Erstaunlich gut und erstaunlich vielseitig

Sechs Spieltage hat RB Leipzig bisher absolviert. Eine Länderspielpause unterbricht die Saison zum zweiten Mal. Bei RB Leipzig kann man ganz entspannt in die Pause gehen, denn mit 12 Punkten aus sechs Spielen ist man besser gestartet als man vor der Saison vermutet hätte. Ist zwar noch vier Spieltage, also bis zur nächsten Länderspielpause Zeit, bis ein Blick auf die Tabelle größere Relevanz hat, aber auch jenseits der Tabelle entwickeln sich die Dinge aus RB-Sicht ziemlich positiv.

Denn die bisher zwölf Punkte aus sechs Spielen sind nicht die Folge von ganz viel Glück oder nicht wiederholbaren Energieleistungen eines übereuphorisierten Aufsteigers, sondern Konsequenz einer guten Mannschaftsorganisation gespickt mit der notwendigen individuellen Klasse, um die Organisiertheit zu veredeln. Sprich, RB Leipzig ist (bei allen Differenzen im Detail) eine Art Ingolstadt reloaded, nur mit mehr Qualität im Offensivdrittel.

Dass sich hinter den zwölf Punkten nicht nur Anfängerglück verbirgt, sondern Qualität, zeigt sich auch darin, dass RB Leipzig hinter den Bayern in Sachen Torschüssen das beste Team der Liga ist. Man hat die wenigsten Schüsse aller Bundesligisten auf das eigene Tor zugelassen. Und man hat die drittmeisten Schüsse aller Bundesligisten auf den gegnerischen Kasten abgegeben. Im Verhältnis von abgegebenen und zugelassenen Schüssen auf das Tor ist man entsprechend Zweiter hinter den Bayern.

Das gilt auch für die Schüsse von innerhalb des Strafraums, in denen sich meist ganz gut ausdrückt wie gut es Mannschaften gelingt, sich selbst nicht nur in Abschlusssituationen, sondern in vielversprechende Abschlusssituationen zu bringen und andererseits den Gegner aus eher ungefährlichen Positionen abschließen zu lassen. Im Schnitt hat RB Leipzig bisher pro Spiel sechs Schüsse mehr von innerhalb des Sechzehners verbucht als der jeweilige Kontrahent. Das ist eine ziemlich krasse, zumindest chancentechnische Dominanz, die sich darin ausdrückt.

Wenn man die Zahlen ernst nimmt, dann sind die zwölf Punkte aus den ersten sechs Spielen fast schon am unteren Ende dessen, was man erwarten darf. Dortmund war das einzige Spiel bisher, bei dem man (die drei) Punkte auch mit einer Portion Glück holte. Bzw. ein Spiel gewann, das eigentlich eher ein 0:0-Spiel war.

Die zwölf Punkte und vor allem die überragenden Bilanzen beim Erarbeiten von Torchancen sind auch deshalb erstaunlich, weil man eigentlich nicht wirklich das klassische Unterschätztwerden eines Aufsteigers erlebt, sondern eigentlich sogar noch jenseits dessen Widerstände zu brechen hat. Wenn es gegen RB Leipzig geht, werden oft noch mal ein paar Prozent draufgepackt oder Favoritenrollen verschoben.

Köln war in Sachen Intensität und ’noch mal ein paar Prozent drauflegen‘ in der bisherigen Saison sicherlich etwas besonderes. Aber die leichte Underdog-Mentalität, die Klubs wie Köln (wo man sich sehr über den einen Punkt gegen den Aufsteiger freute) oder Augsburg (die seltsam zufrieden damit waren, in Leipzig nur knapp zu verlieren) mitbringen, führt eben auch dazu, dass RB Leipzig in Spielsituationen kommt, die deutlich mehr erfordern, als gutes Verteidigen und Lauern auf den Konter, mit dem man dann den Spielverlauf auf den Kopf stellt.

Auch hier wieder erstaunlich, wie weit RB Leipzig schon ist, was das Anwenden völlig unterschiedlicher Spielinstrumentarien angeht. Von der Zerstörung eines ballbesitzorientierten Teams wie dem BVB bis hin zu eigener Dominanz im Ballbesitz wie gegen den FC Augsburg war in den bisher sechs Spielen schon relativ viel an funktionierenden Ansätzen dabei (auch wenn die Basis immer das Spiel gegen den Ball und das schnelle Umschalten bleibt), die man dem Team vor der Saison so schnell sicher nicht zugetraut hätte.

Dabei verteidigt man unter Ralph Hasenhüttl etwas zurückhaltender und kompakter als noch unter Ralf Rangnick. Bzw. kann man in kompakter Formation auch mal abwarten, bis sich gute Pressingsituationen ergeben. Die unglaublich gute Bilanz in Bezug auf die Schüsse, die Peter Gulacsi überhaupt auf sein Tor bekam, gibt Hasenhüttl in seinen Anpassungen recht. Und wenn da der eine oder andere Fehler gegen Hoffenheim oder Mönchengladbach nicht gewesen wäre, dann hätte man auch weniger als fünf Gegentore kassierte.

Oder andersherum gesagt sind fünf Gegentore bei gerade mal 13 Schüssen relativ viel. Bei lediglich vier Teams der Liga geht ein noch höherer Anteil als 38% der Schüsse des Gegners auf das Tor auch ins Tor (Schalke, Feiburg, Bremen, Ingolstadt).

Nicht unwesentlich für das gute Verteidigen auch die Laufarbeit. In allen verfügbaren Werten liegt RB Leipzig irgendwo in der Top 3 bis Top 5 der Bundesliga. Wichtig in dem Zusammenhang, dass man im Gegensatz zur Vorsaison in der zweiten Liga bisher auch bei den Sprintwerten zu den Topteams der Liga gehört. Man läuft inzwischen in absoluten Zahlen zwar nicht mehr ganz so viel wie unter Rangnick, bleibt dafür aber aus der kompakten Formation heraus fast durchgehend in der Lage, die notwendigen Sprints anzuziehen. Auch wenn es angesichts des Laufaufwands in manchen Spielen am Ende auch ein bisschen zwicken kann. Wie man vor allem beim Spiel gegen Mönchengladbach zu spüren glaubte.

Wenn man über die bisherigen sechs Ligaspiele hinwegguckt, dann fällt auf Spielerseite vor allem einer in den Blick, der bisher nur 256 von 540 Minuten Einsatzzeit abbekam. Acht Tore fielen in diesen 256 Minuten für RB Leipzig, an allen acht war Emil Forsberg direkt (zwei Tore, zwei Vorlagen) oder indirekt (vier Beteiligungen an der Entstehung des Tors) beteiligt. Alle 32 Minuten fällt ein RB-Tor, wenn Forsberg auf dem Platz steht, alle 95 Minuten, wenn der Schwede draußen sitzt oder fehlt. Spektakulär spielte Forsberg auch schon letzte Saison, so viel Einfluss und Effizienz wie derzeit hatte der 24-jährige allerdings in eineinhalb Jahren RB Leipzig noch nie.

Offensiv auch noch sehr auffällig, darin aber eher die Vorsaison (insbesondere die Hinrunde) bestätigend, spielt Marcel Sabitzer. An sechs Toren war der Österreicher auch schon beteiligt. Ein Tor, drei Vorlagen und zwei letzte Pässe vor der Vorlage. Dazu gewohnt lauf- und sprintfreudig. Nicht unwesentlich für den Erfolg von RB Leipzig das Funktionieren des 22-jährigen Offensivspielers, der sich auch um Stresssituationen nicht herumdrückt, sondern auch dann dagegenhält, wenn es unangenehm wird.

Insgesamt ist das Offensivverhalten erstaunlich gut. Timo Werner ist die Ergänzung zu Emil Forsberg und Marcel Sabitzer mit Geschwindigkeit. Er ist vor allem als Abschlussspieler wichtig. Drei Tore und vor allem die meisten Torschüsse aller RB-Spieler in torgefährlichen Situationen. Komplementär dazu funktioniert da fast schon ein Dominik Kaiser, der nur selten über Abschlüsse kommt, dafür aber mit Abstand die meisten Torabschlüsse vorbereitet (wobei da auch diverse Standards dabei sind).

Nicht vergessen darf man in der Offensivabteilung auch nicht Yussuf Poulsen, der nur 1,2 Schüsse pro 90 Minuten hat, aber dafür unheimlich mannschaftsdienlich spielt. 33 Zweikämpfe führt Yussuf Poulsen pro 90 Minuten. Die meisten aller RB-Spieler. Als zentrale Spitze sichert er so (lange und kurze) Bälle und schafft Räume, in die dann andere Offensivspieler hineinstoßen können. Zeichen für die enorme Mannschaftsdienlichkeit des Dänen auch, dass er fast zwei Torschüsse pro 90 Minuten vorbereitet. Mehr Torschussvorbereitungen hat unter den RasenBallsportlern nur Dominik Kaiser.

Drei Spieler bei RB Leipzig haben bisher noch keine Spielminute in der Bundesliga verpasst. Peter Gulacsi als Torwart ist relativ klar. Marcel Halstenberg links hinten ist auf dieser Position im Kader praktisch alternativlos. Und Willi Orban hat sich mit beeindruckender Ruhe zum Kopf der Innenverteidigung gemacht und damit auch den in der letzten Rückrunde noch so starken Marvin Compper ein wenig in den Schatten gestellt.

Ohne den Kader im Detail durchzugehen, verfügt Ralph Hasenhüttl nach der Verletzung von Lukas Klostermann über einen Kernkader von etwa 15 bis 16 Feldspielern, wenn man Davie Selke und perspektivisch vielleicht auch Kyriakos Papadopoulos dazuzählt. Die 15 bis 16 Spieler haben relativ regelmäßig die Chance auf Einsatzzeiten. Was dahinter kommt, geht aktuell ein bisschen unter. Ein Rani Khedira beispielsweise, der genauso Probleme hat überhaupt in den RB-Kader für ein Bundesligaspiel zu kommen wie ein Zsolt Kalmár.

Die 15 bis 16 Feldspieler, die halbwegs regelmäßig zum Einsatz kommen, sind grundsätzlich eine prima Mannschaftsstruktur, zumal es innerhalb dieser 16 Spieler kein größeres Leistungsgefälle gibt und Wechsel hier oder dort nicht mit größeren Reibungsverlusten verbunden sind. Wobei da auch wieder zugute kommt, dass die Mannschaftsorganisation so gut ist. In einer gut organisierten Elf fällt es noch mal viel leichter, Wechsel vorzunehmen, weil jeder seine Rolle kennt und das Ganze sowieso mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Frage ist halt, was mit den Unzufriedenen auf den Kaderplätzen 18 bis 20 passiert. Vermutlich bei anhaltendem sportlichen Erfolg eher wenig. Und so wie man RB Leipzig in den vergangenen Spielzeiten kennenlernen durfte, tut man sich nicht schwer, Spielern mit wenig Einsatzzeit bei Wechselwunsch keine Steine in den Weg zu legen. Solange in der Kerngruppe der 15 bis 16 Feldspieler die Unzufriedenheit bei Spielern wie Davie Selke nicht zu groß wird, sollte es im Team eigentlich passen.

Insgesamt ist es durchaus erstaunlich, wie schnell RB Leipzig in der Bundesliga angekommen ist. Vier der bisher sechs Gegner stehen aktuell in der oberen Tabellenhälfte. Dass man bisher also nur gegen Teams gespielt hätte, die gerade in einer Formkrise sind, kann man eigentlich (abgesehen vom HSV) nicht behaupten.

Die Neuzugänge und hier vor allem Werner, Keita, Bernardo und Burke haben die Qualität des Kaders in der Breite und in der Spitze noch mal erheblich verstärkt und mit weiterem Zukunftspotenzial versehen. Spieler wie Forsberg, Sabitzer, Poulsen oder Orban (und auch Klostermann, der mit seinem Kreuzbandriss bisher einen der wenigen Wermuttropfen in der RB-Saison erwischt hat) haben sich über den Sommer gut entwickelt und zeigen nun auch auf höherem Niveau ihre Qualitäten.

Ralph Hasenhüttl hat die Einzelteile gut zusammengefügt und noch mal leicht angepasst weiterentwickelt. Bis zum Ausscheiden im DFB-Pokal in Dresden (dem zweiten Wermutstropfen der Saison) wirkte Hasenhüttl kommunikativ noch eher wie ein Verwalter des alten Rangnick-Zustands. Danach schien er zu beginnen, stärker als Gestalter und Lenker der Mannschaft aufzutreten. Auch jenseits dieses Eindrucks kann man jedenfalls festhalten, dass Hasenhüttl es versteht, das Team mitzunehmen und die für ihn wichtigen taktischen Details zu vermitteln.

Es passt relativ viel in den Zahlen und im Augenschein. Das späte 1:0 gegen den BVB war natürlich für die bisherige Saison ein kraftgebendes Ereignis, dessen Wirkung man nicht unterschätzen sollte. Nach so einem Sieg ist die Saison zwar kein Selbstläufer, aber das Vertrauen in Abläufe und taktische Vorgaben, das man daraus ziehen konnte, ist absolut wertvoll gewesen.

Inzwischen weiß man bei RB Leipzig, dass man in dieser Liga mit praktisch allen Teams mithalten kann, wenn man einen guten Tag mit einem guten Plan erwischt. Man darf durchaus gespannt sein, mit welchen Anpassungen die (auch nicht auf den Kopf gefallene) Bundesliga-Konkurrenz auf den Saisonstart von RB Leipzig reagieren wird. Und man darf gespannt sein, wie die RasenBallsportler auf Misserfolg reagieren werden. Dieses Experiment darf ruhig noch ein bisschen warten, aber es wird ziemlich sicher über kurz oder lang kommen.

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Zurecht zufrieden: Ralph Hasenhüttl. Foto: GEPA Pictures - Andreas Pranter.
Foto: GEPA Pictures – Andreas Pranter.

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4 Gedanken zu „Erstaunlich gut und erstaunlich vielseitig“

  1. Danke für die Zusammenfassung des Saisonstarts. Ich bin gespannt, ob und wie lange dieser positive Lauf anhalten wird. Der eingespielte 16-Mann-Stammkader ist ein großer Pluspunkt, aber an 1-2 (defensiven) Stellen hat er auch eine Achillesferse. (Ausfall von Orban oder Halstenberg). Außerdem bleibt die Frage, wie lange man diesen physischen Spielstil durch- und die Abschlusseffizienz beibehalten kann. („Rangnick-Teams“ holen in der Rückrunde meist weniger Punkte als in der Hinrunde). Dazu kommen die bereits von Dir erwähnten Anpassungen der Gegner, die sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen werden.

    Trotzdem bleibt natürlich erstmal ein positiver Start, der weit über allen Erwartungen liegt. Mal sehen, wann auch die medial und fangseitig angepasst werden. 😉

  2. Gute Zusammenfasssung!

    Bei einem Punkt habe ich aber genauer überlegt.
    „Oder andersherum gesagt sind fünf Gegentore bei gerade mal 13 Schüssen relativ viel. Bei lediglich vier Teams der Liga geht ein noch höherer Anteil als 38% der Schüsse des Gegners auf das Tor auch ins Tor (Schalke, Feiburg, Bremen, Ingolstadt).“

    Das klingt durch die Blume nach der TW-Frage? Kann ich mir aber nicht vorstellen, daß Du das so gemeint hast. 😉
    1. Tor – unglücklich abgefälscht, keine Chance
    2. Tor – da war er dran und ja, den kann! man an einem guten Tag auch halten
    3. Tor – zu 99% unhaltbar
    4. Tor – unhaltbar
    5. Tor – unhaltbar

    Bei Gulacsi war ich anfangs sehr skeptisch, aber nach den 6 Spielen bin ich positiv überrascht, welche Ruhe er mittlerweile ausstrahlt.

    Ich hatte wieder etwas Glück und habe ein paarmal beim Training verweilt. Kalmar, Khedira und Davie Selke geben da Vollgas! Vor allen Selke ist da mMn im „Sabitzer-Modus“ Er wird seine Einsatz-Zeiten bekommen und auch wichtig werden.

  3. @ausLE: Oh nein, der Zungenschlag einer Torwartdebatte sollte nicht hereinkommen. Ist ja als RB-Torwart oft so, dass du überdurchschnittlich viele Torschüsse auf deinen Kasten kriegst, bei denen der Schütze nicht mehr so richtig gestört wird. Da ist die Trefferquote automatisch höher. Ein, zwei Tore (wie das gegen Gladbach) hätte man einfach noch durch besseres oder bis zum Ende konzentriertes Abwehrverhalten verhindern können. Generell wird es aber so sein, dass die gegnerische Chancenverwertung eher hoch ist. War ja in den letzten Spielzeiten auch oft so.

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