Transfer(gerüchte): Demme, Palacio-Martinez, Sumusalo, Kutschke

Voll erwischt hat es die (Medien-)Welt rund um RB Leipzig in den letzten Tagen in Sachen Transfergerüchte. Die örtlichen und überregionalen Tageszeitungen warfen diverse neue Namen und Behauptungen auf den Markt über die sich dann Leute, die sich dafür interessieren, den Kopf heiß diskutieren. Keinen Sinn hätte es, sich mit allen Namen und Gerüchte hier an dieser Stelle zu beschäftigen. Dafür empfehle ich die Gerüchtebox in der Seitenleiste, die bei Interesse mit weiterführenden Infos verlinkt ist.

Sinn macht es aber, sich vier Namen vom Transferkarussell zu picken, die bereits verpflichtet wurden oder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kommen werden. Mikko Sumusalo ist als Neuzugang bereits direkt nach dem Halle-Spiel kurz vor Weihnachten bestätigt worden. Dass Diego Demme in Leipzig spielen wird, hat Padaborn-Manager Michael Born der hiesigen BILD-Zeitung verraten [Update: inzwischen wurde der Transfer offiziell bestätigt]. Bei Federico Palacio-Martinez war es Wolfsburgs Manager Klaus Allofs, der dies bereitwillig ausplauderte [Update 08.01.2014: Der Transfer noch in der Winterpause wurde inzwischen offiziell bestätigt]. Bei beiden Spielern steht die offizielle Bestätigung durch RB Leipzig noch aus.

Die meistdiskutierte Personalie trifft allerdings einen alten Bekannten. Nämlich Stefan Kutschke, dessen möglichen Wechsel von Wolfsburg zurück nach Leipzig die LVZ seit einigen Wochen schon mit immer neuen Spekulationen und Berichten anheizt. Und damit eine hitzige Debatte über das Für und Wider eines solchen Transfers ausgelöst hat. Fakt ist, dass keine Seite, weder Kutschke, noch RB Leipzig und auch nicht Wolfsburg eine Wechselmöglichkeit dementiert hat. Fakt ist auch, dass RB Leipzig und Kutschkes Berater im Kontakt miteinander stehen und RB eine realistische Option ist. Sodass ein Wechsel potenziell möglich ist. Weswegen das Konglomerat an Argumenten an dieser Stelle einmal aufgedröselt und dann geschwiegen wird, bis die Transferperiode mit oder ohne Kutschke-Wechsel endet.

Nimmt man alle vier Spieler zusammen, dann wird deutlich, dass die Verantwortlichen von RB Leipzig schon jetzt am Umbau des Teams hin zur Zweitligatauglichkeit arbeiten. Und damit die im Sommer teilweise begonnene Arbeit fortsetzen. Nur scheinbar mit einer erhöhten, aus dem aktuellen Aufstiegsplatz resultierenden Geschwindigkeit. Einerseits erhöht man damit die Chancen auf den Aufstieg, andererseits will man mit den Maßnahmen vorbereitet sein, auf einen möglichen Aufstieg, nach dem dann das Grundgerüst des nächstjährigen Kaders schon stehen und sich kennen würde. Was Sinn macht.

Wo verpflichtet wird, wird auch gegangen. Mit Schulz, Judt und Papadimitriou sind schon drei Spieler weg. Wenn mehr als drei Spieler verpflichtet werden, werden entsprechend auch noch Spieler gehen müssen. Kommen Kutschke und Palacios-Martinez beide schon im Winter, dann dürfte Carsten Kammlott erster Kandidat für einen Abgang sein (HFC und Erfurt sollen interessiert sein), da man ansonsten (inklusive Luge) acht Stürmer im Kader hätte. Wenn auch Thiago Rockenbach den Verein noch verlassen sollte, wäre noch ein Platz frei zur von Zorniger genannten optimalen Kadergröße von 22 Feldspielern. Der dann entsprechend von einem kreativen Mittelfeldspieler belegt werden könnte.

Diego Demme (22 Jahre, defensives Mittelfeld): Gesucht wurde in der Winterpause ein Ersatz für den abgewanderten Bastian Schulz, also ein zentraler Mittelfeldspieler. Gefunden wurde mit Diego Demme einer, der in der zweiten Liga beim SC Paderborn Stammkraft war, dort aber seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollte. Inwiefern dabei eine Rolle spielte, dass Demme Anfang der Saison für ein paar Spiele von Trainer Breitenreiter aus disziplinarischen Gründen suspendiert wurde, ist nicht bekannt. Möglich zumindest, dass Demme diese Maßnahme als ungerechtfertigt empfand und für seine weitere Karriereplanung im Hinterkopf behielt.

Begründet wurde die damalige Suspendierung mit Respektlosigkeiten gegenüber Mitspielern. „Ich brauche nur Spieler, die auf dem Platz umsetzen, was von ihnen verlangt wird.“, so Coach Breitenreiter damals öffentlich [broken Link]. Da man über den realen Hintergrund in einer sportlich schwierigen Situation, in der der Verein damals unter dem neuen Trainer steckte, der damit eventuell intern und gegenüber einem unruhig werdenden Umfeld einfach nur ein Zeichen setzen wollte, nur spekulieren kann, sollte man sich mit einer Bewertung zurückhalten. Fakt ist, dass gerade bei Zornigers Ansprüchen an das Auftreten seines Teams, Alleingänge welcher Art auch immer, sportlich oder verbal, keinen Platz haben werden. Und sich Emotionalität und Heißblütigkeit in den Rahmen der Mannschaft einpassen müssen.

In Paderborn jedenfalls trauert man um Diego Demme, der von vielen Beobachtern als wichtiger Bestandteil des Zweitligateams und zentrale Stütze beschrieben wird. Ein Spieler, der auf seiner Position im zentral-defensiven Mittelfeld als kämpferisch-aggressiver Spieler gilt, der zudem im Spielaufbau über relevante Fähigkeiten verfügt. Aggressivität gegen den Ball, um dann bei Gewinn desselben was damit anfangen zu können. Dazu relativ jung und entwicklungsfähig. Das kling auf jeden Fall perfekt nach dem Anforderungsprofil im RB-Mittelfeld.

Entgegen der Erklärungen in der Leipziger Lokalpresse, die in Demme vor allem Konkurrenz für Kimmich und Kaiser sehen, zielt das Profil von Diego Demme vor allem auf die Position der zentralen Sechs bei RB Leipzig im 4-3-3 mit all seinen Variationen. Und damit vor allem auf die Position, die Henrik Ernst gerade und insgesamt überraschend gut, aber auch weitgehend konkurrenzlos bekleidet. Mit Demme kommt jedenfalls einer, gegen den sich durchzusetzen für Ernst ein hartes Brot werden könnte. Unwahrscheinlicher jedenfalls, dass die fast vollständig überzeugenden Kimmich und Kaiser um ihre Plätze bangen müssen, solange sie nicht verletzt sind und ihre Leistungen aus der Hinrunde bestätigen.

Einziger Haken am Spielerprofil könnte die Größe von Diego Demme sein. Denn abgesehen von der durchaus vorhandenen Robustheit passt er sich mit seinen 1,73 Metern perfekt in die Reihe Kaiser (1,70) und Kimmich (1,76) ein. Und würde, gesetzt den Fall die drei laufen zusammen auf, das Mittelfeld noch mal kleiner machen. In der Rangliste bei RB Leipzig stehen alle drei jedenfalls ziemlich weit oder gar ganz unten. Mit den entsprechenden Problemen in Spielen, in denen im Mittelfeld robuste Luftkämpfe geführt werden. Diesbezüglich waren die Probleme in dieser Saison zwar nicht mehr ganz so groß wie in der vergangenen Regionalliga-Saison, aber ein Thema und ein Feld für defensive Anfälligkeit ist es auch weiterhin. Wird man abwarten müssen, wie das auf dem Platz aussieht.

Mit Diego Demme kommt auch ein Spieler, der der erste ist, bei dem man nicht so recht weiß, wie er das Dogma von Rangnick und Zorniger erfüllt, dass man nur Spieler verpflichtet, bei denen klar ist, dass RB Leipzig für sie der logische nächste Karriereschritt ist. Ein 22jähriger Zweitligastammspieler, der in die dritte Liga wechselt, das klingt erst mal nicht zu 100% logisch, auch wenn der SC Paderborn 07 Blog zurecht darauf verweist, dass Demme damit dem Ziel Bundesliga eventuell sogar näher kommt, als er es in Paderborn war (dass er laut LVZ möglicherweise einen Vertrag bis 2018 erhält, spricht zumindest für entsprechende Absichten). Trotzdem ist es auch erstmal ein sportlicher Rückschritt, den man bisher bei keinem der Zorniger-Rangnick-Verpflichtungen konstatieren konnte.

Fazit: Diego Demme ist sportlich sicherlich ein toller Neuzugang, der dem Team sofort weiterhelfen kann und zudem auch noch ein vernünftiges, sportliches Zweitligapotenzial mitbringt. Dass man in der Lage ist, mal eben kolportierte 200.000 bis 350.000 Euro auf den Tisch zu legen, um Demme aus dem letzten halben Vertragsjahr herauszukaufen, geht in der Form in der dritten Liga sicher ausschließlich bei RB Leipzig. Die Favoritenrolle im Aufstiegskampf wird dadurch definitiv nicht kleiner. Wenn Demme zu noch mehr Präsenz im Mittelfeld beitragen kann, könnte man hierzulande aber auch mit der klareren Favoritenrolle sicher gut leben.

Federico Palacios-Martinez (18, Sturm): Man vertut sich sicherlich nicht, wenn man dies als absoluten Transfercoup bezeichnet. Einem Bundesligisten wie Wolfsburg ein Toptalent mit auslaufendem Vertrag vor der Nase wegzuverpflichten, das dieser nicht abzugeben gedachte und das in der aktuellen A-Jugend-Bundesliga mit der wahnwitzigen Torquote von 29 Treffern in gerade mal 14 Spielen auffiel, ist für einen Drittligisten – finanzielle Potenz hin oder her – ein ziemlicher Hammer. Und wohl nur durch die Personalie Ralf Rangnick erklärbar, der sich den Transfer direkt und dick ins Manager-Bienchen-Heft schreiben darf.

Denn letztlich war es wohl er, der dem ob seiner Einsatzchancen in der Wolfsburger Profimannschaft unsicheren Palacios-Martinez die Perspektiven bei einem Dritt- bzw. potenziellen Zweitligaclub wie RB Leipzig aufgezeigt hat und ihn davon überzeugt haben muss, dass er in Leipzig mehr Spielzeit erhalten wird als in Wolfsburg. Was unter Umständen mutig gewesen sein könnte, denn auch in Leipzig gibt es doch einiges an tauglicher Konkurrenz, die ihren Platz nicht freiwillig herschenken, nur weil mal eben ein Toptalent zum Team stößt.

Federico Palacios-Martinez wird nach Aussagen von Klaus Allofs spätestens im Sommer nach Leipzig wechseln. Ralf Rangnick hätte ihn allerdings gern sofort, sodass man aktuell versucht herauszufinden, ob man sich hinsichtlich einer Ablösesumme einigen kann. Im Sinne der Integration in Leipzig wäre ein sofortiger Wechsel sicherlich zu begrüßen. Ein halbes Jahr zum Hineinfinden in den Verein, den Männerfußball und das hiesige Spielsystem darf man sicherlich einrechnen. Und wenn das halbe Jahr schon jetzt beginnt, wäre das für alle Seiten sicherlich von Vorteil. [Update 08.01.2014: Palacios-Martinez wechselt für eine Summe vermutlich im mittleren sechsstelligen Bereich mit sofortiger Wirkung zu RB.]

Stellt sich nur noch die Frage, wo Palacios-Martinez künftig seinen Platz finden soll. Nimmt man mal an, dass Frahn als Kapitän weiter gesetzt ist und es bei Poulsen keinen Grund gibt anzunehmen, dass er das nicht auch ist, dann bleibt nur noch ein Platz im Dreiersturm, wenn keine Sperren oder Verletzungen anfallen. Was ein Platz rechts oder links von Frahn wäre (je nachdem, wo Poulsen aufläuft, der ja beides kann). Was die Frage aufwirft, ob Palacios-Martinez diese Position tatsächlich besser spielen kann als die Konkurrenten Morys und Luge, denn die Art und Weise mit der er den großen Teil seiner Treffer im Wolfsburger Nachwuchs erzielte, nämlich zumeist irgendwo in der Mitte allein vor dem teilweise gar leeren Tor, verweist darauf, dass er bisher eher eine zentralere Sturmrolle spielte (wobei er mit 1,70 für einen Keilstürmer etwas klein ist). Allerdings verweist seine Art, mit der er spielerische Lösungen findet, auch darauf, dass er auch andere Sturmpositionen spielen kann. Wo er aber bei RB Leipzig defensiv ordentlich mitzuarbeiten hätte.

Palacios-Martinez soll in Leipzig einen langfristigen Vertrag bis 2018 unterschreiben. Falls er sich den Vorschusslorbeeren entsprechend entwickelt, dann sollte man aber nicht damit rechnen, dass er ihn auch erfüllt, denn dann könnte er auch schnell mal den nächsten Schritt in der Karriere machen wollen. Leipzig ist für den 18jährigen (wie schon für Kimmich im Sommer) eine Möglichkeit, schneller den Weg in den Männerfußball zu finden, als beim ausbildenden Bundesligisten. Ein Vorteil auf dem Transfermarkt, den RB Leipzig noch hat, solange man nicht in der ersten Bundesliga spielt.

In diesem Sinne, schnell Spielpraxis zu kriegen (und der Weg zu Einsatzzeiten ist in einem Dreiersturm naturgemäß kürzer als als Nummer 3 in einem Einmannsturm in Wolfsburg), ist der Schritt nach Leipzig für Palacios-Martinez ein logischer. Dem ein weiterer logischer folgen wird, wenn die Entwicklung stimmt. Worüber man nicht unbedingt traurig sein sollte, wenn man als geneigter Zuschauer, die Entwicklung eines solchen Talents beobachten kann.

Fazit: Der Transfer von Federico Palacios-Martinez nach Leipzig ist eine echte Hausnummer und spricht für die enorme Überzeugungskraft eines Ralf Rangnick. Bei RB Leipzig darf man sich auf ein Toptalent freuen, das in naher bis mittlerer Zukunft höhere Ziele als Dritt- oder auch Zweitligafußball hat. Mal sehen, was sich davon in seiner Entwicklung einlöst.

Mikko Sumusalo (23, Außenverteidiger): Ein finnischer Nationalspieler und Serienmeister (mit HJK Helsinki) wechselt in die dritte, deutsche Liga. Das klingt auf den ersten Blick auch nicht nach einem logischen Karriereschritt. Auf den zweiten aber schon. Unter anderem auch, weil Sumusalos Berater der Meinung ist, dass die dritte deutsche Liga in Sachen Dynamik der ersten finnischen Liga noch etwas voraus hat. Und weil Sumusalo den Schritt ins Ausland machen wollte, um sich sportlich in einem ambitionierten Umfeld noch mal zu entwickeln und einen Sprung zu machen, der ihm auch im Nationaltrikot seiner Heimat hilft. Die deutsche dritte Liga und die Perspektive aus dieser vielleicht nach oben zu entfleuchen, ist dafür offenbar ein perfekter Einstieg.

Sumusalo füllt mehr oder minder direkt die Lücke aus, die Juri Judt auf der Außenverteidigerposition hinterlassen hat. Geführt wird er als Linksverteidiger, der aber offenbar im Fall der Fälle auch mal rechts spielen kann. Mit Sumusalo, der ablösefrei nach Leipzig wechselte (in Finnland endete die Saison Ende Oktober, sodass Sumusalos Vertrag auslief), bekommt der Konkurrenzkampf auf den Außenverteidigerpositionen einen neuen Drive. Zwischen den vier verhandenen Kräften Müller, Jung, Heidinger und Sumusalo dürfte ein völlig offener Kampf um die zwei freien Plätze entbrennen, bei dem wohl nur klar ist, dass Müller nicht links und Jung nicht rechts spielen wird.

Sumusalo unterschrieb in Leipzig bis 2016 und darf bis zu seinen ersten Auftritten im RB-Trikot trotz Spielen in Nationalmannschaft und Europapokal (meist CL-Quali) als weitgehend unbeschriebenes Blatt gelten. Insgesamt vier Tore und zehn Vorlagen in 100 Ligaspielen mit Helsinki lassen vermuten, dass die Offensivqualitäten von Sumusalo überschaubar sind, aber das könnte sich auch über das dort gespielte System erklären. Sodass man auch diesbezüglich abwarten muss, welche Spielintelligenz, Aggressivität und Torgefährlichkeit er mitbringt. Gut möglich, dass Mikko Sumusalo für seine Anpassung an RB Leipzig eine Weile braucht. Der Sprung von Finnland nach Deutschland ist dann doch kein kleiner. Menschlich und sportlich.

Fazit: Mit Mikko Sumusalo erhöhen sich Qualität und Optionen auf der Außenverteidigerposition bei RB Leipzig. Wenn er den Schritt nach Deutschland meistert, darf man sich auf einen talentierten, entwicklungsfähigen Spieler freuen, der den Weg in die zweite Liga mitgehen könnte.

Stefan Kutschke (25, Stürmer): Es gibt so Themen, die möchte man eigentlich ignorieren. Die Frage, ob Stefan Kutschke zurück nach Leipzig kommt, gehört zum Beispiel dazu. Was nicht besonders viel mit der Frage an sich und auch nicht mit Stefan Kutschke zu tun hat, sondern eher mit der Hitzigkeit der Debatte um den Wechsel und den schwülstig-aufgeladenen, immer neuen „News“ zum möglichen Transfer. Da wechselt mal eben ein Federico Palacios-Martinez nach Leipzig und trotzdem scheint es hierzulande vor allem um die Frage zu gehen, ob ohne oder mit Stefan Kutschke die RB-Fußballwelt untergeht.

Wenn man ganz vorn anfängt, dann kann man natürlich festhalten, dass der Typ Stefan Kutschke mit seiner besonderen Mentalität, sich immer und in jedes Spiel mit viel Emotionalität hineinzuschmeißen und bis zur 90. Minute alles zu wollen, für jede Mannschaft ein Gewinn ist. Kaum ein Spieler, der wie Kutsche in den Relegationsspielen gegen Lotte gleich zweimal zum Elfmeterpunkt schreiten und mit absoluter Überzeugung den Ball letztlich aufstiegsentscheidend versenken würde (im Hinspiel zum 1:0, im Rückspiel zum 2:2). Dazu ist er abseits des Platzes offenbar ein Spieler, der dem Teamgeist unheimlich gut tut. Das war in Leipzig so und das ist jetzt auch in Wolfsburg, wo er unheimlich schnell voll anerkannt und integriert war, so. Wenn man also Typen und Mentalität für eine Team verpflichten will, dann tut Kutschke jedem Team in jeder Liga dieser Republik gut.

Aber eine Transferentscheidung beruht nicht nur auf Mentalität und Typus, sondern auch auf spieltaktischen Vorstellungen und entsprechenden Ideen bei der Kaderzusammenstellung. Und da wird es dann schon schwieriger. Nimmt man das vornehmlich gespielte System des 4-3-3 in welcher Ausprägung auch immer, dann wird es ziemlich schwierig, einen Platz für Stefan Kutschke zu finden. Nimmt man an, dass Daniel Frahn als zentraler Stürmer gesetzt ist (und bisher gibt es keine Anzeichen seitens des Trainerteams, dass dem nicht so ist), dann blieben nur noch Rollen auf dem Flügel. Und dort hat Kutschke dann im Vergleich vor allem mit Poulsen, aber auch mit Morys oder Luge nicht unbedingt die Nase vorn, denn diese Spieler haben mit ihrer Geschwindigkeit, individuellen Klasse und ihrem Zug zum Tor positionsbezogen die attraktiveren Qualitäten.

Das einzige vorstellbare System mit Frahn und Kutschke, in dem Kutschke nicht auf den Flügel muss, wäre ein 4-4-2, mit Frahn und Kutschke als Stürmer und Poulsen und Morys/ Luge/ Palacios-Martinez auf den Flügeln. Ein System, das insgesamt etwas zu offensiv besetzt sein könnte und von den Außenspielern ein größeres defensives Denken erfordern würde. Ein Denken, das ihnen etwas die Qualitäten nehmen würde und das sie auch stärker oder zu stark von der direkten Tororientierung wegführt. Denkbar, aber mit einigen Fragezeichen hinsichtlich des Erfolgs und der Kompaktheit eines solchen Systems versehen. Und dementsprechend ein Experiment, das man vielleicht nicht unbedingt mit dem Beginn der Drittligarückrunde beginnen muss. Mal ganz davon abgesehen, dass man dann plötzlich für die zwei Mittelfeldpositionen eine ganze Latte von Mittelfeldspielern hätte. (Möglich auch, ein 4-4-2 außen eher klassisch mit Spielern wie Fandrich und Röttger zu besetzen. Das dürfte aber weder den spieltaktischen Präferenzen von Zorniger entsprechen, noch ist ein Verzicht auf bspw. Poulsen aktuell vorstellbar.)

Letztlich ist der Kader für ein 4-3-3 zusammengestellt und das für einen einzigen Zugang dauerhaft aufzugeben, klingt nicht sonderlich zielführend und würde im Endeffekt immer bedeuten, dass man sich individueller und mannschaftlicher Stärken beraubt. Denkbar wäre natürlich auch ein asynchrones 4-3-3-System, in dem Poulsen einen Flügelstürmer spielt und Kutschke auf der anderen Seite nicht an der Linie hängt, sondern als Turm und Ballsicherer etwas zentraler spielt. Was den Vorteil hätte, dass Frahn unter Umständen in der Mitte mehr Platz kriegt, weil Kutschke Innenverteidiger bindet und die Außenbahn dann vom nachrückenden Außenverteidiger bedient wird. Denkbar auch dies, aber nur zu kriegen, wenn man auf Morys/ Luge/ Palacios-Martinez verzichtet. Was auch eher suboptimal wäre für die spielerischen Qualitäten auf dem Platz.

Im Sinne der spieltaktischen Entwicklung des Teams ist es demnach eher schwierig bis nicht zielführend einen dauerhaften Startplatz für Stefan Kutschke zu finden. Was bedeutet, dass im (aus RB-Sicht) Idealfall für Kutschke die Kaderstelle als Backup- bzw. Rollenspieler abfällt. Einerseits um Druck auf Daniel Frahn zu machen oder diesen zu ersetzen, falls er ausfällt, denn in Sachen Stoßstürmer sieht es hinter Frahn bei RB Leipzig durchaus dünn aus (auch wenn Thomalla die Position spielen kann). Oder andererseits als Spieler, der für 20 bis 30 Minuten als Einwechsler noch mal Emotionalität in die Mannschaft bringt, um ein Spiel noch umzubiegen oder ein knappes Spiel erfolgreich zu Ende zu bringen oder gegen destruktive Gegner Körper und Robustheit ins Spiel zu bringen. Und erst recht als Spieler, der wie Bastian Schulz in der Hinrunde, auch von der Bank aus positiv aufs Team einwirkt, einpeitscht und aktiv ist.

Die entscheidende Frage ist dementsprechend, was sich Kutschke selbst als nächsten Karriereschritt vorstellt. Dass er in Wolfsburg in der Stürmerhierarchie mal höher rückt als Position 3 ist aktuell bei allem positiven, das er in die Waagschale wirft, unwahrscheinlich. Dass er sich mit der Idee anfreundet, in der zweiten Mannschaft Regionalliga zu spielen, damit die in die dritte Liga aufsteigt, noch viel mehr. Bliebe noch ein Wechsel zu einem interessierten Zweit- oder Erstligisten (die es offenbar gibt) mit Bedarf für eine echte Mittelstürmerlösung. Oder eben der Wechsel zu RB Leipzig, wo die Perspektive auch Zweitligafußball wäre. Aber eben unter der Einschränkung, dass zumindest aktuell nicht wirklich ein Platz in der Startelf frei wäre. Wenn man annimmt, dass die interessierten Zweit- oder Erstligisten auch nicht unbedingt eine neue Nummer 1 im Sturm suchen, sondern vornehmlich sinnvolle Ergänzungen, dann wäre der Schritt zu RB Leipzig tatsächlich auch unter den gegebenen Bedingungen durchaus naheliegend.

Wenn sich Stefan Kutschke also damit identifizieren kann, spielverlaufsabhängiger Rollenspieler und Frahn-Backup zu sein, dann wäre seine Verpflichtung im Aufstiegskampf sicherlich Gold wert, denn dann kriegt man Topmentalität und -einstellung und eine Option für Plan B, C, D bis M in ein spieltaktisch gefestigtes Team mit Plan A und vergrößert so den Optionsraum, ohne sich von der eigenen Idee von der spieltaktischen Entwicklung zu entfernen. Für diesen Fall ist es fast schon Pflicht, Kutschke zu holen, falls in Wolfsburg die Tür dafür aufgehen würde. Wenn man allerdings anfangen müsste, für Kutschke am System herumzuschrauben, würde man dabei wohl mehr verlieren als gewinnen und sollte die Finger davon lassen. Denn einen Weg zurück in die gute alte Regionalligawelt mit Kutschke und Frahn kann es eigentlich nicht mehr geben. Eine Welt, die auch nicht immer gut war, wenn man an die letztjährige Rückrundentorausbeute von Stefan Kutschke denkt, als er abgesehen von den Lotte-Elfmetern nur noch dreimal in Liga-Spielen traf und alle Treffer bei seinem in jeder Beziehung überragenden Auftritt gegen Magdeburg erzielte.

Fazit: Kutschke zurück in Leipzig wäre unter den genannten Bedingungen ziemlich perfekt. Nämlich wenn man die fast schon messianischen (nein das kommt nicht von Messi) Erwartungen an ihn etwas zurückschraubt und er verinnerlicht, dass sich die Welt hier spieltaktisch weitergedreht hat und er entsprechend eine andere Rolle einnehmen würde, als bei seinem Abschied aus Leipzig vor einem halben Jahr. Wenn dem so sein sollte, dann darf man schon mal ein freudiges „Herzlich Willkommen zurück in Leipzig“ voraus auf die Reise schicken. Bleibt nur zu hoffen, dass eine Entscheidung – in welche Richtung auch immer – bald fällt und man das Thema endlich schließen kann.

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5 Gedanken zu „Transfer(gerüchte): Demme, Palacio-Martinez, Sumusalo, Kutschke“

  1. Es ist wirklich gut, dass deine persönliche Weihnachtspause vorüber ist. Wird ja auch überschätzt, Familie und Co..

    Deine Einschätzungen rundum Kopfballungeheuer Demme etc. lesen sich wieder ein Mal sehr schön. Fast könnte man meinen, bevor die LVZ Gerüchte in die Welt setzt, ruft GS nochmal bei dir durch. 🙂

    Mir ist schon vorm Lesen klar geworden, wie ungern du das Thema Stefan K. dauerhaft kommentieren möchtest und eigentlich ist ja im Blog und Block Alles oder Vieles dazu gesagt worden. Dann sind wir mal gespannt, ob demnächst wieder ein „Nu gugge ma da“ zuerst foult (höchst taktisch natürlich), dafür gelb sieht und 30 Sekunden später mit dem Gelb-Rot vom Platz geht weil er in den Freistoß rein springt (Ode an UNION II, wenn ich mich recht erinnere). Bißchen Action darf ja sein.

  2. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die ganze Aufheizung zum Thema Kutschke nur (und wirklich nur!) aus der Feder von Guido Schäfer enstanden ist. Mich hat schon vor einer Woche das Gefühl beschlichen, das besagter Herr unserem rotebrauseblogger einen kürzlichen Kommentar über den eigentlich unsinnig erscheinenden Rücktransfer von Kutschke vielleicht persönlich genommen hat und Guido daher mit Enten zurückfeuert.
    Einziger Grund, der für einen Transfer sprechen würde ist m.M. nach, um Druck auf Frahn auszuüben, aber das wäre ja auch irgendwie gegen die Philosophie von AZ und RR, die RB ja schließlich immer als nächsten „Step“ auf der Karriereleiter der Spieler bezeichnen. Und das trifft für Kutschke mit den derzeitigen Kaderoptionen nicht zu, wenn er denn nur Druck ausüben soll.

  3. Padaborn ist aber schön lautmalerisch.

    Zu Demme: Natürlich kann damit der Wunsch verbunden sein, den zweiten Ball nach den Kopfbällen des gegners zu gewinnen, trotzdem gebe ich zu bedenken, dass die Ballgewinne im Gegenpressing, die zu Toren führten (wenn auch nicht alle in der Luft) doch meist von großen, robusten Spielern getätigt wurden, nur in 4 von 16 Fällen waren es eher kleine Kicker (2*Kaiser, Röttger und Luge). Dazu eben je dreimal Frahn und Poulsen, 2*Ernst, Franke und Hoheneder und 2*Jung. Trotzdem ist so eine Formation sicher testenswert, aber Ernst wird seinen Platz sicher nicht kampflos räumen.

    zu Palacios-Martinez : Ich empfehle die Einschätzungen von „Insider“ AAO im transfermarkt.de Thread zu ihm. Da ist einiges ganz gut nachzulesen, was man in den kurzen Zusammenschnitten der Tore auch ganz gut sehen kann. Jener meint auch, dass er wohl auch alles hinter dem Mittelstürmer spielen kann. Interessant wird es trotzdem, denn auch schon mit Luge, Thomalla und Morys warten keine Selbstläufer auf den kleinen Floh. Dieser soll übrigens gestern in Leipzig gewesen sein um den Vertrag ab Sommer zu unterschreiben und den Medizincheck zu absolvieren. Als Ablöse (alles Infos von AAO) sollen ja bei Wintertransfer mehr als 200.000 € fließen, wer weiß, ob man sich das bei der Sturmsituation antun muss…

    Zu Sumusalo: Ich empfehle die Durchsicht der von HJK zur Verfügung gestellten Spielberichte (meist über 10 Min). Was man m.E. sehr gut erkennen kann: Gerade in der Defensivarbeit muss er noch rangeführt werden an das Spiel der 3. Liga. Hier wird deutlich agressiver verteidigt (auch in der gesamten Abwehrkette). Seine Stärke m.E. klar in der Offensive. Ich sehe da erstmal wenig, was ihn spontan an Heidi, Jung und Müller vorbei ziehen lassen würde, auch wenn er sehr schnell ist.

    Zu Kutschke: Meine Position ist bekannt, weshalb ich da auf größere Ausführungen verzichten möchte. Nur noch kurz zum Thema Schnelligkeit. Ich gebe dir Brief und Siegel, dass er sich da nicht hinter den genannten verstecken muss. Kutschke ist sehr schnell, hat aber sicher mit Ball am Fuß dort im Vergleich ein wenig Nachteile. Auch was den Zug zum Tor anbelangt sehe ich ihn nicht schlechter, da muss man sich nur mal die Tore mit rechts unter Pacult anschauen.

    Ich würde mir für Kutschke am ehsten wünschen, dass er es höherklassig schafft, aber Wob ist da mit dem aktuellen Personal und System nicht die beste Wahl, denn er ist (und wird, wenn nicht einer geht) dort dritte Wahl und selbst Dost kommt auf kaum eine Spielminute. Im Prinzip schon lustig, dass Wob ihn halten will und Martinez nicht die Chance gibt als Nummer 3 mal ein paar Minuten reinzuschnuppern. Als Mittelstürmer wird er es aktuell fast nirgendwo leicht haben, weshalb ein Wechsel zu RB ggf. auch nicht das dümmste ist. Sehe ihn mittelfristig auch nicht zwingend hinter Frahn, auch wenn sich dies durch die Kapitänsbinde aktuell nicht ändern würde.

  4. Zu Kutschke sollte man aus meiner Sicht nicht ganz ausser Acht lassen, dass er eine der wenigen richtigen Identifikationsfiguren in unserer doch kurzen Geschichte ist. Es gibt bis jetzt noch nicht allzu viele Spieler in Deutschland, die sich auch persönlich voll und ganz mit RB identifizieren. Solche Spieler im Kader zu haben, kann für die Entwicklung im Fanbereich und allgemein in der Aussenwirkung des Vereins auf Dauer nur von Vorteil sein. Man stelle sich nur mal allein den Jubel im Stadion vor, wenn er gegen Burghausen zum Warmmachen aufläuft, oder dann sogar eingewechselt wird…Gänsehaut!
    Aber ich denke auch, dass es vor allem darauf ankommt, dass Kutsche sich im Fall der Fälle in eine neue Rolle hineinfindet. Aber wenn es einen gibt, der das hinkriegt, dann doch er…:)

    1. Stimmt, für mich ist Stefan Kutschke DER Aufstiegsheld. Er hat die Mannschaft und die Fans in Lotte mitgerissen, das war unbedingter Wille zum Sieg. Für mich sind Daniel Frahn und Stefan Kutschke die Identifikationsfiguren bei RB Leipzig. Zu schade, dass sie auf der selben Position spielen. Aber auf der Zielgeraden kann ein Mann wie Kutschke erst recht wieder wichtig werden. Also, ich würde mich freuen.

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