In Bestbesetzung beeindruckend

[Direkt unter dem folgenden Vorbericht vor der Partie von RB Leipzig beim SSC Neapel (15.02.2018, 21.05 Uhr) befindet sich eine Zusammenfassung von der Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel. Mit Ralph Hasenhüttl und Yussuf Poulsen.]

So, der letzte der Klubwettbewerbe, der RB Leipzig noch fehlte, steht nun auch vor der Tür. Die Europa League wartet. Offenbar nicht mit allzu extatischer Begeisterung, wenn die Vorverkaufszahl von knapp 10.000 aus Neapel stimmt. Die 1.500, die aus Leipzig anreisen, sind sicherlich absolut im Rahmen dessen, was man rund um RB in Europa an einem Donnerstag erwartent kann.

In der Diskussion steht vor dem Spiel vor allem auch, ob Neapel  gegen Leipzig nur mit einer B-Elf antreten wird, weil man sich auf den Gewinn der Meisterschaft konzentrieren will und entsprechend Spieler schont. Ob es am Ende wirklich so kommt, weiß man natürlich nicht zu 100%, aber es ist die durchaus wahrscheinliche Variante.

Dafür spricht auch die recht spezielle Aufstellungspraxis von Trainer Maurizio Sarri, der das Wort Stammelf zur neuen Kunstform oder zu einem Begriff erhebt, der noch nie derart stark mit Realität gefüllt wurde. Denn vor allem im heimischen Ligabetrieb spielen immer (und Ausnahmen sind eigentlich nur Verletzungen) dieselben elf Spieler. Und immer ist keine der Rhetorik dienende Übertreibung. Denn die elf Stammspieler haben insgesamt und alle zusammen in nur 16 von 264 Ligaspielen einmal gefehlt. Von ihren zusammen 248 Einsätzen waren gerade mal zehn welche nach Einwechslungen.  Elf Spieler besetzten also in 238 von 264 Fällen die Starformation. Lediglich 26mal durfte da jemand anders stehen. (Mario Rui und Faouzi Ghoulam werden hier quasi als ideeller Gesamtlinksverteidiger geführt, weil der eine den anderen nach langwieriger Verletzung nahtlos ersetzte.)

Was Sarri macht, ist also sehr speziell und führt dazu, dass ein 13-Millionen-Einkauf wie Marko Rog in der Liga in 19 Einsätzen 19mal eingewechselt wurde und im Schnitt reichlich zehn Minuten spielte. Einer der konstatesten Ergänzungsspieler zur Stammelf. Wobei Piotr Zielinski mit 22 Einsätzen und nur 14 Einwechslungen hier die größte Rolle beim SSC Neapel spielt und sich im Vergleich zum Rest hinter der Stammelf fast schon als gesetzt fühlen darf.

In jedem Fall lässt der Dauereinsatz der elf Stammspieler, der nur im Landespokal (aus dem man entsprechend im zweiten Spiel ausschied) zugunsten der Schonung von Stammkräften unterbrochen wurde, für die Europa League vermuten, dass man auch da den wichtigsten Akteuren eine Ruhepause geben wird. Gegen die Meisterschaft hat die Europa League als Wettbewerb keine Chance und der Reiz, sich über die Europa League für die Champions League zu qualifizieren, hält sich bei aktuell 17 Punkten Vorsprung auf einen Nicht-Champions-League-Platzin der Liga auch in sehr engen Grenzen.

Auch in Leipzig hatte Ralf Rangnick im Winter ja laut die Sinnfrage bezüglich der Europa League gestellt. Wirtschaftlich müsse man schon fast ins Finale kommen, damit sie was bringt und sportlich ist sie hinderlich, wenn man weit kommt, weil man dann möglicherweise mit der Doppelbelastung in der Bundesliga die entscheidenden Körner verliert, um sich erneut für die Champions League zu qualifizieren. Und so bitter das auch sein mag, für die Vereinsentwicklung ist die erneute Qualifikation für die Champions League sehr viel relevanter als das Mitspielen in der KO-Runde der Europa League.

Vermutlich wird das nicht heißen, dass bei RB Leipzig Dominik Kaiser und Fabio Coltorti ein paar Nachwuchskicker auf den Platz führen. Dazu hat Ralph Hasenhüttl normalerweise auch zu viel sportlichen Ehrgeiz. Aber während man in der Hinrunde in der Champions League noch immer die beste Mannschaft brachte und in der Liga dafür immmer mal rotierte, dürfte man es nun eher andersherum halten. Sprich, man wird Dinge nicht extra für die Europa League opfern, außer man zieht durch einen Zufall ins Halbfinale ein und hätte wirklich die Chance, den Wettbewerb zu gewinnen.

Wenn beide Mannschaften mit vollen Kapellen aufeinandertreffen würden, dann wäre es in der Runde der letzten 32 in der Europa League ein großartiges Gipfeltreffen zwischen dem deutschen Vizemeister und dem Tabellenführer Italiens, der eine wahnsinnige Saison spielt. 114 Punkte in 44 Spielen (2,59 im Schnitt!) und damit drei mehr bei einem Spiel weniger als das große Juventus hat Neapel seit Anfang 2017 geholt. In dieser Saison steht man bei 63 Punkten aus 24 Spielen (2,63 Punkte im Schnitt!) und hat erst eine Niederlage (zu Hause gegen Juventus) kassiert, während man aus zwölf Auswärtsspielen mal eben 34 Punkte (also elf Siege und ein  Unentschieden mitnahm).

Wahnsinnsbilanz, die neben dem einkalkulierten Ausscheiden im Landespokal vor allem durch das Ausscheiden aus der Champions League einen kleinen Kratzer bekam. Die Pflicht erfüllte man mit Heimsiegen gegen Feyenoord und Donezk, die fürs Weiterkommen relevante Kür, auch auswärts was von diesen Vereinen mitzunehmen, konnte man allerdings nicht erfüllen. Aber auch dieser Wettbewerb löste jetzt bei den SSC-Anhängern nicht unbedingt Rieseneuphorie aus. Lediglich im Heimspiel gegen Manchester City war das Stadion gut gefüllt (aber lange auch nicht ausverkauft), gegen Rotterdam waren zum CL-Heimauftakt keine 23.000 da, gegen Donezk gab es mit nicht mal 11.000 Zuschauern die Minuskulisse der Saison. In Neapel zählt offenbar die Meisterschaft und dann ganz lange wenig bis nichts.

Wenn man Neapel an einem guten Tag kriegt, dann bietet die Mannschaft einen fußballerischen Mix, der sie ganz hervorragend zu einem absoluten Topteam qualifiziert. Und zwar weil die Mannschaft, wie man hierzulande ja immer so schön sagt, mehr als die Summe ihrer Einzelteile ist. Weil sie sehr gut verteidigt, eine Idee für den Ballbesitz hat und sich in schnellen Kombinationen nach vorn zu spielen weiß und weil sie über ein sehr gutes Gegenpressing nach Ballverlust und sowieso ein sehr gutes Umschaltspiel verfügt.

Diese Mannschaft ist in ihrer Vielseitigkeit sehr gut anzusehen und verfügt noch dazu vorneweg mit Dries Mertens über spektaktuläre Offensivspieler. Eine Mannschaft also, die über produktiven Ballbesitz in Form einer absoluten Hochgeschwindigkeitspassmaschine (wie man sie in Deutschland gar nicht mehr kennt und wie sie auch in Italien einzigartig ist) zusätzlich zu all den anderen wichtigen Sachen des modernen Fußballs verfügt. Eine eierlegende Wollmilchsau unter den Mannschaften sozusagen. So rein spielkulturell.

Wie sehr das Team für Spielkultur steht, zeigt sich auch darin, dass Neapel in Italien die Mannschaft mit dem meisten Ballbesitz und der besten Passquote ist (bei nicht gerade sicherheitsbetontem Passspiel in der Offensive). Dabei liegt der Fokus nicht so sehr auf dem Ausspielen von individuellen Stärken, sondern auf Stärken im mannschaftlichen Zusammenspiel, wie auch die Tatsache zeigt, dass man im Ligavergleich nur mittelmäßig erfolgreich dribbelt. Bei RB ist die Bilanz ja eher anders herum. Viele erfolgreiche Dribblings, um Situationen aufzulösen, schwächere Passquote. Das führt dazu, dass Neapel sich Torschüsse vor allem aus dem normalen Spiel heraus erarbeitet. Keine Mannschaft Italiens kommt häufiger auf diesem Weg zum Abschluss.

In Bestbesetzung verfügt Neapel über eine beeindruckende Formation (gar nicht so sehr von den Namen, sondern von ihrem Auftreten und Selbstverständnis her), in der das Sturmdreieck Mertens, Callejon und Insigne das Herzstück ist, das man in seiner Schnelligkeit und Wirbeligkeit kaum stoppen kann. Der nicht nur frisurentechnisch auffällige Marek Hamsik hat es dahinter letztens erst geschafft mehr Pflichtspieltore im SSC-Dress als Diego Maradona zu erzielen und ist so etwas wie Mister Neapel geworden. Kalidou Koulibaly ist ein hervorragender Innenverteidiger. Jorginho und Allan sind in der Mittefeldzentrale noch wichtig.

Ob man sich die Namen für das Spiel gegen Leipzig zwingend merken muss, wird man sehen. Dass in der Liga immer dieselben spielen, könnte jedenfalls darauf verweisen, dass der Kader dahinter einfach nicht gut genug ist. Aber die Herren Diawara, Rog und Zielinski sind absolut talentierte Spieler zwischen 20 und 23, die von ihrem Potenzial her dem Rest des Teams nicht wirklich nachstehen.

Trotzdem bleibt die Kaderplanung ein Problem unter der aktuellen Einsatzpolitik. Der erst vor der Saison für 20 Millionen gekommene Innenverteidiger Maksimovic ging im Winter schon wieder per Leihe nach Russland. Transfers wie der von Younes (Amsterdam) und Klaassen (Everton) scheiterten am Ende, obwohl sie eigentlich schon final eingetütet waren aus unterschiedlichen (persönlichen und formalen) Gründen. Vor allem auf der Linksverteidigerposition wurde die Kaderlücke beim SSC Neapel nicht behoben. Da sitzt schon noch einige Qualität auf der Bank, aber so ganz rund ist die Kaderzusammenstellung mal jenseits des Trainer-Spleens nicht.

Wenn man Neapel eine Schwäche mitgeben kann, dann ist es die Konterverteidigung. Das Team verliert den Ball im schnellen Kombinationsspiel zwar nur selten so, dass man danach nicht schnell wieder in die Absicherung kommen würde, aber wenn man doch mal ins schnelle Umschalten und ins eigene Drittel sprinten muss, wo man sich im Spielverlauf nur äußerst selten aufhält, dann hat man durchaus schon mal Nachteile und läuft nur hinterher.

Das passt natürlich wiederum gut zu den Qualitäten von RB Leipzig, die genau solche Lücken bei Mannschaften, die mit dem Ball agieren, sehr gern ausnutzen. Das Spiel hat entsprechend viel Potenzial, wenn denn beide Mannschaften in Bestbesetzung oder zumindest bestens motiviert in die Partie gehen, sich in beide Richtungen zu entwickeln. Neapel hat genauso die Möglichkeit die RB-Abwehr mal eben komplett schwindlig zu spielen, wie RB die Möglichkeiten hätte, aus guten Ballgewinnen heraus, Neapel im Umschaltspiel wehzutun. Dass Leipzig im eigenen Ballbesitz viel gegen den SSC zu holen vermag, ist allerdings nicht mit gleichermaßen hohem Selbstbewusstsein anzunehmen. Wobei halt wie gesagt über allem die Frage schwebt, gegen welches Team man antritt. Das macht dann auch in der SSC-Defensivorganisation durchaus einen Riesenunterschied.

Auf RB-Seite spricht nichts dagegen, in Bestbesetzung in die Partie zu gehen, außer Hasenhüttl denkt die Montagspartie gegen Frankfurt mit, was eher unwahrscheinlich ist. Entsprechend dürfte Sabitzer zurück in die Mannschaft kommen. Eigentlich würde sich gegen den SSC und deren Dreiersturm bzw. deren sehr gute Strafraumbesetzung auch eine Dreierkette in der Abwehr anbieten, aber da dies zuletzt nicht gespielt wurde, wird das wohl auch keine Option sein. Entsprechend dürfte die Frage stehen, ob Bruma oder Poulsen im Team bleibt und man im 4-3-3 oder im 4-2-2-2 aufläuft, wenn denn Demme wieder mit aufs Feld darf.

[Update: Nicht gesehen, dass Dries Mertens beim SSC Neapel eh gesperrt ist. Der läuft also schon mal zu 100% nicht auf.]

Mögliche Aufstellungen (bei Neapel ist es einfach nur die bestmögliche Standardformation, was wiederum die unwahrscheinlichste Aufstellung ist)

  • SSC Neapel: Reina – Hysaj, Albiol, Koulibaly, Rui – Allan, Jorginho, Hamsik – Callejon, Insigne, Ounas
  • RB Leipzig: Gulacsi – Laimer, Orban, Upamecano, Klostermann – Kampl, Demme, Keita – Sabitzer, Werner, Bruma

Fazit: Ein nicht voraussagbares Spiel zwischen dem SSC Neapel und RB Leipzig. Weil man nicht weiß, mit welcher Aufstellung die Gastgeber auflaufen und wie eine mögliche B-Elf funktionieren würde (im Pokal funktionierte sie überschaubar gut). Und weil Neapel mit seinen Stärken jeden Gegner knacken kann, aber mit der leichten Schwäche bei der Konterverteidigung gerade gegen Leipzig auch Probleme kriegen kann. Träte Neapel in Bestbesetzung an, müsste man sie zum vergleichsweise klaren Favoriten machen (zumal über zwei Spiele). Da sie vermutlich nicht in Bestbesetzung antreten, dürfte es ein sehr ausgeglichenes Duell werden, wobei ein Balleroberungsteam dann gegen einen nicht zu 100% eingespielten Gegner auch mal besonders gut aussehen kann.

[Wer das Spiel von RB Leipzig beim SSC Neapel nicht vor Ort verfolgen kann und am 15.02.2018, ab 21.05 Uhr trotzdem dabei sein will, nutze die üblichen Kanäle, also Liveticker und Vereinsradio. Bilder gibt es live bei Sky und Sport1.]

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Bisherige Duelle RB Leipzig vs. SSC Neapel

  • keine

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Wieder Anzugzeit für Ralph Hasenhüttl. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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Pressekonferenz einen Tag vor dem Spiel von RB Leipzig beim SSC Neapel. Mit Ralph Hasenhüttl und Yussuf Poulsen.

Ralph Hasenhüttl:

„Erwarte intensives Spiel gegen starken Gegner. Bei einer Mannschaft, die die Seria A anführt, ist klar, welche Qualität uns erwartet. Wir haben uns sehr gut vorbereitet und ich hoffe, wir erzielen hier ein gutes Ergebnis, damit wir im Rückspiel die nächste Runde erreichen können.“

„Eine Spieler, die Qualität mitbringen. Zum Glück ist Mertens gesperrt. Aber sind auch andere auf dem Platz, die torgefährlich sind. Die Mannschaft lebt von ihren Automatismen, das spricht ganz klar für den Trainer. Kaum Schwächen, sowohl offensiv als auch defensiv. Sehr viele, sehr gute Abläufe, die schwer zu verteidigen sind.“

„Mir nicht wichtig, wie viel Neapel wechselt. Sie werden nicht das Spiel wegen der Meisterschaft abschenken. Wir bereiten uns auf die schwerstmögliche Aufgabe vor und treten mit der stärksten Mannschaft an.“

„Sind ein paar Parallelen in unserem Spiel bei Pressing und Umschaltspiel. Gutes Netz um den Ball. Neapel hat dazu noch viel Qualität auf allen Positionen. Stehen für attraktiven Fußball. Das schreiben wir uns auch auf unsere Fahnen.“

„Kein Unterschied, ob das Stadion ausverkauft ist oder nur 15.000 Zuschauer kommen. Entscheidend ist, dass wir die Grundlage legen wollen, um in die nächste Runde zu kommen.“

„Haben schon zu Hause trainiert und jetzt gleich noch mal im Stadion. Ist sicher nicht das neueste. Seit Maradona hat sich nicht viel verändert. Man spürt viel Fußballtradition.“

Irgendwas mit Maradona. Aber Aktualität größere Motivation als die Historie.

„Haben zuletzt immer mal das System gewechselt. Mannschaft hat das verinnerlicht und kann das schnell wechseln. Neapel ist auch taktisch flexibel. Morgen vielleicht auch entscheidend, mal die Grundordnung zu verändern. Das was wir spielen, muss aber zu 100% sein. Ein bisschen Pressing wird nicht funktionieren.“

„Diego Demme wird in Abhängigkeit vom System auf der Sechs spielen.“

„Emil Forsberg ist dabei. Man darf keine Wunderdinge von ihm erwarten. Kann sein, dass ich ihn zum Schluss, zehn, zwanzig Minuten einsetze. Belastung langsam steigern.“

„Erwarte ein rassiges Spiel mit vielen Torszenen.“

„Liga hat Priorität und wir wollen wieder in die Champions League. Aber es steht außer Frage, dass wir in der Europa League so weit wie möglich kommen wollen.“

„Wichtige Erfahrung, um den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Gehen das mit aller Hingabe an.“

Yussuf Poulsen:

„Gehen das Spiel wie jedes andere an und wollen gewinnen.“

„Letzte beide Spiele zu Null gewonnen. Wird gegen Neapel ein heißes Spiel. Erstes K.o.-Spiel für uns.“

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