Zwischen Eckkneipe und Großraumdisse

Ach lieber Chemieblogger alias Bastian Pauly, wir kennen uns ja nun schon ein Weilchen bzw. fochten vor allem in den Anfangstagen von RB Leipzig den einen oder anderen argumentativen Strauß miteinander aus. Deswegen sei mir erlaubt, dir zu deinem „persönlichen Text“, den Du beim inhaltlich großen, erwachsenen Bruder von Faszination Fankurve und Co, bei Vice Sports veröffentlichtest, eine kleine Geschichte von früher zu erzählen.

Drei-, viermal bin ich in meinem Leben in Großraumdiskotheken gegangen. Es blieb immer eine unerfüllte Beziehung. Ich mochte es nicht, ich fühlte mich nicht wohl, ich konnte damit nichts anfangen. Ich fand es ganz schlimm, die Leute, die Musik, das Drumherum und schloss daraus, dass es der Gegenstand, also die Großraumdisse sein muss, die ganz schlimm ist.

Ich fand mein Zuhause in der Subkultur. Da war die Musik meist nicht besser, meist (wenn auch nicht immer) aber anders, oft allerdings sogar noch schlechter, wenn man an manchen Gitarrenschrammelabend mit Hauptsache vier Bands auf der Bühne denkt. Zudem waren die Anforderungen, sich irgendwie an die Gruppe anzugleichen und sich in sie einzufügen im Groben dieselben wie bei der homogen auftretenden Großraumdissengruppe, aber es fühlte sich trotzdem irgendwie besser an. Nenn es heimischer, nenn es besser aufgehoben.

Ich saß also in meiner selbsterwählten, subkulturellen Nische und fühlte mich da irgendwie meist wohl, trank zu viel Sternburg oder andere Dinge, die billig zu kriegen waren und begann herunterzublicken. Herunter auf die Mädchen und Jungs, die den Affenzirkus Großraumdisse mit ihren ewiggleichen Ritualen und den Anmaßungen, sich im Geschlechterkrieg und im Kampf um Anerkennung bei der Peergroup behaupten zu müssen, mitmachten. ‚Diese Deppen‘, mit diesem Gestus lief ich, sehr grob zusammengefasst, durch die Welt und war so stolz auf mich, in der Subkultur gelandet zu sein, statt im glitzernden Hamsterrad.

Bis ich irgendwann, als sich mein Blick von oben nach unten schon längst auf Leute in anderen Bereichen ausgedehnt und ich mir dadurch diverse Lernerfahrungen durch Seperation verbaut hatte, selbst genervt war von meiner Arroganz gegenüber dem Rest der Welt und ihren Lebensentwürfen bzw. ihren Versuchen, sich in der Welt, wie sie sich real darstellt, zurechtzufinden und einen Platz zu erkämpfen, mit dem sie sich wohl fühlen. Was auch immer dieses Wohlfühlen alias Glücksgefühl im Einzelfall bedeuten und wie kleingeistig auch immer sich das von außen darstellen mag (Sascha Lobo warf einst Professor Ulrich Bröckling in einer Veranstaltung zurecht faschistische Denkweisen vor, als der Soziologe sich über den in irgendeinem Magazin ausgedrückten Wunsch eines Malermeisters aus der Provinz vom eigenen Haus oder so, also den Wunsch des Mittelstands nach kleinbürgerlichem Wohlstand lustig machte).

Nein, ich fühlte mich in vielen Ausprägungen hiesiger Massenkultur weiterhin nicht wohl, aber ich hatte keinen Bock mehr, meine eigenen Unfähigkeiten beim Umgang mit Welt zu verobjektivieren und andere als Sündenböcke dafür heranzuziehen. Ich wollte weiterhin nicht in die Großraumdisse, aber die grundsätzliche Abgrenzung fußend auf einer Vergemeinschaftung irgendwo am selbstkonstruierten Rand wurde mir sehr fremd.

Ach, lieber Bastian Pauly, das ist natürlich nur eine kleine langweilige persönliche Geschichte, die gar nicht Deine subkulturellen Fußballerlebniswelten bzw. vor allem die Erinnerung, in diese hineingewachsen und mit diesen in Leipzig sogar mal als Nummer 1 wirkungsmächtig gewesen zu sein, in Frage stellen soll oder kann. Es sei Dir nicht genommen, dass Du Dich in der fußballerischen Großraumdisse nicht so richtig wohl fühlst. Es kommt natürlich nur immer einfach ein bisschen komisch herüber, wenn man von seinem Nischenpodest Leuten Schlagwörter wie „Überidentifikation“ um die Ohren haut und sie quasi als nützliche Idioten mit völlig unsinnigen Lebensträumen und -entwürfen abwatscht.

Du hast natürlich, ach lieber Bastian Pauly, völlig Recht, wenn Du Worte wie „global aufgestellten Sportimperium“ oder „der Kommerz hat in sieben Jahren aus der geteilten eine geeinte Stadt gemacht“ in den Mund nimmst. Ja, der Einzug von Red Bull in Leipzig war quasi ein imperialer Akt und Kapitalismus ist weiterhin ein großer Gleichmacher, der keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nimmt, sondern Organisationen und Strukturen schafft, die in ihrem jeweiligen Bereich im Wettbewerb bestehen sollen.

Man könnte hier bis zu Marx zurückgehen, für den die imperiale Durchsetzung kapitalistischer Zustände in vorkapitalistischen Gesellschaften Grundbedingung für Fortschritt und Freiheit bzw. bei ihm Sozialismus war.  Selbst wenn man diesen Ansatz nicht auf Leipzigs Fußball  übertragen will, bleibt der ja auch von Dir zugegebene Fakt, dass nur eine externe, quasi imperiale Kraft die selbstverliebte Dualität zwischen grün-weiß und blau-gelb, zwischen links und rechts, zwischen gut und schlecht (bzw schlecht und gut, je nach Sicht) aufbrechen konnte.

Wenn ich Dich richtig verstehe, ach lieber Bastian Pauly, dann hättest Du auch weiterhin gut mit dieser Dualität gelebt. Das sei Dir wie gesagt nicht genommen, aber es bleibt eben auch dabei, dass diese Dualität außerhalb eingefleischter Fußballgemeindekreise in Leipzig oder dessen Umgebung niemanden mehr aus dem Sessel holte oder mit Euphorie und (positiven) Emotionen beseelte.

Ich teile Deine Einschätzung nicht, dass „die Leipziger sich nach Party auf der Fanmeile sehnten“ und nicht auf den „Charme einer versifften Eckkneipe“ bei den alteingesessenen Clubs standen und sich deswegen von ihnen abwandten. Ich halte dies für eine ähnlich holzschnittartige Argumentation wie die der anderen Seite, man wäre vor der „Gewalt“ im Umfeld von Chemie und Lok zu RB Leipzig geflohen. Es mag in beiden Argumentationen ein Teil Wahrheit stecken, aber es erklärt sich dadurch eben auch nicht die komplette Leipziger Fußballwelt.

Letztlich langweilte das ewige Umeinanderdrehen der Clubs, die selbst als Fünftligist noch darauf achteten, dass der andere möglichst unter ihnen stand, oder das Wandern von einer Insolvenz zur nächsten potenzielle und aktuelle Fans, waren die (teils aus dem Stadthaushalt) versenkten Millionen und permanent wechselnden Strategien und Personalien nicht gerade sonderlich anziehend. Sprich, man hat in Leutzsch und Probstheida über Jahre eigentlich vor allem das Bestehende, also dass man einander auch im Misserfolg hatte, gepflegt, anstatt Strahlkraft über sich hinaus zu entwickeln.

Die „versiffte Eckkneipe“ war aus meiner Sicht nie das große Problem (zumal der FC Sachsen sich ja sowieso zwischenzeitlich eher woanders hinwandern sah), auch wenn sich das natürlich schön erzählt. Problematisch schon eher, dass man in seiner Eckkneipe saß und unter sich bleiben und über die andere Eckkneipe lästern wollte und man es unter sich auch nicht für nötig hielt, wenigstens mal die Gläser abzuspülen, bevor man neues Bier ausschenkt.

Gewissermaßen, ach lieber Bastian Pauliy war RB Leipzig für die Leipziger fußballerische Subkultur Pech und Glücksfall zugleich. Pech, weil damit plötzlich ein externer Player jene Wirkungsmacht in der Stadt übernahm, die man in Leutzsch und Probstheida bei allem Misserfolg als ranghöchste Vereine trozdem zuvor noch hatte. Glücksfall, weil man nun endlich jemanden vor der Nase hatte, auf den man aus der subkulturellen Nische heraus zeigen konnte (‚Igitt, die haben ja nicht mal eine Eckkneipe‘), über den man Identität, Vergemeinschaftung und Gruppengefühl schaffen konnte.

Damit zusammen hängt dann auch das Phänomen, dass sowohl der FC Sachsen, als auch Lok in ihren Duellen gegen RB Leipzig eine besonders große Anhängerschaft mobilisieren konnten. Die Subkultur lebt. Vor allem dann, wenn sie sich an der Massenkultur (bzw. in der frühen RB-Phase noch an derem Vorschein und erwartetem Durchbruch) abarbeiten kann. Funktionierte bei Dir im Blog, ach lieber Bastian Pauly, als Du diesen noch fülltest, am Ende ja ganz ähnlich, dass es am lautesten zuging, wenn es um RB ging. Und es ging oft um RB.

Wenn ich Deinen Vice-Text so lese, bekomme ich das Gefühl, dass Du extrem glücklich sein kannst, dass Dein grün-weißer Herzensclub in Deinen Zeiten nie in die Verlegenheit gekommen ist, sportlichen Erfolg größeren Ausmaßes zu haben. Wie die jahrelange, gefühlte Dissidenz plötzlich in städtischem Taumel und Vereinnahmung durch alle Seiten untergeht, hätte man Dir als Gefühl gar nicht zumuten wollen.

Ich vermute, dass auch Du weißt, dass ein Bundesligist FC Sachsen Leipzig genauso im „Wir sind E1ins“-Taumel aufgegangen wäre wie RB Leipzig. Vielleicht nicht mit so durchgestylter Kommunikationsform. Vielleicht auch mit im Stil etwas weniger aufgeblasener Feierlichkeit. Aber der kollektive Vereinnahmungszustand, das Gleichsetzen von Club und Stadt, für die er steht,  wäre dasselbe gewesen.

Ich kaufe Dir tatsächlich nicht ab, dass Du, ach lieber Bastian Pauly, dich darüber wunderst, dass RB Leipzig über die Titelseiten der Lokalpresse geprügelt wird. Als jemand, der die Arbeit der LVZ-Sportredaktion ja noch aus den Tagen kennst, in denen Du dort beim Erstellen der RB-Saisonbeilage Leipziger Fußballbeilage mit RB-Schwerpunkt geholfen hast (wobei den RB-Teil damals tatsächlich noch nicht viele lesen wollten), weißt Du doch wie Presse in dieser Stadt auch vor RB Leipzig schon funktioniert hat (und wie sie auch bei Großereignissen jenseits des Fußballs funktioniert).

Gewinne zwei Spiele und du bist auf dem Weg nach ganz oben gewesen, der künftige Bundesligastar, der Erretter von Leipzig. Hast du danach zwei Spiele verloren, warst du allerdings wieder der Depp, der die ganzen hübschen Hoffnungen, dass das Lokalblatt endlich auch beim großen Fußball mitspielen darf, zerstört hat. Das war hierzulande schon immer das Thema. Und die Lokalredaktion, so viel Beliebigkeit darf es dann schon sein, hätte auch Lok oder den FC Sachsen oder irgendeinen anderen Club über Tage über die Titelseiten geprügelt, wenn es denn dafür einen Grund gegeben hätte (manchmal tat man es ja auch trotzdem nach gewonnenen Relegationen oder so).

Du könntest jetzt natürlich, ach lieber Bastian Pauly, argumentieren, dass das bei Lok und FC Sachsen ja auch ok gewesen wäre, weil die als Clubs für den wahrhaftigen städtischen Fußball gestanden hätten. Mal abgesehen davon, dass sich Organisationsstrukturen ab einem bestimmten Level kaum unterscheiden und sich Clubs nicht zufällig mit meist komplett austauschbaren Marketingclaims bekriegen und voneinander abheben wollen, dreht man sich dann natürlich an dieser Stelle ein wenig im Kreis.

Denn wie viel Stadt in RB Leipzig steckt, ist halt eine Frage des Standpunkts. Beliebiges Produkt der Massenkultur würdest Du argumentieren. Eine von außen geschaffene Struktur, die Menschen im Umfeld in Fanclubs, informellen Zusammenhängen und im Austausch mit dem Verein (der wiederum auf verschiedensten Ebenen mit städtischem Alltag verknüpft ist)  mit Leben und Kultur erfüllen. Doofe Kultur magst Du dann sagen. Wie gesagt, Kreis.

Ach lieber Bastian Pauly, mir ist bewusst, dass diese Krumbiegel-‚Arbeitsplätze für den Osten, weil wir hatten ja bisher nüscht‘-Wir sind E1ns-Hypezig-Geschichten sich ganz prima für allerlei bissige und manchmal sogar witzige Bemerkungen über den RasenBallsport eignen. Ist doch auch schön, wenn man auf dieser Ebene Distanzierung ausdrücken kann. Manchmal wirkt das Abarbeiten an RB Leipzig halt arg bemüht.

Wie letztens bei einer Kreuzer-Veranstaltung, als sich einer der Diskutanten ein wenig über die (rote) Beflaggung im Rahmen der RB-Aufstiegsfeierlichkeiten lustig machte und den Vergleich zur DDR und der dortigen Beflaggung (von der ihm aufgrund des Alters berichtet wurde) brachte. Mit Zigarette und Schnaps auf einer Bühne lümmelnd, die es vor 30 Jahren definitiv nicht gegeben hätte. In der Freizeit einen Blog mit Sachen befüllend, für die ihm, hätte er sie im Osten gegen den Club der Stadt geschrieben, ganz sicher jemand eher schmerzhaft auf die Finger geklopft hätte.

Will sagen, ist doch eigentlich ganz schön diese Freiheit zu haben, sich für eine Subkultur zu entscheiden und die fußballerische Großraumdisse langweilig zu finden und sich drüber lustig machen zu können. Manchmal ist es halt billig, aber gut, von diesem Vorrecht haben inzwischen alle Seiten in ihren Argumentationen reichlich Gebrauch gemacht.

Ach lieber Bastian Pauly, vermutlich kommen wir im Kern des Themas wohl nie auf einen gemeinsamen Nenner. Was ja auch nicht sonderlich schlimm ist, schließlich kann man Deinen „persönlichen Text“ auch gut lesen, ohne größere Teile der Thesen zu teilen. Oder anders gesagt: Ich glaube, ich verstehe den emotionalen Teil Deines Schmerzes beim Blick auf eine Stadt, in der Du mal in anderer Form fußballsubkulturell geprägt wurdest und verstehe, dass es Dir schwer fällt, Dich demgegenüber in „Gleichgültigkeit“ zu üben. Aber ich teile Deine rationalen Schlussfolgerungen, Dein Bild von Kapitalismus, bei dem Du Erscheinungsformen (die differieren) und Wesen (das eigentlich immer das gleiche ist) gleichsetzt, und Deinen mal unterschwelligeren, mal weniger unterschwelligen dissigen Tonfall gegenüber Leuten, die sich für den RasenBallsport entschieden haben und vieles andere mehr nicht.

Viel witziger finde ich allerdings, dass Du Dich an Inszenierung und Identifikation abarbeitest. Bei einem Fußballclub! Also bei etwas, was auch runter bis zum chemischen Landesligisten extrem von Inszenierungen lebt. Mal steuert der Verein mehr davon bei, mal der Sport selbst und mal die Fans. Und von Identifikation müssen wir im Rahmen von irrationalen Fanbeziehungen, bei denen man sich trotz allen vorhandenen Geningel und Genörgels ja immer irgendwie auf die Seiten seines Clubs beruft, die man vertretbar findet und die anderen ausblendet oder relativiert oder zumindest in den Schatten schiebt, nicht wirklich reden.

Darüber zu staunen, dass der erste Bundesligist in Leipzig seit über 20 Jahren sich selbst inszeniert und die Stadt da gern drauf anspringt und Fans sich mit dem Club identifizieren (übrigens zu nicht unwesentlichen Teilen seit der 4.Liga schon, Stichwort: Besetzung eines sozialen Raums), ist extrem merkwürdig. Man kann die Inszenierung ja seltsam finden und selbst ich bleibe ihr in Teilen gern fern, aber die Differenz zu Fußballfeierlichkeiten im lokalen Rahmen an anderen Orten ist dann doch eher marginal. Bzw. eine im Detail und keine im Großen und Ganzen.

Ach lieber Bastian Pauly, ich gebe zu ich habe mich in der Vergangenheit über manche Deiner Argumentationen geärgert und tue es wohl auch in der Gegenwart noch. Aber ich nehme Deinen Gram beim Blick auf Fußballleipzig ernst und ich verstehe es, wenn Du die Eckkneipe und die fußballerische Subkultur anderen Dingen vorziehst. Am Ende sind wir eben doch nicht alle „E1ns“ und das ist (ohne das in irgendeiner Form böse oder hämisch zu meinen) gar nicht schlimm bzw. sogar komplett gut so.

PS: Oh Gott, die Kommentare unter Deinem Vice-Artikel sind ja aber mal richtig schlimm.

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8 Gedanken zu „Zwischen Eckkneipe und Großraumdisse“

  1. nachdem du ja nicht in LE aufgewachsen bist (und bestimmte altersstufen hier nicht miterlebt hast) kannst du so manches von ihm geschriebene vlt nicht nachvollziehen.

    was er aber so romantisch verklärend umschreibt mit „regelmäßig Ärger in der Schule oder mit den Arbeitskollegen.“ war für etliche nicht einfach nur Ärger… nein ich kenn genügend die zusammengeschlagen wurde, gejagt wurden auf dem nach hause weg etc .. brennende autos, eingeschlagene Schreiben – Ausnahmezustände bei Spielen.

    Den Stress den das für 12-18 Jährige verursacht hat (inkl. gefahr für leib und leben) kann man heute gar nicht mehr richtig nachvollziehen. In einer Zeit in der die falsche Schnürsenkelfarbe oder Jackenfarbe darüber entschied, ob du komplett gesund nach hause kommst oder gleich im Krankenhaus landest.

    Auch wenn ich heute nicht mehr in LE lebe (leider), merkte ich ganz ganz kleine Teile dieser Probleme auch heute noch (bzw vor 2-3 Jahren).. als ich mit RB Trikot zum HBF lief und unterwegs dauernd doof angemacht wurde… oder eben auch als ich mit meiner Holden Bagels essen war (da wo wir uns mal getroffen haben) und ein jüngerer RB Fan sein Trikot erst angezogen hat als er gesehen hat, dass ich auch damit da sitze und er im Notfall noch einen Beistand hat.

    Genau diese Probleme würden mich heute noch (und haben mich damals) von beiden Vereinen fern halten. Das kann man jetzt verklärend als „Subkultur“ sehen. Ich sehe es als Frechheit, Dummheit und Arroganz an. Dieses auch noch zu verklären ist für mich die Dummheit hoch 3. Von daher ist dieser „RB Einheitsbrei“ sehr wohltuend und letztendlich kenne ich mehr Leute die das so rum sehen, als andersrum.

    Abgesehen davon geht auch diese Argumentation völlig fehl, schaut man sich andere Großstädte an. Dieses geteilte aus LE kennt man, ausser mit wenigen Ausnahmen, eher selten. Es gibt in fast jeder Stadt einen alles beherrschenden Verein .. und eine beliebige Anzahl anderer, kleinerer Vereine.

    Nimm zum Beispiel Stuttgart. Hier gibt es eigentlich überwiegend den VFB. Auch im großen Umkreis ist der VFB der alles beherrschende Verein. dazwischen gibts eben noch ein paar kleinere Vereine.. aber von einer Teilung ist hier nicht zu sprechen.

    Den alten Zustand in LE also als „normal“ zu bezeichnen ist völlig falsch. so gesehen war die Leipziger entwicklung einfach schon immer eine besondere .. (und vor allem) eine besonders doofe. (die ja erst zu all den problemen geführt hat).

  2. Sehr wohlwollend gehst du auf Baschdis Geschreibe ein. Sinnlos. Da möchte ein Niemand etwas vom großen Kuchen abbekommen.
    Baujahr 1965, die Schnürsenkelfarbe war meines Wissens nie wichtig, die asoziale und abartige Haltung der Lok Hools schon.
    In Zukunft sollte dem Piepsen eines Wichtigtuer hier keinen Raum gegeben werden. Hier sollte das Spiel der roten Brause im Mittelpunkt stehen.

  3. In der Tat, mancher Kommentar ist wirklich unterirdisch. Um in dem Kulturpessimismus zu bleiben, den man mir vorwirft: Da stehen die neuen Fans von RB den alten von den Traditionsvereinen mittlerweile in nichts nach.

    Ich nehme es als Kompliment, dass hier so viele Worte über meinen Text fallen, der ein Beitrag ist zu der Debatte, wie gut oder schlecht RB für Leipzig und die Welt nun ist. Ich hätte ihn nicht geschrieben, wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass es eine ausgewogene Diskussion gäbe. RB gut zu finden, ist gerade hip.

    Dass mein Text in dir, Matthias, so etwas wie Ärger ausgelöst hat, nehme ich als Kompliment. Mit dieser Gefühlsexplosion muss man bei dir nun wirklich nicht rechnen. Das hat auch hier zu seltsamen Anwürfen geführt. Warum sollte ein 30-Jähriger nicht über die DDR urteilen können? Gradmesser ist doch nicht das Lebensalter, sondern die Kompetenz – und die will ich den „Zwangsbeglückt“-Machern nun wirklich nicht absprechen, im Gegenteil.

    Natürlich hätte auch der FC Sachsen profitieren können von der Gier nach großem Fußball. Was ich im Text allenfalls andeuten konnte, ist ein langwieriger Prozess des Um- und Neudenkens, der meine Fankarriere begleitet hat: vom Schnellboot-Fan über den Zentralstadion-Euphoriker bis zum Kommerz-Kritiker. Als sich die BSG Chemie 2008 vom FC Sachsen abspaltete, gab es RB noch nicht einmal – ich entschied mich sehr bewusst für den Neuanfang in der letzten Liga.

    So weit wäre es wohl kaum gekommen, hätte der FC Sachsen zuvor einmal den Sprung in den Profifußball geschafft. Dann aber sähen die Leipziger einen Bundesligisten, der sich maßgeblich über seine Geschichte und Werte definiert – mit Sicherheit sehr weit entfernt von dem, was Red Bull und Leipzig gerade abziehen.

    Ich sehe anders auf den Fußball, als es viele Leser hier tun. Man mag das als Romantik und Traditionalismus abtun. Aber dass es heute einen Getränkekonzern gibt, der den Fußball kauft, um seinen Absatz zu steigern, wäre ohne solche Verrückten wie mich nicht denkbar. Wie genau diese Begehrlichkeiten den Sport kaputt machen können, zeigt das Beispiel Red Bull Salzburg formerly known as Austria.

    Übrigens: Ich habe nie an einer RB-Saisonbeilage mitgearbeitet. 2010 handelte es sich um eine allgemeine Beilage über den Leipziger Fußball, die Lok, FC Sachsen und RB gleichermaßen behandelte. Es würde mich freuen, wenn du das korrigierst.

    1. Lieber Basti,

      es ist leider zu romantisierend von Geschichte und Werte eines „eingesessenen“ Vereins zu sprechen. Es ist zu extrem den Einstieg von Red Bull als „Einkauf des Fußballs“ zu bezeichnen.

      Du übertreibst in beide Richtungen und versuchst hier zu polarisieren, wo es nichts zu polarisieren gibt.

      Ein Bundesliga „Verein“ ist schon lange kein Verein mehr, speziell in der 1. und 2. Liga hat das nichts mehr mit dem zu tun, was wir als Verein betrachten. Das ist eine leere Worthülse die man über ein Konstrukt stülpt, das der reinen Umsatzmaximierung (ich schreibe bewusst Umsatz!) dient. Ziel ist es stets max. Umsatz aus allen Feldern ( Tickets, Marketing, Spielerverkäufen) zu generieren. Die übergestülpte Worthülse soll nur den Blick Aussenstehender(den „Fans“) verklären und dabei mehr Umsätze generieren. Dazu denkt man sich Markenbotschaften aus „echte Liebe“, „mia san mia“ etc um hier eine noch höhere emotionale Bindung zu erzeugen (und damit mehr Umsatz).
      Der gesamte Aufbau der Liga, der Vereine und überhaupt die gesamte Aufmachung ist dabei seit Jahren höchst professionell und steht damit anderen Firmen in nichts nach. Ein schöner Vergleich wäre hier Apple, die es schaffen bei Ihren „Fans“ eine derart starke emotionale Bindung zu schaffen, dass die Umsätze (und Gewinne) in astronomische Höhen schnellen.
      Will man mir jetzt erklären, dass Vereine ja eine soziale Verantwortung haben und diese wahrnehmen, lache ich nur laut und verweise auf das tolle Marketing Wort „corporate social responsibility“, dass jede gute Firma nutzt und lebt.

      Verweist man jetzt auf das Mitbestimmungsrecht der „Fans“ (aka Mitglieder) lache ich noch lauter und zeige auf die Aktionäre der großen Firmen. Wieviel haben Mitglieder (respektive kleine Aktionäre) denn wirklich an Einfluss? Richtig. Keinen.
      Der vermeintliche Einfluss kommt von ganz woanders! Er definiert sich durch Umsatzeinbußen. Streiken „Fans“ bei Vereinen und kaufen keine „Fanartikel“ (aka Merchandising) oder gehen nicht mehr zu den Spielen dann gibt es auch Entscheidungen zu Gunsten dessen. Entscheidungen werden also auf Basis eines erwarteten Umsatzeinbruchs (evtl. auch durch Imageverlust) herbeigeführt und nicht durch Selbstbestimmung.

      Egal wie man es dreht und wendet ist ein BL Verein heute eine Firma. Er agiert wie eine Firma, er macht Werbung wie eine Firma, er verkauft Produkte wie eine Firma und zu guter Letzt interessiert er sich nur für eins: Umsatz … wie eine Firma (ok, die denken mehr an Gewinn .. aber ich denke man versteht die Analogie).

      Da jeder BL Verein also nichts anderes als eine Firma ist, kann also auch nichts kaputt gehen durch eine andere Firma die kommt.

      Letztendlich entscheidend über den Erfolg oder Nicht-Erfolg eines Vereins ist Maßgeblich der Markt (die Fans) verantwortlich. Sprich: die Marktwirtschaft und deren Regeln gelten für Vereine genau gleich. Je mehr Fans, desto mehr Umsatz .. und je mehr Umsatz desto mehr Erfolg … je mehr Erfolg desto mehr Fans, mehr Umsatz, mehr Erfolg, mehr Fans, mehr Umsatz, mehr Erfolg, mehr Fans, mehr Umsatz.

      Wo hier die „Romantik“ ist, die so mancher sieht, erschliesst sich mir einfach nicht.

  4. @Chemieblogger: Wenn meine Zeilen oben den Eindruck erweckt haben, es ginge mir um das Alter bei dem DDR-RB-Vergleich, dann ist das natürlich falsch. Klar kann man auch als 30jähriger kluge Sachen über Dinge sagen, die in der nicht direkt erlebten Vergangenheit liegen. Mir ging es tatsächlich ausschließlich um die fragwürdige Analogie bezüglich der Fahnen-Symbolik, bei dem der Inhalt hinter der Symbolik keine Rolle spielt, sondern man sich vor allem darüber freut, dass man was gefunden hat, was gleich aussieht.

  5. Schöne Replik auf den Vice-Text, an dem ich mich an der einen oder anderen Stelle auch gestoßen habe (was aber vermutlich ja auch intendiert war und – wie man an der Diskussion sieht – gut geklappt hat). Ich teile Deine Argumentation, fand aber den „ach lieber…“-Gestus ein wenig drüber – das hast Du eigentlich nicht nötig, die Argumente sitzen ja auch so.
    Und ich werde wohl in diesem Leben nicht mehr verstehen, wie man RB-Anhänger*innen „wandelndes Litfaßsäulentum“ vorwerfen kann, sich andererseits aber offenbar nicht daran stört, dass Menschen mit einem „Qatar Airways“ oder, in meinem Fan-Umfeld, einem „FAM“-Schriftzug auf dem Trikot rumlaufen (was steht eigentlich bei Chemie bzw. Lok auf dem Trikot?). Bedient letzten Endes beides ja genau die gleiche Logik, aber das hat ja ein anderer Kommentator sinngemäß bereits ausgeführt.

  6. Sehr gelungener Blog.
    Den Running-Gag fand ich auch etwas übertrieben, denn Deine Aussagen treffen.

    @Matthias:
    Kompliment an Deine Antworten!

  7. @Alex und @ausLE: Kritik ist bezüglich des Ach… angekommen. Ist halt der Catgory (http://rotebrauseblogger.de/category/ach/ ), in der dieser Blogbeitrag verfasst wurde, geschuldet. In der wird dies als stilistisches Mittel eines in Briefform gehaltenen Textes genutzt. Aber ich sehe ein, dass dadurch ein schulmeisternder Ton entsteht, der dem Inhalt vielleicht nicht sonderlich dienlich ist.

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