bisherigen Gedankengänge, die das Fersehgeld neu verteilen wollen, das Problem haben, dass sie Bestandsschutz für die Großen und/ oder populistische Abschussversuche sind. Die eigentliche Kernaufgabe, sportliches Arbeiten zu belohnen, Wettbewerb zu stärken und nicht noch Standorte wie Freiburg, Augsburg, Mainz und Co wegen Zuschauernachteilen zu schwächen, hat man bisher nicht mal ansatzweise versucht in Angriff zu nehmen.

Es ist vermutlich auch relativ unmöglich, diese Probleme anzugehen. Denn solange über allem die internationale Wettbewerbsfähigkeit thront, wird es wohl keinerlei Konsens bei der Verteilung der TV-Gelder geben, der etwas an den aktuellen Grundsätzen ändert. Wenn man an der Stelle kreativ wäre, dann würde man vorschlagen, dass man bspw. die Höhe der TV-Gelder an einem Etat-Erfolgs-Koeffizienten knüpft. Sprich, wer mit geringem Etat (den ja die DFL am Ende des Jahres gut und ziemlich genau prüfen kann) Erfolg hat, also sportlich gut gearbeitet hat, wird mit höherem TV-Geld belohnt als Vereine mit hohem Etat und vergleichbarem Erfolg (falls denn sportlich erfolgreiches Arbeiten weiterhin eine Zielkategorie bei der Verteilung von TV-Geldern ist).

Das würde dann Mäzens- und Konzernfußball per se ein Stück benachteiligen und gerade Arbeit wie die in Freiburg belohnen. Es würde aber auch die großen Wettbewerber mit dem vielen europäischen Geld ein Stück benachteiligen. Dass man mit sowas gegen die Bayern-und-International-Fraktion wohl nicht durchkommt, dürfte anzunehmen sein. Aber das dürfte mit allen Vorschlägen so sein, die sich für einen ausgeglicheneren Wettbewerb einsetzen und nicht nur auf vier Aussätzige zeigen.

Man kann natürlich einwenden, dass die Solidargemeinschaft Proficlubs eh tot ist und man deswegen mit Vorschlägen wie dem vom FC St. Pauli auch versuchen kann, sich einfach ein bisschen besser zu stellen. Das ist natürlich völlig ok aus einem gewissen Eigeninteresse heraus, Dinge anzustoßen. Selbst wenn die Dinge, auf die man abzielt, durch den eigenen Vorschlag im Grunde (also hier die Ausgeglichenheit des Wettbewerbs) nicht besser werden.

Es ist gewissermaßen auch ein Stück konsequent, einen Antrag einzubringen, mit dem man in der radikalen Version das Hauen und Stechen zum eigenen Vorteil einläutet. Dass dies nun ausgerechnet aus dem Norden der Republik vom Club des ehemaligen DFL-Geschäftsfühers Rettig kommt, mag erstaunen. Da der Verein aber vermarktungstechnisch ein wenig der FC Bayern der zweiten Liga ist, macht es aber wiederum auch Sinn, eine Entwicklung anzleiern, die einen vielleicht in eine etwas bessere Position bringt.

Dass der FC St. Pauli dabei den Zeigefinger-Sündenbock-Weg wählt, mag den einen oder anderen enttäuschen. Dass man dies in Hamburg (in lesenswerten Texten) als Versuch „ernsthaft und konstruktiv an den Gegebenheiten des Profigeschäfts mitzugestalten“ empfindet oder der Meinung ist, dass es gut ist, dass da jetzt eine „Diskussion darüber in Gange“ kommt, überrascht zudem ein wenig, weil man nicht jedes Einschlagen einer Tür als Angebot zum Diskutieren über Türen, ihr Aussehen, ihren Zweck und ihre Zukunft empfinden muss.

Sei es drum, der FC St. Pauli hat im ersten Schritt beim Auslösen einer Diskussion um die Verteilung von TV-Geldern den populistischen Weg gewählt. Schwer vorstellbar, dass man aus der rhetorischen Nummer, die einen Konflikt beschwört, der auf dem alten Dualismus Tradition vs. Retorte beruht, wieder herauskommt. Schwer vorstellbar auch, dass aus diesem ersten Schritt in irgendeiner Form etwas erwächst, das sich tatsächlich dem Problem von Wettbewerbsungleichheit widmet.

Dazu hätte man schließlich auch den großen Namen der Bundesliga ans Bankkonto pinkeln müssen. Hat man sich nicht getraut und sich leichtere Ziele für ihr „die haben unser Geld nicht verdient“ gesucht. Schade um den Versuch, der über alte Debatten und Zuspitzungen nicht hinausweist. Hans-Joachim Watzke freuts. Vielleicht. Denn eigentlich war vom Dortmunder Geschäftsführer diesbezüglich schon länger nichts mehr zu hören. Wurde offenbar Zeit für den FC St. Pauli, sich das alte Watzke-Gewand zu borgen.

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3 Gedanken zu „Der FC St. Pauli macht den Watzke“

  1. Ausgezeichneter Beitrag. Vielen Dank.

    Dafür bin ich St. Pauli sogar dankbar, denn um RBL war es ja fast schon langweilig ruhig 😉

    Tja das Kernproblem ist halt, dass jeder nur auf sich schaut. Solange ich mehr Geld als andere habe, ist alles ok… St. Pauli versucht hier, der gleichen Motivation folgend, etwas gerechteres zu schaffen. Kann nicht funktionieren.

    Nur wenn alle einsehen, dass sie sich gegenseitig als Mitstreiter auf Augenhöhe brauchen, wird vielleicht mal was anders.

    1. Das würde nur bei einem geschlossenen Ligensystem ala USA funktionieren. Die NFL als reichste Profiliga der Welt machts vor.

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