Kaderschmiede RB Leipzig 2014/2015

Vier Tage sind seit dem Aufstieg nun schon vergangen. Die Mannschaft trinkt am Ballermann die Sangria-Vorräte leer. Und Alexander Zorniger und Ralf Rangnick nutzen die Ruhe vor dem letzten Spiel schon mal, um die kommende Saison kadertechnisch zu planen.

Dabei scheinen sich beide einig, dass die Aufstiegsmannschaft im Kern auch in die zweite Liga gehen wird. Nach unterschiedlichen Angaben sieht Ralf Rangnick vier bis fünf Neuzugänge. Alexander Zorniger spricht heute in der LVZ von fünf bis sechs. Könnte letztlich auch sein, dass man vielleicht auf sieben oder acht kommt. Aber das wäre dann wohl schon die absolute Obergrenze. Alles Zahlen, die für einen Aufsteiger völlig im Rahmen liegen.

Wie im vergangenen Jahr nach dem Aufstieg in die dritte Liga geht es auch in diesem Jahr darum, das bestehende Team mit jungen Spielern aufzufüllen, die potenziell auch den Schritt in die nächste Liga mitgehen könnten. Was diesmal der Schritt in die Bundesliga wäre. Sprich, man sucht inzwischen nach Talenten mit Bundesligaformat. Was natürlich auch den Kreis der in Frage kommenden Kandidaten einengt und auch die Anzahl der möglichen Konkurrenten im Kampf um jeweilige Spieler erhöht.

Letztlich wird es darum gehen, ein Team aufzubauen, das von der Qualität her binnen zwei Jahren den Aufstieg in die Bundesliga schaffen kann. Ob das dann tatsächlich gelingt, hängt von allerlei Faktoren in den jeweiligen Spielzeiten ab, die man schwierig prognostizieren kann (Verletzungen, Gegner, Flow). Fakt ist jedenfalls, dass man schon in der kommenden Spielzeit in der oberen Tabellenhälfte wird mitspielen wollen, ohne dass der Aufstieg als Ziel auf der Agenda steht. Aber man wird zumindest ein Team zusammenstellen, für das auch der ganz große Coup im ganz großen Idealfall sportlich nicht unmöglich wäre.

Auch wie in der vergangenen Spielzeit werden vom aktuellen Kader auf jeden Fall jene mit in die neue Spielzeit ziehen, die in der vergangenen die Mannschaft durch überdurchschnittliche Einsatzzeiten trugen. Sicher dürften von hinten nach vorn auf jeden Fall Fabio Coltorti, Tim Sebastian, Niklas Hoheneder, Sebastian Heidinger, Georg Teigl, Diego Demme, Joshua Kimmich, Dominik Kaiser, Yussuf Poulsen und Daniel Frahn sein. Dazu kommen wohl auf jeden Fall auch die bisher noch nicht so oft eingesetzen Winterpausen-Zukunftstransfers Mikko Sumusalo und Federico Palacios Martinez.

Dahinter geht dann das Rätseln schon los. Im Torwartbereich braucht man eigentlich keine Änderungen. Mit Fabio Coltorti hat man eine klare Nummer 1 und mit Benjamin Bellot und Erik Domaschke solide Backups. Und dahinter wartet U19-Nationalkeeper Fabian Bredlow auf einen neuen Vertrag, den er wohl auch kriegen wird. Fraglich hier lediglich, ob die sportliche Leitung Bellot und Domaschke jeweils die Rolle als Nummer 2 zutraut. Als im Winter klar wurde, dass Coltorti länger ausfällt, stand eine Verpflichtung eines neuen Keepers auf Coltorti-Niveau jedenfalls kurz im Raum.

In der Innenverteidigung stellt sich zudem die Frage, inwiefern Fabian Franke und Tobias Willers auch in der nächsten Saison eine Rolle spielen werden. Zwar haben sie weiterhin gültige Verträge, aber da die Innenverteidigung mit aktuell 25, 27, 27 und 30 Jahren eventuell auch eine Blutauffrischung und einen Umbruch gen möglichem Bundesliganiveau vertragen kann, dürfte hier einer der beiden auf dem Prüfstand stehen. Willers wäre derjenige, der mit seinen Einsatzzeiten eher hinten an steht, aber dabei auch Pech hatte, zwei rote Karten zu kassieren (einmal mannschaftsdienlich, einmal schiedsrichterverursacht) und dadurch jeweils seinen Stammplatz zu verlieren. Und als Charakter und Persönlichkeit eigentlich ein enorm wichtiger Bestandteil der Mannschaft ist.

Auf der Außenverteidigerposition stellt sich die Frage noch, was mit Anthony Jung wird. Sein starker linker Fuß und seine Flexibilität auf dem Spielfeld (kann auch Sechser bis Achter spielen) lassen es eigentlich als extrem unwahrscheinlich erscheinen, dass man ihn ziehen lässte. Zumal er mit 22 noch ziemlich jung ist. Andererseits gilt auch hier, dass eine Weiterentwicklung des Kaders angesichts der Ziele für die nächsten Jahre nicht unmöglich ist.

Im Mittelfeld blieben noch Henrik Ernst und Clemens Fandrich ungenannt. Henrik Ernst war lange die positive Überraschung der Saison und zog sich dann einen Kreuzbandriss zu. Vor der Saison hätte ihm wohl kaum jemand den Sprung in die zweite Liga zugetraut. In der letzten Winterpause hätte er dann wohl auf jedem Zettel gestanden. Und jetzt ist die Frage, ob man dem Eindruck vor der Verletzung traut und ihn mit in die nächste Saison nimmt oder ob man seinen Kaderplatz neu vergibt und Ernst die Chance gibt, ganz in Ruhe und vielleicht über die U23 neu anzugreifen.

Clemens Fandrich hat sich in der Rückrunde im Mittelfeld zu einem Stammspieler entwickelt, dessen individuellen Qualitäten an manchen Stellen den Unterschied machten. In Cottbus reichte es bis vor zwei Jahren nicht dauerhaft für die zweite Liga. In Leipzig wird man diesen Schritt mit ihm wohl erstmal gehen.

Definitiv verlassen hat den Verein nicht unerwartet Mittelfeldmann Timo Röttger. Der einzige weitere Spieler ohne Vertrag ist Außenverteidiger Christian Müller. Der in irgendeiner Form sicherlich weiter vom Verein abgesichert wird, der aber nach seiner schweren Winterpausenverletzung und der immer noch offenen Frage, ob er überhaupt je wieder auf einen Fußballplatz zurückkehren wird, ziemlich sicher erst einmal keinen Kaderplatz belegen wird.

Blieben noch die Offensivspieler Matthias Morys, André Luge und Denis Thomalla, die in unterschiedlichem Ausmaß im Saisonverlauf sicherlich auch ihr Aufstiegssäckchen getragen haben, die aber bei – gerade in den letzten Wochen und Monaten – geringen Einsatzzeiten jene Kandidaten sind, die sich für einen vorzeitigen Abschied anbieten. Was dann nach aktuellem Stand folgenden Zweitligakader bedeuten würde:

  • Tor: Fabio Coltorti, Benjamin Bellot, Erik Domaschke, Fabian Bredlow
  • Außenverteidiger: Sebastian Heidinger, Anthony Jung, Georg Teigl, Mikko Sumusalo
  • Innenverteidiger: Tim Sebastian, Niklas Hoheneder, Fabian Franke, (Tobias Willers)
  • Mittelfeld: Dominik Kaiser, Diego Demme, Joshua Kimmich, (Clemens Fandrich), (Henrik Ernst)
  • Angriff: Daniel Frahn, Yussuf Poulsen, Federico Palacios Martinez

Wenn man die Spieler in Klammern mitrechnet, kommt man auf 16 Feldspieler. Nimmt man die gewünschte Optimalzahl von 22, dann wäre man schnell bei den von Zorniger angesprochenen sechs Neuzugängen.

Hierbei bräuchte es auf jeden Fall zwei, maximal drei Stürmer (wie die Polen Łukasz Teodorczyk und Dawid Kownacki). Wobei die Frage wäre, ob man Georg Teigl nicht als Außenstürmer einrechnet und einen Stürmer weniger und dafür dann noch einen Außenverteidiger sucht.

Im Mittelfeld braucht es als Ersatz für Röttger definitiv eine Offensivoption (wie den ins Spiel gebrachten Marcel Hilßner).

Gut wäre auch – aber das stand hier vor einem Jahr schon fast identisch – ein größerer, robuster defensiver Mittelfeldspieler als Alternative zur körperlich eher kleinen Fraktion. Dadurch könnte man künftig darauf verzichten, auf einen Tim Sebastian als Sechser zurückzugreifen, wenns mal größer werden soll. Ob das Gerücht Stefan Hierländer mit seinen 1,80m diese Vorgabe erfüllen könnte, ist fraglich.

Spieler Nummer 6 könnte dann irgendeine Art von Verteidiger sein. Vermutlich sehr jung. In das Schema könnte das Gerücht um den 19jährigen Ghanaer Daniel Amartey passen.

Beachten sollte man bei der ganzen Sache noch, dass RB Leipzig ab der kommenden Saison auch die Local-Player-Regelung erfüllen muss. Sprich mindestens acht Spieler müssen einen Lizenzspieler-Vertrag erhalten und Teil der Zweitliga-Spielberechtigungsliste sein (allerdings nicht im Spieltagskader stehen!), die für mindestens drei Jahre im Alter zwischen 15 und 21 in Deutschland ausgebildet worden sind. Und mindestens vier davon müssen die drei Jahre Ausbildung im eigenen Verein genossen haben.

Die erste Anforderung ist einfach und wird mit einem Kader, der vornehmlich mit in Deutschland ausgebildeten Spielern bestückt ist, locker erfüllt. Letztere Anforderung ist nicht ganz so einfach, weil RB Leipzig als junger Verein in der Profimannschaft gar keine Eigengewächse in der klassischen Form haben kann.

Benjamin Bellot, der seit 2009 bei RB Leipzig ist, würde die Regel gerade so erfüllen. Ein Paul Schinke, dessen Vertrag in diesem Jahr ausläuft, aus der zweiten Mannschaft wohl auch. Und Tom Nattermann, der noch bis 2015 Vertrag hat, sowieso. Letztlich wird man die Angelegenheit so lösen, dass man die vier eigenen Local Player, die man braucht, im eigenen Nachwuchs sucht (in U19 und U23 gibt es einige) und mit einem Lizenzspieler-Vertrag ausstattet, diese Spieler aber weiter in den Nachwuchsteams integriert bleiben und dort mittrainieren und als quasi eiserne Reserve bei Verletzungen im Profikader fungieren.

Letztlich wird die entscheidende Frage in Bezug auf den Kader für die kommende Zweitligasaison sein, wie die größeren Anteile, die bis letztes Jahr noch Regionalliga spielten, den zweiten Sprung im zweiten Jahr verkraften und ob sie diesen Schritt in eine individuell und physisch noch einmal besser ausgebildete Liga tatsächlich gehen können und sich auf noch einmal höherem, individuellem Niveau stabilisieren können.

Funktioniert der Kern der Mannschaft um die Achse Coltorti, Demme, Kaiser, Frahn auch in Liga 2, dann wird RB Leipzig mit den vermutlich jungen und talentierten Neuzugängen sehr gut aufgestellt sein. Werden die Anpassungsprobleme für den Kern zu groß, dann wird man von den Neuzugängen nicht erwarten können, dass sie die Hierarchie im Team sofort kapern und den Verein tragen. Sodass es dann für die RasenBallsportler auch ziemlich zäh werden könnte.

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Annex: Der aktuelle, vertraglich gebundene Kader. Die Liste wird bei Abgängen und Zugängen permanent aktualisiert werden (kursiv = Neuzugang, durchgestrichen = Abgang).

  • Tor: Fabio Coltorti, Benjamin Bellot, Thomas Dähne, Erik Domaschke
  • Außenverteidiger: Sebastian Heidinger, Anthony Jung, Georg Teigl, Mikko Sumusalo
  • Innenverteidiger: Tim Sebastian, Niklas Hoheneder, Fabian Franke, Tobias Willers, Marvin Compper
  • Mittelfeld: Dominik Kaiser, Diego Demme, Joshua Kimmich, Clemens Fandrich, Henrik Ernst, Stefan Hierländer, Rani Khedira, John-Patrick Strauß (Nachwuchs), Zsolt Kalmár
  • Angriff: Daniel Frahn, Yussuf Poulsen, Federico Palacios Martinez, Denis Thomalla, Matthias Morys, André Luge, Terrence Boyd, Smail Prevljak (Nachwuchs), Ante Rebic

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5 Gedanken zu „Kaderschmiede RB Leipzig 2014/2015“

  1. Interessante Ansätze. Ich muss gestehen, ich bin mit dem RBL Kader noch nicht ganz zu 100% vertraut und habe auch nur eine handvoll Spiele der aktuellen Saison gesehen, verfolge die Entwicklung aber mit großem Interesse und kann als 1899-Anhänger auch den entgegenschwappenden Hass der Anderen nachempfinden (aber es fühlt sich super an, oder? 😉 )

    Meiner Meinung nach ist das Durchschnittsniveau der 2. Liga in etwa wie die Top 5 der 3. Liga einzuschätzen, von daher sollte der Klassenerhalt auch mit dem aktuellen Kader in keiner Form ein Problem darstellen. Nun wissen wir auch, dass die Ansprüche, wie Du ja schon richtig schreibst, andere (und zurecht auch andere) sind.
    Jedoch ist das Niveau der unteren Mittelklasse der 1. Liga nach meinem Empfinden im Vergleich zur 2. Liga eher wie der Sprung von der Regio zur 2. BuLi.

    Und das ist quasi der springende Punkt, wie man gewillt ist, diese Kluft zu überwinden. Verfolgt man einen Zweijahresplan, der relativ Erfolgsversprechend wäre, oder versucht man, den Aufstieg sofort anzugehen.
    Fakt ist ja, dass jeder Punktverlust, jede Niederlage von RBL von einem Großteil der Republik gefeiert werden wird, mehr noch als eine vom FC Bayern. Das kann einem natürlich egal sein, jedoch wird das der größte Unterschied zu 3. Liga sein. Hass und mediale Aufmerksamkeit. Auch damit müssen junge Spieler erst einmal umgehen lernen.
    Von daher wird ein Kader, bestehend aus „reinen“ Talenten sicher hin und wieder an seine Grenzen der Belastbarkeit gelangen.
    Für die so benötigte „Ruhe“ und das essentielle Selbstbewusstsein können im Regelfall ein gestandener TW und der Kapitän sorgen.
    Sicher bin ich mir, dass RB momentan auf der TW-Position nicht erstligareif wäre und man somit spätestens zur neuen Saison nachlegen müsste.
    Da das wiederum auch immer mit Risiken verbunden ist, böte es sich mMn an, bereits in dieser Sommertransferperiode einmal den Markt zu sondieren.
    Nun scheint Oliver Baumann ja zu „meiner“ TSG zu wechseln und ich bin mir ziemlich sicher, dass von Casteels und Grahl wenigstens einer den Club verlassen wird. Casteels ist sicher das größere Talent und jung, weiß aber nicht, ob er noch einmal den Schritt „zurück“ wagt, während Grahl sicher genau ins Anforderungsprofil passen würde und sich bestimmt auch nicht zu „fein“ wäre, noch einmal 1-2 Jahre 2. Liga zu spielen. Kontakte zwischen RR und der TSG sollten ja noch vorhanden sein.
    Das Ganze ist von mir komplett aus der Luft gegriffen, aber solche Gedankenspiele gefallen mir ganz gut 🙂
    Zum Rest kann ich mich nicht wirklich äußern, die beiden Gerüchte um die polnischen Sturmtalente klingen klasse, der Kollege Hilßner wird sicher seinen Weg nach Leipzig finden. An 1-2 Positionen sollte man noch feilen und auch auf „gestandene“, also talentierte, junge Spieler aus dem Bundesliga-„Mittelfeld“ setzen, wer auch immer das sein mag. Im defensiven Mittelfeld könnte man nachlegen, sowie eine zusätzliche Absicherung in der Defensive wünschenswert wäre. Bestenfalls gibt es eine „gestandene Achse“ von hinten nach vorne, die die Talente einfach festhalten und mitschleifen 😉
    Es sei denn, ich erzähle völligen Quatsch. Ist oft der Fall 🙂

    1. steigender psychischer druck aufgrund steigender medialer aufmerksamkeit und eventueller häufigerer niederlagen (auch mal am stück) sind natürlich ein interessanter punkt für ein immer jünger werdendes team…
      bin gespannt. bis jetzt war steigender druck auf der mannschaft noch kein problem.

    2. warum gerade den TW Coltorti in Frage stellen? Nicht alle Spiele gesehen und dann solche Urteile, vorschnell.
      In jedem Mannschaftsteil sollte ein ballsicherer erfahrener Spieler gesucht werden. Vor allem ein Backup für D. Kaiser! Ein Vollstrecker wäre nicht schlecht, Kutschke ist wohl zu ungelenk.

  2. Bei Coltorti gehe ich voll mit, in der aktuellen Verfassung gibt es nach wenigen Spieltagen hier mit Sicherheit eine TW-Diskussion, er wirkte am Samstag zeitweise fast wie ein Fremdkörper in diesem Aufstiegs-Team. Ich denke nicht alleine so und wollte die Euphorie hier nicht bremsen, nun ist es aber mal zum Thema geworden.
    Ansonsten gucke ich mir täglich die 5 Tore auf dem PC an und feire weiter ab…

  3. @1899: Wenn Spieler von RB Leipzig etwas gewohnt sind, dann ist es Druck, Häme, Ablehnung und mediale Aufmerksamkeit bei Misserfolg. Dass dies in Liga 2 noch mal ein paar Prozentpunkte lauter werden könnte, sehe ich nicht als Problem. Und letztlich wird der Unterschied zu Spielen in Halle oder Rostock nicht sonderlich groß sein (wenn man mal von Dresden absieht). Coltorti sehe ich nicht als großes Problem. Mit ihm kann man locker in die zweite und auch in die erste Liga (zumindest zum Klassenerhalt) gehen. Die Frage ist, wie man strategisch weiter vorgeht. Holt man einen Torwart, der ihn als Nummer 1 herausfordert oder bleibt man bei Backups ohne Chance und einem Jugendkeeper hinten dran? Ich bin da unschlüssig, würde aber tendenziell eher alles lassen wie es ist und hoffen, dass Bredlow vielleicht in zwei, drei Jahren soweit ist.

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