Sichtbarkeit in der Stadtgesellschaft

In den letzten Wochen gab es mal wieder Umfragen rund um die Bundesliga und entsprechend auch rund um RB Leipzig. So etwas war ja in der Vergangenheit schon immer mal Thema hier im Blog (hier oder hier zum Beispiel). Meist mit eher kritischem Unterton hinsichtlich Methodik, Forschungslogik und Ergebnissen.

Von diesem Einstieg ist es nicht mal mehr einen Ameisensprung weit bis zur Studie der TU Braunschweig, die sich groß jährlich als Fußballstudie verkauft, die die Markenlandschaft der Bundesliga untersucht, aber de facto letztlich (in ihrem präsentierten Part) nur eine recht oberflächliche Einstellungsmessung ist und letztlich die Positionierung von Fußballfans zu Vereinen auf den Dimensionen „sympatisch“, „sehr gut“, „attraktiv“ misst.

Wenn man etwas aus den Ergebnissen herauslesen will, dass die Sympathiewerte von RB Leipzig (auf niedrigem Niveau) von Jahr zu Jahr steigen und dass der Verein vor allem für seine sportlichen Qualitäten geschätzt wird. Aber bei einer Studie, die RB Leipzig als viertunbekanntesten Verein aller 36 Erst- und Zweitligisten und Freiburg, Kiel und Sandhausen als sympathischste Vereine des Profifußballs auswirft, scheint es so viele forschungslogische Fragezeichen zu geben, dass es sich auch eigentlich nicht lohnt, sich länger damit zu beschäftigen..

Eine andere Studie, nämlich die von Statista ist da in ihrer Detailiertheit schon etwas interessanter, auch wenn sich aus ihrem Fokus, sich und ihre Ergebnisse auf dem Markt verkaufen zu müssen, was auch heißt, sich im Kontekt der Monetarisierung von Fußballfans präsentieren zu müssen, auch ergibt, dass manchmal das prägnante Ergebnis über dem Interesse am Gegenstand steht.

Entsprechend gibt es ein buntes Sammelsurium von Ergebnissen, die von 400 Euro, die jeder Fußballfan jährlich für Fußball ausgibt und Frauen als besonders aktive Multiplikatoren in den Online-Channels reichen. Es gibt natürlich auch Zahlen zur Interessantheit und Beliebtheit von Vereinen. Wo RB Leipzig im bundesweiten Vergleich ganz gut abschneidet. Also irgendwo im vordersten Drittel der Bundesliga. Was vor allem am inzwischen ganz gut belegten Rückhalt im Osten der Republik und hier vor allem im MDR-Gebiet liegt. In Sachsen ist RB den Zahlen zufolge deutlich vor dem Rest der beliebteste Bundesligist. In Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt man auf Augenhöhe mit den Bayern an der Spitze.

Die Fallzahlen dürften allerdings pro Bundesland sehr gering sein, wenn man die Gesamtzahl an Befragten von 3.000 im gesamten Bundesgebiet bedenkt, sodass das Vertrauen in die Zahlen sich eher darin begründet, dass sie sich ziemlich genau jenen Zahlen ähneln, die bei früheren Befragungen anderer Studien zu regionalen Differenzen erhoben wurden (wenn ein Test von unterschiedlichen Institutionen immer wieder dasselbe Ergebnis hat, dann darf man den entsprechenden Ergebnissen dann durchaus auch vertrauen). RB Leipzig wird halt auch weit über Leipzig hinaus schon einfach aufgrund des Leipzigs-Bezugs als ostdeutscher Verein gesehen (nicht bei Hardcore-Fans im Dynamo-Gebiet, aber in der breiten Masse an fußballaffiner Bevölkerung).

Wie viel emotionale Beteiligung dann mit diesem losen Bekenntnis verbunden ist, bleibt ein bisschen offen. Dass RB Leipzig quasi der FC Bayern größerer Landstriche im Osten ist, aber sein Stadion in dieser Saison noch für kein Pflichtspiel ausverkaufen konnte, verweist darauf, dass das Schielen auf RB nicht zwangsläufig auch mit dem Schritt hin beispielsweise zu einem Ticketkauf verbunden ist.

Auch in dieser Studie wird RB Leipzig als junger, aufregender, dynamischer Verein wahrgenommen. Alles Attribute, mit denen man kommunikativ auch gern arbeitet. Bodenständigkeit gehört dagegen nicht zu den Zuschreibungen, die Fußballfans einfällt, wenn sie an RB Leipzig denken. Klar, dass ein solches Vorneweg-Image eines Newcomers auch zu Polarisierungen führt und nur die Bayern noch mehr polarisieren, indem noch mehr Fußballfans sie nicht mögen.

Ein nicht unwesentlicher Teil der Studie beschäftigt sich mit Brands und der Monetarisierung von Fans. Red Bull und Leipzig wird dabei als passende und bundesweit bekannte Verknüpfung gesehen, sodass man davon ausgehen dürfte, dass die Marketingziele von Red Bull durchaus aufgehen und das investierte Geld eine lohnenswerte Investition ist.

Nicht gefallen düfte dem Hause Mintzlaff, dass der Studie zufolge nur 40% der befragten RB-Fans irgendeine Form von Merchandising ihr eigen nennen. Was gut zu obiger These passt, dass RB Leipzig zwar quasi eine Art FC Bayern des Ostens ist, aber das Involvement der dem Klub zugeneigten Menschen nicht so hoch ist, dass daraus auch finanzielle Ausgaben resultieren. Vermutlich sind genau das die Menschen, die RB versucht mit Aktivierungen wie Plakatkampagnen quer durch die MDR-Bundesländer zu erreichen und dahin zu kommen, dass die Anzahl derjenigen, die auch im Merchandising-Bereich zuschlagen, größer wird. Schließlich orientiert sich Mintzlaff in diesem Bereich am 1. FC Köln als mittelfristiger Zielmarke, die aktuell noch doppelt so hohe Einnahmen wie RB haben (bei im bundesweiten Vergleich ähnlich großer Anhängerschaft) und bei denen 70% der Fans über Merch verfügen.

Die Zahl, die aus der Statista-Studie am lautesten durch die Welt getragen wurde, war jene von den rechten Fans von RB Leipzig. Die Frage dazu lautete: „Wo würden sie sich selbst auf eine Skala von 0 bis 10 sehen, wenn 0 ‚links‘ und 10 ‚rechts‘ ist?“ Bei RB Leipzig antworteten 26% mit rechts oder eher rechts, was der höchste Anteil aller Bundesligisten ist. Wobei als rechts offenbar alle zusammengefasst wurden, die irgendwas von 8 bis 10 auf der Skala angekreuzt hatten (0 bis 2 war entsprechend links, 3 bis 7 war die Mitte).

Das ist natürlich ein Ergebnis, das hübsch catchy ist (und zur oben gemachten Anmerkung passt, dass man sich halt selbst verkaufen muss). Allerdings hat diese Frage auch ein erhebliches Problem der Unvergleichbarkeit zwischen den Klubs. Denn Vereine wie Hertha wurden nur von 2% der Befragten als ihre Lieblingsklub benannt (Augsburg und andere kamen mit nur einem Prozent auf noch geringere Werte). Wenn man von 3.000 Befragten ausgeht, beantworteten nur 60 Befragte Fragen zu Hertha. Da die Politik-Frage noch mal 300 Befragte ausließen, müssten (bei normaler Verteilung der Ausfallquote) weniger als 55 Hertha-Befragte übrig bleiben, die zu ihren politischen Einstellungen Auskunft geben. Jeder Befragte mehr oder weniger, der bei rechts oder nicht rechts ankreuzt, macht allein knapp zwei(!) Prozent aus. Hätten nur zwei bis drei Hertha-Befragte weniger angekreuzt, sie wären eher links, hätte Hertha nicht zu den linken Vereinen gezählt.

Wenn man dann halt noch nimmt, dass die Zahlen bei Augsburg, Hoffenheim, Mainz und Co gerade mal halb so groß waren (also eventuell unter 30 Anhänger befragt wurden), dann macht der Vergleich verschiedener Klub-Anhänger hinsichtlich ihrer politischen Einstellungen schon rein forschungsmethodisch keinen Sinn, weil nur ein sehr kleiner Teil der Vereine (wie RB Leipzig) über eine halbwegs akzeptable Grundgesamtheit an Befragten verfügt. Dazu fehlen Aussagen zu Mittelwerten innerhalb der Politikränder, sodass unklar bleibt, in welchem Spektrum von rechts sich die RB-Fans mehrheitlich verorten (10 oder doch eher 8?) und wie das im Vergleich zu anderen Vereinen aussieht.

Weitaus schwieriger sind aber inhaltliche Fragen. Denn genaugenommen geht es hier um eine Selbstwahrnehmung in Bezug auf ein sowieso schwieriges Zuordnungsfeld. Schwierig deswegen, weil mit der Zuordnung ja keine politische Einstellungsmessung verbunden ist, wie es beispielweise die Leipziger „Mitte“-Studien alle zwei Jahre tun. Sich öffentlich als rechts zu kennzeichnen, könnte auch einfach dem Umstand geschuldet sein, dass man für dieses ‚Geständnis‘ im Osten ein leichteres Umfeld hat, während anderswo die Einstellungen vielleicht ähnliche sind, aber die Selbstwahrnehmung bzw. die Offenheit dazu zu stehen, eine andere ist.

Die genannten Studien konstatierten bis 2016 jedenfalls keinen signifkanten Anstieg in Sachen Anzahl der Menschen mit rechtsextremem Weltbild und auch nicht generell in Sachen Ausländerfeindlichkeit (im Vergleich zu Anfang des Jahrtausends sind die Zahlen aufgrund zivilgesellschaftlicher Entwicklungen wohl sogar rückläufig), sondern es besteht einfach nur eine neue Möglichkeit, sich über AfD und Co dahingehend auch zu bekennen, dem eigenen Denken quasi einen Rahmen zu verleihen und sich politisch (dazu auch rationalisiert über die Probleme, die aus Migrationsbewegungen resultieren bzw. die man damit in Verbindung bringt) mit einer Ecke zu identifizieren.

Das alles nur thesenhaft zu der Statista-Studie, die natürlich nicht benennen kann (weswegen das als Zahl festgehaltene Ergebnis auch recht sinnlos wird), was hinter dieser Selbstwahrnehmung der Fußballfans inhaltlich steckt (mal abgesehen davon, dass der Vergleich mit anderen Klubs aufgrund der Fallzahlen Quatsch ist). Fakt ist, dass es eine solche Selbstwahrnehmung offenbar gibt und das diese angesichts der Wahlergebnisse der AfD (die mit dem Begriff rechts im wesentlichen keine Probleme haben dürfte) vor allem in den neuen Bundesländern und vor allem auch in Sachsen wenig überraschend ist.

In diesem Raum, der der „Mitte“-Studie zufolge mit einem recht stabilen Potenzial bswp. ressentimentgeladener Einstellungen gegenüber Ausländer verbunden ist und in dem sich Menschen dieses Spektrums nun stärker ‚trauen‘, ihre Position auch laut und aggressiver zu vertreten und dabei mit einer lauten und aggressiven Gegenseite um Deutungshoheiten konkurrieren (was dann auch mit einem erhöhten Bekenntnisdruck und Identifizierungszwang auch für Menschen jenseits politischer Pole einhergeht), agiert RB Leipzig.

Vielleicht auch aus Angst, in einer aufgehitzten Situation Partei zu ergreifen und zwischen politische Fronten zu geraten und weiter zu spalten, fährt der Verein zumindest kommunikativ seit längerem einen recht klaren ‚keine Politik im Sport‘-Kurs. Nur so könne der Fußball seine verbindende und einende Kraft entfalten und Menschen zusammenbringen, so Ralf Rangnick letzte Woche auf einer Pressekonferenz.

Ein bisschen kann man es ihm nachfühlen, sich aus den gesellschaftlichen Debatten rausnehmen zu wollen und nur noch den Ball zu kicken, wo doch das ist, worin Rangnick-Mannschaften seit Jahrzehnten vergleichsweise gut sind und wo Rangnick mit seinem Latein aus seiner eigenen Sicht heraus noch lange nicht am Ende ist. Einfach nur kicken, die Menschen haben an ihrem freien Nachmittag oder Abend ihren Spaß und dann dreht sich die Welt weiter.

Dass man damit nicht so recht weiterkommt, zeigt schon ein einfacher Blick auf Facebook-Posts, in denen es in letzter Zeit um Politik im Stadion ging. Sei es ausgehend von Rangnick oder ausgehend von den Rasenballisten, die die Rangnick-Position kritisierten. Sich mal den ‚Spaß‘ zu machen und den kommentierenden Facebook-Profilen zu folgen, zeigt recht deutlich, dass die ‚Keine Politik im Stadion‘-Aussage vor allem von Menschen bejubelt wird, die generell nicht mit bestimmten Positionen des politischen Spektrums in Kontakt kommen wollen, sondern lieber weiter online fleißig abstruse Steimle-Videos teilen oder im Extremfall vom (übrigens verfassungsfeindlichen) Marsch auf Berlin zur Umstellung der Volksvertreter träumen (ja, die Facebook-Kommentierer so über einen Kamm zu scheren, ist ein wenig zugespitzt dargestellt).

Sprich, die ‚keine Politik im Stadion‘-Position mag eine hübsche sein, wenn man in einer entspannten, gesellschaftlichen Situation lebt. Derzeit bedeutet das lautstarke ‚keine Politik‘-Gerede vor allem, dass man sich in der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung wegduckt und dass man eine bestimmte Teilgruppe der RB-Anhänger, denen ein Eintreten für einen möglichst diskriminierungsfreien Sport wichtig ist, in der Öffentlichkeit zum Abschuss frei gibt. Dass die Rasenballisten gefühlt inzwischen von Bannern bis zur Erderwärmung für alles verantwortlich gemacht werden, was auf diesem Planeten passiert, ist unter anderem auch eine Folge der Vereinspolitik.

Letztlich geht es bei diesen Fragen auch gar nicht darum, dass im Stadion jede Woche lahme Bekenntnisse abgespult werden. Es geht auch nicht darum, dass Fangruppen nun beliebig Banner gegen dies und das in Stadion tragen können sollen (diesen Konflikt müssen Verein und Fangruppen aushalten und austragen, dass die einen nur sehr wenig wollen und die anderen das ziemlich ätzend finden, weil sie es vielleicht gern eher wie in Bremen hätten). Es geht darum, dasss der Verein nach außen hin in seinen Positionen (die er in der Vergangenheit ja auch immer wieder plakativ oder aktionistisch betont hat) wahrnehmbar ist und wahrnehmbar bleibt.

Und diese Positionen kann man in sehr viel kleinerem Rahmen setzen als durch große FIFA-, DFL- oder sonsterwas Aktionen von Verbänden oder anderen Playern (denen sich Rangnick weiter anschließen würde, wie er erklärte). Bspw. wenn man nicht Spieler als Bestrafung in rosa Trikots steckt und damit Nicht-Männlichkeit als etwas belustigendes oder negativ besetztes darstellt. Oder wenn man die Aufführung eines Theaterstücks wie Juller, in dem es um einen ermordeten jüdischen Fußballer geht, nach dem ein DFB-Preis benannt ist, durch Präsenz und Begleitung mitnimmt und nicht Einladungen dorthin (im Gegensatz zum Sächsischen Fußballverband) ignoriert, weil es in der Diskussion danach angeblich zu sehr um Politik geht. Dabei ging es dort genau um die Frage, wie der Fußball mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen umgehen kann, also um Fragen, die einen Verein wie RB Leipzig genau wie alle anderen Institutionen im Fußball auch zu 100% betreffen, weil sie mit diesen Fragen im Alltag konfrontiert sind.

Es ist diese Abwesenheit des Vereins in ganz normalen stadtgesellschaftlichen Prozessen, die derzeit auffällt und die einem halt auf die Füße fällt, wenn man das mit einem lautstarken ‚Keine Politik im Stadion‘-Kanon mischt. Es reicht halt nicht, immer mal Bulli irgendwo in ein Kindergarten, Krankenhaus oder zum Arbeiter-Samariter-Bund zu schicken. Ja, RB Leipzig ist in relativ vielen sozialen Geschichten in der Stadt eingebunden, aber zusammen ist es ein strategischer Flickenteppich, der nicht umsonst im Verein kein eigener Bereich, sondern dem Marketing/ der Kommunikation untergeordnet ist. Unter dem Gesichtspunkt ist halt ‚bloß nicht auffallen‘ offenbar das Kommunikationsgebot der Stunde. Außer es geht um Arme, Alte, Kinder, Kranke. Die sind aus Kommunikationsgesichtspunkten harmlos genug, um auch außerhalb des Sports aufzutauchen.

Um nicht falsch verstanden zu werden, natürlich ist es sinnvoll, die Kommunikationskanäle und die Reichweite zu nutzen, um auf Projekte und Initiativen verschiedenster sozialer Art aufmerksam zu machen und im Gegenzug vielleicht ein bisschen gutes Image mitzunehmen. Nur gehört es zur stadtgesellschaftlichen Verantwortung eines großen Klubs wie RB Leipzig auch dazu, dass er neben seiner Funktion als samstäglicher Spender für die Befriedigung von Fußballbedürfnissen und neben unverfänglichen Bildchen mit Menschen, die Hilfe brauchen, wahrnehmbar für Weltoffenheit, individuelle Freiheit und Ablehnung von Diskriminierung steht.

So wie es halt auch in der Satzung steht, dass er sich auch „gesellschaftlich dem Grunsatz des Fairplay, dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verpflichtet“ und auch „verfassungsfeindlichen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegentritt“. Alles ein bisschen kleiner gedacht: Halt in einer Stadt (vor allem im Kontext von Fußballgeschichten oder Problemen, die im Fußball aufploppen) aktiv, präsent und wahrnehmbar sein und sich an Sachen beteiligen, die mit gesundem Menschenverstand, Offenheit und Respekt zu tun haben.

Der Verein kann keine grundsätzlichen Debatten um Migration in Europa oder um den Zustand deutscher Politik-Diskussionen führen. Natürlich nicht. Er kann in seinem ganz normalen Alltag aber durch eine Verankerung in der Stadtgesellschaft, die viele verschiedene Ansatzpunkte zur Verknüpfung böte (die zumindest in der Vergangenheit von einzelnen Spielern auch immer wieder genutzt wurden), für demokratische Grundwerte einstehen (im Sinne dessen, dass er zum Beispiel an Veranstaltungen teilnimmt, bei denen er dafür wahrgenommen werden kann oder sich mit Trägern vernetzt, die dafür einstehen).

Im Verein wird noch die Funktionsweise der letzten Pore am kleinen Zee hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Fußballer genauestens von verschiedenen Experten untersucht. Dass man niemanden beschäftigt, der einem mal erzählt, dass rosa Trikots als Strafe hinsichtlich der damit verbundenen Grundaussage (auch hinsichtlich des Signals an die heranwachsenden Nachwuchskicker) vielleicht keine kluge Idee sind und niemanden beschäftigt, der so wie Werder Bremen (bei denen aber Social Responsability im Gegensatz zu RB auch ein eigener Bereich im Verein ist) weiß, dass es nicht weh tut, mit offenen Armen auf ein „Juller“-Stück zuzugehen (selbst wenn es in der anschließenden Diskussion vielleicht auch mal kritischer zugehen könnte), ist in diesem Zusammenhang ein echtes Armutszeugnis.

Erst vor diesem Hintergrund wird die ‚keine Politik im Stadion‘-Linie von Ralf Rangnick problematisch. Weil ihr die alltägliche Entsprechung fehlt, in der Stadt wahrnehmbar für eine weltoffene, partizipative Idee zu stehen. Dann nimmt man aber auch in Kauf, dass einem nicht unwesentlich auch Menschen für ’no politics‘ zujubeln, die froh sind, überhaupt nicht mit Themen wie Rassismus, Homophobie, Antisemitismus in Kontakt kommen zu müssen, weil sie sich davon generell belästigt fühlen.

Ohne davon auszugehen, dass die gesellschaftliche Verankerung eines Vereins ein Allheilmittel zur Lösung der Probleme der Welt wäre und auch trotz Wissen, dass ein Verein seine verbindende Funktion schlicht auch über den Kick selbst bezieht, bleibt halt eine Vernetzung mit Stadtgesellschaft und eine Sichtbarkeit in dieser als Zeichen für die nachhaltige Positionen eines Vereins wichtig (auch im Sinne einer Grenzziehung Richtung eigene Fans). Die Parole ‚Politik hat im Stadion nichts zu suchen‘ mag das Bedürfnis nach Konfliktfreiheit befriedigen, ist aber in ihrer Signalwirkung (mal jenseits einer rigideren Spieltagspraxis) weiterhin wenig hilfreich.

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Die Schwabenballisten vor ein paar Tagen mit einem sehr viel konkreteren Beitrag zu Rangnicks Politik-Ablehnung. Der Verein solle demnach „an der Seite derjenigen zu stehen, die sich dem Erhalt des gesellschaftlichen Grundkonsenses verschrieben haben“.

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Es kann an dieser Stelle keine politische Diskussion geführt werden. Das würde den Rahmen und vielleicht mich selbst sprengen, weil zwischen all den Selbstbestätigungskreisläufen und klar definierten Nazi- oder Lügenpresse-Feindbildern und bei all der Mob-Bildung wenig Platz ist für Gedanken, die über Bekenntnisse hinausgehen. Auch in den Reaktionen auf die Rangnick-Aussage zeigte sich mit welch absurden argumentativen Ausschlägen die aktuellen Politik-Debatten (die ja schon länger keine um Ideen, sondern vornehmlich um Identifikationsmuster sind) geführt werden.

Lokal-Politiker Jürgen Kasek sah direkt nach den Rangnick-Aussagen gleich mal eben einen Verein komplett nach rechts abdriften. Später entschuldigte er sich für seinen Tweet und zog die Interpretation eines Rechtsrucks zurück. Die Reaktionen unter seinem Ursprungstweet verwiesen aber in ihrer teilweisen Hässlichkeit und Aggressivität auch auf ganz grundlegende Probleme in Sachen Toleranz- und Argumentationskultur. Manchmal bleibt das Gefühl, dass so eine Art infantiler Narzissmus zum gesellschaftlichen Debattenprinzip geworden ist und auf missliebige (im Sinne gegenteiliger) Meinungen mit einer stampfenden Bockigkeit und mit Schimpfwörtern reagiert wird, wie es selbst Kinder in ihrer größten Anti-Phase nicht hinkriegen könnten.

Eine Meinung auszuhalten, über eine Überschrift hinauszugehen und zu überlegen, was der Sinnzusammenhang bei jemandem über die Schlagzeile hinaus ist oder Bekenntnis zur Gruppe durch Interesse und Neugier (oder auch Lust auf inhaltlich-streitende Auseinandersetzung, wem danach ist) zu ersetzen, scheint auf dem Jahrmarkt der narzisstischen Kränkungen irgendwie nicht wirklich vorgesehen zu sein.

In dem Zusammenhang sei auch auf einen Beitrag verwiesen, der schön das Prinzip der Facebook-Selbstbestätigung beschreibt. Dabei geht es um eine Journalistin, die über den (nicht selten gegenüber Frauen in solchen Positionen geäußerten) Leser-Wunsch, sie möge von Afrikanern gruppenvergewaltigt werden, nicht einfach hinweggeht, sondern nachfragt und sich mit demjenigen irgendwann sogar trifft, weil sie wissen will, welche Informationen sie angeblich unterschlägt und wo sie der Gewaltwünscher her hat.

Quintessenz ist, dass der Herr seine (falschen) Infos aus seinem Facebook-Feed hatte, dessen Algorithmen dazu führten, ihm noch mehr rechtspopulistisches Zeug in die Timelinie zu spülen, nachdem er angefangen hatte, erste entsprechende Likes zu verteilen. Der Effekt dieser Timelines ist einer der Selbstbestätigung, weil man jeden Tag Nachrichten aller Art in seiner eigenen Denkrichtung eingespült bekommt. Gesellschafstübergreifende Debatten sind so kaum noch möglich, weil es  darum geht, sich via Like zu einer These oder einem Thema oder einer politischen Richtung oder einer (nachbarschaftlichen) Bezugsgruppe zu bekennen und die Passgenauigkeit eines Posts zum Weltbild über der Sinnhaftigkeit des Inhalts steht. Diese Zusammenstellung des eigenen ‚Medien’menüs mit zweifelhaften Quellen funktioniert natürlich in verschiedenste inhaltliche Richtungen. Was in seiner Konsequenz für universalistische Grundprinzipien und Offenheit im Denken einigermaßen beängstigend ist.

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Als Botschaft im Stadion schon zu viel oder noch zu wenig? Rasenballisten-Soli-Shirt hängt beim Spiel gegen Hannover an einem Zaun. | GEPA Pictures - Sven Sonntag
GEPA Pictures – Sven Sonntag

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21 Gedanken zu „Sichtbarkeit in der Stadtgesellschaft“

  1. danke danke danke
    für diesen sehr guten Beitrag zum Thema!
    Es ist so wichtig das solche Gedanken aufgeschrieben werden, vielleicht führt es tatsächlich bei manchen Personen zum Nachdenken – die Hoffnung stirbt zuletzt.

  2. Zum Thema Facebook-Filterblase, und wie die sich ratzfatz selbst beschleunigt, möchte ich gern auf einen Artikel der Süddeutschen verweisen: https://www.sueddeutsche.de/digital/soziale-medien-sieben-dinge-die-ich-in-der-rechten-facebook-echokammer-gelernt-habe-1.3581195

    Ansonsten stimme ich Dir zu, es reicht vollkommen aus, die eigene Satzung (die zitierst du ja – wo kann ich die denn finden?) und die eigene Stadionordnung (§6(1)q | §6(2)a | §6(3)b) durchzusetzen und für die Einhaltung sich konsequent einzusetzen.

    Ansonsten teile ich Deine Beobachtung, dass der überwiegende Teil der „Keine Politik im Stadion“-Rufer eher dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, aber natürlich, wie Du auch selbst andeutest nicht alle. Gibt genug, für die das Stadion die Flucht aus dem Alltag ist, und die einfach nur ein gepflegtes Bier zu sich nehmen und ein Fußballspiel (aktiv oder passiv) genießen wollen. Dafür habe ich durchaus Verständnis, solange die Leitplanken der Stadionordnung respektiert und unterstützt werden (die Satzung ist ja nur für die Mitglieder relevant ;-)).

    LG Markus

    1. Die Satzung hatte ich mir mal beim Amtsgericht Leipzig geholt, wo sie hinterlegt ist.

  3. Red Bull hat verstanden dass man professionellen Sport anbietet. Warum dieser auf Teufel komm raus mit Politik verquickt werden muss ergibt sich mir aus dem obigen Post nicht. Ich möchte ein Spiel sehen wenn ich das TV Gerät anschalte oder mich ins Stadion begebe. Wobei ich in beiden Fällen von Transparenten und Spruchbändern wenig mitbekomme weil ich mich auf „das Spiel“ konzentriere. Das ich dadurch jetzt gleich in die „rechte Ecke“ gepackt werde stört mich ebensowenig wie Facebook, Twitter oder anderer Dummfug der ins Leben der Mitmenschen Einzug gehalten hat. Wer tatsächlich solches Social Media Gedöns für „relevant“ für die eigene Existenz wahrnimmt (und was viel verheerender ist für die Existenz anderer!) hat meiner Meinung nach ein anderes, erheblich größeres, Problem.

    Ich hoffe Red Bull Leipzig bleibt seinem engeschlagenem Weg treu und läßt solchen den politischen Unfug während der Spiele und im Stadion weiterhin nicht zu. Außerhalb kann jeder gerne tun was er möchte. Wenn dazu das tägliche Weltretten gehört ist das nunmal so.

  4. Ein guter, wenn auch vielleicht etwas unsicherer Beitrag.
    Ist es denn schon politisch, wenn man Selbstverständlichkeiten der Humanität oder des Grundgesetzes zitiert? Man kann ja durchaus unterschiedlicher Meinung über Integration, Zusammenleben oder auch Kommerz haben. Andere Meinungen deshalb aber bei Gefahr für Leib und Leben zu verfolgen, hat nichts mit Freiheit zu tun. Insofern kann RB nicht glaubwürdig neutral sein, bzw. bleiben. Sie sind sowieso ständig in Gefahr, zu glatt, zu kapitalistisch und neureich zu sein. Leider hat sich diese Tendenz in den letzten Monaten verstärkt. Nachhaltige Verankerung der „Traditionslosen“ in der Stadt scheint kein Ziel von RB zu sein. Das ist schade, weil es während der ersten Saison andere Töne gab. Nicht ausverkaufte Spiele bei bestem Wetter zum Saisonbeginn sprechen auch eine Sprache…

    1. Muss man Selbstverständlichkeiten der Humanität oder des Grundgesetzes denn ständig zitieren? Woher kommt diese Kultur sich ständig selbst vergewissern zu müssen auf der „moralisch richtigen“ Seite zu stehen. Ich verstehe diesen Zwang einfach nicht.

  5. Inhaltlich durchdacht. Stark. Mutig. Chapeau RBB!
    Habe mich ja kürzlich schonmal zu dem Thema geäussert. Die politische und gesellschaftliche Stimmung oder Meinung ist oftmals durchaus beängstigend. Und verantwortungsvolle, einflussreiche, meinungswirksame Leute sollten sich klar positionieren. Aus welcher Branche auch immer. Ich persönlich finde radikale oder gar rassistische Meinungen dabei abschreckend und neutrale Meinungen zumindest befremdlich.

  6. @Grinch1969
    „Muss man Selbstverständlichkeiten der Humanität oder des Grundgesetzes denn ständig zitieren? “
    ja, heutzutage muss man das, leider.
    Für viele ist Humanität und sogar einfach nur Anstand ein Fremdwort – scrollen Sie mal durch die Kommentarspalten der LVZ, Thema egal.
    Mir wird bei dem ganzen Hass dort Angst und Bange.

    1. Sorry wenn ich auch wieder nachhaken muss. Warum? Glaubt man wirklich dass man Menschen die Werte wie Humanität und Grundgesetz verachten durch ständiges rezitieren zum Guten bewegt? Muss man das tatsächlich bei einem Fussballspiel mantramäßig rezitieren? Will man hier tatsächlich was bewegen oder sich nur selbst damit belöffeln wie gut und richtig man doch ist. Wenn der FC Bayern ständig gegen Antisemitismus schreibt und ich das auch schei*e finde muss ich der Größte sein (den Blick in die Geschichte lassen wir dann lieber mal weg).

      Politik wird meiner Erfahrung nach nur von denen im Stadion gefordert die auch nur ihre eigene Meinung dort wiederfinden wollen.

    2. P.S.: Kommentarspalten in der LVZ sind das gleiche reale Leben wie Facebook, Twitter und anderer Social Media Dreck, nämlich gar keins. Ich verstehe gar nicht wie man so etwas ernst nehmen kann.

    3. Na Grinch, aber wie denn dann?? Wenn Dinge wie Humanität oder Anstand fehlen, dann mangelt es uns doch an Bildung im weitesten Sinne. Das ist schon eine Katastrophe. Und warum sollte uns ein Fussballverein, mit dem wir uns identifizieren, nicht „bilden“? Ja, auch ein Sportverein. Uns humanitäre Werte vermitteln, zu Toleranz und Verständnis und Vernunft bringen? Natürlich kann man mit seiner Meinung nicht die Welt retten. Aber wenn RB wöchentlich von vielen tausend Leuten wahrgenommen wird, ist sein Meinungsbildungspotential wahrscheinlich grösser als das von Helene Fischer oder Herrn Steimle. Da bin jetzt mal voll bei Hans. Obwohl der VAR natürlich trotzdem weg muss…

    4. Wenn Dinge wie Humanität und Anstand fehlen ist grundsätzlich etwas schief gegangen. Das wird auch durch Banner oder Tapeten bei einem Fussballspiel nicht behoben. Die dienen nur und einzig und allein der Selbstbestätigung der „Guten“.

  7. es geht nicht um Banner oder Tapeten zur Selbstbestätigung. Es geht darum eine (hoffentlich große) Masse an Menschen und Stadionbesuchern dafür zu sensibilisieren das man heutzutage für Humanität und Anstand kämpfen und deutlicher eintreten muss als dies in der Vergangenheit notwendig war.

  8. Hans kanns! Großen Respekt an den rbb für diesen wundervollen Blog und auch an die endlich mal vernünftigen Kommentare zum Thema unserer Zeit.

  9. Wenn man im Stadion Augen und Ohren offen hält, erkennt man deutlich, dass es wichtig ist, sich für Respekt und Humanität einzusetzen.
    Die gesellschaftliche Situation ist generell angespannt und wird täglich befeuert.
    Man muss leider annehmen, dass sich auch durch die (schwachen) Statements von RR im Speziellen und der generelle (Nicht-)Umgang von RB mit diesem Thema, verschiedene Gruppen darin bestärkt sehen ihrem Wohnzimmer Rassismus im Stadion freien Lauf zu lassen. Das fängt bei den inflationär gebrauchten Wörtern, wie „Fachkraft“ und „Neger“ an, die eigene und gegnerische Spieler abwerten sollen und durch Gelächter Zustimmung in der Gruppe finden. Das sind keine Einzelfälle und wir sollten das nicht verhamlosen. Die Spirale kann sich sehr schnell weiter drehen. Im schlimmsten Falle werden Menschen, die auf den ersten Blick nicht deutsch aussehen, bald (wieder) durch die Stadt (oder durchs Stadion) gejagt.

    Ich vermute stark, dass RB den nötigen Respekt intern durchaus lebt, verstehe aber nicht, warum man nicht die Notwendigkeit sieht, diesen auch im Stadion und in der Gesellschaft als Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens einzufordern.
    Diskriminierungen treffen jetzt schon die eigenen Spieler, bisher nur verbal. RR und RB müssen doch sehen, dass sie durchaus einen positven Einfluss haben können, um schlimmeres zu verhindern. Dass sie diesen nicht nutzen ist mindestens fragwürdig, vielleicht auch gefährlich.

    Insbesondere müssen wir aufhören immer wieder die falsche Frage zu stellen!
    Es geht nicht darum, ob Politik etwas im Stadion verloren hat. Es geht nicht mal um die Frage, wo Politik überhaupt anfängt. Es geht nur um die Frage, ob man die Werte, die sowohl RB, als auch DFB in ihren Satzungen verankert haben, nicht auch einfordern, durchsetzen und leben sollte.

    In $2 der DFB Satzung heißt es:
    „Der Deutsche Fußball-Bund ist parteipolitisch und religiös neutral.
    Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen.
    Jedes Amt im DFB ist Frauen und Männern zugänglich.“

    Allen, die nicht müde werden immer wieder zu betonen, dass man im Stadion doch bitte mit Politik in Ruhe gelassen werden möchte, um sich auf den Sport zu konzentrieren, muss man entgegnen, dass es darum gar nicht geht.
    Es geht um die Umsetzung der oben beschriebenen Grundwerte und wer sich davon gestört fühlt und diese Werte nicht mit Sport in Verbindung bringen kann, irrt entweder gewaltig oder hat eben ein Problem mit genau diesen Werten, was wiederum die vom RBB schon beschriebenen Profile der Kritiker nicht selten offenlegen.

    1. In $2 der DFB Satzung heißt es:
      „Der Deutsche Fußball-Bund ist parteipolitisch und religiös neutral.
      Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen und anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen.
      Jedes Amt im DFB ist Frauen und Männern zugänglich.“

      Daraus ist schlicht und ergreifend das abzuleiten was ich hier schon die Ganze Zeit vertrete. Parteipolitische, rassistische und diskriminierende Äußerungen sind zu unterlassen. Da kann sich ja jeder selbst mal an die Nase fassen. Dazu gehören eben auch entsprechende Banner und Tapeten, zurück zum Fußball, dankeschön.

  10. Ja, man kann sich auch mit aller Macht gegen das Offensichtliche stellen. Aber Hauptsache immer schön konsumieren und bestrahlen lassen und nix hinterfragen und keine Stellung beziehen. Liebe Grüße und Kussi auf Bauchi.

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