Archiv der Kategorie: Ansichtssache

Der FC St. Pauli macht den Watzke

Die [RB Leipzig/ Anm. rotebrauseblogger] sollen von mir aus dreimal die Champions League gewinnen. Mit dem Geld des Sponsors. Da hab‘ ich doch nichts dagegen. Aber, bitte schön, nicht mit dem Geld der Bundesliga noch dazu.

Die Liga hat einen kapitalen Fehler gemacht, als sie Wolfsburg und Leverkusen, zwei Klubs, die Töchter von Dax-Unternehmen sind, einen Sonderstatus eingeräumt hat, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen. Man hätte doch sagen können: Die kriegen nur die Hälfte des Fernsehgeldes, der Rest wird in einen Solidarfonds eingezahlt. Ich glaube, keiner der beiden Dax-Konzerne hätte sich daran gestört. Die wollen doch, dass auch die Fans der anderen Klubs Aspirin schlucken oder VW fahren. Dieser Fehler ist nicht mehr zu korrigieren. (Hans-Joachim Watzke, faz.net vom 19.10.2010)

Ein bisschen Zeitschleife ist immer. Und was Hans-Joachim Watzke 2010 konnte, kann der FC St. Pauli mit dem neuerdings jobzufriedenen Andreas Rettig in hauptverantwortlicher Rolle fünf Jahre später schon lange. Nur diesmal auf ganz offiziellem DFL-Antragswege und nicht via FAZ-Interview.

Rettig selbst war es, der erst vor kurzem verkündete, dass man einen Vorschlag zur Neuverteilung der TV-Gelder einbringen wolle und er deswegen klinkenputzend unterwegs sei, um für diese Idee zu werben. Heute nun vermeldet der Kicker mit Verweis auf Orginaldokumente, dass die neue Idee des FC St. Pauli, mit der er sich als Antrag an den Ligaverband wenden will, darin besteht, dass die Versammlung der Proficlubs in ihrer Mehrheit beschließen möge, dass Vereine, die nicht die 50+1-Regel erfüllen (brauchen), künftig von der Verteilung der Fernsehgelder ausgeschlossen werden sollen.

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15.Spieltag – 2.Bundesliga 2015/2016

Der 15. Spieltag in der zweiten Liga ist der erste nach Paris und der Länderspielabsage von Hannover. Ganz sicher ist es kein normaler Spieltag. An allen Spielorten wird die Sicherheitslage diskutiert und werden verschärfte Einlasskontrollen angekündigt. Wie das dann konkret aussieht, ob das im Fall der Fälle künftig auch mal Ganzkörperkontrollen in Zelten oder den Einsatz von Körperscannern mit sich bringt und ob das in einem Land, in dem überall immer wieder fast völlig problemlos Pyro ins Stadion gelangen kann, eine deutlich Erhöhung der Sicherheit und nicht nur der gefühlten Sicherheit bedeutet, ist noch ziemlich unabsehbar.

Gefühlte Sicherheit dürfte sowieso das Stichwort schlechthin sein, denn dass das durchschnittliche Zweitligaspiel wie jenes zwischen Bielefeld und Leipzig nun plötzlich zu einem wichtigen Anschlagsziel werden wird, ist eher unwahrscheinlich. Da es aber auch niemand genau wissen kann und die innenministerliche Aussage, dass Antworten auf die Frage nach der konkreten Gefährdungslage beim Länderspiel in Hannover „die Bevölkerung verunsichern“ würden, bleibt halt eben auch ein hintergründiges Restrisiko bzw. Risikogefühl, das man auch im Bundesligaunterhaus durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen gern weiter minimieren möchte.

Aus der Sicht des Besuchers von Fußballspielen fühlt sich der ganze Sicherheitsaspekt erstmal höchst irreal an. Wobei die Saat der Unsicherheit gesät und völlig unabsehbar ist, inwieweit dies tatsächlich dauerhaft ins eigene Bewusstsein einsickert und nicht planbare Zuschauerreaktionen auf welche Vorkommnisse auch immer mit sich bringt. Das fehlerhafte Auslösen einer Sicherheitsdurchsage, die die Zuschauer mehrsprachig zur Ruhe und zum Befolgen der Ordneranweisungen auffordert, wie es letzte Saison beim Gastspiel von RB Leipzig in Bochum passierte, würde wohl aktuell nicht mit derselben Mischung aus Amüsement, Überraschung und Gleichmut aufgenommen werden, wie damals noch..

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Unerquickliches

Schlimm dieser Fußball. Will nach dem Terror von Paris nicht nur ein (am Ende wegen Terrorwarnung abgesagtem) Länderspiel gegen die Niederlande austragen, sondern erlaubt sich auch noch, dieses Spiel zu einem Statement für die Freiheit zu stilisieren. So vernahm man in den letzten Tagen an verschiedensten Stellen. Um es kurz zu machen, mir persönlich ist in dem Fall ein wenig Pathos und Überhöhung sehr viel näher als die professionelle Kühle, mit der man noch nach grauseligsten Schlachtfesten eine ruhige Reaktion propagiert oder den Islam als Religion vor seinen islamistischen Mörderbanden in Schutz zu nehmen versucht.

Man sollte aus Sport nicht mehr machen, als er ist. Und an die Kraft dessen, dass das gemeinsame Fußballerlebnis eine quasi kathartische Wirkung habe, die Differenzen überwindet und die Gesellschaft heilt, habe ich nie geglaubt. Trotzdem ist es interessant, dass Bekenntnisse zur Freiheit und zur Solidarität mit Paris im amerikanischen Sport sehr viel alltäglicher sind als in Deutschland, wo ein Benedikt Höwedes für seine Aussage, er reise „als Fan der Demokratie“ zum Deutschland-Niederlande-Spiel eher noch Spott erntet.

Sich über den Sport zu einem bestimmten freiheitlichen Gesellschaftsmodell zu bekennen, tut natürlich erstmal nicht sonderlich weh. Und die Fragen danach, welche Konsequenz und Militanz eine freiheitliche Gesellschaft braucht, um sich gegen Mörderbanden zu schützen, werden damit auch nicht beantwortet. Wäre vielleicht auch etwas viel verlangt.

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Fragmentarisches zum Zeitgeschehen

Antirassistische Spruchbänder im Stadion unerwünscht.

So titelte die Leipziger Internetzeitung am vergangenen Freitag über einem Text, der inzwischen hinter einer Bezahlschranke verschwunden ist. Und bezog sich dabei anlassgemäß auf das Verbot eines Banners mit der Aufschrift „Ligaspiel und Legida – der Montag ist zum Kotzen da“ durch RB Leipzig. Ein Banner, das RB-Fans beim Heimspiel gegen Fürth im Stadion zeigen wollten und deshalb vorher beim Verein angemeldet hatten.

Die Logik hinter dem zugespitzten Titel ist (außer Reichweite und Klicks), Legida und Rassismus in eins zu setzen, Banner gegen Legida als antirassistische Banner zu kategorisieren und eine Nichtgenehmigung solcher Banner entsprechend als Unerwünschtheit antirassistischer Spruchbänder im Stadion zu interpretieren.

Für die Diskussionsgrundlage nicht irrelevant ist die Tatsache, dass es kein grundsätzliches Verbot antirassistischer Banner in der Red Bull Arena gibt. Sowohl die „Rasenball gegen Rassismus“-Fahne als auch eine „Refugees welcome“-Fahne waren zuletzt und schon länger natürlicher Teil der Block-Beflaggung im Fansektor.

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Wettbewerbs(nicht)schützer

Ich kann mit der generellen Debatte Kommerz gegen Tradition wenig anfangen. Seit Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 ist Kommerz ein wesentlicher Bestandteil im Profifußball. Manche Ligavertreter, die diese Diskussion mit manchmal erstaunlichem Enthusiasmus führen, hätten in den vergangenen 15 Jahren Zeit gehabt, Anträge zu stellen, die das Verhältnis von Kommerz und Tradition anders regeln. Das ist selten geschehen. Deshalb ist es reichlich inkonsequent, jedes Jahr die Diskussion Tradition versus Kommerz neu zu führen. Alle Vereine spielen nach den Regeln, die sie sich selbst gegeben haben. (DFL-Geschäftsführer Christian Seifert im Kicker vom 26.05.2015)

Es gehört zu den normalen Erscheinungen rund um den Fußballsport, dass nach besonderen Ereignissen auch besonders heftig diskutiert, räsoniert und publiziert wird. Das gilt natürlich auch für den Feuerzeugtreffer von Osnabrück, nach dem die mediale Krisenintervention alles in die Waagschale wirft, was in die Waagschale zu werfen ist und Personen und Meinungen aller Art eine Plattform bietet.

Das ist in Bezug auf die schlichte Masse an Berichterstattung noch nicht mal kritisch gemeint. Presse lebt von Aufmerksamkeit und Zugriffen und entsprechend stehen Themen mit viel Aufmerksamkeit auch stärker im Fokus derjenigen, die täglich die Online- und Printseiten hunderter Pubikationsorgane füllen müssen.

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Interessenskonflikte

Die Erklärung, dass in England eine größere Pay-TV-Tradition herrscht und es dort deshalb sieben Millionen mehr verkaufte Decoder gibt, ist mir jedenfalls zu einfach. Warum sollte das so sein? Wir sind ja keine Bananenrepublik, sondern ein Land voller Fußball-Liebhaber. Wir müssen uns deshalb mal ganz konkret und intern darüber unterhalten, wie es sein kann, dass die Fernsehgelder in England um ein Vielfaches höher sind als bei uns. (Ralf Rangnick im Kicker vom 13.07.2015)

Der englische TV-Vertrag, der den Clubs auf der Insel ab der kommenden Saison noch mal wesentlich mehr Geld einbringt als zuletzt, schlug hierzlande vor ein paar Monaten ein wie eine kleine Bombe. Irgendwas über 9 Milliarden Euro kassiert die Premier League für 3 Jahre für die Vermarktung der Fernsehrechte in In- und Ausland und vergrößerte damit den Abstand zu den DFL-Einnahmen noch mal ordentlich. Reichlich 3 Milliarden pro Jahr vs. knapp 1 Milliarde pro Jahr lautet ungefähr die Dimension, die in Deutschland für allerlei Debatten über die Konkurrenzfähigkeit hiesiger Vereine auf dem Transfermarkt heraufbeschworen hat.

Ralf Rangnick, Leipziger Sportdirektor und Trainer nahm sich in den vergangenen Wochen auch immer wieder mal dem Thema an und sieht das Problem offenbar in fehlenden Pay-TV-Nutzern in Deutschland bzw. in nicht ausreichenden Einnahmen aus dem Pay-TV. Mit der einfachen Lösung, dass man in England eben eine andere Tradition beim Umgang mit Bezahlfernsehen habe, will er sich nicht zufrieden geben. Wenn man es pointiert zusammenfassen will, wünscht sich Rangnick, dass der hiesige Fernsehzuschauer den Wettbewerb mit den englischen TV-Abonnenten aufnehmen und auf diesem Wege einen Ausgleich schaffen soll. Quasi von der Couch aus den Wettbewerb von Wirtschaftsorganisationen wie schon im Arbeitsleben auch im Freizeitbereich zum eigenen Wettbewerb machen.

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34.Spieltag – 2.Bundesliga 2014/2015

Zur fußballbezogenen Folklore gehört das Lamentieren über den Schiedsrichter während des Spiels unbedingt dazu. Im Fall der Fälle erzeugt man eine Grundstimmung, die den Spielleiter unterbewusst dazu bringt, die eine oder andere 50:50-Entscheidung mehr für das eigene Team zu pfeifen. Yordy Reyna erhielt beispielsweise in Kaiserslautern eine gelbe Karte, die man guten Gewissens als eine bezeichnen konnte, die eher für das Publikum und dessen Beruhigung als wegen eines schwerwiegenden Vergehens gezeigt wurde.

Das Schimpfen über Entscheidungen, die man im Fernsehbild in 70 bis 80% der Fälle absolut nachvollziehbar finden würde, gehört also dazu und macht auch durchaus Spaß. Kein Spaß macht allerdings das, was einem in der zweiten Liga Woche für Woche und Woche für Woche über die gesamte Saison begleitete. Nämlich auch nach den Spielen seitens von Vereinsverantwortlichen noch ganz fürchterlich darüber zu lamentieren, wer welchen ganz klaren Elfmeter nicht bekommen und welchen absoluten Nicht-Elfmeter gegen sich gepfiffen bekommen hat. Und oben drauf noch das Fanspiel auf diversesten Kanälen, dass es ganz bestimmt das eigene Team ist, das schon die ganze Saison von Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt und somit am durchschlagenden sportlichen Erfolg gehindert wird.

Das Lamento mag bei einzelnen Entscheidungen natürlich berechtigt sein. Nur meist regiert das Kurzzeitgedächtnis, das die Fehlentscheidung zum eigenen Ungunsten sieht, über das Langzeitgedächtnis, das Fehlentscheidungen zu eigenen Gunsten gespeichert haben sollte (wobei man Fehlentscheidungen zu eigenen Gunsten der Einfachheit halber ganz gern auch mal ausblendet). Sprich, meist gleichen sich Glück und Pech in Bezug auf Schiedsrichterentscheidungen auf lange Sicht hin aus. Was auch ganz logisch ist, weil die Unparteiischen eben unparteiisch sind und ihre Wahrnehmungsfehler mal diesen und mal jenen treffen.

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Bekenntniszwang als Debattensackgasse

Der folgende Text ist die ungekürzte Langfassung eines Beitrags der vorgestern bei Zeit Online erschien und zu (kleinen) Teilen auf einem älteren Blogbeitrag fußt.

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Die öffentliche Auseinandersetzung um RB Leipzig hat in den letzten Wochen noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen, sodass die Ausläufer sogar Bundesinnenminister Thomas de Maizière erreichten, der sich genötigt sah, die Form der Proteste gegen RB Leipzig zu kritisieren. Es bleibt ein grundlegendes Dilemma der Debatte, dass es zu großen Teilen eine Bekenntnisdebatte und somit ein Scheingefecht ist, bei dem die relevanten Fragen danach, wie man sich den Wettbewerb im Profifußball wünscht, meist nur am Rande behandelt werden.

Sicher, die Vorkommnisse rund um das Spiel von RB Leipzig beim Karlsruher SC, angefangen beim Besuch des RB-Mannschaftshotels durch KSC-Anhänger über die Blockade des RB-Bus und das Beschimpfen von Sportdirektor Ralf Rangnick bis hin zum erzwungenen Rücktausch eines KSC-Trikots überschritten die Grenzen des guten Geschmacks. Daraus eine Art Ausnahmezustand zu machen, auf den mit dem typischen Law-and-Order-Forderungsinventar von personalisierten Tickets bis hin zur Strafrechtsverschärfung reagiert werden muss, war dann wohl doch eher eine Kanone zu heftig. Zumal das Strafrecht schon jetzt alle Möglichkeiten bieten würde, auf bestrafenswerte Extreme zu reagieren und personalisierte Tickets bei Vorkommnissen abseits des Stadions auch nichts helfen.

Es müsse möglich sein, Kritik an RB Leipzig zu äußern, hört man nach solchen Tagen immer wieder. Ganz so als ob dies in Frage stünde und diese Kritik in den letzten sechs Jahren nicht ausgiebig praktiziert worden wäre. Interessant in dem Zusammenhang eher die Frage, wo die Grenzen für diesen kritischen Zugang sind bzw. wo Kritik offensichtlich den ideologischen Nährboden für über die Grenzen hinausschießende Aktionen liefert.

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To Qatar or not to Qatar, eine Frage der Prioritäten

Heute geht es für RB Leipzig dann also zum Trainingslager nach Doha im Wüstenstaat Katar. Bis zum 29.01.2015 wird man dort verweilen, sich auf die Rückrunde der zweiten Bundesliga vorbereiten und versuchen, die bisher circa 9 Millionen Euro teuren Neuzugänge so zu integrieren, dass man in den verbleibenden 15 Spielen mit verstärkter offensiver Durchschlagskraft vielleicht doch noch den direkten Durchmarsch in die Bundesliga schafft.

Es gibt gute Gründe, sein Trainingslager in Katar auszurichten, so versichern die Verantwortlichen bei RB Leipzig. Sportliche sowieso, denn die Aspire Academy for Sports Excellence gilt als einer der modernsten Sportkomplexe der Welt und klimatisch ist es in diesen Tagen vor Ort sicherlich angenehmer als an vielen anderen Orten der Welt. 20 bis 25 Grad erwartet man und während der 1.FC Heidenheim in der Türkei wegen schlechten Wetters auch mal die Hoteltreppen hoch und runter sprintete, wird man bei RB Leipzig unter freiem Himmel über den Rasen laufen. Wenn denn nicht doch ein Sandsturm die Freude trüben sollte. Aber selbst dann wird man wohl unterm Hallendach perfekte Bedingungen haben.

Freude bereitet den Verantwortlichen um Ralf Rangnick zudem, dass das Trainingslager auch wirtschaftlich ein Volltreffer ist. Mit Markus Egger, der in der Aspire Sports Academy strategisch arbeitet, verbindet Red Bull eine gemeinsame Geschichte, war doch Egger Red-Bull-Fußballchef zu Zeiten als RB Leipzig entstand und später im Vorstand des neuen Vereins, bevor er Anfang 2010 vom frischen Wind eines Dietmar Beiersdorfers aus dem Amt gepustet wurde, ohne im Unfrieden zu scheiden. Diese weiterhin freundschaftlichen Kontakte führen dazu, dass RB Leipzig wie schon Bayern München, Schalke 04, Red Bull Salzburg und andere Clubs zu strategischen Partnern der Akademie werden sollen und so auch mit besonders günstigen Konditionen in die Wüste gelockt werden.

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