Reformwillen trifft Konservatismus

Die älteren unter den LeserInnen werden sich erinnern, dass die Regionalliga-Reform einst hier im Blog recht intensiv begleitet wurde. Ein Prozess, der in seinem Ablauf erstaunlich war. Vereine definieren ein Problem (’schlechte Durchlässigkeit von Regionalliga zur dritten Liga‘) und zwischen Landesverbänden, DFB und DFL wird in Hinterzimmern nicht etwa eine Lösung des Problems erarbeitet, sondern ein Kompromiss ausgeheckt, gegen den die wichtigsten Abstimmungsakteure des DFB-Bundestages nichts hatten und der im Kern das ursprüngliche Problem durch eine Verkomplizierung des Aufstiegs noch verstärkte.

Man könnte natürlich diskutieren, ob die Verschärfung der Problemlage tatsächlich stattfand, denn seit Einführung der fünf Regionalligen und der Relegation zur dritten Liga ist nur eines von zwölf Teams direkt wieder abgestiegen. Drei Teams schafften sogar den direkten Durchmarsch in die zweite Liga. Zumindest für jene Teams, die sich durch den Flaschenhals Regionalliga gequält haben, scheint der Abstand zur dritten Liga eher gering zu sein. Dass der Abstand zwischen dritter und vierter Liga größer werden würde, war ursprünglich auch eine der Annahmen nach Einführung der Relegationsspiele in der Regionalliga.

Egal wie, der Ablauf, mit dem die Regionalliga-Reform umgesetzt wurde, war einer, wie er unbefriedigender nicht hätte sein können. In einem intransparenten Verfahren eine Lösung erarbeitet und umgesetzt, wie sie den ursprünglichen Absichten derjenigen, die die Reformen anschoben und ein Problem formulierten, nicht stärker hätte widersprechen können.

Manchmal bleibt der Eindruck, dass Verbandspolitik oft diese Form von intransparenter Hinterzimmerpolitik annimmt (wobei das natürlich auch nur ein Eindruck aus der Ferne ist), bei der eben unterschiedliche Formen von akzeptablen oder inakzeptablen Ergebnissen herauskommen. Fast schon als komplettes Gegenkonzept kommt da ein Papier des IFAB (International Association Board – eine internationales Gremium, das über die Fußballregeln wacht) daher.

Denn dort wird auf ein paar Seiten das gemacht, was man sich vielleicht erwarten würde, wenn man von einem Problem (oder einem scheinbaren Problem) zu einer Lösung kommen will. Themenfelder und Problemlagen abstecken, Ziele aufzeigen, Wege zum Ziel beschreiben und zur Diskussion stellen. Die Aufgeregtheit mit der danach teilweise auf das Papier eingeprügelt wurde, korrespondiert nicht mal ansatzweise mit der Art des Vorgehens und den Inhalten.

Erstaunlich ist dieses Vorgehen auch, weil es ausgerechnet von einem Board kommt, das in der Vergangenheit eigentlich eher als sehr konservativ galt. Veränderungen am Regelwerk wurden stark gescheut. Was ja auch nicht unsinnig ist, denn ein funktionierendes Spiel muss man auch nicht zwangsläufig durch Veränderungen der Veränderungen willen in irgendeine modern erscheinende Richtung schieben. Als Organisation, die tatsächlich Entwicklungen im Fußball im Auge hat und für größer werdende Probleme auch regeltechnische Lösungen zur Debatte stellt, nahm man das IFAB trotzdem lange nicht wahr.

Das hatte sich aber auch schon mit der Zustimmung zum lange komplett abgelehnten Videobeweis geändert. Bzw. zur Testphase des Videobeweises, denn bisher gibt es noch keine Verpflichtung diesen einzusetzen, sondern nur eine Phase, in der die Funktionabilität des Instruments geprüft wird. Deutschland hat sich für die Bundesliga beispielsweise um die Teilnahme an der Testphase beworben und deswegen dürfen wir nächste Saison intensiv beobachten, ob der Videobeweis eine Sache ist, die sich in den Spielen vernünftig umsetzen lässt oder ob es sich in der Praxis doch eher als Schrott entpuppt.

Letztlich ist das weniger eine Glaubensfrage als eine Frage der Praxis. Weswegen das Vorgehen, über Testphasen herauszufinden, ob man das Ziel einer größeren Entscheidungsgerechtigkeit ohne grundsätzliche Veränderung des Spiels erreichen kann, vernünftig ist. Ob man nun mal eben eine ganze Bundesliga-Saison zur Testphase machen sollte, ist dann eine andere Frage.

Man darf aber schon mal annehmen, dass sich das Spiel durch den Videobeweis im Detail durchaus verändern wird. Schon jetzt sind die Schiedsrichter angehalten, bei tornahem Abseits nicht gleich abzupfeifen, sondern erst mal den Torabschluss abzuwarten. Weil man ein zu Unrecht wegen Abseits abgepfiffenes Tor nur dann nachträglich noch anerkennen kann, wenn der Pfiff nicht erfolgte, bevor der Ball im Tor war. Sprich, statt schnell Abseits zu pfeifen, um keine Unruhe aufkommen zu lassen, wird sich der Schiedsrichter künftig verstärkt Zeit lassen. Schießen lassen, dann Abseits pfeifen und bei falschem Pfiff vom Videoschiedsrichter darauf hingewiesen werden und doch noch auf Tor entscheiden. Oder aus Fansicht: Jubeln, Schiedsrichter verdammen, bangen, nochmal jubeln.

Das ist natürlich nur eine von einigen denkbaren Veränderungen in den Abläufen. Noch stärker als bisher schon könnte bei Spielern auch das Bedürfnis aufkommen, im Strafraum bei Kontakt zu fallen, weil man auf ein ‚ein Kontakt war da‘ am Bildschirm hoffen kann. Es muss sich halt einspielen und die interessante Frage wird sein, was ein Videoschiedsrichter an Entscheidungen kassieren wird und was nicht. Das dürfte über die Saison gesehen auch einen guten Eindruck vermitteln, was tatsächlich Fehlentscheidungen sind und was als Graubereich durchgeht, aber von vielen oft als klare Fehlentscheidung interpretiert wird.

Ein bisschen schade an der Testphase ist, dass es keine Challenging-Möglichkeiten durch die Akteure gibt. Man verbleibt in der Logik, dass die Schiedsrichter die Götter sind, die im besten Fall (was natürlich Quatsch ist und auch nach dem Videobeweis Quatsch bleibt) nah an der Perfektion entscheiden können. Sie sind es auch für die die Spieler quasi Fouls und Handlungen performen und auf entsprechende Entscheidungen hoffen. Auch nach Start der Testphase bleibt es beim Blick auf den Schiedsrichter und dem leidenden Gesicht, was der wohl schon wieder falsch gemacht hat.

Ein System mit Challenges (zwei pro Spiel egal für welche Situation; liegt man falsch verliert man eine) hätte den Vorteil gehabt, dass man die Akteure aktiv am Entscheidungsprozess beteiligt. Als Spieler hätte man jedesmal im Strafraum überlegen müssen, ob man sich wirklich über eine Entscheidung des Schiedsrichters beklagen will und ob man guten Gewissens einen Videobeweis einfordern kann. Das hätte den grundsätzlichen Vorteil von mehr Einbindung der Akteure und mehr Übernehmen von Eigenverantwortung für ihr Handeln gehabt. Aber es würde in der praktischen Umsetzung in einem fließenden Spiel auch wieder neue Probleme mit sich bringen.

Der Fluss des Spiels ist auch eines der Probleme, das die IFAB in ihrem oben angesprochenen neuen Problempapier angeht und das wohl die meisten Reaktionen hervorgerufen hat. „Erhöhung der Spielzeit“ nennt man als Zielvorgabe. Das Problem sei, dass viele Menschen frustriert von der geringen Nettospielzeit seien und man entsprechend versuchen will, diese zu erhöhen.

Für den Hintergrund vielleicht ganz gut zu wissen, dass die Nettospielzeit in der Bundesliga Ende März laut damaliger Zahlen vom Kicker bei 56 Minuten lag (was auf Augenhöhe mit England, aber deutlich mehr als in Spanien und weniger als in Italien ist). Dabei gab es extreme Spiele wie ein 0:0 zwischen Frankfurt und Hamburg mit 41 Minuten netto und vor allem Bayern-Spiele mit deutlich über 60 Minuten netto.  Der Unterschied zwischen HSV- und Bayern-Spielen als Extremen betrug bis dahin rund 8,5 Minuten pro Spiel. Fast 300 Minuten weniger reine Fußballzeit über die Saison gesehen bei HSV-Spielen. Das ist durchaus ordentlich.

Wäre halt die Frage, ob man das als Problem empfindet oder eher als normalen Teil des Spiels mit seinen unterschiedlichen Arten, es zu führen, sieht. Wenn man es grundsätzlich als Problem empfindet, dass die Nettospielzeit zu gering ist, dann ist es jedenfalls angemessen, wenn man dafür Lösungsideen aufzeigt. Eine davon war die Einführung einer Nettospielzeit von 2 mal 30 Minuten oder zumindest die Einführung einer Nettozeit in den letzten zehn Minuten eines Spiels.

Aber das war eben nur eine von vielen möglichen Vorschlägen und zudem eine Idee, die weiterer Diskussionen und vor allem einer Testphase bedarf. Genau wie andere Vorschläge zur Erhöhung der Nettospielzeit wie dem selbst vorlegen des Balles bei Ecken oder Freistößen oder nicht ruhenden Bällen bei Abstößen. Als Möglichkeit wird auch ins Spiel gebracht, dass Spieler bei Auswechslungen den Platz am ihnen nähesten Punkt verlassen müssen und nicht erst zur Mittellinie trotten. Auch eine strengere Auslegung der Nachspielzeit durch striktes Nachspielen der durch Verletzungen, Freistöße, Verletzungen, Strafstöße und Karten verlorenen Zeit wäre eine schnell umsetzbare Möglichkeit.

Letztlich ist es ein nicht unspannendes Papier, weil es (auf Regel- und Regelumsetzungsebene) klar macht, wo die IFAB (unter dem etwas albernen Obertitel „Play fair“) aktuell Probleme ausmacht und welche Lösungsmöglichkeiten man sieht. Eine großzügig-strikte Vergabe von Nachspielzeit wird wohl manchem sofort sinnig erscheinen. Wobei auch hier gilt, dass das Veränderungsbedürfnis nach Spielen wie dem zwischen Leipzig und Ingolstadt größer sein dürfte als nach dem zwischen Leipzig und Bayern.

Generell täte der Nachspielzeit eine größere Vergleichbarkeit gut. Bisher ist sie aufgrund individueller Vorlieben manchmal etwas schwer nachvollziehbar. Auch das würde sich natürlich durch die generelle Einführung der Nettospielzeit als Problem erledigen. Ob man da nicht mit Kanonen auf Spatzen schießt, wie das Magazin für den Erhalt der Bruttospielzeit aka 11 Freunde nicht müde wurde zu betonen, wäre eine Frage der Problemdefinition. Wenn man auch zwischen den Mannschaften gern eine vergleichbare Nettospielzeit hätte, wäre das Problem schon größer als lediglich eines von zwei, drei oder vier Minuten, die im Schnitt zur 60 fehlen. Letztlich scheint das Problem aber auch durch Schiedsrichtermaßnahmen in den Griff zu kriegen sein. Wenn man sich denn mal trauen würde, im Extremfall einfach zehn Minuten nachzuspielen.

Der Rest des Papiers dreht sich um das Verhalten von Spielern und Verantwortlichen gegenüber Schiedsrichtern (u.a. mit der Idee, dass nur noch der Kapitän mit Beschwerden beim Schiedsrichter vorstellig werden darf oder dass sich Schiedsrichter und Trainer vor dem Spiel die Hände reichen) und um mehr Fairness und Attraktivität im Spiel selbst (Torerzielung mit der Hand mit rot bestrafen; Torhüter, der Rückpass aufnimmt, mit Strafstoß bestrafen; Abpfiff nur bei Spielunterbrechung, nicht bei laufendem Spiel; Strafstöße nur ohne Nachschuss).

Da ist sicherlich (wie beim zur Diskussion gestellten Torwart, der bei Aufnahme eines Rückpasses quasi wegen unerlaubtem Handspiels mit Strafstoß bestraft wird) manches an Ideen und Punkten auch drüber, aber das angenehme an dem Papier ist eben, dass es Aktionsfelder und Aktionsmöglichkeiten zur Diskussion stellt. Die Kunst dürfte sein, nicht alles, was sinnvoll scheint, weil es irgendeinen kleinen Teilaspekt verbessert, auch umsetzen zu wollen, sondern das große Ganze im Blick zu behalten.

Was sind tatsächlich Probleme, an denen man nicht vorbeikommt. Wenn man selbst mal so über die letzte Saison guckt, dann würde ich beim absichtlichen Handspiel stehenbleiben, dessen Definition so vage ist, dass die Videoschiedsrichter künftig einen Heidenspaß haben und entsprechend wohl bei Handspiel-Entscheidungen nur selten ihre Kollegen überstimmen werden. Dazu kommt tatsächlich der taktische Einsatz von Unterbrechungen zur Reduzierung von Spielzeit. Und die Unsäglichkeit von Debatten nach jedem Pfiff und dem obligatorischen Stellen vor den Ball, um eine schnelle Freistoßausführung zu verhindern.

Im IFAB-Papier würde ich mich da zumindest dahingehend wiederfinden, dass dort der Umgang mit den Schiedsrichtern angesprochen und eine striktere Bestrafung des Bestürmens des Unparteiischen vorgeschlagen wird. Zudem geht der Vorschlag einer strikteren Berechnung (tatsächlich mathematisch gemeint und keine Schätzung mehr) von Nachspielzeit sicherlich in eine vernünftige, der Logik des jeweiligen Spiels folgenden Richtung.

Generell ist natürlich klar, dass der Zugang zum Fußball für viele auch immer mit einem gewissen Konservatismus verbunden ist. Wie gesagt, das macht bis zu einem gewissen Punkt auch Sinn, den Kern des Spiels nicht zwanghaft verändern zu wollen. Dinge wie Abseits oder die Rückpassregel will man dann aber auch nicht missen und haben das Spiel durchaus deutlich verändert. Was nicht heißt, dass man per se mal wieder so eine große Änderung bräuchte. Eine gewisse Wachsamkeit für Entwicklungen, eine gewisse Offenheit für Veränderungen und eine gewisse Transparenz bei der Problemsichtung und bei der Varianz möglicher Problemlösungen sind aber durchaus ganz angenehme Begleiterscheinungen.

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Mehr Zeit für kleine Pläuschchen am Rande dank Nettospielzeit? | GEPA Pictures - Roger Petzsche
GEPA Pictures – Roger Petzsche

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Ein Gedanke zu „Reformwillen trifft Konservatismus“

  1. Die Betrachtungen zur eventuellen Regeländerung finde ich sehr gelungen. Die letzte vollmundig angekündigte Änderung war ja wohl der Anstoß, bzw. die Möglichkeit, den Ball nach hinten spielen zu dürfen. Hat das dem Spiel Impulse gegeben? NEIN. Nun hoffe ich, dass Fußball Fußball bleibt. Wenn dem ständigen Gemecker auf dem Platz einhalt geboten würde, verlängerte sich die Nettospielzeit sicher auch messbar. Der Schieri sollte jedem Spieler, der nach dem Pfiff auf ihn zu gerannt kommt sofort die Karte zeigen dürfen.( Siehe Handball)
    Als Beispiel für die Wirkung einer Karte als Beispiel das Ingolstädter Spiel. Hätte der Schieri nach 20 min. dem Torwart die Karte gezeigt, alles wäre gut gewesen. Der Schieri braucht mehr Möglichkeiten und muss sie auch nutzen.

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