Wertschätzungsversuche

„Letzte Saison und vorletzte Saison gab es in der Rückrunde Spieler, die zwar körperlich anwesend waren und aufgrund ihrer guten Charaktereigenschaften auch mental an Bord blieben, die aber ab Januar, Februar wussten, dass sie nur noch da sind, um das Ende der Saison herbeizusehnen. Das möchte ich nicht haben. Ich möchte, dass jeder Spieler, der bei uns spielt, auch das Gefühl hat, dass er gebraucht wird und nicht nur seine Vertragszeit absitzt. Wenn wir schon in drei Wettbewerben spielen und hoffentlich auch in der Gruppenphase der Europa League dabei sind, wollen wir allen auch die Chance geben zu spielen.“

So hieß es zuletzt vor dem Spiel in Dortmund bei Ralf Rangnick mal wieder zum Lieblingsthema in diesen Wochen, zur Rotation. Das hat offenbar das Schlagwort der letzten Saison, die berühmte Dreifachbelastung abgelöst. Immer und immer wieder muss der RB-Trainer erklären, warum er das wie machen will und wie das denn gemeint ist und müssen auch die Spieler Rechenschaft ablegen, wie sie das denn so finden.

Dabei rutschen dann halt auch immer mal ein paar Satzbausteine durch, die interessante oder weniger interessante Nebengeschichten erzählen. So wie jene, mit zwei Teams in Europa League (so man die Gruppenphase erreicht) und in der Bundesliga anzutreten. Was natürlich nicht heißt, dass das eine Team nur hier und das andere Team nur dort spielt. Aber es heißt eben, dass die Spieler, die zu Hause bleiben mit einem der Co-Trainer schon mal eine Vorbereitung auf die nächste Partie bestreiten und entsprechend per se gute Chancen haben, dann auch aufzulaufen.

Letztlich ja alles kein Hexenwerk mit der Rotation. Auch wenn es natürlich eine Herausforderung ist. Schon rein logisch dauert es viel länger, automatisierte Abläufe herzustellen, wenn du mit 20 Feldspielern immer wieder neue, bunte Formationen ausspuckst, als wenn du wie in der ersten RB-Bundesligasaison mit elf, zwölf Feldspielern spielst, die durch die viele gemeinsame Spielzeit schneller zusammenfinden.

Auf der anderen Seite ist es halt in Bezug auf Physis und Konstanz über eine lange Saison hinweg von Vorteil, wenn du den selben Grad an Automatismen mit 20 Feldspielern schaffst, als wenn du ihn nur mit zwölf Feldspielern schaffst. Letzteres geht zwar schneller, ist aber auf Dauer, erst recht nicht bei vielleicht bis zu 50 Pflichtspielen (oder gar noch mehr), physisch im Vergleich mit anderen Bundesligakonkurrenten nicht machbar. Auch das ist eigentlich völlig logisch, dass in einem sportlichen Wettbewerb, in dem der Bereich der Athletik langsam ausgereizt ist, derjenige im Nachteil ist, der nochmal mit der gleichen Anzahl an Spielern sagen wir zehn zusätzliche Spiele a zehn Kilometer körperlicher Volllast zu bestreiten hat. Irgendwann in der Saison merkt man diese Unterschiede. Bei RB war das in der letzten Saison im letzten Fünftel sehr krass, auch weil da dann wohl zusammenkam, dass weder Kopf noch Beine noch bei nahe 100% Frische waren.

Wie das mit der Rotation letztlich funktionieren wird, muss man abwarten. Marcel Halstenberg äußerte sich diesbezüglich zuletzt im MDR ziemlich zurückhaltend und wollte erst mal sehen, wie das dann konkret läuft. Spieler können trotzdem unzufrieden sein, wenn sie zwar 20 Einsätze kriegen, aber in den Highlight-Partien draußen sitzen. Und Peter Gulacsi wird auch nicht im Kreis springen, wenn er bei einem Pflichtspiel sagen wir gegen Chelsea zu Hause bleibt, weil er ja schon seine Einsätze in der Bundesliga kriegt. Frustpotenzial aufgrund fehlender Einsätze ist, wenn auch vielleicht nicht so ausgeprägt, auch mit der Rotation verbunden. Als letzte Saison dann mal in den ersten englischen Wochen vorherige Stammspieler auf der Tribüne saßen, war deren Laune auch nicht gerade auf dem ultimativen Höhepunkt. Muss sie ja vielleicht auch nicht sein.

Festzustellen ist, dass die Grundvoraussetzungen für die Idee einer etwas großflächigeren Rotation in dieser Saison auch deutlich besser sind als noch in der Vorsaison. Damals spielte Ralph Hasenhüttl im Kern mit 17 Feldspielern, wenn man Ademola Lookman dazu rechnen will, dann 18. Davon sind Keita, Bernardo und vorerst Lookman weg. Cunha, Mukiele und Saracchi verstärkten den Kader auf hohem Niveau in der Breite. Wenn die zwei weiteren gewünschten Feldspieler noch kommen, dann kann man davon ausgehen, dass auch die auf dem Niveau der anderen bisher 18 Feldspieler sind.

Am Ende sollte man also 20 Feldspieler auf ähnlichem Niveau haben. Zumindest auf relativ ähnlichem Niveau, denn natürlich gibt es zwischen einem Orban und einem Upamecano in Sachen Potenzial dann doch auch erhebliche Unterschiede. Aber man hätte trotzdem 20 Spieler, mit denen man relativ problemlos eine Rotation durchziehen könnte. Und auch müsste, weil aus dem Nachwuchsbereich auch in dieser Saison wohl kaum jemand nachhaltig Einsatzzeit kriegen und damit den Profi-Kader entlasten wird.

Wenn Ralf Rangnick nun seine Rotation auch damit begründet, dass er will, dass jeder Spieler sich gebraucht fühlt und darauf verweist, dass letzte und vorletzte Saison schon im Februar Spieler wussten, dass sie kaum noch Einsatzzeiten kriegen werden (also nicht ausreichend gewertschätzt wurden), dann ist der Vergleich unfair, weil der Kader vor einem Jahr (und erst recht vor zwei Jahren) einfach noch gar nicht auf dem hohen Niveau gleichmäßig besetzt war, wie er es diese Saison nach dem 31. August sein soll.

Genaugenommen gab es unter Hasenhüttl letzte Saison drei Spieler, die durch das Raster fielen. Dominik Kaiser spielt jetzt in Dänemark und mit Verlaub nicht gerade auf dem Niveau eines Teams, das in Deutschland um einen Champions-League-Platz mitspielen will. Benno Schmitz wechselte in die zweite Liga nach Köln und war dort bisher verletzt. Und Marvin Compper wechselte zu Celtic Glasgow und ist dort auch dauerverletzt. Der einzige, bei dem man Ralph Hasenhüttl in den letzten zwei Jahren den Vorwurf machen konnte, ihn trotz vorhandenem Potenzial nicht gut genug in eine mögliche Rotation eingebunden zu haben und dadurch zu frustrieren, war Davie Selke, der deswegen auch ein wenig zurecht grollend nach Berlin zog.

Nach seinem ersten Jahr bei RB und einer Rotation mit elf, zwölf Feldspielern (wobei man auch Schmitz und Kaiser noch knapp dazu zählen könnte, sodass im ersten Bundesliga-Jahr vor allem Burke, Selke und Khedira bei Hasenhüttl durch den Rost fielen) erweiterte Hasenhüttl letzte Saison die Flexibilität durch die fünf Neuzugänge, die das Niveau für das obere Bundesliga-Drittel mitbrachten und zeigte dabei sehr wohl, dass er gewillt ist, auch mit einem breiteren Kader zu arbeiten. Im Winter dann forderte er recht offensiv Verstärkungen vor allem für die Defensive. Gekriegt hat er nicht nur gar keine Verstärkungen in dem Bereich, sondern mit Marcel Halstenberg verlor er sogar noch einen Spieler verletzungsbedingt. Bekommen hat der Trainer dann mit Ademola Lookman einen Ersatz für den verletzten Forsberg, der dann aber relativ schnell wieder fit wurde.

Unter diesen Voraussetzungen Hasenhüttl quasi implizit vorzuwerfen, er hätte nicht genug rotiert, sodass nicht alle Spieler die richtige Wertschätzung gekriegt hätten, macht wenig Sinn. Denn mit den Feldspielern, die auf ähnlichem Niveau spielten bzw. die Hasenhüttl auf ähnlichem Niveau sah, hat er relativ umfangreich rotiert (auch wenn Spieler wie Werner oder Sabitzer oder Keita bei entsprechender Fitness quasi eine Einsatzgarantie hatten). Und vermutlich hätte er die Rotation auch ausgeweitet, wenn er in der kommenden Saison in der Breite jenen Kader gehabt hätte, den sich nun Rangnick zusammenbaut.

Sprich, um es nochmal zu sagen. Wenn die letzten beiden Transfers in diesem Sommere qualitativ auch noch halbwegs so sitzen wie die ersten drei, dann bestehen eben auch ganz andere Möglichkeiten, mit relativ geringen Reibungsverlusten durchzuwechseln, weil man dann statt 17 Feldspielern auf dem Niveau für das obere Drittel der Bundesliga über 20 Feldspieler in diesem Qualitätsregal verfügt.

Dass es dann trotzdem auch in dem Kader Unzufriedenheit geben wird darüber, welche Spiele man kriegt und vor allem nicht kriegt (so wie ein Orban, der auch eher weniger belustigt sein dürfte, dass er in Dortmund schon wieder nur auf der Bank saß). Davon ab wird es so richtig interessant, wie es läuft, falls das mit der Europa-League-Gruppenphase schief geht und RB nicht gegen Luhansk gewinnt. Wenn man trotzdem mit 20 Feldspielern in die Saison gehen sollte, dann fallen bei fehlender Dreifachbelastung dann automatisch Spieler hinten runter. Weil man nicht krampfhaft rotieren wird, nur um Spielern die Wertschätzung auszusprechen, obwohl es aus Sicht der Belastungssteuerung gar keinen Grund für die Rotation gibt.

Um das zu prognostizieren, reicht ja schon ein einfacher Blick in die Zweitligasaison von RB Leipzig unter Ralf Rangnick. Damals spielte der Verein im Kern mit zwölf Feldspielern (alle Spieler, die mindestens ein Drittel der Spielzeit machten). Khedira, Teigl, Nukan, Quaschner, Sebastian, Hierländer oder Kalmár dagegen hatten alle mehr oder weniger keine Chancen, sich mal länger ins Team zu spielen und saßen draußen oder spielten U23.

Wenn die Lehre aus der letzten Saison ist, dass man allen Spielern gleichermaßen mehr Spielzeit geben muss, dann ist das durchaus eine Erkenntnis, die qua Rotation zu einem positiven Resultat führen kann (wenn man denn wie oben erwähnt, die Automatismen auch wechselnden Formationen schnell genug beibringt).  Es zu einer Besonderheit der letzten und vorletzten Spielzeit zu machen, dass sich da Spieler nicht mehr gebraucht gefühlt hätten, ist aber ein etwas unfairer Vergleich. Einerseits weil die Kaderbesetzung damals noch gar nicht so war wie heute. Andererseits weil es vor Hasenhüttl auch nicht anders lief (aber vielleicht kommunikativ intern etwas besser verkauft wurde, wenn man die Klagen von Selke und Compper über mangelnde Kommunikation unter Hasenhüttl bedenkt).

Am Sinn einer Rotation besteht trotzdem wenig Zweifel. Dem teilweise extremen Abfall in Sachen Laufwerten im letzten Fünftel der letzten Saison könnte man durch Drehen an der Stellschraube Athletiktraining begegnen. Dass da jenseits von Details in einer sehr professionalisierten Sparte noch ganz viel Luft nach oben ist, ist eher nicht anzunehmen. Entsprechend kann man einem Abfall der körperlichen Leistungsfähigkeit nur dadurch begegnen, dass man die Belastungen eben durch gleichmäßigere Verteilung für den Einzelnen senkt. Wenn dadurch Spieler auch in der Breite mehr Wertschätzung erfahren und sich stärker gebraucht fühlen, wäre das durchaus ein hübscher Nebeneffekt in Sachen Motivation der einzelnen Spieler. In der Praxis ist allerdings anzunehmen, dass wie immer zwei, drei Spieler ein wenig zurückfallen werden.

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Im Erfolg vereint, in der Rotation getrennt? Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „Wertschätzungsversuche“

  1. Vielleicht dachte Rangnick bei dem Zitat ja auch eher an Mvogo.
    Ansonsten sehe ich da auch eine gewisse Widersprüchlichkeit…

  2. Rudy wird für geschätzte 16 Mio. Euro fast schon „verramscht“ und wir hecheln einem Lookman für eine Unsumme hinterher, für mich unfassbar.
    Rotation für mich das „Unwort des Jahres“, Fußball selbst aktiv spielen ist damit ja schon fast wie eine „Strafe“ für Sportler im besten Alter anzusehen. Ich biete mich hier mal an, jedes Spiel zu machen, passe aber nicht ganz in das „Anforderungsprofil“ von RB, warum, das lasse ich hier mal außen vor…
    Mit der aktuellen RB-Extrem-Rotation (Hüttl 2.0) werden wir scheitern, ich habe schon wieder vor dem Donnerstag Angst – gehe aber trotzdem hin! Kommen wir nicht in die EL-Gruppenphase, so wird es eine ganz schwere Saison, ähnlich wie nach der (unverdienten) Niederlage gegen die Bayern im Pokal im letzten Jahr.

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