RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2017/2018

Nur noch vier Tage, dann startet RB Leipzig in die zweite Saison in der Bundesliga. Praktisch, aber nicht formal auch der Saisonstart. Denn die Spielzeit wurde natürlich mit dem DFB-Pokal gestartet (und behinhaltet auch noch die Champions League). Der Auftakt gegen Dorfmerkingen war allerdings eher ein lockeres Warm-up, das man (bei aller Gegenwehr) eher der Testphase denn der Pflichspielphase zurechnen konnte.

Drei Wettbewerbe, das wird vor allem bis zur Winterpause viel Stress im Spielplan bedeuten. 25 oder 26 Spielen (je nach Abschneiden im DFB-Pokal) wird man binnen reichlich vier Monaten bestreiten. Ein ordentliches Pensum, wenn man es mit den 17 Spielen, die man letzte Saison bis zum Winter bestritt, vergleicht. Neun englische Wochen wird man dabei bestreiten. Zweimal sind es drei englische Wochen am Stück. Schon im September steht der erste Dreierpack mit fünf Bundesligaspielen und zwei CL-Auftritten in reichlich zwei Wochen an.

Klar, dass diese Art der neuen Anforderungen auch eine der zentralen Herausforderungen der neuen Saison ist. Auch wenn Dreifachbelastung aufgrund seiner dauernden Verwendung schon fast zum Unwort geworden ist (und im Saisonverlauf wohl solange genutzt wird, bis die Ohren bluten), wird das für alle Spieler im RB-Kader und für die Trainingssteuerung etwas völlig neues sein. Vergessen sollte man dabei nicht, dass die Nationalspieler auch in den Wochen, in denen keine Ligaspiele stattfinden, mit Länderspielen unterwegs sind und dort im Extremfall vielleicht auch noch zwei Spiele bestreiten.

Der Belastungssteuerung wird also gerade in den vier Monaten bis zur Winterpause eine elementare Bedeutung zukommen. Insofern hat Ralph Hasenhüttl natürlich Recht, wenn er zuletzt darauf bestand, dass es keine A-Elf geben wird, sondern 16, 17 Feldspieler, die sich als Stammspieler fühlen dürfen. Die wird man in einer Art Rotation auch brauchen, wenn man die vielen englischen Wochen erfolgreich bestreiten will.

Auch für Hasenhüttl ist das eine neue Erfahrung, setzte er bisher doch auch gern mal auf wenig rotierende Stammmannschaften. In der letzten Saison war RB Leipzig jenes Team der Bundesliga, bei dem die zehn meisteingesetzten Feldspieler im Vergleich mit den anderen Teams die höchste Spielzeit hatten. 73 Minuten stand jeder dieser RB-Spieler im Schnitt pro Partie auf dem Feld. Bei den Bayern waren es zum Vergleich nur 64 Minuten, die die zehn meisteingesetzten Feldspieler im Schnitt absolvierten.

Diese Eingespieltheit, diese Klarheit bei den Spielabläufen war letzte Saison ein wichtiger Erfolgsfaktor. Aufgrund der vielen englischen Wochen werden Wechsel nun häufiger werden, sodass diese extreme Form einer Stammelf und einer daraus resultierenden Eingespieltheit nicht noch einmal so passieren und zum Vorteil wird.

Das bedeutet auch, dass der Kadertiefe eine größere Bedeutung zukommen wird. Gut in diesem Zusammenhang, dass die RB-Neuzugänge des Sommers relativ früh klar waren und entsprechend schon einige Zeit hatten, sich in die Spielphilosophie hineinzudenken. Einen Fall wie Oliver Burke, der letzte Saison praktisch ohne Vorbereitung ins Wasser geschmissen wurde, gibt es diese Saison (wenn es mit der Kaderplanung so bleibt) nicht. Bruma war mit seinem Einstieg zum Trainingslager in Österreich schon der späteste Neueinsteiger. Wenn man sich einen Jean-Kevin Augustin beispielsweise anschaut, dann tat es ihm sehr gut, schon eine Weile Zeit zum Eingewöhnen zu haben.

Die Frage bleibt aber, ob der Kader von seiner Qualität her breit genug aufgestellt ist. 20 plus 4 Feldspieler soll der Kader umfassen. Also 20 Kernprofis plus vier Nachwuchsspieler, die permanent mittrainieren. Im Moment steht man noch bei drei Nachwuchsspieler, aber Talenten dahinter, die den vierten Trainingsplatz variabel belegen oder ihn sich auch noch fest erkämpfen können.

20 Felspieler sind mit Blick auf die Bundesliga und vor allem auf die Teams, die international spielten, ziemlich wenig. Die Bandbreite der eingesetzten Feldspieler reichte in der letzten Saison bei den Teams von 21 bis 31. Die Mehrzahl der Mannschaften lag bei 24 bis 27 Feldspielern. Allerdings bestritten bei der weiten Mehrheit der Teams auch nur zwischen 18 und 23 Feldspielern mindestens 200 Minuten. Sprich mit den 20 Feldspielern kann man im Kern schon hinkommen. Aber ein sonderlich üppiger Kader ist es nicht. Vorteil ist, dass da auch für die jungen Spieler vielleicht noch ein bisschen Spielzeit und ein Reinschnuppern abfällt. Viel passieren darf im Bereich Langzeitverletzungen allerdings nicht.

Extrem viel passiert ist auch auf dem Transfermarkt nicht. Sechs externe Neuzugänge hat man verbucht. Mit Philipp Köhn ist da schon eine Nummer 3 bis 4 für das Tor dabei. Ibrahima Konaté wird sich in der Innenverteidigung trotz Lob für die Vorbereitung auch erst mal hinten anstellen müssen, genau wie Mvogo wohl erstmal als Nummer 2 in die Saison geht. Bleiben mit Jean-Kevin Augustin, Bruma und Konrad Laimer drei Spieler, die im Kern den Konkurrenzkampf anheizen und die Qualität auch in der Breite des Kaders erhöhen.

Dass sich die Qualität in der Breite erhöht hat, liegt auch daran, dass man kaum Spieler abgegeben hat. Bzw. nur Spieler, die letzte Saison im besten Fall eine ergänzende Rolle spielten. Davie Selke und Rani Khedira wechselten immerhin innerhalb der Bundesliga. Marius Müller versucht es bei Ex-Klub Kaiserslautern.

Insgesamt heißt das für den Kader, dass man für jede Position mindestens drei Kernoptionen hat und dahinter noch Alternativen stehen. Das ist durchaus auch von der Qualität her in Ordnung. Bis auf Naby Keita (als Sechser) und mit Abstrichen Timo Werner (zumindest der Werner mit der Form der Vorsaison) gibt es wohl kaum einen Spieler im Kader, der als praktisch unersetzbar gelten kann. Das Niveau ist bis runter zur Feldspielerposition 17, 18 recht ausgeglichen, was für die Homogenität des Teams gar nicht schlecht ist. Andererseits wird es aufgrund dieser Ausgeglichenheit auch viele Spieltage geben, an denen Spieler auf der Tribüne sitzen, die sich da überhaupt nicht sehen und die leistungstechnisch vom Rest gar nicht so weit weg sind.

Letzte Saison probierte Ralph Hasenhüttl zwischenzeitlich den Weg zu einer Dreierkette. In der aktuellen Vorbereitung blieb er streng beim gewohnten 4-2-2-2. Zu Beginn der Vorbereitung hatte der Trainer erklärt, dass man aufgrund der geringeren Trainingszeit in der Hinrunde halt die Abläufe schon in der Vorbereitung verstärkt einüben müsse. Vielleicht ist die bisherige Festlegung auf ein 4-2-2-2 auch einfach dieser Tatsache geschuldet und dass man sich gedacht hat, dass man mit den Neuzugängen erst mal in den Abläufen dieser Grundformation vertraut sein muss, ehe man neue Dinge (die von den alten ja meist gar nicht so weit entfernt sind, wenn die grundsätzliche Spielidee identisch bleibt) dazu addiert.

Auf der anderen Seite steht die Frage, wie es RB Leipzig in dieser Saison hinbekommen wird, aus dem Ballbesitz heraus, offensiv klare Aktionen herauszuspielen. Da hat man letzte Saison teilweise schon ganz gute Lösungen gehabt. In der Rückrunde hat man aber auch immer mal wieder gesehen, dass es ein Stückweit daran hapert, gleichzeitig im Ballbesitz durchschlagskräftig zu sein und defensiv nicht anfällig für Konter zu werden. Entsprechend war die Dreierkette damals auch der Versuch Stabilität und Ballbesitz zu verbinden.

In der Vorbereitung tat man sich aus dem 4-2-2-2 heraus durchaus schwer, aus dem normalen Ballbesitz heraus gefährlich zu werden. Klar, es war nur die Vorbereitung, aber bei diesen Problemen schien es nicht unbedingt an fehlendem Engagement zu liegen, sondern tatsächlich an grundsätzlichen Abläufen und dass beispielsweise ein Bruma noch nicht eingebunden wirkt oder ein Laimer ein anderer Spielertyp ist als ein Demme. Gefährlich war man natürlich weiterhin im Umkehrspiel. Auch wenn Timo Werner gegen Stoke und Dorfmerkingen zu viel im Abseits herumwandelte. Aber jenseits der klassischen RB- und Werner-Situationen braucht man eben (gerade wenn man viel rotiert) auch noch andere Stärken und Offensivabläufe (die nicht zulasten der defensiven Stabilität gehen).

Zu diesen spieltaktischen und belastungstechnischen Herausforderungen kommt auch eine völlig andere Erwartungshaltung hinzu. Ja, es ist weiterhin der Fall, dass RB Leipzig eine sportliche Potenz zugeschrieben wird, die mit der realen Kaderentwicklung beileibe nicht mithalten kann. Trotzdem ist man wirtschaftlich und sportlich nun nicht mehr das Bundesliga-Durchschnittslicht, das man vielleicht letzte Saison noch war. Mit der ausgerufenen Gehaltsobergrenze von 4,5 Millionen Euro für diese Saison und mit der Champions-League-Teilnahme dürfte man in der Bundesliga zu den Top 6 bis7 gehören. Also zu den Teams, deren natürlicher Anspruch es sein muss, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

Auch wenn man zuletzt vereinsseits etwas zurückruderte und keine konkreten Ziele ausgeben wollte, ist doch aus verschiedenen Äußerungen aus der Sommerpause und später klar, dass intern das Ziel klar Europa ist. Und auch nur das das Ziel sein kann. Denn der Kader in der jetzigen Form ist nur halbwegs zusammenzuhalten, wenn man den Spielern, die sich entwickeln sollen, auch eine entsprechende Fläche zur Verfügung stellt. Manch einen Spieler (so wie Keita) würde man auch verlieren, wenn man sich noch mal für die CL qualifiziert. Aber die grundsätzliche Idee der Kaderentwicklung auf der Basis der Entwicklung junger Spieler lässt sich halbwegs sinnig fortführen, wenn man in Europa bleibt. Europa League ist da das Minimum, Champions League (ab dieser Saison reicht Platz 4 für die direkte Qualifikation für die Gruppenphase) wäre sicherlich die günstigere und attraktivere Variante.

Dabei wird man in dieser Saison mit vielen Kontrahenten umgehen müssen, die letzte Saison noch schwächelten. Schalke, Leverkusen, Wolfsburg, Mönchengladbach dürften wegen fehlender Dreifachbelastung und guter Spielerkader nicht noch mal so eine Saison spielen. Wobei bei Leverkusen die Frage steht, wie Heiko Herrlich funktioniert. In Wolfsburg stellt sich weiter die Frage, ob mit Jonkers Spielidee in der Bundesliga was zu holen ist. Und bei Mönchengladbach fragt sich, wie weit man mit Stabilität und guten Standards in dieser Saison kommen könnte. Nur bei Schalke muss man aufgrund eines sehr guten Kaders und eines sehr guten Trainers eigentlich davon ausgehen, dass sie absoluter Champions-League-Anwärter sind.

Dazu kommen dann die Bayern und Dortmund als jene Teams, die per se in vielerlei Hinsicht vor dem Rest stehen. Wobei die BVB-Unruhe um Dembele und Aubameyang, mögliche Wechsel und die Umstellung auf den neuen Trainer noch für viel Wirbel und einen holprigen Start sorgen können. Bleibt neben dem alljährlichen, noch unbekannten Überraschungsteam noch Hoffenheim als neuntes Team, das man zum Kreis der Kandidaten für einen Champions-League-Platz rechnen muss. Wobei die TSG vor denselben Themen steht wie RB Leipzig (Dreifachbelastung, Rotation, Belastungssteuerung).

Vier aus ungefähr neun heißt also das Spiel Richtung Champions-League-Plätze. Da wäre es nicht wirklich eine Sensation, wenn man das nicht schafft. Zumal der RB-Kader wie gesagt nun auch kein Überkader ist, sondern auch noch viele Fragen zum Funktionieren der Neuzugänge und zum Miteinander offen lässt. In der Rückrunde der letzten Saison war RB Leipzig Fünfter. Fünfter oder Sechster, das muss dann aber schon der Anspruch von RB sein. Im Sinne der eigenen Ansprüche und im Sinne der Möglichkeiten, über die man dann inzwischen doch verfügt. Platz 6 aufwärts wäre gut. Platz 4 aufwärts wäre sehr gut. Platz 3 aufwärts wäre überragend. Platz 2 aufwärts wäre sensationell. Bei Platz 7 abwärts käme es dann wohl auf die Umstände (Verletzungen, unbeeinflussbare Umstände, etc.) an, wie man die Dinge bewertet.

Interessant wird auch wieder mal, wie die Zuschauerentwicklung weitergeht. Letzte Saison profitierte man sehr von der unglaublichen Saison (und hatte selbst da in der Rückrunde ein paar Ticketaktionen mit Dreier-Dauerkarte für unattraktivere Begegnungen). Die knapp 36.000 Zuschauer am sechsten Spieltag gegen Augsburg darf man weiter im Hinterkopf behalten. Für die ersten sechs Spiele gibt es auswärts und zu Hause (quasi als Futter für den Hinterkopf) allesamt noch Tickets.

In Hoffenheim gingen die Zuschauerzahlen nach der ersten Aufsteigersaison erstmal sukzessive zurück. Möglich, dass dies in Leipzig ähnlich aussehen wird, weil das dritte Spiel gegen Freiburg oder das vierte Spiel gegen Augsburg in einer einstmals, aber nicht mehr so extrem ausgehungerten Fußballstadt nicht den ganz großen Run auf Tickets auslösen. Die andere These wäre, dass in einer Großstadt wie Leipzig auch Einzugsgebiet und interessierte (Jugend-)Gruppen eher für Wachstum sprechen. Man wird es sehen. Zur Zuschauerentwicklung wurden hier im Blog ja in der Sommerpause schon einige Worte verloren.

Eine Rolle dabei könnten auf jeden Fall die Ticketpreise spielen. Diese sind in den teuren Bereichen durchaus ordentlich. Da es auf der Gegengerade einige Bereiche gibt, für die man nur teure Tageskarten bekommt, könnte es künftig mit Champions League und Bundesliga und vielleicht noch DFB-Pokal schwierig werden, das Stadion regelmäßig voll zu kriegen. Zudem wurden ein paar Hundert Dauerkarten zuschauerseits nicht verlängert, aber auch vereinsseits nicht wieder in den Verkauf gebracht, sodass auch diese zu teureren Tagestickets werden. Nimmt man noch die erst seit kurzem bestehende Online-Ticketbörse hinzu, wo man sich erstmal nach nicht genutzten Dauerkarten in billigen Bereichen umschauen kann, statt die teuren Tickets im freien Verkauf zu holen, dann kann auch das eine geringer werdende Auslastung mitbegründen. Aber das alles nur für den Hinterkopf.

Insgesamt wartet auf den Verein eine sehr wichtige Saison für die Weiterentwicklung und Konsolidierung auf hohem Niveau. Fernsehgeldtechnisch hinkt man noch enorm hinterher, was gegenüber den Topklubs ein Minus von mal eben rund 70 Millionen Euro macht. Diese Differenz muss man zumindest in Teilen in den nächsten zwei, drei Jahren wettmachen, um den Prozess des wirtschaftlichen Wachstums weiterzugehen.

Dazu braucht es aber entsprechende sportliche Leistungen und regelmäßige Teilnahmen in Europa (auch um interessant zu bleiben für die eigenen und für neue Spieler). Was die neue Erwartungshaltung rund um den Verein vorgeben dürfte. Eine Erwartungshaltung, mit der auch Enttäuschungen verbunden sein können. Letzte Saison konnte man diesbezüglich noch jugendlich-befreit aufspielen. Diese Saison muss man erwachsen werden. Und das bei einem ganz engen Spielkalender und wenig Möglichkeiten an grundsätzlichen Dingen zu arbeiten. Wird eine sehr interessante Saison mit vielen Stolperfallen, Fragezeichen, Herausforderungen und Highlights. Hübsches Abenteuer.

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Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl wollen auch am Ende dieser Saison bei RB Leipzig wieder was zu jubeln haben. | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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2 Gedanken zu „RB Leipzig vor der Hinrunde in der Bundesliga 2017/2018“

  1. Es gibt noch einen fünften Championsleague-Platz, für den sich allerdings einige gute Mannschaften Europas bewerben. Es wäre jedenfalls schön, wenn Leipzig Gruppendritter würde und es dann auch auf diesem Weg versuchen könnte.

  2. Wegen Kaderbreite:
    Die DFL schickt ja RBL im tiefsten Winter wieder nach Freiburg, da kommt wohl noch die traditionelle Rasenballer-Grippe dazu 😉
    Und genau da sind DFB-Pokal und CL/EL KO-Spiele.

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