Mehr Aufregung als nötig

So richtig kann da was nicht stimmen, wenn am Rande eines Fußballwetttbewerbs die Schiedsrichter nicht permanent in der Kritik stehen, sondern oft sogar gelobt werden. So wie jetzt bei der WM. Wo immer wieder sogar Lob für die Umsetzung des Videobeweises bzw. die Art der Einführung der Videoassistenten gefunden wird. Lob! für! den! VAR!!

Wie gerechtfertigt dieses Lob ist, vermag ich nicht so recht einzuschätzen, weil mir dazu die Gesamtschau der WM fehlt. Aus den paar Sachen, die ich gesehen habe, würde ich herausziehen, dass es gelungenere Sachen und weniger gelungene Sachen gab. Und es gab streitbarere und weniger streitbare Situationen. Also alles in einem Rahmen, den es in der Bundesliga auch gab, nur dass dort die emotionale Fallhöhe offenbar wesentlich höher war, als bei einem WM-Spiel zwischen (völlig fiktiv) Saudi-Arabien und Ägypten.

Sprich, vielleicht war der wesentliche Unterschied zwischen Bundesliga und WM der, dass man bei einer WM etwas neutraler und offen-interessierter zuschaut als bei der Bundesliga, wo ja Wochenende für Wochenende jedes Detail eine überbordene Wichtigkeit bekommt, während bei der WM eher Geschichten von Spielern, Mannschaften und Spielen erzählt werden (wollen).

Vielleicht ist die These eines unterschiedlichen Blicks auf die Dinge auch Quatsch, aber das spielt hier auch keine ganz große Rolle, wo es um einen subjektiven Blick auf die erste Saison mit dem Videoassistenten in der Bundesliga geht. Und dort war die Aufregung in jedem Fall fast durchgängig sehr groß und wandelten sich selbst überzeugte Videobeweis-Anhänger teilweise in Gegner der Prozedur.

Wobei man da eben den Unterschied machen muss zwischen Videobeweis selbst und dessen konkreter Umsetzung. Denn vor allem letzteres geriet in die Kritik. Bliebe zuerst einmal die Frage, inwiefern dies vermeidbar gewesen wäre. Klar, mehr Transparenz seitens des DFB täte immer gut. Gerade auch wenn man quasi eine neue Fußballregelstufe zündet. Videos, Texte, Audios. Erklärungen in allen Möglichkeiten und gerade in den ersten Wochen auf allen möglichen Kanälen. Das hätte vielleicht die erste Spitze der Kritik etwas gelindert.

Auf der anderen Seite war die Änderung in den Grundlagen der Schiedsrichterei so komplex und gravierend, dass sie für den durchschnittlichen Fußballfan eh nicht komplett durchdringbar gewesen wären. Ich hatte das Glück, vor der Saison eine längere Medienschulung mit vielen Videos und Erklärungen über die Logik des Videobeweises mitzumachen und fühlte mich anschließend eigentlich gut vorbereitet auf die neue Saison. Und doch kamen dann im Laufe der Wochen immer wieder Situationen, bei denen man dann doch nicht wusste, warum es läuft, wie es läuft.

So wie beim Freistoß gegen Mainz, der zum 1:1 für die Gäste führte. Als Patrick Ittrich nach einem Nichtpfiff an den Monitor geschickt wurde, weil der Verdacht eines Elfmeters bestand und dann mit der überraschenden Entscheidung Gelb und Freistoß an der Strafraumkante zurückkam. Und man dachte: Hä, der Videobeweis darf doch in der Situation nur bei Elfmeter oder Notbremse und rot Anwendung finden? Dass dem nicht so war, durfte man dann direkt nach dem Spiel lernen, als klar wurde, dass nach einer Begutachtung einer Szene mit Rot- oder Elfmeterverdacht durch den Schiedsrichter am Bildschirm am Spielfeldrand immer die richtige Entscheidung stehen muss, also auch gelb und Freistoß möglich ist.

So krass ging es selten zu, aber die Tendenz war klar. Selbst wenn man sich von Beginn an für den Videobeweis interessiert und sich mit ihm beschäftigt hatte, hielt er doch einige Überraschungen bereit, die bei der Breite der Fans auch dann in Mehrzahl vorhanden gewesen wären, wenn der DFB mit Lautsprecherwägen durch die Städte gefahren wäre und dort an Laternen gefesselte Fußballfans beschallt hätte.

Denn die Masse der Fans setzt sich nicht vor einer Saison irgendwo hin und lernt erstmal die neuen Regeln auswändig. Wenn es eine neue Regel, wie einst die Rückpassregel, gibt, dann hat man die normalerweise relativ schnell auf Tasche, weil deren Logik recht einfach zu verstehen ist. Wenn man aber am Anfang der Saison auf den Videobeweis mit seiner ganzen juristischen Eigenlogik von Anwendungsfeldern und Eingriffssituationen trifft, dann ist da für viele auch einfach schnell Ende, weil es sich nicht intuitiv erschließt. ‚Verstehe ich nicht, brauche ich nicht, will ich nicht.‘ Zumindest nicht bis zur nächsten klaren Fehlentscheidung gegen das eigene Team.

Will sagen, die Art der Regelveränderung mit einer sehr juristisch-rationalen Herangehensweise und Umsetzung war von vornherein schon eine Barriere in einer Welt, in der sich die Dinge immer stärker intuitiv erfassen lassen sollen und im besten Fall binnen 30 Sekunden liken oder disliken lassen können sollen. Die Art der Umsetzung des Videobeweises war in sich absolut schlüssig (wenn man von der Prämisse ausgeht, den Schiedsrichter als letztes Entscheidungsorgan beizubehalten), aber in einer Welt, in der es so etwas wie abstrakte Rechtsformen und deren Eigenlogik in Sachen Akzeptanz schwer haben, auch von vornherein relativ hoffnungslos verloren. Zumal wir über Sportregeln sprechen, die man beim Fußball ja meist im Prozess des Aufwachsens nebenbei erlernt und dann für quasi natürlich hält.

Interessant da vielleicht der Blick zum Football in die NFL, die ja immer als Verweis herhalten muss, wenn es um eine Befürwortung des Videobeweises geht. Dort wurde ein entsprechendes Verfahren bereits Mitte der 80er eingeführt, allerdings Anfang der 90er von den Klubbesitzern wieder abgeschafft (bzw. nicht verlängert). Weil man das System für ineffizient hielt. Weil die Umsetzung nicht dem entsprach, was man sich davon erhofft hatte. Ein paar Jahre später führte man die Geschichte mit etwas veränderter Herangehensweise (unter anderem Trainer-Challenges) wieder ein, weil man es als Instrument selbst dann doch irgendwie schätzen gelernt hatte.

Auf lange Sicht war die Einführung elektronischer Hilfsmittel bei der Spielleitung also in der NFL ein voller Erfolg, während es kurzfristig eher schwierig war. Was vielleicht ja auch ein bisschen dem kulturellen Code der jeweiligen Sportart geschuldet ist. Man wächst in die Regeln und Abläufe eines Spiels hinein und erlebt dann plötzlich eine Regelveränderung, die Logik und Abläufe in manchen Bereichen komplett verändern. Im Fußball einerseits auf der Ebene der spontanen Emotionalität, wenn irgendjemand noch eingreifen kann, dessen Zeichen man beim Torjubel bspw. nicht sehen kann. Oder andererseits auch in Bezug auf Dinge wie Abseitsentscheidungen, bei denen tatsächlich künftig das eigentlich bisher gar nicht existente ‚Im Zweifel für den Angreifer‘ nun doch noch durch die Hintertür Realtität wird, weil der Linienrichter in Vertrauen auf den Videobeweis die Fahne eher mal unten lässt.

Abseits ist ein gutes Stichwort, denn einer der Gründe, warum der Videobeweis bei der WM sehr viel besser wahrgenommen wird als in der Bundesliga besteht auch in der Tatsache, dass man bei der WM Abseitsstellungen technisch sauber auflösen kann (sagen sie zumindest), während dies in der Bundesliga nicht möglich war. Aufgrund dessen, dass man keine kalibrierten Abseitslinien hatte, verzichtete man natürlich komplett auf den Einsatz von Abseitslinien. Was dann eben dazu führte, dass das Erkennen von Abseitspositionen wesentlich von Kamerapositionen abhing.

Das hatte naturgemäß zur Folge, dass es völlig unterschiedliche Grenzen gab, an welcher Stelle ein Videoassistent bzw. ein Schiedsrichter bei Abseitssituationen eingriff und an welcher Stelle nicht. Dass Guido Winkmann bei Hannover gegen RB Leipzig kurz vor Ende bei tobendem Heimpublikum den Treffer zum 3:3 für die Heimelf zurücknahm, ist angesichts einer miesen Kameraposition immer noch eine der erstaunlichsten Entscheidungen der Saison im Zusammenhang mit RB-Spielen. Dass Kostic ein paar Wochen zuvor in Leipzig bei seinem vermutlichen Abseitstreffer nicht vom Videoassistenten zurückgerufen wurde, erschien da angesichts der verzerrten Kameraperspektive schon wesentlich nachvollziehbarer.

Gerade in der Rückrunde der Bundesliga hatte man den Eindruck, dass die größte Aufregung rund um den Videobeweis vor allem aus Abseitssituationen und der völlig unterschiedlich gehandhabten Einstiegsschwelle resultierte. Und tatsächlich dürfte das der größte Wahnsinn am Videobeweis gewesen sein, dass man bei dieser sowieso schon komplexen Regeländerung ohne technische Hilfsmittel zur Entschlüsselung von Abseits in die Saison geht bzw. gehen muss.

Abgesehen davon lief der Videobeweis eigentlich im Laufe der Saison immer besser und jedenfalls besser als sein Ruf war. Während in der Hinrunde noch lange nach einer Linie gesucht wurde, wie stark der Videoassistent eingreifen soll und das zu sehr unterschiedlichen Handhabungen führte, wurde die Linie in der Rückrunde doch meist relativ klar durchgezogen und gab es entsprechend weniger Diskussionsbedarf als zuvor.

Dass da auch immer mal was durch die Lappen geht, wie bei einem nicht geahndeten Elfer-Foul gegen Werner beim Mainz-Heimspiel in der Nachspielzeit oder beim strafwürdigen Handspiel von Poulsen in Stuttgart im RB-Strafraum, ist klar. Insgesamt hat man aber die Zahl der falschen Entscheidungen im Zusammenhang mit entscheidenden Spielsituationen reduzieren können. Wobei das natürlich auch weniger positives Ergebnis denn vielmehr selbstverständlich ist. Denn natürlich erhöht sich die Prozentzahl richtiger Entscheidungen automatisch, wenn ich zusätzlich auf einen Bildschirm schauen kann.

Die Frage ist vielmehr, ob zwei oder drei (oder wie viel auch immer) Prozent mehr richtige Entscheidungen den grundsätzlichen Eingriff in das Spiel und dessen Spontanität rechtfertigen. Und an der Stelle wird es dann halt schwierig. Denn diese Frage lässt sich nicht in Kennziffern ausdrücken, sondern hängt eher von der individuellen Bewertung ab, die wiederum sehr vom jeweiligen Bild von Fußball geprägt sein dürfte. Und dieses Bild ist in sich selbst ein sich permanent wandelndes, sodass auch Videoassistenten vielleicht eher eine Frage der Gewöhnung als eine Frage der grundsätzlichen Unvereinbarkeit mit dem Fußball sind.

Grundsätzliches Problem am Videobeweis neben der Veränderung der Logik bei Abseitsentscheidungen ist die Zunahme an Entscheidungsebenen. Denn genaugenommen trifft der Schiedsrichter auf dem Feld eine Grauzonenentscheidung. Bei den meisten Entscheidungen kann man sicher auch eine Gegenposition vertreten. Die Aufgabe des Videoassistenten ist es nun zu entscheiden, ob der Schiedsrichter mit seiner Entscheidung nicht in einer Grauzone gelegen, sondern schwarz statt weiß entschieden hat (bzw. fälschlicherweise nicht schwarz oder nicht weiß). Damit bewegt sich aber nun der Videoassistent wiederum in einer Grauzone, in der er bspw. entscheiden muss, ob noch grau vorliegt oder schon klar weiß.

Um es noch hübscher zu machen, kann der Videoassistent den Schiedsrichter noch mal mit dem Hinweis auf eine mögliche klare Fehlentscheidung zum Monitor schicken, damit der nun wieder entscheiden kann, ob seine Fehlentscheidung klar falsch war, also außerhalb des Graubereichs lag oder innerhalb. Für eine Situation können also binnen kürzester Zeit drei Entscheidungen im Graubereich getroffen werden. Das ist auf den ersten Blick natürlich auch fehleranfällig, führt dann aber zu lustigen Metaebenen wie der, dass es keine klare Fehlentscheidung war, dass der Schiedsrichter seine Fehlentscheidung nicht wieder zurückgenommen hat. Oder so.

Das ganze wird natürlich erheblich gelindert, wenn man von vornherein das Kriterium setzt, dass nur ganz klare Fehlentscheidungen überhaupt korrigiert werden können und bei auch nur geringem Zweifel die Szenen nicht angefasst werden. Aber in dem Punkt, wo Klarheit anfängt und wo aufhört, wird wohl auch künftig viel Uneinigkeit bestehen, sodass die Befürchtung, dass es mit Videobeweis nichts mehr zu diskutieren gibt, auch künftig nicht eintreffen wird (wobei ich die gegen den Videobeweis gerichtete Behauptung, dass die Diskussionen über krasse Fehlentscheidungen zum Fußball einfach dazugehören, schon immer ganz grundsätzlich Quatsch fand).

Wenn man dem Videobeweis enge Grenzen gibt und die Eingriffsschwelle sehr hoch liegt, dann ist das durchaus ein sehr mächtiges Instrument, das in der Praxis recht gut und geräuschlos funktionieren kann und in vielen Spielen auch schon sehr gut funktioniert hat. Im Detail kann man da hinsichtlich der Vermittlungsebenen immer noch schrauben. Die Aufbereitung für TV-Zuschauer war in der Bundesliga katastrophal und bestand darin, auf ein Bild zu starren, auf dem man Menschen in einem dunklen Raum in Köln sehen konnte. Bzw. aufgrund der Dunkelheit nicht sehen konnte. Bei der Finalserie in der NBA im Basketball gab es in den USA dagegen einen Reporter, der direkt aus dem Videoraum berichtete und die getroffene Entscheidung begründete. Schnell, unaufgeregt, nachvollziehbar. Auch bei der WM in Russland bekommen die TV-Journalisten im Hintergrund direkt die Informationen über die Entscheidungen des Videoassistenten.

Neben der TV-Ebene bleibt natürlich auch die Stadionebene. Der Einschnitt in die Spontanität von Emotionen lässt sich nicht verhindern, wenn man den Videobeweis will. Für regelmäßige Stadiongänger vielleicht die gewöhnungsbedürftigste Veränderung. Auf der Ebene der Vermittlung von Entscheidungen könnte man sicher noch Verbesserungen einführen. Schiedsrichter, die die Entscheidung kurz verkünden. Eine Einblendung auf den Videowänden, vielleicht ein kurzer Ausschnitt von der Szene, die man überprüft hat. Möglich wäre da vieles.

Ob es auch nötig ist, weiß ich nicht. Dass man im Stadion mal nicht weiß, warum welche Entscheidung getroffen wurde, kommt auch abseits des Videobeweises durchaus vor und ist kein allzu großes Problem (zumal nicht im Zeitalter des Internets, wo man relativ schnell Aufklärung finden kann, wenn man denn Netz hat). Vielleicht gilt auch hier, dass es einfach auch zwei, drei Jahre Gewöhnung an die Zeichensprache der Schiedsrichter braucht, bis man dann die Entscheidungen schnell und iniutiv lesen und verstehen kann. Sicher ist aber auch, dass kurze Durchsagen (‚das und das wurde aus diesem Grund verändert‘) die Akzeptanz von Entscheidungen sicherlich nicht verschlechtern würde..

Aus RB-Perspektive wurde im Saisonverlauf immer mal gejammert, dass die Videobeweis-Entscheidungen häufig gegen Leipzig getroffen wurden. Ohne noch mal nachgezählt zu haben, gab es tatsächlich mehr zu ungunsten als zugunsten von RB geänderte Entscheidungen. Das ist dann aber eher eine Zufallsverteilung, weil die Entscheidungen inhaltlich nicht falsch waren. Von drei, vier (gleichmäßig verteilten) Situationen abgesehen gab es im Saisonverlauf bei Leipziger Spielen eigentlich keine Fälle mit großem Diskussionsbedarf (außer beim Pokalspiel gegen die Bayern und das war ein Spiel ohne Videobeweis) und keine Verzerrungen pro oder kontra RB.

Insgesamt war auch rund um RB Leipzig die Stimmung bezüglich des Videobeweises meist deutlich schlechter als die Abläufe mit Videoassistent es selbst (nüchtern betrachtet und an den Vorgaben durch die Regeln gemessen) waren. Dass die Umsetzung allerdings auch von den Spielern der Bundesliga kritisch gesehen wird, beweist sich darin, dass nach einer Kicker-Umfrage drei von vier Spielern die Umsetzung des Videobeweises schlecht fanden. Interessanterweise wollen trotzdem mehr als die Hälfte der Akteure keine Abschaffung der technischen Hilfsmittel. Was wiederum den Unterschied in der Kritik am Videobeweis-Verfahren und der geringeren generellen Kritik am Videobeweis verdeutlicht.

Neben der Vermittlungsebene und allgemeinen Fragen von Transparenz (warum man sich so schwer tut, die Dinge des Schiedsrichterwesens nachvollziehbar und öffentlich zu verhandeln, ist schwer zu verstehen, auch wenn sich im Detail in den letzten Monaten auch bereits ein, zwei Sachen verbessert haben) kann man natürlich auch beim Videobeweis selbst immer noch Dinge verbessern.

Persönlich hätte ich mir ein Challenge-System gewünscht, weil das mit der Logik des allmächtigen Schiedsrichters zugunsten einer höheren Eigenverantwortung durch die Spieler gebrochen hätte. Das hat aber natürlich auch ein paar praktische Umsetzungsprobleme wie der Frage danach, wie schnell man die Challenge einreichen muss bzw. wie lange man sie einreichen darf und wie viele Challenges man hat und worauf man sie anwenden darf. Generell hätte es halt den Charme, dass man in Situationen, in denen man sich ungerecht behandelt fühlt, nicht auf den Schiedsrichter einstürmern muss, sondern selbstbestimmt Einspruch erheben kann.

Ausdehnen könnte man den Videobeweis vielleicht noch auf den Bereich der Betrugsversuche. Also alles was mit Schwalben und Schauspielereien zu tun hat. Das würde allerdings der Logik des Videobeweises eine weiter Ebene hinzufügen. Bisher war ja die Eingriffsebene anhand von Strafen und Spielereignissen (rote Karten, Elfmeter, Tore) definiert. Wenn man noch Schwalben und Schauspielereien dazu nimmt, dann hätte man plötzlich ein bestimmtes Vergehen als Eingriffsebene. Vielleicht aber auch nur ein theoretisches und kein praktisches Problem. Vorteil wäre halt, dass man dieses ganze ‚Ich werde am Rücken getroffen und halte mir fünf Minuten den Kopf‘-Zeug und auch Schwalben außerhalb des Strafraums nachhaltig bestrafen könnte.

Insgesamt bleibt halt die Frage, was der Videobeweis für Folgen für das Spiel hat, die nicht durch bessere Entscheidungen aufgewogen werden. Und das entzieht sich ein Stückweit der rationalen Bewertung. Nicht zuletzt da sich die Dimensionen juristischer Eigenlogik den Dimensionen der Ablehnung im Stadion teils völlig entziehen. Sprich, theoretisch könnte der Videobeweis innerhalb seiner Vorgaben perfekt funktionieren und trotzdem auf Ablehnung stoßen. Die Frage ist dann, ob man ein solches Verfahren trotzdem durchsetzt, weil es auf theoretischer Ebene den Fußball verbesert oder ob man es als nicht vermittelbar bleiben lässt.

Aber so weit sind wir in der Fragestellung noch lange nicht, denn bisher ist die Ablehnungsfraktion noch nicht so massiv, dass eine Abschaffung des Videobeweises ernsthaft zur Debatte steht. Viel der Aufregung war einfach der Tatsache geschuldet, dass da etwas Neues eingeführt wurde, wenn man die Aufregung schon zu Saisonbeginn bedenkt, als abgesehen von den fehlenden Abseitslinien noch gar nicht so viel Grund zur Aufregung bestand. Viel an der Aufregung hatte im Kern noch nicht mal was mit dem Videobeweis zu tun, wenn man daran denkt, dass generelle Probleme im Schiedsrichterwesen im Saisonverlauf dazukamen und mit auf den Videobeweis abfärbten.

Aus meiner ganz eigenen Wahrnehmung fand ich die unterschiedlich gehandhabten Abseitsgeschichten gerade in der Rückrunde nervig. Nervig war aber auch die übertriebene Aufregung auch von Leuten auf Multiplikatoren-Ebene, die gelegentlich erstmal rumpolterten, statt die Fragen nach dem Warum von Entscheidungen zu stellen.

Als grundsätzlicher Befürworter des Einsatzes von Bildern zum Auflösen von Fehlentscheidungen stand ich den Dingen vor der Saison positiv gegenüber. Über die letzten zwölf Monate hat sich das nicht grundlegend geändert, auch wenn ich mir noch unschlüssig bin, wie ich als Stadiongänger die Veränderung rund um Torerfolge und den immer mitschwingenden, bangen Blick, ob der Schiedsrichter sich ans Ohr greift, finden soll. In einer Sportart mit nur wenigen Treffern ist das ein durchaus heftiger Eingriff in den kulturellen Code des Spiels.

Prinzipiell bleibt aber nach der ersten Videobeweis-Saison, dass die Sache an sich durchaus Sinn macht und die Schiedsrichter dadurch tatsächlich entlastet werden, weil ganz grobe Schnitzer korrigiert werden können. Wenn sich auf Dauer tatsächlich einspielt, in welchen Situationen eingegriffen wird und in welchen nicht und wenn endlich die vermaledeiten Abseitslinien funktionieren und wenn der durchschnittliche Stadionanhänger die Prozedur auch nachhaltig verinnerlicht hat, dann dürfte der Videobeweis als weiteres Schiedsrichter-Instrument immer weiter in den Hintergrund rücken bzw. deutlich weniger Aufregung mit sich bringen.  Es wird weiterhin Entscheidungen geben, die gelungener sind als andere, aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Videobeweis in ein, zwei Jahren recht etabliert ist und kaum noch im Grundsatz in Frage gestellt wird, ist dann doch recht hoch. Vielleicht ist da aber auch der Wunsch Vater des Gedankens.

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Schon nicht immer einfach für einen Schiedsrichter auf Ballhöhe zu sein. Der Videoassistent unterstützt ihn in schwierigen Situationen. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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7 Gedanken zu „Mehr Aufregung als nötig“

  1. Großer Applaus für diesen gelungenen, objektiven und unaufgeregten Beitrag! Was für ein Kontrast zu den stupiden „Der VAR muss weg“ Kommentaren.

    1. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn du keinen „Der VAR muss weg!“-Kommentar hinterlassen hättest. ;-)

  2. Die bisher bei dieser WM eingesetzten Videoassistenten, wo wir Deutschen sogar noch zwei Eisen im Feuer haben, glänzten überwiegend durch eine wohltuende Zurückhaltung, die allerdings dadurch ihre in der Öffentlichkeit stehenden Kollegen stärkten!

    Schlecht finde ich es aber, wenn bei einer entsprechend günstigen Kameraeinstellung, bei der eine klare Abseitsstellung auch von zuhause aus sofort erkennbar ist, der sich auf einer Höhe bewegende und auf dem Bildschirm auch zu sehende Linienrichter, der heutzutage Schiedsrichterassistent heißt, seine Fahne unten lässt!

    Das Erklärung zum Für und Wider dieses möglichen technischen Eingriffes aus irgend einem Hinterzimmer oder Kellerraum ist gut, war nur etwas zu lang, sodass die hierbei gewonnenen Erkenntnisse sich danach wieder minimierten…..

    Das schon lange überall vorkommende „Schwalbensterben“ hätte bisher noch härter bestraft, auch zeitversetzt, werden müssen. Die echten Schauspieler entpuppen sich nämlich nicht schon beim (gewollten) Sturz, sondern erst meistens danach, wenn z. B. bei einem eigenen günstigen Zwischenstand ihre heranstürzenden und zeitschindenden ärztlichen Helfer am Ende des sinnlosen Besprühens der Stutzen oder Einreibens des betreffenden Spielers, anschließend wieder, leicht grinsend, von dannen ziehen und somit das entsprechende nochmalige Aufbegehren des evtl. zurückliegenden Gegners stören konnten! Diese Bestrafung wegen Täuschung sollte nicht nur bei Szenen in gegnerischen Strafräumen, sondern überall auf dem Platz gelten! Die WM wäre dazu die beste Möglichkeit gewesen, dagegen hart vorzugehen, um den Spielfluss einfach nicht zu oft unterbinden zu müssen! Das sollte auch für den zukünftigen Bundesligaalltag und den darunter angesiedelten Ligen sowie Klassen gelten!

    Hat vielleicht jemand mal die hohe Anzahl an falschen Einwürfen registriert, die schon die kleinen „Bubis“ am Anfang ihrer Laufbahn möglichst verhindern sollen? Für den Videobeweis reichen die Fälle nicht, doch sollten bei der nächsten Begegnung einfach nur registriert werden…..

  3. Das noch ein VAR Blog kommen würde hatte ich gehofft.
    Schade, das nur am Ende ein paar Zahlen fehlen, sprich Zu Gunsten – Zu Ungunsten von Rasenballsport.

    Ich habe fast alle Spiele der WM gesehen bzw. die 3 WM Folgen von CollinasErben gehört.
    Bringt mich zu dem Schluss, das bei gleicher Anwendung der FIFA Regelung in der abgelaufenen Buli-Saison anders entschieden worden wäre.
    Und richtig, viel hat es mit Abseits zu tun.
    Reus beim Heimspiel hätte nicht gezählt, ebenso Kostic. 4 Punkte!
    Hannover korrekt entschieden.
    Poulsen in Stuttgart grenzwertig, aber bei WM auf Elfmeter gepfiffen. -2 Punkte.
    Heimspiel Mainz mindestens 2 Elfmeter. 2 Punkte ggf.
    Die Elfmeter auswärts gegen Schalke und BVB hätten Bestand.
    DFB Pokal Bayern – klares Rot gegen Vidal und Elfmeter

    Mehr fällt mir spontan nicht ein, aber bei der Buli wären das 4 Punkte mehr und wir würden entspannt CL spielen und nicht Ende Juli EL Quali.

    Bei der WM funktioniert vieles richtig, was VAR angeht, die Stadiongänger sehen die Zeitlupe und es wirkt sehr transparent.
    Was man aber bedenken muss, ist die Tatsache, es sind umgerechnet nur 3-4 Bulispieltage was da analysiert worden ist bzw. der Aufwand der da hinter steckt, sprich im Moskauer Keller 6?! VAR Verantwortliche. Das kann man in der Buli nicht umsetzen.

    Ja, ich bin auch einer, der für den VAR ist und im Laufe der Saison die Waage gekippt ist. Aber wenn man jetzt wie bei der WM diese für die Buli anpassen würde, wäre ich sehr zufrieden.

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