Bundesliga (Österreich): Red Bull Salzburg vs. SC Wiener Neustadt 3:1

Wenn im privaten Rahmen bekannt ist, dass man RB Leipzig, also irgendwas mit Red Bull, anhängt (denn so ist die Außenwahrnehmung ja letztlich), dann beziehen sich Geschenke auch verstärkt auf diese Vorliebe. Das kann Segen und Fluch zugleich sein. Fluch, weil das Merchandising von Red Bull sicherlich nicht unhübsch, aber genauso sicher – wie Merchandising generell – nicht meine Welt ist. Segen wiederum, weil es mir am letzten Wochenende einen Ausflug nach Salzburg bescherte. Als Städtetrip mit dem sportlichem Begleitprogramm eines Besuchs bei Red Bull Salzburg. Quasi die weiteste Auswärtsfahrt dieser Saison.

Rund 17 Jahre nach meinem letzten (völlig sportfreien) Besuch in der viertgrößten Stadt Österreichs, die nach hiesigem Blick mit rund 150.000 Einwohnern als Kleinstadt durchgeht, war dies eine durchaus freudig erwartete Reise in tourismusfreundlich aufbereitete Historie. Mozartstadt, die Innenstadt als UNESCO-Weltkulturerbe und Salzburger Festspiele sind wohl die auch allgemeiner bekannten Stichworte Salzburgs, die in ihrer konkreten Ausprägung monumentaler Bauten auch durchaus erschlagen kann.

Salzburg - Blick gen Altstadt über die Salzach

Fußballerisch mag der Besuch eines RB–Leipzig-Anhängers in Salzburg für den einen oder anderen wegen des gemeinsamen Hintergrunds Red Bull naheliegend klingen. Für mich persönlich war dem gar nicht unbedingt so. Denn bis zum Samstag hatte ich von Red Bull Salzburg bisher insgesamt in meinem Leben bewusst nur ein halbes Spiel gesehen. Nämlich das Heimspiel in der Champions-League-Quali gegen Dudelange am Anfang dieser Saison. Ansonsten ist mein Interesse an den Salzburger Vorgängen aus Leipziger Perspektive vor allem auf den administrativen Bereich beschränkt, denn Personalwechsel in Salzburg sind doch auch immer irgendwie dazu geeignet, die Verhältnisse bei RB Leipzig auf den Kopf zu stellen. Siehe Rangnick. Siehe Beiersdorfer.

Abseits dessen berührt mich das sportliche Vorankommen in Salzburg emotional nicht sonderlich. Und so richtig wüsste ich auch nicht warum. Nur, weil ich dem von Red Bull finanzierten Club in Leipzig anhänge, muss ich nicht auf die emotionalen Barrikaden gehen, wenn in Salzburg die Meisterschaft gefeiert wird oder Sebastian Vettel am schnellsten im Kreis rast. Trotzdem war ich über die Aussicht eines Besuchs in der Salzburger Red Bull Arena hoch erfreut, weil seit der Verpflichtung von Ralf Rangnick die sportlichen Philosophien und Wege in Salzburg und Leipzig erheblich miteinander verknüpft wurden. Und weil ein Blick in die Fußballwelt in Salzburg natürlich auch ein Stückweit ein Blick in noch mögliche Entwicklungen in Leipzig sportlich, aber auch in Bezug auf das Umfeld von Spielen sein kann.

Leider war ein Besuch eines Salzburg-Spiels in der Rückrunde nicht mehr ohne einen Verzicht auf ein RB-Spiel in Leipzig möglich. Noch viel leiderer konnte ich bei der Reise-Planung noch nicht ahnen, dass das Stadtduell gegen Lok wegen des Winters ausfallen würde und ich auch eine Woche eher hätte die Reise antreten und dementsprechend dem 3-3-Spektakel gegen Rapid Wien hätte beiwohnen können. Ein Spiel, das auch eine Woche später noch nachstrahlte. Denn gegen 10 Wiener musste Salzburg gleich zweimal den Ausgleich hinnehmen. Erst zum 2:2 acht Minuten vor dem Ende und später zum 3:3 in der Nachspielzeit. Eine erste Problemanalyse würde wohl zu einer wenig überzeugenden Defensivarbeit führen. Übrig blieben von diesem Spiel auf jeden Fall eine gewisse Portion Unsicherheit und mit Kevin Kampl und dem erst 16jährigen östereichischen Nachwuchsnationalspieler Valentino Lazaro zwei verletzte, potenzielle Startspieler. Letzterer musste gar einen Bruch des Mittelfußes konstatieren, war aber vor dem Spiel Gesprächsgast im Stadion und humpelte so gut es ging mit seinen Krücken durchs Stadion.

Als Gast begrüßte Red Bull Salzburg den SC Wiener Neustadt. Es war dies das Duell 2. gegen 9. Beziehungsweise nachdem am Nachmittag Admira Wacker überraschend in Graz gewonnen hatte das Duell 2. gegen 10. Was in Österreich aufgrund der kleinen Liga mit der schrägen Regelung, pro Saison jeweils viermal gegen jeden Konkurrenten anzutreten, gleichzeitig das Duell 2. gegen Letzter ist. Doch fast hätte das Duell nicht stattfinden können, denn die Gäste beklagten nicht weniger als 10 grippebedingte Ausfälle und bemühten sich um eine Verlegung des Spiel (was mich als ich dies am Morgen des Spiels las ob der Vorgeschichte der Absage des Lok-Spiels eine Woche zuvor gequält auflachen ließ). Letztlich reisten sie mit 15 Spielern an, hatten also 11 Feldspieler und drei Wechselmöglichkeiten im Kader. Zwei Spieler feierten ihr Debüt, diverse Umstellungen im Team ließen vor dem Spiel nur den Schluss zu, dass hier ein Schützenfest kommen werde.

An der Red Bull Arena - Hinweisschild vor Industriepanorama | © rotebrauseblogger

Doch wie das in solchen Spielen manchmal ist, fehlen beim Heimteam vielleicht die letzten fünf Prozent Motivation. Das Gastteam hat nichts zu verlieren und spielt völlig befreit auf. Und die Unsicherheit und die fehlenden Stammspieler führen auf Heimseite zu einem Negativkreislauf, sodass plötzlich der Gast führt. Das war nach knapp 20 Minuten der Fall. Zu einem Zeitpunkt als die ersten gut vernehmbaren Pfiffe in der Red Bull Arena schon locker 10 Minuten her waren und minütlich lauter wurden. Bei aller Liebe und allem Verständnis, aber Pfiffe nach 10 Minuten, weil nicht jeder Pass in die Spitze ankommt, sind schon ziemlich daneben. Ich rutschte jedenfalls – sowieso kein Freund des Pfeifens – ganz unruhig auf meinem Sitz hin und her, verstand die Reaktion nicht und dachte, dass die kürzlichen Leipziger Debatten, weil Teile des Publikums nach schlechtem Spiel zwei Minuten vor dem Schluss bei einer kläglich vergebenen 3-gegen-1-Situation pfiffen, doch ziemliche Luxusdebatten waren.

Ich hatte in dieser ersten halben Stunde jedenfalls nicht das Gefühl, dass das mir viel zu früh ungeduldige Publikum oft ein entscheidender Faktor für ein zum positiven gedrehtes Spiel sein könnte (Wobei der kleine Fanblock hinter dem Tor von dieser Wahrnehmung explizit ausgenommen sei, denn dort versuchte man sich durchgängig 90 Minuten lang um die Unterstützung der Mannschaft.) Zahlenmäßig jedenfalls ging das Duell mit Leipzig an diesem Tag knapp gen Salzburg. Denn die 4.800 Zuschauer schlugen die 4.500 in Leipzig knapp. In beiden Städten dürfte man mit diesem Besuch ziemlich unzufrieden gewesen sein, lag er doch jeweils deutlich unter dem jeweiligen Schnitt (Salzburg 8.700 vs. Leipzig 7.200).

Wobei das oft vernehmbare Lästern über die Salzburger Zuschauerzahlen auch auf recht hohem Nivau agiert. Denn für eine 150.000-Einwohner-Stadt, die mit der Austria noch einen zweiten Verein beheimatet, der zumindest wieder ans Tor zur zweiten Liga anklopft, sind knapp 9.000 Zuschauer im Schnitt doch ordentlich. Nur mal zum Vergleich: In Cottbus, einer Stadt mit 100.000 Einwohnern in einer Liga, die ich von ihrem allgemeinen Interesse her zumindest auf Augenhöhe mit der österreichischen Bundesliga sehen würde, kommen zu den Spielen im Schnitt auch nur reichlich 10.000 Zuschauer. Also alles relativ.

Wie auch immer, positiver Faktor wurden die Zuschauer an diesem Tag nicht. Die Rolle des Herbeiführers einer Wende musste der Salzburger Coach schon nach einer reichlichen halben Stunde selbst übernehmen und mit dem ewig verletzt gewesenen Alan einen zweiten Stürmer einwechseln. Später begründete der sehr sympathisch auftretende Roger Schmidt diese Maßnahme damit, dass es darum ging zu zeigen, „dass wir die drei Punkte und auch keine Zeit verschenken wollen“. Die Maßnahme war beim Stand von 0:1, ungeduldig-unzufriedenen Zuschauern, dem Fast-0:2 nach einer knappen halben Stunde (ein Heber vom Strafraumeck landete erst an der Latte, dann am Pfosten und dann in den Armen von Keeper Walke) und der wegen der drohenden Blamage spürbaren Verunsicherung wohl notwendig und erwies sich im Nachhinein als goldrichtig.

Vor Betreten der Red Bull Arena - Noch mal Prüfen, was man so in den Taschen hat | © rotebrauseblogger

Interessant daran auch die taktischen Verschiebungen, die damit einher gingen. Spielte man bis zum Wechsel ein 4-2-3-1, das sehr fluide interpretiert wurde (so fluide, dass man auch ein 4-1-4-1 bis 4-3-3 hätte hinein interpretieren können), stellte man mit dem Wechsel auf ein 4-4-2 um. Ein System, in dem der beste Spieler auf dem Platz Valon Berisha, ein 20jähriger Norweger, der erst zu Saisonbeginn nach Salzburg kam, in die Mittelfeldzentrale rutschte und von dort mit viel Dynamik permanent versuchte, in die Tiefe zu spielen. Dafür rückte Sadio Mané, ebenfalls erst 20jähriger und vor der Saison verpflichteter Senegalese noch stärker nach links außen und wurde von dort mit zwei Torvorlagen zum mitentscheidenden Spieler. Allerdings dürfte man als Trainer an dem hochtalentierten jungen Mann auch ganz schön verzweifeln, denn seine aufreizend lässige Art war in einigen (Konter-)Situationen schlicht unangebracht.

Interessant zu sehen aber, wie die Spielidee und die damit verbundenen Probleme von Red Bull Salzburg denen ähnelten, wie sie RB Leipzig hat. Bei Ballbesitz soll es direkt in die Spitze gehen und bei Ballbesitz aggressiv gegen den Ball. Problematisch wird es, wenn das Spiel mit dem Ball ungenau ist und das Spiel gegen den Ball, den Spielaufbau des Gegners nicht unterbinden kann. Denn dann geht es vor allem über die Außenpositionen recht schnell und gefährlich Richtung eigenes Tor. Wie auch beim 0:1, als ein Ballverlust an der Mittellinie der Ausgangspunkt für einen Gegenangriff über den Flügel war, der durch die Verkettung von Fehlern und unglücklichen Umständen (ungewollte Kopfballverlängerung) dann nach einer Volleyabnahme im Tor landete. Und auch neben diesem Torschuss waren einige gefährliche Aktionen der Gäste zu überstehen. 15:13 Torschüsse wies die Statistik am Ende aus, was gegen den ersatzgeschwächten Tabellenletzten, der sich zwar tapfer, aber auch weitgehend limitiert wehrte, ungefähr 10 zugelassene Torschüsse zu viel waren. Wobei ein Schlüssel zu dieser Statistik auch die Zweikampfstatistik sein könnte, die 50:50 ausging. Wenn man im Gegenpressing die Zweikämpfe nicht gewinnt,  dann wird es eben schwer, das eigene Tor nachhaltig zu verteidigen.

Red Bull Arena - Panoramablick | © rotebrauseblogger

Letztlich könnte man behaupten, dass der entscheidende Unterschied zwischen dem Tabellenzweiten Österreichs, der nur zu gern mal in die Champions League will und dem Tabellenletzten, der nie auch nur von der Champions League träumen würde, auf den Namen Jonathan Soriano hört. Ein Spieler, der vor einem reichlichen Jahr vom FC Barcelona kam, weil er sich dort nicht in die erste Mannschaft spielen konnte und mit seinen 27 Jahren im Offensivbereich mit Abstand der erfahrenste Spieler in Salzburg ist. Als Mittelstürmer ist er so eine Art Daniel Frahn, nur auf etwas stärkerem Niveau und dies zeigte er gegen den SC Wiener Neustadt indem er kurz vor und kurz nach der Pause jeweils auf Vorarbeit von Mané das Spiel durch zwei starke Abschlüsse drehte. Kommt Soriano irgendwo rund um die Strafraumgrenze frei zum Schuss, dann ist er nur noch schwer zu stoppen. Dass das Spiel von Red Bull Salzburg stark darauf ausgelegt ist, immer und immer wieder durch die Mitte in die Spitze zu spielen, kommt Soriano sicher entgegen, sodass er mit 17 Toren in 21 Spielen eine mehr als gute Quote aufweist. Nur der österreichische Nationalspieler Philipp Hosiner von Austria Wien übertrifft mit 25 Treffern diese Bilanz und schoss sich mit dieser überragenden Quote auf die Wunschliste diverser europäischer Clubs.

Nach dem Spiel wurde Roger Schmidt gefragt, ob es denn nicht angebracht gewesen wäre, anstatt der dauernden Versuche über die Mitte einmal den Weg über die Außen zu suchen. Witzigerweise beantwortete Schmidt diese Frage mit der Aussage, dass er gerne noch mehr schnelles Spiel durch die Mitte gehabt hätte und ihm noch zu viel quer gespielt wurde. Was sehr stark an ähnliche Aussagen von Alexander Zorniger erinnerte, denn dieser hatte auch einmal die Querspielerei mit den Worten „Tiki Taka können wir (noch) nicht“ abgetan und das schnelle Spiel in die Spitze direkt nach dem Ballgewinn als Motto ausgegeben. Beide Trainer sehen sich da offenbar noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Und bei beiden Trainern und ihren Teams geht es letztlich um die entsprechenden Justierungen und Verbesserungen in der Passgenauigkeit auch bei schnellem Spiel.

Roger Schmidt bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen den SC Wiener Neustadt | © Gepa Pictures - Mathias Mandl

Letztlich besteht die entscheidende Differenz zwischen Leipzig und Salzburg in Bezug auf die sportlichen Leistungen, nimmt man das Spiel der Salzburger gegen Wiener Neustadt als Maßstab, vor allem in der wesentlich größeren Schnelligkeit und Dynamik bei den Österreichern, was aber angesichts der individuellen Klasse, die da die meisten Spieler verkörpern, auch nicht sonderlich vermutet. Abgesehen davon plagen sich beide Trainer mit demselben Problem, Teams die das Spiel mit dem Ball gewohnt waren, das Spiel gegen den Ball und die nötigen Wege ohne Ball zum Gegenpressing beizubringen. Eine Idee, die auch in Salzburg ihre Anpassungsschwierigkeiten hat.

Man kann die Leistung von Red Bull Salzburg gegen den SC Wiener Neustadt natürlich nicht als prototypisch für die Saison nehmen. Dafür müsste man sich dann doch ein paar Spiele mehr angucken. Schließlich waren sich nach dem Spiel auch alle einig, dass da offensiv und defensiv einiges nicht wie gewohnt oder erwünscht passte. Auch Roger Schmidt sprach aus seiner Perspektive als Trainer davon, dass man sich zum Sieg gequält habe und bemängelte die mangelnde „Souveränität“ in Offensive und Defensive. Insofern lief es gegen Wiener Neustadt vielleicht auch einfach nicht sonderlich gut.

Fazit: Es war in vielerlei Hinsicht ein interessanter Ausflug in die Welt von Red Bull Salzburg (siehe auch die Randbemerkungen). Durch meine regionalligagewohnte Brille hindurch sah das Spiel von Red Bull Salzburg gar nicht so schlecht aus, wie es von den Beteiligten und Unbeteiligte letztlich gemacht wurde. Man konnte erkennen, dass die Mannschaft dynamisch und mit ordentlichem Zug zum Tor spielen kann. Man sah aber auch, dass in Sachen Spielgenauigkeit und arbeiten gegen den Ball noch einige Baustellen bestehen. Deutlich wurde insgesamt, wie parallel die Spielphilosophien in Salzburg und Leipzig umgesetzt werden. Nicht bis ins letzte spieltaktische Detail (so von ihren Positionen gelöste Außenverteidiger wie in Salzburgs erster halber Stunde habe ich in Leipzig bspw. noch nie gesehen), aber doch zu einem ganz guten Stück. Letztlich hat sich der Favorit in diesem undankbaren Spiel gegen den absoluten Underdog durchgesetzt. Euphorie löste dies beim Anhang bezüglich einer Aufholjagd auf den weit enteilten Spitzenreiter Austria Wien, der parallel zum Salzburg-Spiel Roman Wallners neuen Club Wacker Innsbruck mit 4:0 abschoss, aber nicht aus. Für Euphorieausbrüche und neue Meisterhoffnungen war das Spiel aber zugegebenermaßen auch nicht gemacht. Denn insgesamt steckte wenig Versprechen auf Titelkampf in der Partie.

Randbemerkung 1: In einer weitgehend unemotionalen Begegnung gab es exakt einen hochemotionalen Moment. Und der folgte dem 3:1 auf dem Fuße. Dieses hatte Alan nach 54 Minuten mit abfälschender Unterstützung eines Verteidigers erzielt. Es war nach langer Verletzungspause sein erstes Tor seit dem Sommer 2011(!). Und dementsprechend eine derartige Befreiung, dass man deutlich die Freude des Publikums mit dem Torschützen und noch deutlicher die Freude Alans spürte, der übers Feld sprintete und in der ersten Reihe der Haupttribüne Verwandte oder Freunde herzte und drückte, als hätte er gerade den Meisterschaftstreffer erzielt. Sehr schöne Szene, deren Emotionalität sogar bei mir wirkte.

Alan feiert seine Torwiederkehr | © Gepa Pictures - Mathias Mandl

Randbemerkung 2: Man sollte einen Kurzbesuch wie den meinen nicht überbewerten, aber ich würde behaupten, dass ich noch stärker eine Idee davon gewonnen habe, dass Ralf Rangnick sicherlich nicht wegen der Perspektive von Salzburg bei Red Bull unterschrieben hat, sondern wegen der Perspektive mit RB Leipzig (und falls sich die nicht positiv entwickelt auch ein Rangnick irgendwann die Lust verlieren könnte). Denn überspitzt gesagt, ist der Fußballstandort Salzburg mit seinen Möglichkeiten wohl ziemlich ausgereizt und die Eroberung der Fußballwelt von dort aus nicht möglich (was Dietrich Mateschitz ja bereits erkannt hat und Ralf Rangnick vermutlich auch ziemlich genau weiß). Die österreichische Bundesliga wird mit ihren drei bis vier konkurrenzfähigen Teams – bei allem Respekt – sicherlich in den nächsten Jahren nicht wesentlich interessanter werden und dürfte für Rangnick eher Pflicht als große Lust sein. Bleibt noch die Champions League, deren Gruppenphase zu erreichen ja das große Ziel im Hause Red Bull ist. Was von Österreich aus gar nicht so einfach ist. Zuerst einmal muss man notwendig Meister werden (was in der aktuellen Saison schwierig ist, da Austria Wien bei zwei Spielen mehr 15 Punkte Vorsprung hat), da Platz 2 nur für die Europa League qualifiziert. Und anschließend muss man sich durch die Qualifikation für die Gruppenphase quälen, in der man in Salzburg bisher immer scheiterte. Müsste ich mutmaßen, dann wird aus Salzburg bei allen Mühen kein dauerhafter Champions-League-Teilnehmer, das gibt der Standort einfach nicht her. Und Rangnick will ziemlich sicher noch mal in seiner Karriere Champions League verantworten.

Randbemerkung 3: Die Handschrift von Trainer Schmidt und Sportdirektor Rangnick ist beim Blick auf den Kader bereits deutlich zu sehen. Vor allem im Offensivbereich hat man sich enorm viel Jugendlichkeit zusammengestellt. Mané und Berisha je 20 Jahre, Teigl 22 und Alan 23. Nur Soriano fiel da etwas aus der Reihe. Und die Jungs dahinter sehen nicht anders aus: Kampl 22, der bereits erwähnte Lazaro 16, dazu der eingewechselte Nielsen mit 19 Jahren und die Herren Edomwonyi und Bytyqi mit 18 bzw. 16 Jahren. Angesichts der Tatsache, dass sieben der 10 Spieler Rangnick-/ Schmidt-Verpflichtungen sind, kann man schon behaupten, dass man den Umbruch geschafft hat. Da steckt eine Menge Zukunftspotenzial in der Mannschaft und wenn Mateschitz sich den Sportdirektor nicht vergrault und Rangnick auf einige Jahre Sicht seine Philosophie egal mit welchem Trainer durchführen kann, dann kann aus diesem zielgerichtet zusammengestellten Potenzial durchaus mal was gutes werden. Wobei auch klar ist, dass für Spieler wie Lazaro, der sich in Salzburg dem Alaba-Vergleich stellen muss, bei entsprechender Karriereentwicklung Red Bull Salzburg auch nur ein Sprungbrett in eine der großen europäischen Ligen ist. Rangnick wird da wohl auf baldige Aufstiege von RB Leipzig hoffe, hätte er da dann auch eine Möglichkeit, Talente bei Red Bull Salzburg mit einer deutschen Perspektive zu ködern.

Randbemerkung 4: Den Salzburger Coach Roger Schmidt hatte ich im vergangenen Jahr beim SC Paderborn schlicht nicht wahrgenommen, da die zweite Bundesliga bei mir nur am Rande vorbeiläuft. Bei seinem Wechsel nach Salzburg imponierte mir seine ruhige, sachliche Art, von der ich nicht ganz überzeugt war, ob sie einem in den letzten Jahren nicht immer sehr disziplinierten Ensemble wie dem Salzburger gewachsen sein würde. Es ist insgesamt nicht so, dass Schmidt mit seiner Arbeit schon Rekorde einfährt, aber er hat in einem halben Jahr einen ziemlichen Umbruch in Mannschaft und Spielphilosopie geschafft und dabei auch gezeigt, dass wenn es drauf ankommt, er klare und auch mal schmerzhafte Entscheidungen treffen kann. Sei es in Bezug auf Kaderfragen oder wie gegen den SC Wiener Neustadt beim frühen Wechsel. Roger Schmidt scheint eine sehr gute Wahl seitens Ralf Rangnick gewesen sein. Mit seinem sympathische und ruhigen Auftreten hat er bei mir jedenfalls früh Punkte gesammelt. Und die sportliche Bilanz kann sich insgesamt zumindest sehen lassen. In Österreichs Liga ist man zwar mit klarem Abstand Zweiter. Das liegt aber vornehmlich daran, dass Austria Wien eine unfassbare Saison spielt und nach 24 Spielen mit 60 von 72 möglichen Punkten schon jetzt sechs Punkte mehr hat, als in der letzten Saison nach 36 Spielen. Bzw. nur noch zwei bzw. acht Punkte an den letztjährigen Endbilanzen von Rapid Wien und Red Bull Salzburg als Zweiter bzw. Meister der Bundesliga Österreichs fehlen. Oder andersherum: Red Bull Salzburg hat in diesem Jahr nach 22 Spielen 10 Punkte mehr auf dem eigenen Konto als vor Jahresfrist und steht dazu im Pokalviertelfinale. Lediglich das Aus in der Qualifikation zur Champions League schmerzt. Eine insgesamt sehr vernünftige Bilanz auf der sich aufbauen lässt. Im Sinne von Roger Schmidt wünsche ich ihm noch lange und noch größere Erfolge.

Randbemerkung 5: Witzig fand ich, dass vor dem Spiel das Ergebnis von RB Leipzig durchgesagt wurde. Mit dem sinngemäßen Nebensatz „falls jemand was mit Optik Rathenow anfangen kann“. Und dem Nachsatz, dass das ja auch egal sei, wichtig zu wissen sei nur, dass RB gewonnen habe. Witzig fand ich das deswegen, weil so etwas in Leipzig noch nicht gemacht wurde (meiner Erinnerung nach) und ich das auch komisch finden würde. Aber der Blick nach Deutschland scheint in Österreich sowieso ziemlich manifest. Im Stadion gab es den Pausenstand aus der deutschen Samstagsbundesligapartie und wichtiger Bestandteil der Zeitungen ist, was denn die österreichischen Legionäre in Deutschland eigentlich machen. Man hat immer ein wenig das Gefühl, als wäre das Auftreten österreichischer Exportprodukte gleichrangig wichtig, wie der eigene Fußball. Vielleicht ist bei RB Leipzig (und an dem Verein gibt es ja in der österreichischen Medienwelt auch einiges Interesse) ein ähnliches Motiv zu beobachten und der Verein wegen seiner Red-Bull-Geschichte quasi als österreichisches Exportprodukt auch eines, dass aus österreichischer Sicht etwas von „uns“ ist.

Familienbereich außerhalb der Red Bull Arena | © rotebrauseblogger

Randbemerkung 6: Das Stadion von Red Bull Salzburg ist von innen ein sehr schönes, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass es da drin hübsch zugehen kann, wenn denn erst mal 10.000 oder gar 20.000 oder mehr zu Besuch sind. Was wohl nur bei ganz großen, vor allem europäischen Spielen der Fall sein dürfte. Mit den 4.500, die drin waren, war es jedenfalls bei knackiger Kälte etwas düster. Auch weil jenseits des Fanblocks keinerlei Stimmungsambitionen zu erkennen waren und Interaktionen zwischen Fanblock und Haupttribünen erst gar nicht versucht wurden. Und vermutlich sowieso an der dünnen Besetzung gescheitert wären. Trotzdem fand ich die frühe Ungeduld auf den Rängen, die nach dem 3:1 in entspannte Ruhe überzugehen schien, eher unpassend und unschön. Auffällig in Sachen Stadion noch der Nichtraucher-Familienblock (der wohl auch in Leipzig über kurz oder lang ein Muss ist), die extrem (fast schon unangenehm) laute Musik inklusive Diskolicht-Geflacker zum Thunderstruck-Einmarsch (beides nicht meins) und der neue Familienbereich außerhalb des Stadions, der die Bespaßung der Kinder vor und die Betreuung während des Spiels ermöglicht (auch das wird wohl in Leipzig mittelfristig eingeführt werden). Das Stadion hat natürlich aufgrund seiner Lage am Rande der Stadt an einer Autobahn in Sichtweite zum Industriegebiet natürlicherweise nicht den Charme eines Innenstadtstadions wie dem in Leipzig. Aber von innen ist es eine hübsche Fußballarena mit viel Nähe zum Spielfeld, wenngleich ohne sonderliche, bauliche Überraschungen. Anders gesagt: Stadion und Stadionorganisation sind (inklusive moderiertem Vor- und Halbzeitprogramm) genau wie die Mannschaft in ihrer Besetzung und Perspektive top und schreien nach höherem. Umfeld in Form von Größe der Stadt und Zuschauern (zumindest in diesem einen Spiel) jedoch eher nicht.

Randbemerkung 7: Beim Gang durch die Getreidegasse, der zentralen Einkaufsstraße Salzburgs mit einigen Designershops und historischen Gebäuden war ich im Zuge meiner Stadtspaziergänge auch über die sogenannte Red Bull World gestolpert. Ein Laden, in dem Fanartikel aus allerlei Red-Bull-Sportaktivitäten verkauft werden. Ein Laden auch, hinter dem ich mir etwas mehr Fläche vorgestellt hatte, als ich den Namen World las. Irgendwie erschien es mir von innen dann doch eher wie ein Village. Die Welt des Red-Bull-Merchandising soll in Geschäftform im übrigen auch in Leipzig Einzug halten, wie die LVZ kürzlich berichtete.

Red Bull World | © rotebrauseblogger

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Tore: 0:1 Terzic (19.), 1:1 Soriano (44.), 2:1 Soriano (48.), 3:1 Alan (54.)

Aufstellung: Walke – Klein, Vorsah, Dibon, Ulmer – Hierländer, Schiemer – Teigl, Mane, Berisha – Soriano

Aufstellung ab der 34. Minute: Walke – Klein, Vorsah, Schiemer, Ulmer – Teigl, Hierländer (63. Hinteregger), Berisha, Mane (81. Nielsen) – Alan, Soriano

Zuschauer: 4.865 (davon 60 Gäste)

Links: RBS-Bericht [broken Link], Salzburg12-Bericht, Salzburg12-Analyse, SC-Bericht [broken Link]
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Bilder: zweimal © GEPA pictures/ Mathias Mandl; sechsmal © rotebrauseblogger

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2 Gedanken zu „Bundesliga (Österreich): Red Bull Salzburg vs. SC Wiener Neustadt 3:1“

  1. Zur Randbemerkung 5:
    Ich glaube in Österreich und der Schweiz schaut man extrem auf die Deutsche Bundesliga. Ich habe hier in der Schweiz schon oft gesehen, dass im Sportteil der Zeitungen zwar die erste Seite der Schweizer Liga gehört, danach folgen aber 2 fette Seiten Bundesliga. Hängt sicherlich auch mit der internationalen Stärke zusammen. Da können Österreich und Schweiz nicht mithalten.

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