Transfers: Marvin Compper, Nicolas Kühn, Federico Palacios

Nächsten Mittwoch schließt das Transferfenster. Bis dahin wird rund um RB Leipzig sicher noch was passieren bzw. offiziell werden, wenn man an die Namen Kaiser oder Embalo denkt. Aber arbeiten wir erst mal die bisherigen Abgänge auf, bevor dann irgendwann sicherlich noch Zeit ist, die Verpflichtung minderjähriger Talente für zweistellige Millionensummen  aka die neue Nachwuchsstrategie unter die Lupe zu nehmen. So es denn so kommt, wie es sich andeutet.

Drei Spieler haben RB Leipzig bisher verlassen. Mit Dominik Kaiser könnte noch einer dazu kommen. Die Verhandlungen mit dem HSV sollen sehr weit gediehen sein und nur noch am Ja des neuen Trainers Hollerbach hängen. Wenn Kaiser noch geht, stünde RB Leipzig bei nur noch 18 Feldspielern. Das wäre, je nachdem wie weit man in der Europa League noch kommt, sehr wenig. Zumal man bisher wenig darauf setzte, eigene Nachwuchsspieler in der Breite des Profikaders zu integrieren.

Marvin Compper zu Celtic Glasgow

Weg ist mit Marvin Compper jedenfalls schon mal ein erfahrener Innenverteidiger. Relativ unmissverständlich erklärte er nach seinem Abgang, dass das Jugendkonzept bei RB Leipzig für seinen Wechsel verantwortlich ist. Mit einem teilweisen Bankplatz hinter jungen Spielern, die entwickelt werden sollen, hätte er sich durchaus angefreundet, aber so gar nicht spielen, wollte er dann doch nicht.

Tatsächlich spielte Compper in dieser Saison nur noch extrem wenig und wurde erstaunlich öffentlich von Ralph Hasenhüttl nach 45 nicht guten, aber im Vergleich mit den Kollegen auch nicht überdurchschnittlich schlechten Minuten in Augsburg am fünften Spieltag kritisiert. Insgesamt kam der 32-Jährige in der Hinrunde bei RB nur zu drei Einsätzen und etwas über 100 Spielminuten. Angesichts des großen Programms des Klubs in drei Wettbewerben eine besondere Enttäuschung.

Überraschend kam das Rücken in die vierte Reihe noch hinter Konaté vor allem deswegen, weil Compper in der Vorsaison eine sehr solide und routinierte Leistung auf den Rasen brachte und Stammspieler war. Der Defensivmann ist sicherlich nicht der allerschnellste und in Sachen Potenzial stehen Upamecano und Konaté vor ihm, aber Compper löste im Aufsteigerjahr viele Situationen durch Erfahrung und Auge, hatte ein passables Passspiel und sorgte bei Standards auch für eine gewisse Torgefahr. Also wohlgemerkt für das gegnerische, nicht für das eigene Tor.

Eigentlich war Compper damit ein ziemlich perfektes Innenverteidiger-Paket ohne größere Schwächen für irgendwas um die Nummer 3 herum. Einer, den du immer in die Partie werfen kannst. Einer, der auch nicht laut rumbockt, wenn er mal nicht spielt und auch wenn er zwei- oder dreimal nicht spielt. Bei zehnmal am Stück wird es dann aber auch für einen Compper langsam schwierig.

Verloren hat RB Leipzig damit ein verlässliches Teammitglied, der ja einst auch mit der Maßgabe verpflichtet wurde, dass er mit seinen Sprachfähigkeiten integrative Aufgaben für den Verein bei Neuzugängen übernimmt. Mit seinen 32 Jahren hätte er gut eine Coltorti-ähnliche Rolle als Mentor für die ganzen jungen Akteure übernehmen und dann langsam in den administrativen Teil des Vereins rutschen können. Wie ein Ingo Hertzsch einst beispielsweise. Aber dafür hätte es halt ein paar mehr Einsätze für Compper in der Hinrunde bedurft. Und vielleicht auch eines ausgeprägteren Willens, ihn zum Bleiben zu überreden. Generell scheint die Kommunikation mit Compper nicht ideal gewesen zu sein, wenn er nach seinem Abgang erklärte, dass man erst mit ihm zu reden begann, als er dann ankündigte, gehen zu wollen.

Entschieden hat sich Marvin Compper dafür, ein Angebot von Celtic Glasgow anzunehmen. Schottischer Dauermeister, regelmäßiger Champions-League-Teilnehmer, tolle Atmosphäre im Stadion. Er wolle nun noch mal um Titel mitspielen. Auf Einsätze in Europa hofft er auch (aber nicht mehr diese Saison, denn für die Europa League ist Compper in Glasgow nicht spielberechtigt). Ein Selbstläufer wird es aber auch bei Celtic für ihn nicht, denn der Verein verfügt, wenn alle gesund sind, durchaus über einige Innenverteidiger und bemüht sich offenbar auch noch um einen weiteren. Zumindest wurde in Großbritannien Neven Subotic als Neuzugang ins Gespräch gebracht.

2014 kam Marvin Compper in einem August-Transfer im Paket mit Ante Rebic vom AC Florenz nach Leipzig, weil damals Fabian Franke langfristig ausfiel und in der Defensive Bedarf bestand. Anfangs hatte es Compper schwer, ins Team zu kommen, aber eine schwere Verletzung von Niklas Hoheneder ließ ihn dann doch relativ schnell zum Stammspieler werden.

Auf 50 Einsätze kam Compper schließlich für RB Leipzig in zwei Jahren zweite Liga. Wenn er nicht verletzt war, dann stand Compper unter Zorniger, Beierlorzer und Rangnick auch auf dem Platz. Das galt auch noch für weite Teile der ersten Bundesligasaison unter Hasenhüttl, in der Compper einen solide-verlässlichen Abwehrspieler gab. In der Rückrunde deutete sich allerdings bereits an, dass Dayot Upamecano verstärkt seine Chancen bekommen und perspektivisch Compper verdrängen wird.

Von daher kam es nicht überraschend, dass Compper in dieser Saison am Anfang hinter Orban und Upamecano auf der Bank saß. Dass im Normalfall aber auch Ilsanker oder Konaté vor ihm standen, war dann doch überraschend. Sprich, die Vehemenz, mit der Compper aus dem Stammteam gestrichen wurde, erstaunte, nicht die Tatsache, dass die Stammelf nicht mehr sein ganz natürliches Habitat war.

Für Marvin Compper ist es sicherlich eine perfekte Lösung, noch mal mindestens zweieinhalb Jahre Vertrag bei einem renommierten Klub in Europa zu kriegen und vielleicht wirklich mal einen Titel feiern zu können. Die Unsicherheit bleibt, dass er auch in Glasgow nicht so viel Spielzeit kriegen wird wie gedacht. Zumal er direkt nach dem Wechsel erst mal verletzt ausfiel.

Für RB Leipzig und die Kaderplanung war der Transfer abgesehen von einer Ablöse von ungefähr einer Million Euro wenig sinnvoll, weil man einen verlässlichen und erfahrenen Innenverteidiger verloren hat, der dem Kader als Nummer 3 in der Innenverteidigung ganz gut getan hätte. Zerschnitten ist das Tischtuch zwischen RB (und hier vor allem Rangnick) und Compper aber offenbar noch nicht, denn weiterhin gilt es als möglich, dass der 32-Jährige nach seiner aktiven Karriere wieder nach Leipzig zurückkehrt.

Federico Palacios zum 1.FC Nürnberg

Mit Federico Palacios verließ einer RB Leipzig, der bei seiner Verpflichtung Anfang 2014 der ganz heiße Scheiß im deutschen Nachwuchsfußball war. 29 Tore hatte der damals 18-Jährige in 14(!) Spielen in der Hinrunde der U19-Bundesliga für den VfL Wolfsburg erzielt und war unzufrieden darüber, dass der VfL ihn nicht stärker oder kurzfristiger an das Bundesligateam heranführt bzw. ihn dort einsetzt.

Der Plan mit dem Wechsel nach Leipzig für immerhin 600.000 Euro war klar. Schnell Anschluss finden an das RB-Team in der dritten Liga und dann mit der Mannschaft schnell in die Bundesliga wachsen. Zwischendurch erklärte Palacios angesichts der großen Zukunft schon mal vorsorglich, dass er lieber für Spanien als für Deutschland Nationalmannschaft spielen werde und fertig schien der Karrierplan. Der bisher relativ grandios scheiterte.

Denn im höherklassigen Männerfußball bekam Federico Palacios in den letzten vier Jahren keinen Fuß auf den Boden. Weder bei RB Leipzig, noch bei Rot-Weiß Erfurt, wohin man ihn in der Rückrunde der Saison 2014/2015 verlieh. 13 Einsätze in der dritten Liga ohne Tor verbuchte er für Leipzig und Erfurt bei im Schnitt gerade mal 25 Einsatzminuten. Zwei Einsätze mit rund 20 Minuten kamen für RB in der zweiten Liga dazu.

Durchsetzen konnte er sich schließlich 2016/2017 in der U23 von RB Leipzig in der Regionalliga, wo er auch schon in der Saison davor regelmäßig zu Einsätzen kam. Nach eher schwachem Start in die Saison mit zwei Toren in zehn Spielen, schoss er in den restlichen 20 Partien 20 Tore und näherte sich Torquoten aus der Jugend wieder an.

Damit machte er sich auch für die Profis interessant, wo er in der Rückrunde der Bundesliga in den Zeiten mit extremen Ausfällen den dünnen Kader auffüllte und zu zwei Einsätzen kam. Darunter auch der eine Moment des Ruhms, der binnen Bruchteilen von Sekunden wieder zerplatzte, als er in Dortmund nach Einwechslung in der Nachspielzeit das 1:1 erzielt, ihm der Treffer wegen 20 cm Abseits aber wieder aberkannt wurde. Auch irgendwie sinnbildlich für seine Zeit bei RB Leipzig, die insgesamt eher unglücklich verlief.

Unglücklich auch, dass er sich im Sommer 2017 dafür entschied, bei RB Leipzig zu bleiben, auch wenn er hätte wissen können, dass seine Einsatzzeiten im Profibereich von RB Leipzig nicht steil ansteigen werden und mit der Abmeldung der U23 sein Einsatzfeld wegfiel. Palacios hätte schon damals gehen und sich eine Aufgabe mit Spielzeit suchen müssen, aber entschied sich für das Bleiben, sodass RB Leipzig den bequemen Weg beim Zusammenstellen eines breiten Kaders gehen konnte. Sprich, RB konnte einen Spieler halten, mit dem man nur gewinnen konnte. Wenn er einschlägt, dann ok. Wenn er nicht einschlägt, dann ist er halt Feldspieler Nummer 21, auch ok. Nur halt nicht für die Entwicklung von Palacios.

Wo der 22-Jährige leistungstechnisch steht, ist schwer einzuschätzen. Beim Torabschluss gehört er sicherlich immer noch zu den Spielern mit ganz großen Qualitäten. Technisch ist er auch nicht ganz blind. Von der Geschwindigkeit her ist es zumindest ok. Man muss ihn halt vor dem Tor und irgendwo im Strafraum in Schusspositionen bekommen, um seine Qualitäten nutzbar zu machen. Physisch tat er sich in seiner Zeit bei RB angesichts seiner Schmächtigkeit immer schwer, was sich wohl auch kurzfristig nicht sinnvoll auflösen lässt.

Wie gesagt, ein Wechsel von Palacios war für ihn selbst eigentlich schon im Sommer alternativlos, von daher ist er nun im Winter und nach null Einsatzminuten in der Hinrunde natürlich auch immer noch sinnvoll. Die Frage ist, ob für ihn Nürnberg der richtige Schritt ist oder ober das nicht auch eine Nummer zu groß bleibt, schließlich wollen die Franken in die Bundesliga und haben in der Offensive durchaus eine ordentliche Konkurrenzsituation. Durchbeißen gegen auch gute Konkurrenz war bisher nicht unbedingt das Markenzeichen von Palacios. Interessant wird es in jedem Fall, wie weit ihn die einstigen Torjägerqualitäten in seiner Karriere noch tragen.

Nicolas Kühn zu Ajax Amsterdam

Bliebe noch Nicolas Kühn, dessen Abgang ein bisschen symptomatisch für den derzeitigen Stand der Nachwuchsarbeit bei RB Leipzig ist. Am Anfang der Saison war er noch einer von nur zwei Spielern aus dem U19-Bereich, die dazu auserkoren waren, die besonders begabten Nachwuchsspieler bei RB zu sein, auf die man nach der Abmeldung der U23 besonders setzen wollte und die man durch Integration in das Mannschaftstraining der Profis plus Spielzeit im Nachwuchs an die Bundesliga heranführt. Ein halbes Jahr später ist das schon wieder Geschichte und Kühn w wie weg. Immerhin soll RB dafür eine Ablöse von bis zu 2 Millionen Euro gekriegt haben.

Trotzdem ist es erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit bei RB Leipzig weiterhin die Ideen im Nachwuchsbereich platzen und welche Talente sich binnen kürzester Zeit von Kategorie kommender Weltstar hin zu ‚weg mit ihnen‘ entwickeln. Noch vor Weihnachten hatte Ralf Rangnick angekündigt, dass Optionen in den Verträgen von verschiedenen Nachwuchsspielern, darunter auch Kühn, gezogen und die Verträge so verlängert werden. Nach Weihnachten nun der Wechsel in die Niederlande und zu Ajax Amsterdam.

Dort wird der gerade 18 gewordene Offensivakteur erstmal in der zweiten Mannschaft spielen und soll von dort an die Profimannschaft herangeführt werden. Mit dieser klaren Zielabsprache scheint Kühn, der vom Alter her in Leipzig noch bis 2019 hätte in der U19 auflaufen können, zufrieden zu sein. Akklimatisieren mit der Perspektive, bei den Profis Anschluss zu finden.

Kühn ist nach Chabot oder Demirovic oder Wojtkowski ein weiterer Akteur aus dem RB-Nachwuchsbereich, der den nächsten Schritt in einer ersten Liga Europas schaffen will. Demirovic hat dabei mit Spanien als einziger eine europäische Topliga gewählt. Wo es diese Talente mal hinverschlagen bzw. wie weit es sie karrieretechnisch tragen wird, bleibt natürlich zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Dass darunter ein paar Spieler sind, die gute Karrieren in den höchsten Ligen ihrer (Wahl-)Länder machen können, dürfte allerdings bereits klar sein.

Letztlich bleibt es schwierig, Dinge zu generalisieren, aber der Abgang von Nicolas Kühn ist ein weiteres Puzzlestück im nicht eben positiven Bild von der Nachwuchsarbeit bei RB. Ihn eineinhalb Jahre vor Ablauf seiner Nachwuchszeit zu verlieren, nachdem man in ihm im letzten Sommer noch einen der zwei talentiertesten Spieler aus dem RB-Nachwuchs gesehen hatte, bedeutet wohl im Kern auch, dass ein Nicolas Kühn nicht geglaubt hat, dass er bei RB Leipzig ernsthaft an den Männerbereich herangeführt wird.

Zu diesem Gefühl könnte auch beigetragen haben, dass die Integration ins Profitraining in der Hinrunde wieder aufgehoben wurde, weil es in den vielen englischen Wochen einfach kaum richtiges Profitraining gab und das für die Ausbildung von Spielern dann auch nicht so recht hilfreich ist. Dass er bei Ajax sehr freudig auf die klare Perspektive reagiert, über ein Nachwuchsteam an die Männer herangeführt zu werden, verweist zumindest darauf, dass Nachwuchsakteure genau diese Perspektive aufgezeigt bekommen möchten. Bei RB war dafür aber die Zeit offenbar noch nicht bereit, auch weil der Sprung zum Männerteam naturgemäß riesig ist.

Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, was aus dem dribbelstarken Offensivspieler mit gutem Zug zum Tor mal werden wird. In Sachen Physis warten auf ihn sicherlich wie auf Palacios noch Schritte, die er gehen muss, um sich im Männerfußball durchzusetzen. Dass er kaum 18 geworden RB für immerhin 2 Millionen Euro auf schnellstem Wege verlässt, ist aber bezüglich des Heranführens von Talenten an die Profis wieder mal ärgerlich.

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Marvin Compper machte bei RB Leipzig nach dreieinhalb Jahren den Abgang. | GEPA Pictures/ Citypress24
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