Nichts weiter passiert?

30.000 Menschen haben am Samstag ein emotionales und friedliches Fußballfest in Dresden gefeiert. Leider gab es vereinzelt Spruchbänder und Meinungsäußerungen am Rande des Spiels, die weit unter die Gürtellinie gingen. Auch die Aktion mit dem abgetrennten Bullenkopf war absolut widerlich, damit wurde eine Grenze deutlich überschritten und es wirft ein schlechtes Licht auf diesen besonderen Fußball-Tag, der ansonsten eine großartige Werbung für unsere Stadt und unseren Verein war. (Dynamo-Geschäftsführer Michael Born in der MoPo)

Die Sprachregelung in Dresden nach dem Spiel zwischen Dynamo und RB ist klar. Tolles Fußballfest (na klar, wer wollte nach dem Pokalsieg im Elfmeterschießen auch anderes behaupten) mit leichten Nebengeräuschen, die je nach Standpunkt mehr oder minder vernachlässigbar sind. Im großen und ganzen habe man die Partie, so war man sich auch medial anfangs mit wenigen Ausnahmen einig, gut über die Bühne bekommen.

Nicht ganz so einig waren sich Ralf Minge und Oliver Mintzlaff. Der Dynamo-Sportchef war nach der Partie angesäuert über Äußerungen aus Leipzig von vor der Begegnung und betonte, dass er sich immer schützend vor seinen Verein stellen werde. Da er sich nicht näher zu den Hintergründen äußern wollte, bleibt nur zu vermuten, dass es da unter anderem darum ging, dass man in Leipzig Dresden als Verursacher eines Hochsicherheitsspiels ausgemacht hatte oder auch darum, dass sich Ralf Rangnick ziemlich despektierlich über die Dynamo-Fancharta geäußert hatte.

Oliver Mintzlaff seinerseits ärgerte sich darüber, dass man in Dresden überhaupt auf die Idee gekommen war, dass seine Mannschaft möglichst unerkannt und ohne öffentliches Aufsehen und so kurz wie möglich zum Spiel bei Dynamo anreist, wies aber die von Minge eingebrachte Notwendigkeit einer Aufarbeitung zurück, da er dies für eine internes Problem bei Dynamo Dresden mit deren Anhängerschaft halte.

Die diskursiven Nachwehen des Spiels zwischen Dynamo und RB wären wohl vergleichsweise unbeachtet vorübergegangen, wenn da nicht der abgetrennte Bullenkopf gewesen wäre, der während des Spiels fotogen im Innenraum platziert und später auf allen Kanälen herumgereicht wurde. Es folgt den typischen Mustern medialer Empörung, dass daraus nun der entscheidende Skandal gestrickt wird, der Dynamo am Ende ein paar Euro, die in die Kassen des DFB fließen, kosten wird.

Dabei geht nun gerade das Abfallprodukt einer fleischessenden Gesellschaft fast schon als Folklore durch. In der Symbolik nicht witzig und in Bezug auf die Einlasskontrollen bei Dynamo Dresden bedenklich, aber eben auch nichts, was wirklich über andere symbolische Geschmacklosigkeiten im Fußball hinausgeht. Wenn man denn in der Symbolik statt Metaphorik nicht Eins zu Eins eine tatsächliche Todesdrohung gegen Verantwortliche und Fans von RB Leipzig sehen will.

Diesbezüglich wesentlich bedenklicher stimmten da schon Banner und Sprüche rund um das Spiel. Angefangen beim „Gästefans aufs Maul“ als Graffiti vor dem Spiel an einer Bahnstrecke (ein Graffiti, das eventuell auch keinen RB-spezifischen, sondern spieltagsübergreifenden Hintergrund hatte) über diverse Banner, in denen den Gästefans“Prügel“ angedroht oder ihnen „schnelle Beine“ empfohlen wurden bis hin zur Verhöhnung eines einst in Leipzig überfallenen Trommlers gab es einiges rund um das Dynamo-Spiel, das die Ebene der ablehnenden Symbolik deutlich verließ und auf die Ebene des schlichten Straßenschlägergestus wechselte.

Klar dass man den Verein Dynamo Dresden damit inhaltlich nicht gemein machen kann. Natürlich ist es ihnen abzunehmen, dass sie mit Gewalt nichts zu tun haben wollen. Auch wenn Michael Born vor dem Spiel noch relativierend davon gesprochen hatte, dass es ja auch anderswo Gewalt gebe (was immer ein seltsames Argument ist). Woraus die (manchmal berechtigte, manchmal weniger berechtigte) Dynamo-Selbstsicht spricht, dass man ungerechtfertigterweise immer besonders im Fokus stehe und anders beurteilt werde als andere Klubs.

Letztlich besteht das Problem der Abgrenzung des Vereins von denen, die da in der eigenen Kurve Gästefans bedrohen, darin, dass sie vor so einem Spiel praktisch nicht wahrnehmbar ist. Alle wichtigen Vereinspersönlichkeiten in tragenden Rollen trugen vor der Partie in der Öffentlichkeit nur wenig dazu bei, dass man das Gefühl bekommen konnte, sie würden in der hitzigen Atmospäre die Füße vom Gas nehmen. Hier eine Stichelei, da eine Abgrenzung von RB Leipzig. Atmosphärisch hatte man das Gefühl, als hätte man in Dynamos Vereinsführung kein Problem damit, dass die Partie gegen Leipzig zur großen Demonstration wird, sondern nehme dies als Motivationsplus gern mit.

Damit einher geht dann auch, dass man die Fanaktion, Banner gegen RB Leipzig zu malen, quasi unmoderiert über die Bühne gehen ließ. Sodass auf Tapeten eben alles von Kritik bis hin zu Gewaltaufrufen präsentiert werden konnte, was sich vor dem Spiel so malen ließ. Und damit einher geht auch, dass man vereinsseits schon vor dem Spiel quasi vor möglichen Störungen kapitulieren und man die Anreise von RB Leipzig praktisch unsichtbar machen wollte.

In letzter Konsequenz kann kein Verein der Welt einem anderen Verein einen sicheren Aufenthalt in der Stadt garantieren. Allein die diversen von Vandalismus betroffenen Busse in den letzten Wochen und Monaten im Fußball (zuletzt der Hertha-Bus bei Bröndby) zeugen davon. Wenn man aber dieser Möglichkeit noch nicht mal verbal etwas entgegensetzt, dann hat man bereits ein Problem, denn dann entsteht der Eindruck, dass man nicht mehr in der Lage bzw. willens ist, Grenzen zu setzen.

Man hatte vor dem Spiel in Dresden ein wenig das Gefühl, dass manchem Verantwortlichen eher das schwarz-gelb vom Schal gefallen wäre, als dass man auch nur ein klares Wort geäußert hätte, mit dem das Duell zu einem weniger aufgeladenen geworden wäre. Was für eine Wohltat wäre ein simples ‚Klar stehen wir für ein anderes Vereinsmodell und das verteidigen wir auch, aber im Notfall begleiten wird den RB-Bus zu Fuß zum Hotel und von dort zum Stadion, damit er sicher und unbeschadet ankommt‘ gewesen.

Aber genau in dem Punkt hat man dann doch das Gefühl eines vorauseilenden Gehorsams gegenüber den eigenen Anhängern, dass man bloß nicht äußern kann, was nicht geäußert werden darf, nämlich dass man am Ende Fußball spielt und alles dafür tut, dass sogar ein ungeliebter oder nerviger Klub wie RB Leipzig sein Ziel erreicht, ohne sich durch den Hintereingang des Stadions zu schleichen. So wie es einem „demokratischen Traditionsverein“ (Minge) ja gut zu Gesicht stehen würde. Die eigene Meinung in der Sache zu vertreten und gleichzeitig auch verbal zu 100% gegenüber potenziellen Störern darauf zu bestehen, dass der inhaltliche ‚Gegner‘ auch ganz normal ’sprechen‘ bzw. spielend für seine Sache eintreten kann.

Nichts weiter passiert freute man sich nach dem Spiel an einigen Orten erleichtert und vergaß dabei, dass dieses ’nichts passiert‘ vor allem darauf basierte, dass die An- und Abreise der RB-Fans so perfekt organisiert wurde, dass sie im Stadtbild praktisch nicht vorkamen. Nur wenige, die die individuelle Anreise und den Fußmarsch zum Stadion wählten. Fanutensilien von RB Leipzig abseits des Stadions oder außerhalb der diversen Shuttle-Busse zu sehen, dürfte an diesem Tag die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers im Lotto gehabt haben.

Ganz in der Logik der Drohbanner im Dynamo-Block waren dann aber offenbar doch Männerkleingruppen nach dem Spiel unterwegs auf der Suche nach praktischer Umsetzung. Die Polizei belegt zumindest einen konkreten Fall, in dem im Stile einer Straßengang sogar die Rucksäcke nicht mal als RB-Fans erkennbarer Menschen kontrolliert wurden und die Weigerung, die Rucksäcke zu öffnen, mit Schlägen quittiert wurde, um die Opfer dann ihrer extra verstauten RB-Utensilien zu berauben. Nein, auch für diese Straftaten kann ein Verein erstmal nichts (ist ja nicht so, dass so etwas in Leipzig nicht auch schon vorgekommen wäre). Ein Verein kann aber sehr wohl dafür, dass sich diese Kultur der Gewaltdrohung in der eigenen Kurve quasi unkontrolliert ausdrücken und als konsequenter Teil der RB-Ablehnung begreifen darf.

Es ist letztlich dasselbe Thema, das hier schon in der zweiten Liga immer mal wieder besprochen wurde und das auch in der ersten Liga wohl immer mal Thema sein wird. Die Frage ist, wo sich ein Verein in der Auseinandersetzung mit RB Leipzig positioniert. Das ist keine einfache Frage, eingeklemmt zwischen Fanansprüchen, DFL-Anforderungen, Spieltagsorganisation und vielleicht ja sogar noch eigenen Ansichten. Aber es ist trotzdem eine Frage davon, wie man wo klare Grenzen setzt.

Wenn man wie Dynamo oder Kaiserslautern im Stadionbereich Banner malen lässt, sollte man sich am Ende des Tages nicht empört oder überrascht von dem distanzieren, was auf den Bannern drauf steht, sondern sich eher überlegen, inwieweit man da nicht per Akzeptanzkultur seinen Teil dazu beigetragen hat. Wenn in Karlsruhe mal eben ein riesiges „Die Gegengerade schützt sich vor der Bullenseuche“-Banner im Innenraum präsentiert werden darf, sollte sich der Verein zumindest fragen, inwieweit er seine Pflichten bei der Spieltagsorganisation missachtet hat.

Es werden immer wieder Banner mehr oder weniger hübschen Inhalts in die Fanblöcke der Republik gelangen. Das ist selbst mit hohem Aufwand nicht wirklich zu verhindern und am Ende auch kein prinzipielles Problem. Bzw. im Fall der extremen Fälle ein Problem von Strafrecht und Justiz. Jenseits dessen gibt es aber eben auch noch die Ebene dessen, wie sich ein Verein dazu verhält und ob er überhaupt versucht, dem Treiben Grenzen zu setzen oder ob er die Dinge passiv auszusitzen versucht oder er sie gar noch aktiv befeuert. Also die Ebene dessen, wie eine Vereinsführung den eigenen Verein auch ein Stückweit lenkt und abseits der sportlichen Entscheidungen nicht nur gelenkt wird.

Dynamo Dresden hat im Vorfeld der Partie gegen RB Leipzig, am Ende im Austausch gegenseitiger Giftpfeilchen mit dem Gastverein, eher auf die Taktik gesetzt, den Fanversteher in der Kritik an RB Leipzig zu spielen, der mögliche Probleme mit den eigenen Fans mit dem möglichst perfekten Einsatz von Polizei- und Ordner-Kräften zur Spieltagsabsicherung löst. Das Konzept mag in Dresden intern den geringstmöglichen Widerstand produzieren und somit dem Vereinsfrieden dienen, hat halt aber eben seine Grenzen darin, dass es (abgesehen von Ordner- und Polizeiketten) keine Grenzen setzt und man quasi von vornherein mit der kommunizierten Gewaltdrohung im Stadion lebt. Das heißt nicht, dass man die Gewaltdrohungen akzeptiert, das heißt aber dass man mit der Möglichkeit, dass es sie gibt, besser leben kann als mit Maßnahmen, sie zu verhindern. Bzw. immerhin mit dem Versuch, sie zu verhindern.

Vielleicht haben einige Verantwortliche in der Bundesliga etwas genauer hingeschaut auf das, was in Dresden passiert ist. Weil die meisten Bundesligisten ja auch vor der für sie neuen Situation stehen, ein Heimspiel gegen RB Leipzig austragen zu sollen und sich in dem Zusammenhang mit ihrem eigenen Standpunkt und zumindest auch mit Teilen der eigenen Fans und deren Kritik an RB auseinandersetzen zu müssen. Das Dresdner Konzept hat mit hohem Aufwand für den Sicherheitsapparat zumindest dahingehend funktioniert, dass es trotz Drohungen kaum physische Konfrontationen rund um das Stadion gab. Mal sehen, wie man an anderen (vor allem größeren) Orten in die Kommunikation vor den Spielen und in die Spieltagsorganisation geht.

Gibt im Normalfall immer gute Bilder. Die Dynamo-Fankurve. Photo by Matej Divizna/Bongarts/Getty Images
Photo by Matej Divizna/Bongarts/Getty Images

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6 Gedanken zu „Nichts weiter passiert?“

  1. Wie immer: Auf den Punkt.

    Ich fürchte jedoch, dass sich nichts ändern wird, solange es Vereine gibt, die die eigenen Ultras nicht im Griff bzw. Angst vor Ihnen haben. Ich erinnere mich mit Schrecken an den 1. FCN und das unsägliche nächtliche Tête-à-Tête auf einem Rastplatz der A5.

  2. Ich gehe davon aus, dass du diesen Text noch oft verwenden kannst bzw. musst und immer nur Verein und Verantwortliche austauschen musst!

  3. Das mit dem Bullenkopf kann eigtl nur eine Intelligenzbestie von Dürrröhrsdorfer gewesen sein, da bin ich mir locker sicher. Vill. sollte man selbigen mal aus dem McFit runter in die Dynamo-Büros werfen. Wie sie das wohl finden würden?
    Aber bei denen wundere ich mich eh über nichts mehr, da stehen schon die Bierpullen auf den Fensterbrettern, da braucht man das Niveau nicht weiter suchen. Ich schäme mich in vielen Bereichen für diese eigtl. schöne Stadt… Wenn da die Bewohner nicht wären.

    1. Wie war das beim Abstieg in Liga 3 .
      .“Spieler und Vorstand hatte eine halbe Std. Zeit das Weite zu suchen “
      Da weiss man woher die Anbiederung der Verantwortlichen zu den Ultras kommt.In Rostock wird es ja auch so gehandhabt.

  4. Und man beachte, dass ein Banner der Gästefans mit der Aufschrift „Dynamo heul leise“ vom Einlass abgenommen wurden. Ich spreche jetzt mal allgemein vom Verein, ohne jemanden speziell hervorzuheben. Aber in der Art und Weise wie es dieser Verein im Vorfeld machte, muss sich dort niemand, über die immer wiederkehrenden Problemfans wundern. Diese Art, sich Ausdruck zu verleihen, schürt ein Verein ganz allein und man kann einfach nur hoffen, dass RB auf allezeit, sich zum Ziel setzt, dies konsequent zu verhindern.

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