Kaderbreite als positiver Faktor

Jedenfalls hat RB Leipzig die Möglichkeit, mangelnde Frische in Kopf und Glieder aus den Tiefen des Kaders heraus auszugleichen. (Zwischen Rationalität und realistischem Traum)

So schmiss ich gestern fröhlich in den virtuellen Raum hinein. Bei einem 25er Kader, in dem so ziemlich jeder Spieler entweder bereits höherklassig Erfahrungen gesammelt und/oder entsprechendes Talent hat, zukünftig welche zu sammeln, keine ganz gewagte Behauptung.

Tatsächlich ist es so, dass RB Leipzig im Vergleich der Drittligateams die geringste Konstanz bei der Aufstellung hat. Sprich, jenes Team ist, dass von der ganzen Breite des Kaders am umfangreichsten Gebrauch macht. Lediglich sechs Spieler haben bisher mindestens zehn Startelfeinsätze auf dem Buckel, während es bei der Hälfte aller Teams der 3. Liga mindestens zehn Spieler sind, die schon zehnmal oder mehr zu Spielbeginn aufs Feld laufen durften. Nicht ganz zufällig gehört Spitzenreiter Heidenheim, die ja eigentlich auch wie RB über einen breiten Kader verfügen, zu den vier Teams, die mit 11 Spielern mit mindestens zehn Startelfeinsätzen über eine Art fest eingespielte Stammelf verfügen.

  • Heidenheim: 11 Spieler mit mindestens zehn Startelfeinsätzen
  • Saarbrücken: 11
  • Chemnitz: 11
  • Duisburg: 11
  • Erfurt: 10
  • Halle: 10
  • Kiel: 10
  • Elversberg: 10
  • Darmstadt: 10
  • Osnabrück: 10
  • Dortmund II: 9
  • Rostock: 9
  • Münster: 9
  • Stuttgarter Kickers: 9
  • Wehen Wiesbaden: 9
  • VfB II: 9
  • Unterhaching: 8
  • Regensburg: 8
  • Burghausen: 7
  • Leipzig: 6

Interessanterweise machte RB Leipzig in den Nichtaufstiegsjahren 2010/2011 und 2011/2012 eigentlich die Erfahrung, dass ein eingespieltes Kernteam erheblich zum Erfolg beiträgt. Sprich, am Ende nicht jenes Team mit dem breitesten Kader, also RB Leipzig aufstieg, sondern mit Chemnitz und Halle jene Mannschaften, die klare Kaderhierarchien kannten und diese durch die Saison tragen konnten.

Spannend ist nun, dass RB Leipzig selbst mit einer recht umfangreichen Kaderrotation auf einem hervorragenden Platz 2 liegt. Also die Unruhe in der Stammelf überhaupt keine negativen Auswirkungen auf die Spielergebnisse hat, wie sie das noch unter Oral die ganze Saison und unter Pacult zumindest in der Rückrunde hatte. Man scheint einen Weg gefunden zu haben, den breiten Kader zu einem positiven Faktor zu machen.

Was in einer Liga mit 20 Teams plus Sachsenpokal plus DFB-Pokal (also maximal 44 Pflichtspiele diese Saison) eine nicht unwichtige Sache ist. Denn Gelb- und Rotsperren, Verletzungen und Formkrisen aufgrund fehlender körperlicher und geistiger Frische gehören in der dritten Liga noch viel mehr zum Alltag als beispielsweise in einer 16er Regionalliga wie im vergangenen Jahr. Jenes Team, das diese Schwankungen durch einen breiten Kader auffangen kann und Spieler in der Hinterhand hat, die man jederzeit ohne größere Anlaufzeit ins Wasser schmeißen kann, hat natürlich auch große Chancen, am Ende sportlich sehr gut dazustehen. Gerade auch, weil in der dritten Liga oft Feinheiten entscheiden.

Vergleicht man das diesjährige RB Leipzig mit dem letztjährigen, dann fällt auf, dass RB vor Jahresfrist nach 16 Spielen zehn Spieler hatte, die auf mindestens zehn Startelfeinsätze kamen (und damals kam erschwerend hinzu, dass zwei Spiele schon nach der Winterpause stattfanden und entsprechend mit Morys und Karikari plötzlich neue Spieler ins Team kamen). Sprich in der vergangenen Saison hatte RB Leipzig eine sehr viel klarere Stammelf und nur weniger Positionen, auf denen Wechsel durchgeführt wurden, als in diesem Jahr.

In der aktuellen Spielzeit standen drei Spieler bisher in jedem Spiel in der Startelf, die im Normalfall dort auch künftig immer stehen werden. Keeper Fabio Coltorti, Mittelfeldsäule Dominik Kaiser und Stürmer Daniel Frahn. Vermutlich auch immer gesetzt, wenn er denn nicht gerade ein Abschlusstraining verschläft oder bei der U21 Dänemarks unterwegs ist, sollte Yussuf Poulsen sein, der in Sachen Ballsicherung in der Sturmreihe einfach der beste Spieler ist.

Niklas Hoheneder und Anthony Jung hätte man bis vor kurzem auch noch als unumstrittene Stammkräfte auf dem Zettel gehabt. Ersterer muss sich nach einer Gelbsperre überraschend erst mal hinten anstellen (was ein Kaiser oder ein Frahn wohl nicht müsste; auch ein Coltorti nicht, der bereits drei gelbe Karten kassierte und zielsicher auf eine Gelbsperre zusteuert). Und zweiterer zeigt, dass Alexander Zorniger gedenkt, in diesem Jahr von der Kadertiefe durchgängig Gebrauch zu machen. Denn nach starkem Saisonstart fehlte Jung zuletzt etwas die Frische, sodass Zorniger andere Lösungen für die Linksverteidigerposition präferierte.

  • Fabio Coltorti: 16 Startelfeinsätze
  • Dominik Kaiser: 16
  • Daniel Frahn: 16
  • Niklas Hoheneder: 14
  • Yussuf Poulsen: 13
  • Anthony Jung: 13
  • Tim Sebastian: 8
  • Bastian Schulz: 8
  • Henrik Ernst: 8
  • Sebastian Heidinger: 8
  • Tobias Willers: 8
  • Fabian Franke: 7
  • Matthias Morys: 6
  • Carsten Kammlott: 5
  • Denis Thomalla: 5
  • Juri Judt: 5
  • Joshua Kimmich: 5
  • Timo Röttger: 4
  • Christian Müller: 4
  • Thiago Rockenbach: 4
  • Clemens Fandrich: 3
  • Christos Papadimitriou: 0
  • Bellot/ Domaschke/ Luge: 0

Mit Papadimitriou und Luge standen lediglich zwei Feldspieler noch nicht in der Startelf. Wobei Papadimitriou immerhin schon ein paar Minuten auf dem Platz stehen durfte. Bei Luge reichte es bisher nur zu Bankplätzen. Wenn Kimmich verletzungsfrei bleibt, dann kann man davon ausgehen, dass er zu den Stammspielern ganz oben in der Liste aufschließen wird. Und ansonsten dürfte das Bild im Saisonverlauf wohl weitestgehend so bleiben, wie es jetzt ist. Eine Handvoll unumstrittene Stammspieler als Köpfe der Mannschaft und dahinter ein breites Feld von Spielern, die sich die Einsätze mehr oder weniger brüderlich teilen.

Fazit: Falls RB Leipzig den breiten Kader tatsächlich zu einem positiven Faktor machen kann, dann haben sie in einer langen Saison mit ihren vielen Aufs und Abs tatsächlich in Sachen sportlicher Konstanz einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil. Zwischen 2010 und 2012 war der breite Kader eher ein Klotz am Bein, der schlechte Stimmung produzierte und zu mangelnder Eingespieltheit führte. In der aktuellen Saison sieht es bisher so aus, als ob man aus diesem Dilemma einen Ausweg gefunden hätte. Aus RB-Sicht darf das gerne so bleiben, aber die Saison ist noch lang und Unzufriedenheit im Kader könnte auch bei relativ ausgewogener Verteilung von Einsatzzeit durchaus noch ein ablenkendes Thema werden. Zumal wenn im Winter noch einige wenige, ausgewählte Neuzugänge dazukommen sollten.

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Annex: Die Liste der Startelfeinsätze aus der Saison 2012/2013 nach 16 Spielen.

  • Coltorti: 16 Startelfeinsätze
  • Rockenbach: 16
  • Frahn: 16
  • Franke: 15
  • Müller: 15
  • Hoheneder: 14
  • Kaiser: 14
  • Judt: 12
  • Kutschke: 12
  • Schulz: 12
  • Heidinger: 7
  • Schinke: 6
  • Röttger: 5
  • Kammlott: 5
  • Sebastian: 4
  • Ernst: 3
  • Karikari: 2
  • Koronkiewicz: 1
  • Morys: 1

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4 Gedanken zu „Kaderbreite als positiver Faktor“

  1. …da du es nun schon selbst mehrfach thematisiert hast, wer soll denn im Winter kommen? Ich kann irgendwie noch nicht mal den Ansatz eines Gerüchtes finden… 🙁

    1. A.Zorniger meinte auf Nachfrage eines Journalisten, dass man die Augen offen hält. Man hat also weder verneint noch bestätigt, ob es im Winter Neuzugänge geben wird.
      Ich denke, es ist direkt vom Tabellenstand abhängig, ob man nochmals die Bemühungen Richtung Aufstieg verstärkt. Zumal man dann für Hochkaräte mehr Argumente hat. Viele werden sicher jedoch nicht kommen. Man wird sicher nicht unnötige Unruhe in den Kader bringen wollen. Ich erinnere an Wallner 🙁

  2. Ich vermute bzw. bin mir sehr sicher, dass man in der Winterpause ein bis zwei, allerhöchstens drei Neuzugänge mit Zweitligapotenzial holen wird. Vielleicht Spieler, die nicht sofort einschlagen, weil sie noch jung sind, aber Spieler, die eventuell kurz- vor allem aber mittelfristig weiterhelfen sollen. Letztlich geht es auch jetzt schon um den Umbau des Kaders hin zu einem zweitligatauglichen. Dafür ist es auch egal, ob man in dieser Saison schon aufsteigt oder nicht. Der Umbruch muss nach und nach geschehen, denn nicht unwesentliche Teile des aktuellen Kaders werden keine Zukunft in Liga 2 haben. Und ich glaube auch, dass die Auswahl von Neuzugängen unabhängig vom Tabellenstand sein wird bzw. nur insofern davon abhängt, dass man bei potenziellen neuen Spielern als Zweitplatzierter die besseren Argumente als als Zehnter der Tabelle hat.

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