Mach’s gut Kapitän!

Mit Saisonabschieden war das bei RB Leipzig bisher so eine Sache. Das waren in den letzten Jahren mal gelungenere, mal weniger gelungene Veranstaltungen. Negativer Höhepunkt vielleicht einst die Feier nach dem Aufstieg in die Bundesliga in der Innenstadt. Zumindest in ihrer MDR-geleiteten Umsetzung und Gezwungenheit.

Entsprechend schön, dass man es bei RB Leipzig gestern hinkriegte, einen nahezu perfekten Saisonabschluss aka Kaiser-Abschiedsspiel zu organisieren. Die Idee eines Abschiedsspiels schaffte eine vergleichsweise ungezwungene Atmosphäre, weil es die Akteure in ihr natürliches Elexier, den Fußball einbaute und man trotzdem diverse Geschichten erzählen und Gesichter präsentieren konnte. Das machte Laune, weil es eine ziemlich perfekte Mischung aus Schwelgen in Erinnerungen, Emotionen und Spaß war.

Und natürlich machte der Anlass mit dem Abschied von Dominik Kaiser den Tag zu einem großen. Sechs Jahre lange war Kaiser bei RB Leipzig. Mindestens vier Jahre davon spielte er eine prägende Rolle, bevor er in der Bundesliga nach und nach von anderen verdrängt wurde. Sehr lange war Kaiser auch Kapitän dieses Teams und das Gesicht der Aufstiege. In der dritten Liga war er einst der beste Spieler der Liga.

Kaiser war 2012 der erste Zorniger-/ Rangnick-Spieler, den RB Leipzig holte. Einer, der den auch sehr auf Mentalität abzielenden Ansatz von Zorniger perfekt verkörperte und dazu noch kicken konnte. Nun ist er 2018 einer der letzten dieser Generation ehemaliger Viert- und Drittligakicker, der den Verein nach und nach verließ. Yussuf Poulsen und Diego Demme übernehmen nun die Rolle der dienstältesten Feldspieler bei RB Leipzig. Falls Fabio Coltorti noch mal ein Jahr verlängert, wird er der einzige RB-Spieler bleiben, der noch seit Regionalliga-Tagen dabei ist. Allerdings ist er sportlich inzwischen deutlich ins zweite Glied gerückt.

Yussuf Poulsen übernimmt künftig bei RB Leipzig von Dominik Kaiser die Rolle als dienstältester Akteur. | GEPA Pictures - Sven Sonntag

Interessant zu sehen beim Kaiser-Abschiedsspiel, dass sich nicht unwesentliche Teile des Kaiser-Teams aus ehemaligen Viertliga- und Drittligakickern zusammensetzte. Die Mannschaft, die da einst aus der vierten in die zweite Liga durchmarschierte, hatte einen besonderen Zusammenhalt und damit auch eine besondere Bindung zum Verein. Eine Bindung, die auch ins Jahr 2018 hält. Die Generation Frahn, Schulz, Röttger hat halt immer einen Platz im Vereinsgedächtnis. Dass da einige Mitstreiter vergangener Tage wie Hoheneder, Heidinger, Fandrich, Kimmich oder Co nicht kommen konnten und sich nur per Einspieler meldete, weil ihre Saison noch nicht beendet war, war natürlich ein bisschen schade, aber auch nicht ganz schlimm.

Coltorti – Koronkiewicz, Sebastian, Franke, Judt – Ernst, Kaiser – Heidinger, Rockenbach – Frahn, Kutschke. Und auf der Bank Bellot, Ch. Müller, Röttger, Kammlott, Hoheneder, Schinke und Schulz. Das war die Formation des ersten Spiels, in dem Kaiser für RB auflief. Im Sommer 2012 beim etwas ernüchternden 1:1 gegen Union Berlin II. Eine Ansammlung von Namen, bei denen den meisten RB-Anhängern wohl nur positive Emotionen in den Sinn kommen, wenn man mal von der jüngeren Geschichte rund um Stefan Kutschke absieht.

Diese Erinnerungen und den Kaiserabschied mit dem Saisonabschluss zu verweben, war sehr angenehm. Gerade in diesem Hochgeschwindigkeits-Hamsterrad Bundesliga, in dem es immer weiter und weiter und weiter geht und die Ausschläge nach oben und unten im Wochenrhythmus wechseln, tut es auch mal ganz gut, innezuhalten und die Tage mitzunehmen, in denen einen diese Geschwindigkeit, von der ich mich selbst im Alltag auch schwer lösen kann, noch nicht überforderte, weil es sie so in dieser Form nicht gab. Selbst bei RB Leipzig nicht, wo es ja auch zu Regionalligazeiten ins Sachen öffentlicher Aufregung schon immer mal rund ging.

Das Spiel zwischen einer Kaiser-Mannschaft und einem RB-Team war letztlich nebensächlich. Es gab ein paar schöne Geschichten wie den Poulsen-Treffer nach Videobeweis oder Gulacsi als Feldspieler oder Coltorti, der versucht, sein Darmstadt-Tor zu wiederholen oder Upamecano als Stoßstürmer oder das ‚Comeback‘ des Christian Müller, der einst wegen einer schweren Knieverletzung seine Karriere beenden musste. Man konnte aus dem Spiel zudem vielleicht lernen, dass Hasenhüttl möglicherweise der falsche ist, seinen Stürmern Effizienz beizubringen. Aber auch der Trainer hatte Spaß an seinem Kurzauftritt auf dem Feld. Nur halt kein Schussglück.

Ralph Hasenhüttl lieb als Stürmer glücklos, aber hatte trotzdem Spaß. | GEPA pictures/ Roger Petzsche

Vielleicht wäre die Veranstaltung einen Tag nach dem letzten Spiel in Berlin etwas schwieriger geworden, wenn RB nicht zum Saisonfinale noch mal zwei Spiele gewonnen und Platz 6 gesichert hätte. Angesichts dieser Siege war dann die Stimmung im Saison- und Kaiserabschiedsspiel aber entsprechend gelöst. Und auch Naby Keita bekam noch mal seinen verdienten Applaus inklusive Ehrenrunde im Stadion. Ich schrieb es gestern schon. Ihm beim Kicken zugucken zu dürfen, hat meist sehr viel Spaß gemacht und mir persönlich aus Stadionsicht noch mal völlig neue Perspektiven auf die Möglichkeiten, die das Fußballspiel bietet, eröffnet.

Wenn man wiederum an die Kaiser-Tage zurückdenkt, dann geht es mir ein bisschen wie Diego Demme, dass es gar nicht so sehr den einen Moment gibt, der mit Kaiser verbunden ist. Klar, das goldene Tor in Darmstadt einst in der dritten Liga, das Daniel Frahn als besonders erinnerungswürdig beschreibt, war großartig und war erster Baustein in der besonderen Beziehung mit den Lilien (und aus dem Gästeblock war die Flugbahn des Balles in den Winkel so wunderbar nachzuvollziehen).

Nach dem Spiel in Darmstadt war Dominik Kaiser einst der gefeierte Mann. | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Aber was als Erinnerung bleibt, ist wohl eher das Gesamtbild eines Spielers, der mit diesem Verein mitwächst und sich immer in den Dienst der Mannschaft stellte. Schon in der dritten und zweiten Liga brauchte er jeweils ein bisschen Anlauf, um sich auf das neue Niveau und die neue Geschwindigkeit einzustellen. Dann arbeitete er sich eben herein und war dann wieder prägender Akteur. In der dritten Liga war er hier im Blog jeweils Spieler der Hin– und Rückrunde. In der Rückrunde der ersten Zweitligasaison wiederholte er das noch mal unter schwierigen Bedingungen, als ihn der Zorniger-Abgang deutlich wahrnehmbar getroffen hatte und er nach einer kurzen Auszeit seinen ersten Frust in Leadermentalität wandelte und in einer selten gut funktionierenden Mannschaft als Kapitän voranging. Vielleicht ist diese Rückrunde besonderer Ausdruck dessen, wofür Kaiser als Typ steht, nämlich (neben sehr viel Fannähe auch jenseits von Spieltagen) auch dann da und das Gesicht des Vereins zu sein, wenn es mal scheiße läuft.

Gekrönt wurde die Kaiser-Geschichte eigentlich bereits im Sommer 2016, als er für RB Leipzig in Hoffenheim das erste Bundesligator der Vereinsgeschichte schoss. Von der vierten in die erste Liga. Als Kapitän ganz oben angekommen. In jeder Liga Torschütze gewesen. Es konnte, es durfte eigentlich nur Kaiser sein, dem dieser Moment damals in Hoffenheim zustand.

In den letzten zwei Jahren verlor Dominik Kaiser mehr und mehr seinen Platz im Team. In der ersten Saison bekam er aufgrund von Ausfällen in der Hinrunde noch einige Einsätze, danach wurde es aufgrund eines engen Kernkaders und unheimlicher Qualität auf seiner Position mit den Forsbergs und Sabitzers (und inzwischen Lookmans und Brumas) immer schwieriger, sich auf der Zehn ins Team zu spielen. Und auf der Sechs kam er an Demme, Kampl, Keita und Co erst recht nicht vorbei. In den wenigen Einsatzzeiten schien er zuletzt auch durchaus Probleme mit dem Tempo der Bundesliga zu haben. Aber das final zu bewerten, wäre aufgrund der geringen Spielpraxis und der wenigen Möglichkeiten, sich anzupassen, auch ungerecht.

In dieser Saison bekam dann Dominik Kaiser mit der Einwechslung in der Champions League gegen Istanbul noch mal seinen ganz besonderen Moment. Von der vierten Liga in die Champions League mit demselben Verein. Wenn mich nicht alles täuscht, dürfte das in Deutschland eine einmalige Geschichte sein. Dass er sich trotz geringer Einsatzzeit und durchaus vorhandener Unzufriedenheit nie hängen ließ und immer in einem Zustand war, in dem er für Einsätze wie den gegen Istanbul bereit war, spricht auch für Kaiser, der intern auch in jenen Phasen eine hohe Wertschätzung genoss, in denen er wenig spielte.

Besonderer Ausdruck der Wertschätzung war dann das Spiel gegen Wolfsburg, als es Dominik Kaiser noch mal in die Startformation spülte. Seine Auswechslung kurz vor Schluss war vielleicht der viel größere Moment bei seinem Abschied als das gestrige Abschiedsspiel selbst. Weil es beeindruckend war, wie selbst Spieler, die noch nicht lange im Verein spielen, zum Kapitän, der Kaiser gegen Wolfsburg noch mal für ein Spiel war, eilten und ihn herzten.

Diese spontanen Szenen, die Tränen in den Augen eines Hasenhüttls, das konnte vom Abschiedsspiel gestern sowieson nicht getoppt werden. Und trotzdem war die ungezwungene, unaufgeregte Art und Weise, wie man das Spiel schließlich abhandelte und in und am Rande dessen auf ganz natürliche Art die Emotionen entstanden, die mit Kaisers Abschied halt verbunden sind, sehr gelungen und noch mal ein schöner Schlusspunkt unter sechs Kaiser-Jahre in Leipzig.

Auch für Dominik Kaiser wurde es ein emotionaler Tag. | GEPA Pictures - Roger Petzsche

Mir persönlich war die Slideshow, die zum Spielende im Stadion eingespielt wurde und verschiedenste Kaiser-Bilder aus den letzten Jahren zeigte mit der Unterlegung des melodramatischen „Skyfall“-Songs („For this is the end“) too much und auch zu lang. Das killte eher die sowieso vorhandenen Emotionen und Tränchen in den Augenwinkeln, die mit den Momenten dieses Abschiedstages verbunden waren. Wenn man aber davon absieht, war das der gelungenste Abschied von einer Saison und von einem Spieler, den es bei RB Leipzig bisher je gab. Kann man vermutlich nicht Jahr für Jahr wiederholen, weil es dafür ja auch die entsprechenden Köpfe und Gesichter braucht, die für positive Emotionen sorgen. Aber diese Art von Veranstaltung darf es auch in ihrer Umsetzung gern mal wieder geben.

Und vielleicht sieht man dann ja auch einen Dominik Kaiser zurückkehren. Die Türen des Vereins stehen ihm offen. Die Herzen der Anhänger des Vereins sowieso. Für den Moment bleibt aber nur mit einem Tränchen im Auge auf Wiedersehen zu sagen. Mach’s gut Kapitän und komm wieder!

Abschied von Dominik Kaiser | GEPA pictures/ Roger Petzsche

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Bilder: © GEPA pictures/ Roger Petzsche, Sven Sonntag

2 Gedanken zu „Mach’s gut Kapitän!“

  1. Ich war heilfroh, gestern beim Abschied von Dominik Kaiser und Naby Keita dabei gewesen zu sein. Es war hochemotional gewesen und mir sind auch die Tränen gekommen. Machts gut, ihr beiden und kommt vielleicht auch wieder zurück.

  2. Da bekommt man ja gleich wieder Pipi in die Augen, wenn man Deinen Blog liest. Wunderbar.
    Fand es auch, das es eine sehr gelungene Veranstalltung war.
    Die Slide-Show war voll in Ordnung, im Gegenteil es passte dazu. Nur bei den Bildern hätte ich es anders gemacht, zumindest kann man mehr daraus machen.

    Der Umgang mit Selke war mMn geglückt, zumindest bei mir in der Ecke waren nur wenige Pfiffe zu hören.

    Was ich sportlich erstaunlich gut fand, war Gulacsi als Feldspieler. Da waren Pässe bzw Abspiele dabei, die sah man die ganze Saison nicht ;-)

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