Früher wars auch irgendwie VI

‚Zurück zu den Ursprüngen‘, so könnte das offizielle Motto für den heutigen Tag lauten, denn exakt fünf Jahre nach dem ersten Training in Markranstädt kehrt man zurück an diesen Ort, um gegen den Geburtshelfer heute Abend ein (im wortwörtlichen  Sinne) Freundschaftsspiel zu bestreiten. An jenem Ort, an dem vor fünf Jahren der Oberligist SSV Markranstädt seine Männermannschaften zusammen mit dem Spielrecht bei entsprechender finanzieller Gegenleistung zu RB Leipzig überwechseln ließ, empfängt der wieder zum Oberligisten gewordene SSV Markranstädt nun quasi den groß gewordenen Zweitligistensohn.

Beim Trainingsauftakt vor fünf Jahren waren mit Ingo Hertzsch, Thomas Kläsener oder Jochen Höfler schon jene Spieler mit dabei, die das Gesicht des Vereins für das nächste bzw. die nächsten zwei Jahre prägen sollten. Tino Vogel (heute U23-Coach, damals Coach der ersten Stunde) durfte seinen neuen Job als „lukrativ“ und „Traum“ bezeichnen. Und auch ein Perry Bräutigam war am 02.07.2009 schon mit auf dem Trainingsplatz und wollte zeigen, dass das mit Red Bull „eine total tolle Idee ist“ und den Leipzigern den höherklassigen Fußball bringen.

Für den SSV Markranstädt, den kleinen Vorortclub aus dem 15.000er Städtchen vor den Toren Leipzigs, war dieser Deal in letzter Konsequenz durchaus ein gewinnbringender. Ligentechnisch hat man seitdem nichts verloren, sondern steht heute ebenso in Sichtweite zur Regionalliga wie man es damals tat. Finanziell bekam man jene Spritzen, die langfristige Planung und mittelfristige Ziele ermöglichten und auch künftig ermöglichen. Das Stadion bekam im Gästebereich eine kleine Auffrischung. Und in der Gegenwart ist man an einem Punkt, an dem bei RB ausgebildeten Talenten, die den Sprung nach oben nicht schaffen, der Schritt nach Markranstädt empfohlen werden kann.

Grundsätzlich (wenn die kolportierten Finanzprobleme des Hauptgeldgebers des Vereins und damaligen Hauptverantwortlichen für die Durchführung des Deals mit Red Bull Holger Nussbaum nicht real sind bzw. sich nicht übermäßig negativ auswirken) ist die Zukunft des SSV Markranstädt relativ rosig. Bzw. so rosig wie sie eben für einen kleinen Vorortverein sein kann. Wenn der Schritt in die Regionalliga in näherer Zukunft gelingen würde, wäre man jedenfalls ziemlich nah am sportlichen Maximum des Vereins.

Die ersten Schritte von RB Leipzig wurden vor fünf Jahren medial umfangreich begleitet. 100 Medienvertreter sollen am ersten Trainingstag die Pressekonferenz verfolgt haben. Im Vergleich dazu war das Interesse der Fußballfans vor Ort beim ersten Training überschaubar. 200 Menschen, davon ein paar wenige mit einem kritischen Banner („Finger weg von unserm Sport, in Leipzig und an jedem Ort!“; quasi als früher, germanophiler Vorläufer des modern-ideologischem „Football is for you and me, not for fucking industry“), das war im Vergleich zur Unkraut-Atacke auf den Markranstädter Rasen in den Wochen zuvor und zum durchaus beachtlichen Online-Wirbel mit allerlei Debatten, die in derselben Form und bei nur leichten Veränderungen seitdem immer wieder geführt werden, fast schon überschaubar.

Der MDR drehte vor fünf Jahren einen im Vergleich zum heutigen Umfang der Berichterstattung ziemlich überschaubaren 75sekündigen Bericht vom Trainingsauftakt [broken Link], der inzwischen fast schon als Zeitdokument durchgeht. Und das klassische Handywackelvideo gab es auch schon.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=HCqowArPI60[/youtube]

Letztlich ist der heutige Ausflug nach Markranstädt ein Ausflug in eine Zeit, an die sich jeder anders erinnert und in der die meisten der heutigen Anhänger wohl nur neutrale, interessierte Beobachter der Szenerie waren, die noch nicht wussten, in welche Richtung der Verein, der meist, wie auch beim MDR, noch mit der distanzierten Bezeichung „die Österreicher“ beschrieben wurde, sich entwickeln würde. Heute, in einem Stadion, in dem bei einem Testspiel mehr Besucher sein könnten, als beim ersten Pflichtspiel von RB Leipzig im Sachsenpokal gegen Blau-Weiß Leipzig (damals 2.300), kann man sich davon ein Bild machen, wie sehr sich der Verein und vor allem sein Umfeld entwickelt hat.

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