Transfers: Stefan Kutschke

Dass Stefan Kutschke RB Leipzig zum Saisonende verlassen könnte, war bereits seit dem vergangenen Sommer und dem damaligen Flirt mit Felix Magath und dem VfL Wolfsburg, der nur durch das Veto seitens Ralf Rangnick und Alexander Zorniger beendet wurde, eine nicht unwahrscheinliche Perspektive. Nachdem Peter Pacult im vergangenen Dezember Dynamo Dresden übernahm, schien es als wahrscheinlichste Variante zu dem Trainer zu wechseln, den er auch im Nachgang immer wieder lobte und zu dem Verein, den er als besonderen Herzensclub empfindet.

Dass BILD entsprechend gestern mit der Schlagzeile aufmachte, dass Stefan Kutschke eventuell zu Dynamo Dresden wechseln würde, konnte deshalb eigentlich niemanden wirklich überraschen. Hintergrund der Story war, dass Kutschke sein Auto am in Leipzig trainingsfreien und in Dresden spielfreien Tag vor dem Dynamo-Stadion abgestellt hatte und Sportdirektor Menze zuvor einen Wechsel Kutschkes im MDR zumindest nicht dementiert hatte.

So weit, so gut. Doch bei der mittäglichen Pressekonferenz ließ RB-Coach Alexander Zorniger die News-Bombe platzen, dass dem Verein von Kutschkes Berater mitgeteilt worden sei, dass Kutschke nicht bei RB Leipzig verlängern, sondern – nun doch – zum VfL Wolfsburg wechseln werde. Zorniger bedauerte diesen Schritt naturgemäß, verstand aber, dass Kutschke mit 24 den Schritt in die Höhen des Profifußballs versuchen wolle und traut ihm diesen Schritt aufgrund seiner Mentalität („Einsatz und Herz“) auch zu. Wenngleich er es auch für möglich hält, dass die spielerischen Schwächen des Stürmers ihm im Wege stehen könnten.

Die Story weiter spann keine zwei Stunden später Klaus Allofs, der diesen Wechsel via Sky bestätigte und ihn mit dem Kommentar versah, dass „diese Absprache vor meiner Zeit getroffen wurde“. Und: „Daran halten wir uns.“ Später legte man auf der offiziellen Vereinshomepage sogar noch einen drauf: „Wir werden sehen, wie Stefan Kutschke im Sommer in unsere Planungen passt. Nichtsdestotrotz aber ist Stefan Kutschke ein Spieler, der durchaus interessant für uns ist.“, meinte in unverhohlener Nichtfreude Klaus Allofs zu einem bis 2017(!) verpflichteten Spieler. Und Dieter Hecking ergänzte das ganze im selben Tonfall: „Er ist ein talentierter Spieler, der in der Regionalliga bereits auf sich aufmerksam gemacht hat.“

Zukünftig pflastern andere 'Opfer' den Weg von Stefan Kutschke | © GEPA Pictures - Roger Petzsche

Einen neuen Spieler öffentlich nicht mit einem einfachen ‚Herzlich Willkommen‘, sondern mit einem ‚Mal gucken, was wir im Sommer, wenn du das erste Mal zu uns trainieren kommen willst, mit dir anfangen; brauchen können wir dich eigentlich wahrscheinlich nicht, außer eine Epidemie rafft die Hälfte unserer Mannschaft dahin.‘ zu empfangen, ist schon ziemlich nah dran an geschmacklos. Fußballdiplomatie ginge jedenfalls anders. Man könnte jedenfalls in die Worte hineininterpretieren, dass Allofs den Vertrag gern losgeworden wäre, er ihn aber auf Druck von Kutschke bzw. dessen Berater akzeptieren musste. Das klingt alles in allem nach derselben Nichtbegeisterung, die man auch von Wolfsburger Fans hört, die in der Verpflichtung Kutschkes eine Magath-Altlast sehen, die nur den Kader weiter aufbläht und ansonsten kaum Chancen auf Bundesliga-Einsatzzeiten hat. Ein idealer Wechsel sieht anders aus.

Zu einer idealen Geschichte könnte die Story noch werden, wenn man die Aussagen der Beteiligten und die BILD-Gerüchte zusammenwirft und daraus eine naheliegende Weiterentwicklung baut. Wenn für die Wolfsburger Verantwortlichen der vor ihnen eingefädelte Wechsel nach Wolfsburg tatsächlich eher eine zu erfüllende Verpflichtung als auch nur Ansatz einer großen Freude ist, eine Verpflichtung auf der möglicherweise der Berater von Stefan Kutschke bestand, dann käme ja auch ein weiterer Wechsel in Form eines Leihgeschäfts, bei dem Wolfsburg ein paar Euro übernimmt, in Betracht. Und somit wieder Dynamo, wo Kutschke schon mal probeweise sein Auto parkte, ins Spiel. Mich würde es nicht wundern, wenn in den kommenden Wochen und Monaten da noch mal Bewegung in den Wechsel kommen würde.

[Update 14.03.2013: Die Wolfsburger Allgemeine Zeitung bringt neben Dresden auch Ingolstadt (Trainer Oral, der Kutschke für RB Leipzig verpflichtete!), Kaiserslautern und Bochum als mögliche Leihkandidaten ins Spiel.]

Mit Stefan Kutschke würde der erste Profi von RB Leipzig zu einem anderen Verein wechseln, der dies aus freien Stücken und trotz angebotener Vertragsverlängerung tut. Und er wäre nach Sven Neuhaus erst der zweite Profi, der nach seiner Zeit als RasenBallsportler zu Erst- oder Zweitligaeinsätzen kommen könnte. Was durchaus erstaunlich ist, denn bei allem Respekt vor den mentalen Qualitäten eines Stefan Kutschke muss man auch festhalten, dass Kutschke in knapp drei Jahren RB Leipzig nie Stürmer Nummer 1 war. Er hat sich zwar immer gegen Konkurrenz durchgesetzt, die man für stärker gehalten hätte (Kammlott, Wallner), aber war trotzdem auch immer einer, der auf der Kippe stand.

In 72 von 85 möglichen Regionalligaspielen trat Stefan Kutschke bisher für RB Leipzig an. Dabei wurde er allerdings auch 33 mal eingewechselt und 11 mal ausgewechselt. 28 Spiele über die gesamte Distanz stehen dann noch zu Buche. Sprich, in nicht einmal der Hälfte aller möglichen Regionalligapartien stand Stefan Kutschke in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Startelf. Das ist nicht unbedingt die Bilanz eines unumschränkten Sturmkönigs.

Dabei ist seine Bilanz in dieser Zeit durchaus ordentlich. Mit 22 Treffern und 15 Toren ist er etwa alle 100 Minuten an einem Tor beteiligt. Wobei die Vorbereitungen vornehmlich nach dem Muster Kopfballverlängerung Kutschke, Veredelung Frahn liefen. Ein solches Sturmpendant und vor allem entsprechend einen Zweistürmerangriff muss man auch erst mal finden, um das spielen zu können. Trotzdem darf man festhalten, dass Stefan Kutschke ein sehr vielseitiger Stürmer ist, der seine Stärken sowohl in der Luft als auch wie zuletzt gezeigt am Boden hat.

Problematisch wird es zuweilen, wenn Stefan Kutschke motiviert in die Zweikämpfe geht. In zweieinhalb Spielzeiten kassierte Kutschke zwar bisher durchaus akzeptable 18 gelbe Karten (in dieser Saison bisher nur zwei), flog aber auch schon viermal vom Platz. Viermal in nicht einmal zwei Jahren (die erste Karte kassierte er Anfang Juni 2011) ist definitiv zu viel. Zumal wenn man bedenkt, dass der aktuell noch aktive Spieler mit den meisten Platzverweisen in der Bundesliga Alexander Madlung heißt, auch in Wolfsburg spielt und in der Bundesliga in neun Spielzeiten sechs Platzverweise kassierte beziehungsweise wettbewerbsübergreifend in 13 Fußballspielzeiten achtmal vom Platz musste. Diesen Bilanzen ist ein Stefan Kutschke schon jetzt ziemlich bedenklich nah auf der Spur.

Klar, beide haben da aufgrund ihrer Körperstatur einige Nachteile, weil manches bei ihnen wilder aussieht als bei anderen. Wenn sich ein Kutschke in einen Zweikampf wirft, dann sieht er naturgemäß etwas gefährlicher und gelbwürdiger aus als ein Dominik Kaiser beispielsweise. Trotzdem wird er, will er sich in höheren Ligen als der vierten durchsetzen, daran arbeiten müssen, dass ein häufig ausgestrecktes Bein auf des Gegners Fuß, übermotiviertes Grätschen und Drüberhalten eben zu gelben Karten und bei zweimaligen Versuchen zwangsläufig auch gelb-roten Karten führt.

Und eigentlich schien Stefan Kutschke nach seiner ziemlich überflüssigen gelb-roten Karte im ersten Saisonspiel gegen Union Berlin II auch bereits auf einem guten Weg. Die lediglich zwei gelben Karten seitdem zeugen davon, dass er die gleichermaßen überflüssigen wie harten Fouls abgestellt hatte. Es sei ihm zu wünschen, dass der Platzverweis von Halberstadt da nur als zufälliger Ausrutscher in Erinnerung bleiben wird. Wenn er lernt, nicht die Schuld beim Schiedsrichter und dessen fehlendem „Fingerspitzengefühl“ zu suchen, sondern bei sich selbst, wäre er jedenfalls auf einem guten Weg, seine zweifellos größte Stärke, sich in jedes Spiel mit voller Wucht hineinschmeißen zu können, in weniger kartenriskante Bahnen zu lenken.

Der Abgang von Stefan Kutschke ist – auch wenn ich mir neben Daniel Frahn immer einen spielstärkeren Stürmer wünschte – natürlich ein Verlust. Angesichts des sehr gut besetzten Sturms kein ganz herber, da die Besetzung der Angriffspositionen schon jetzt ein Luxusproblem ist, aber angesichts seiner emotionalen Stärken doch ein spürbarer. Die Mehrzahl der Anhänger von RB Leipzig wird ihn genau wegen letzterem vermissen. Ein kleinerer Teil wird ihn wegen seiner Platzverweise und seinem extrem selbstbewussten Auftreten eher nicht vermissen.

Möge Stefan Kutschke bei seinem Schritt in den Profifußball das Glück haben, das man benötigt, um dort halbwegs vernünftige Zeiten zu verbringen. Und vielleicht winkt ihm ja auch noch das Glück, dass er sich erst mal in der zweiten Liga bei Dynamo Dresden zeigen kann, bevor er eventuell noch mal den Schritt in die extrem großen Schuhe Bundesliga wagt.

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Bild: © GEPA pictures/ Roger Petzsche

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4 Gedanken zu „Transfers: Stefan Kutschke“

  1. Verlust: ja
    Ewige Trauer: nein
    Alles Gute Kutsche! Man sieht sich! Kutsche und wir im Jahre des Herrn 2017 in der 2.Liga. 🙂

  2. „Mit 22 Treffern und 15 Tore(vorlagen) ist er etwa alle 100 Minuten an einem Tor beteiligt. Wobei die Vorbereitungen vornehmlich nach dem Muster Kopfballverlängerung Kutschke, Veredelung Frahn liefen. “
    Das trifft auf exakt 4 Torvorlagen zu.

    Der Wechsl trifft mich natürlich hart – muss ich mir jetzt einen anderen Underdog zum protegieren suchen. 🙂 Denke auch, dass eine Leihe derzeit wahrscheinlich ist, wobei er schon erstmal 1-2 Monate in Wob getestet wird. Ist momentan auch extrem schwer dort den Sturm für die nächste Saison zu überschauen. Ähnliche Spielertypen haben sie eigentlich nur Dost und Polter (ob der zurückkommt ins Haifischbecken?).

  3. Ok, dann erweitere ich auf Vorlagen aus der Position des Kopfballverlängerers hinaus. Spontan fiele mir da noch das Tor in Rathenow ein, bei dem Kutschke nach Abschlag den Fuß zur Verlängerung nutzt. Zugeben wirst du jedenfalls, dass Kutschke unter allen Trainern hier in Leipzig auch und vor allem die ballverlängernde und -verteilende Turmfunktion hatte. Die Position dürfte es in der Form in der Bundesliga aber kaum noch geben. Oder?

    Dass dich der Kutschke-Wechsel trifft, kann ich mir gut vorstellen. In Sachen Underdog wird es im aktuellen Team schon schwer. Carsten Kammlott fiele mir noch ein. Aber der scheint mir so gar nicht deinen Präferenzen zu entsprechen. Wirst du wohl dem Duo Zorniger/ Rangnick einen Transferwunsch einflüstern müssen. 😉

  4. Weiß ich nicht, kann ich mir schon Vorstellen, dass er für eine Mannschaft mit guten MF Spielern ablegt. Aber darüber hinaus verfügt er auch über einen guten Abschluss, das kam bei uns nur nie in Gänze zu tragen, weil Frahn eben die Mitte belegt und meist bei Flanken gesucht wird (siehe Flanken auf den langen Pfosten, wo meist der Frahner lauerte). Insofern ist dies für den „Stürmer“ Kutschke auch ein Fluch gewesen immer hinter Frahn zu sein (auch wenn er „neben“ ihm war). Damals in Dresden war er ja als Sturmspitze nicht nur Mannschaftsbester, sondern auch Zweitbester Stürmer der Liga. Wir auf alle Fälle spannend, ich freue mich schon auf einen „ich habs ja gesagt“ Post. 🙂

    Ja, Underdog wird schwer, zumal man sich an den Aufstellungen von Zorniger weit weniger reiben kann als noch unter Oral oder Pacult (da wäre bes. Geißler zu nennen, aber da sind wir ja auch nicht ganz einer Meinung). Mit der grundsätzlichen Spielweise hat das übrigens recht wenig zu tun, gut, dass ich mir darüber erst im Sommer Gedanken machen muss. Abgesehen davon bricht mir kein Zacken aus der Krone, zuzugeben, dass Kammlott derzeit wahrscheinlich seine beste Zeit hier hat, aber auch er muss noch deutlich zulegen.

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