Außergewöhnliche Herausforderung

Vier Spieltage sind es noch bis zum Ende der Saison. Die Tabellenrechner sind gezückt und werden mit den sinnvollsten Varianten gefüttert, um am Ende das Wunschergebnis herauszubekommen.

Bei RB Leipzig will man immer noch Platz 4. Über die semantischen Feinheiten, dass das eigentlich gar nicht das Ziel im Sinne eines Muss, sondern eher im Sinne eines Wunsches ist, debattiert inzwischen keiner mehr. Vielmehr wird gerechnet und sich Mut zugesprochen, dass das doch noch gelingen könne. Eine starke Halbzeit in Bremen und das Ende der englischen Wochen machen es möglich, dass man nach neun Gegentoren in zwei Spielen zuvor dann doch wieder mit Selbstvertrauen in die verbleibenden Spiele geht. Trotz vier Punkten Rückstand auf Rang 4 und nur einem Punkt Vorsprung auf Hoffenheim und Frankfurt.

Vier Siege muss man wohl aus den letzten vier Spielen mitnehmen, so hatte Ralf Rangnick nach dem Spiel in Bremen vorgerechnet. Und darauf verwiesen, dass man ja schon gezeigt habe, dass man so etwas könne und sogar schon achtmal am Stück gewonnen hat. Allerdings stammt das letztere Beispiel noch aus der Vorsaison und ist vielleicht nicht der allerbeste Maßstab. Zumindest nicht, wenn man rational drauf blickt. Aber darum geht es ja auch nicht unbedingt, wenn man sich Selbstvertrauen zusprechen will.

In der aktuellen Spielzeit schaffte RB Leipzig bisher einmal vier Siege am Stück. Tief in der Hinrunde gewann man in der Liga in Köln, in Dortmund und gegen Stuttgart und zwischendurch in der Champions League gegen Porto. Ansonsten gab es zweimal drei Siege am Stück. Zuletzt vor nicht allzu langer Zeit bei den Spielen gegen Bayern, in Hannover und gegen Marseille.

Ganz aussichtslos scheint eine neue Siegesserie also nicht, aber der ganz große Beweis für Konstanz und Stabilität war die bisherige Saison von RB Leipzig nicht. Wenn man mal eine vergleichbare Serie nimmt, nämlich jene zum Rückrundenstart, als man fünf Spiele ohne englische Wochen absolvieren durfte,  dann hat man da immerhin drei Siege, ein Unentschieden und nur eine Niederlage eingefahren. Was durchaus dafür spricht, dass Konstanz möglich ist, solange man nicht parallel durch die Weltgeschichte fahren muss.

Historisch gesehen, kommt es nur selten vor, dass sich in den letzten vier Spielen auf den Champions-League-Plätzen noch was verändert. Seit 1996/1997, also seitdem mehr als ein deutscher Starter an der Champions League teilnehmen darf, haben sich 58 der 65 Teams, die nach 30 Spielen einen CL-Platz belegten, am Ende auch für die Königsklasse qualifiziert.

[Der historische Vergleich ist natürlich ein wenig schwierig, da die Teilnehmerzahl unterschiedlich war (zwischen zwei und vier) und es bis zur Vorsaison einen Unterschied zwischen einem CL-Quali-Platz und einem fixen CL-Platz gab. Das sei hier mal außer Acht gelassen. Geschaut wurde, welche Teams sich für die CL oder CL-Quali qualifizierten und welche davon nach 30 Spieltagen schon auf einem CL- oder CL-Quali-Platz standen.]

Bleiben also in 21 Spielzeiten gerade einmal sieben Mannschaften, die noch in die Champions League rutschten, wenn sie nach 30 Spielen dort noch nicht standen. Das klingt erstmal nach erstaunlich wenig Varianz, ist aber gar nicht mehr so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass eine Tabelle nach 30 Spielen den Leistungsstand der Teams ganz gut spiegelt und Teams, die sich über einen so langen Zeitraum als Spitzenteams etablierten, nun nicht einfach mal so einbrechen, sondern gewöhnlicherweise ihr Niveau auch bis zum Ende halten.

Das letzte Team, das in dieser späten Saisonphase die Champions League noch verspielte, war Hertha vor zwei Jahren, die nach 30 Spielen vier Punkte Vorsprung hatten, aber noch auf Platz sieben durchgereicht wurden. Allerdings spielte Hertha in dem Jahr auch insgesamt eine ganz schlechte Rückrunde und belegte in dieser nur Rang 16, sodass das Abrutschen nicht überraschte, weil es dem Trend in den Spielen zuvor folgte. Mit Dortmund und Leverkusen in diesem Jahr ist das nicht wirklich vergleichbar. Vor allem der BVB spielt zwar keine gute Rückrunde, wenn man es fußballerisch nimmt. Punktetechnisch ist man aber gut dabei und als Rückrunden-Vierter (punktgleich mit Leverkusen) ein Champions-League-Team.

Nimmt man noch das Torverhältnis dazu, dann hat RB praktisch fünf Punkte Rückstand auf Rang 4 und das sportliche und vor allem wirtschaftliche Champions-League-Glück. Einen solchen Vorsprung verspielten in den letzten 21 Spielzeiten nur zwei Mannschaften. Bzw. war es mit Stuttgart nur eine, die das 2003/2004 und 2004/2005 gleich zweimal am Stück schaffte und Bremen und Leverkusen den Vortritt lassen musste. Dass das 13 Jahre her ist, dass ein Team mit so einem Vorsprung noch aus den Champions-League-Plätzen rutschte, zeigt, wie außergewöhnlich so ein Ereignis ist.

Sprich, im Normalfall sind die Teams auf den Topplätzen zu diesem Zeitpunkt der Saison so stabil, dass sie sich nicht mehr von Verfolgern überholen lassen. Heißt auch, dass extrem viel zusammenkommen müsste, wenn RB noch auf Platz 4 vorrücken will. Heißt aber natürlich auch nicht, Statistiken hin oder her, dass der Versuch nicht auch glücken kann. An einem Sieg gegen Hoffenheim am Wochenende wird man dabei in einem ersten Schritt jedenfalls nicht vorbeikommen.

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Anzahl der Teams, die in den einzelnen Spielzeiten nach 30 und 34 Spieltagen auf einem Champions-League-Platz standen (4/4 = alle vier Teams, die nach 30 Spielen auf einem CL-Team standen, taten das auch nach 34 Spielen; dahinter die Teams, die ihren Platz halten konnten; dahinter in den sieben entsprechenden Spielzeiten die Teams, die ihren CL-Platz noch verspielten und welchen Vorsprung sie zuvor auf einen Nicht-CL-Platz hatten.

  • 2016/2017 – 4/4 – Bayern, Leipzig, Dortmund, Hoffenheim
  • 2015/2016 – 3/4 – Bayern, Dortmund, Leverkusen – Mönchengladbach statt Hertha (vier Punkte Rückstand)
  • 2014/2015 – 4/4 – Bayern, Wolfsburg, Mönchengladbach, Leverkusen
  • 2013/2014 – 4/4 – Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen
  • 2012/2013 – 4/4 – Bayern, Dortmund, Leverkusen, Schalke
  • 2011/2012 – 4/4 – Dortmund, Bayern, Schalke, Mönchengladbach
  • 2010/2011 – 3/3 – Dortmund, Leverkusen, Bayern
  • 2009/2010 – 2/3 – Bayern, Schalke – Bremen statt Leverkusen (drei Punkte zurück)
  • 2008/2009 – 2/3 – Wolfsburg, Bayern – Stuttgart statt Hertha (ein Punkt zurück)
  • 2007/2008 – 3/3 – Bayern, Bremen, Schalke
  • 2006/2007 – 3/3 – Stuttgart, Schalke, Bremen
  • 2005/2006 – 3/3 – Bayern, Bremen, HSV
  • 2004/2005 – 2/3 – Bayern, Schalke – Bremen statt Stuttgart (fünf Punkte zurück)
  • 2003/2004 – 2/3 – Bremen, Bayern – Leverkusen statt Stuttgart (fünf Punkte zurück)
  • 2002/2003 – 3/3 – Bayern, Stuttgart, Dortmund
  • 2001/2002 – 2/3 – Dortmund, Leverkusen – Bayern statt Schalke (zwei Punkte zurück)
  • 2000/2001 – 2/2 – Bayern, Schalke
  • 1999/2000 – 2/2 – Bayern, Leverkusen
  • 1998/1999 – 2/2 – Bayern, Leverkusen
  • 1997/1998 – 2/2 – Kaierslautern, Bayern
  • 1996/1997 – 2/3 – Bayern, Leverkusen – Dortmund statt Stuttgart (zwei Punkte zurück)

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Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl wollen auch am Ende dieser Saison bei RB Leipzig wieder einen CL-Platz bejubeln. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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